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Der 128-Stunden-Raub

13. Juli 2020

Mit seiner Serie „Haus des Geldes“ hat der Spanier Alex Pina den großen Wurf gemacht. Was als kleine spanische Serie begann, wurde quasi über Nacht zu einem weltweiten Phänomen. Nachdem man eigentlich nach Staffel 2 aufhören wollte, ging es einfach weiter. Die Fans wollten mehr und es wurde ihnen mehr versprochen. Mehr Staffeln, ein Spin-Off, was nicht alles. Ähnlich wie seine Räuber kann Pina nun nicht mehr aufhören. Einmal angefangen, muss er jetzt weitermachen. Aber bevor ich mich der Frage stelle, wie eine dritte Staffel überhaupt funktionieren kann, wende ich mich erstmal der zweiten zu… die ja eigentlich mit einem sehr runden Finale endet.

Die erste Staffel von „Haus des Geldes“ endete ja mit einem fiesen, aber doch sehr durchschaubaren Cliffhanger: Die Polizei unter Führung von Inspectora Raquel Murillo (Itziar Ituno) hat das Landhaus des Professors (Alvaro Morte) entdeckt… mitsamt aller Pläne. Während der Professor jetzt nicht nur seine weiter aufkeimende Liebe zur Inspectora in den Griff bringen muss, muss er auch noch aufpassen, dass sie ihn nicht enttarnt. Unterdessen gehen die Arbeiten in der Druckerei weiter – unter erschwerten Bedingungen: Berlin (Pedro Alonso) zofft sich mit Tokio (Ursula Corbero) und schickt die kurzerhand gefesselt nach draußen zur Polizei. Nairobi (Alba Flores) entthront Berlin und so weiter und so fort. Schlussendlich werden den Geißeln 1 Million Euro versprochen, wenn sie mithelfen, den Raub zu Ende zu bringen. Alle sind angespannt und unter Hochdruck.

Staffel 2 hetzt so richtig durch die Folgen… was ich jetzt im positiven Sinne meine. Das Tempo steigt an, je höher der Druck für die Räuber wird. Die Spannung in der Notendruckbank ist unglaublich. Die Anspannung enorm… Staffel 2 hat gefühlt mehr „mexican standoffs“ als jeder Tarantino- und Leone-Film zusammen. Die Gemüter sind erhitzt und einmal mehr zeigt sich, wie schwer die Variable Mensch in so einen perfekt ausgedachten Plan passt. Hier dürfen sich die Darsteller mal ein bisschen emotionaler austoben und die Stärken und Schwächen ihrer Charaktere ausloten.

Letztendlich spannender ist aber hier die Geschichte rund um den Professor und seine Inspectora. Das Ding ist nämlich: Alles, was in der Druckerei passiert, hat der Professor vorausgeplant. Selbst Tokios unfreiwillige Freilassung ist kein großes Problem… aber seine Gefühle zur Inspectora sind es. Und wie er hier in jeder Folge improvisieren muss, zu welchen Taten er gezwungen wird, um vor ihr seine Identität zu wahren, ist schon echt super. An diesem Punkt schafft es die Serie dann doch, den allmächtigen und allwissenden Prof ein wenig ins Schwitzen zu bringen. Was dieser Mann braucht… ansonsten könnten wir ihn auch gleich „Gott“ statt „Professor“ nennen.

Wie gesagt, auf der einen Seite finde ich es cool, wie durchdacht sein Plan ist, aber auf der anderen Seite verlieren manche Szenen dadurch auch ihre Spannung. Der Cliffhanger von Staffel 1 zum Beispiel: Natürlich hat der gute Mann auch das geplant… und die Serie hat dann einfach nur die Aufgabe uns aufzuschlüsseln, wie er daran gedacht hat. Dadurch wirkt die Serie durchschaubarer als sie es vielleicht gerne wäre. Ein gewisser Teil der Spannung geht dadurch flöten, wird aber zum Glück durch die Menschen selber aufgefangen… die unbekannte Variable Mensch sorgt dafür, dass der Nervenkitzel bleibt.

Außerdem fordert Staffel 2 sehr viel mehr Opfer von den Räubern… ungewollt und gewollt. Im Finale geht es dann so wirklich aufs Ganze und der gute Berlin bekommt seine Szene, die ihn unsterblich macht.

Alles in allem ein großartiges, spannendes Finale… das aber wirklich auch einen guten Abschluss liefert. Man könnte nach Staffel 1 und 2 einfach Schluss machen. Aber es geht ja noch weiter… ich bin jetzt mal gespannt, wie sie mir in Staffel 3 erklären wollen, warum diese nun schwerreichen Räuber einen weiteren Überfall durchführen wollen.

Wertung: 8 von 10 Punkten (spannendes Finale, das eigentlich nur wenig zu wünschen übrig lässt)

Filmreise Etappe #38: Der Anti-Rocky

10. Juli 2020

Sylvester Stallone hat mit seinem ersten Rocky-Film eine Feel-Good-Story geschrieben: Der Underdog Rocky arbeitet hart an sich, trainiert wie ein Wilder, rennt Treppen hoch und hüpft da rum, verliebt sich und bekommt am Ende den Kampf, für den er so hart gekämpft hat. „Rocky“ ist einfach toll… es ist die Art von Film, die ein Martin Scorsese nicht machen würde. Wenn er einen Box-Film macht, dann macht er einfach den Anti-Rocky daraus. Zumal Scorsese anfangs erst gar keinen Boxer-Film machen wollte. Aber seine Muse Robert De Niro lag ihm mit der Geschichte des Boxers Jake LaMotta so lange in den Ohren, bis Scorsese den Film dann doch machte und eben mit „Raging Bull – Wie ein wilder Stier“ den perfekten Anti-Rocky erschuf.

Jake LaMotta (De Niro) ist Boxer im Mittelgewicht und will Champion werden. Jake ist für seine brutale Art zu kämpfen mehr als nur bekannt und arbeitet sich langsam hoch. Sein Bruder Joey (Joe Pesci) ist dabei immer an seiner Seite. Um sich Chancen auf den Titel zu machen, gehen Jake und Joey einen Deal mit der Mafia ein. Leider ist Boxen nicht das Einzige, worauf sich Jake konzentriert: Er ist ein eifersüchtiger und brutaler Ehemann, der seine Frau Vickie (Cathy Moriarty) ständig hinterfragt und in jedem Mann an ihrer Seite einen potenziellen Liebhaber seiner Frau sieht. Probleme sind da vorprogrammiert… Probleme, die auch Jakes Karriere und Freundschaft zu seinem Bruder beeinflussen.

„Raging Bull“ ist ein unangenehm zu schauender Film, was irgendwie auch positiv gemeint ist. Mehrmals möchte man seinen Blick angewidert vom Bildschirm wenden… zum einen liegt das an Jake LaMotta selbst. De Niro und Scorsese zeigen uns einen widerlichen Mann, für den man kaum Mitgefühl entwickeln kann, weil er es einfach auch nicht zulässt. LaMotta ist ein Tier, er ist wirklich der „Raging Bull“ aus dem Titel… und das leider nicht nur im Ring. Wie er mit seinem Bruder umgeht, wie er vor allem auch mit seiner Frau umgeht, ist nur schwer zu schlucken. De Niro bringt so eine unglaubliche Kälte zu dieser Rolle, so eine kontrollierte Bosheit, die schnell zu unkontrollierter Wut werden kann. Selbst wenn er mit seinen Kindern oder seiner Frau friedlich zusammen ist, wartet man eigentlich nur darauf, dass er gleich wieder explodiert.

De Niro ist so unglaublich gut in dieser Rolle eklig zu sein. Man spürt das Animalische in ihm. Man spürt sofort, dass dieser Mann ein Pulverfass ist. Er ist kein sympathischer Typ und erstaunlicherweise vermeidet Scorsese es auch, auch nur einen Moment in seinen Film einfließen zu lassen, in dem man so etwas wie Empathie für diesen Typen aufbauen könnte. Das ist wirklich mehr als bemerkenswert. Dafür gilt die Empathie des Zuschauers vor allem seiner Frau und seinem Bruder, gespielt von einem jungen Joe Pesci. Der hat hier nicht nur seine erste größere Rolle, sondern beginnt hier auch seine lange Film-Partnerschaft als De Niros zweite Hand. Was man später in „Casino“, „GoodFellas“ und Co. von Pesci kennt, sieht man hier in seinen Anfängen und er ist schon hier einfach nur gut.

„Raging Bull“ ist aber auch wegen seiner Kämpfe unangenehm zu gucken. An dieser Stelle muss man dann schon von Glück sprechen, dass sich Scorsese dazu entschieden hat, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen. Wenn LaMotta seine Gegner malträtiert, spritzt das Blut in Fontänen durch die Gegend. Abgesehen von der Brutalität im Kampf, die natürlich perfekt LaMottas Persönlichkeit widerspiegelt, sind die Kämpfe an sich grandios in Szene gesetzt. Die Kamera schwirrt immer um die Kämpfer herum, man hat das Gefühl selbst im Ring zu sein. Doch auch hier muss ich wieder an „Rocky“ denken: Da fiebert man bei den Kämpfen mit. Scorsese setzt nicht auf „Träumereien“, bei ihm steigert sich die Brutalität der Kämpfe so sehr, dass man einfach nur noch hofft, es hört endlich auf.

Scorseses einziger Ausflug in die Welt des Sports wird immer wieder als einer der besten Filme aller Zeiten gefeiert, ein Klassiker seiner Zeit und der Filmgeschichte. Ganz ehrlich, so ganz kann ich es nicht sehen. De Niro ist großartig, Pesci auch, die Kämpfe sind toll… aber die Story zieht sich ein wenig wie Kaugummi. Scorsese zeichnet durchaus ein aufregendes Bild der Bronx und der italo-amerikanischen Gemeinde in der Bronx… dennoch fühlt sich das Ganze etwas gestreckt an, weil einfach so viel auf einmal zu passieren scheint. Dennoch… „Raging Bull“ ist schon ein starker Film, der nur nicht so leicht zu verdauen ist.

Wertung: 8 von 10 Punkten (De Niros Italion Bull ist das Zerrbild zu Stallones Italion Stallion)

Trucker vs. Magie

8. Juli 2020

Meine Carpenter-Reise geht weiter: Endlich habe ich es vor einiger Zeit geschafft, mir John Carpenters großartigen Kultfilm „They Live“ anzugucken. Danach wurde mir bewusst, dass es bei Carpenter einen Film gibt, den ich sogar als Kind schon abgefeiert, aber seitdem eigentlich nie wiedergesehen habe. John Carpenter, der Mann, der großartigen Horror auf die Leinwand brachte, hat sich irgendwann mal gedacht, es wäre doch cool, etwas „familienfreundlicheres“ zu machen… zumindest kann ich mir „Big Trouble in Little China“ nicht anders erklären. Wenn man sich die Filmografie von Carpenter anschaut, sticht dieser Film extrem heraus… eben weil ich ihn ohne Problem als Kind schon sehen konnte. Eben weil er Carpenters Version von Familien-Freundlichkeit mehr entspricht als jeder andere Film von ihm. Bevor das jetzt jedoch zu negativ klingt – das Gegenteil ist der Fall. Ich habe „Big Trouble in Little China“ damals geliebt und nachdem ich ihn jetzt endlich noch einmal gesehen habe, liebe ich ihn auch heute noch.

Trucker Jack Burton (Kurt Russell) gewinnt beim Glücksspiel gegen seinen besten Freund, den Restaurant-Besitzer Wang Chi (Dennis Dun). Um sicherzugehen, dass er sein Geld auch bekommt, weicht Jack Wang nun nicht mehr von der Seite. Als der seine Verlobte vom Flughafen abholt, wird die entführt… und so beginnt für Jack und Wang ein Abenteuer, das vor allem den Trucker vor einige unglaubliche Aufgaben stellt. Denn Wang Chis Verlobte wurde von Lo Pan (James Hong) entführt, ein uraltes, verfluchtes Wesen, das mit der entführten Frau den Fluch brechen will. Das können natürlich weder Jack noch Wang Chi durchgehen lassen.

„Big Trouble in Little China“ sollte ursprünglich ein Western mit Fantasy-Elementen werden (und ja, den hätte ich mir auch sofort angeschaut), doch niemand Geringeres als W.D. Richter, Regisseur von „Buckaroo Banzai“ änderte das Ganze (ließ Jack Burton aber trotzdem so eine Art Satteltasche mit sich rumtragen, um den Westernhelden, der er hätte sein können, zu ehren). John Carpenter kam dann als Regisseur dazu, der sich damit angeblich seinen Traum erfüllte, endlich mal einen Martial-Arts-Film drehen zu können. Der holte sich dann seinen langjährigen Kollaborator Kurt Russell dazu und fertig ist die Geschichte von „Big Trouble in Little China“.

Dieser Film ist einfach nur herrlich gaga. Die ganzen Fantasy-Elemente wirken manchmal recht absurd, aber für die Story macht das alles irgendwie wunderbar Sinn. Dadurch, dass dies ein stark an Martial Arts angelehnter Film ist, ist „Big Trouble in Little China“ sehr viel mehr Dennis Duns Film. Er ist derjenige, der durch seine Kampfkünste glänzt, während Kurt Russell eher gekonnt in der Gegend herumsteht. Aber er macht das halt sehr gekonnt… in bester John-McClane-Manier im bedruckten Muskelshirt (Unterhemd trifft es da vielleicht nicht ganz) ballert er um sich, tritt ein paar Leuten übel auf den Schlips und ist der charmante Charme-Bolzen, der mehr mit Worten und Onelinern kämpft. Die Rolle von Jack Burton passt so wirklich wie Arsch auf Eimer für Russell, er ist so cool – auch wenn er eigentlich nur die zweite Geige spielt. Wie gesagt, der eigentlich Ruhm dieses Films gehört Dennis Dun, nur sein Wang Chi ist natürlich viel zu bescheiden, während Jack Burton diese Tugend nicht für sich behaupten kann.

Die Charaktere sind herrlich over-the-top, die Action sowieso. Es ist nicht wirklich atemberaubendes Martial-Arts, was wir hier zu sehen bekommen, aber es unterhält bestens. Dazu kommen Fantasy-Elemente, bei denen dann auch der Horror-Experte John Carpenter zur Geltung kommt. Die Monster, denen Wang und Jack begegnen, sind schon schön gruselig und kreativ designt.

„Big Trouble in Little China“ ist so eine Carpenter-Perle, die man einfach gesehen haben muss, um zu glauben, dass der Mann hinter „Halloween“, „The Thing“ und „Escape from New York“ zu so etwas in der Lage ist. Der Film ist ein Fantasy-Action-Märchen mit viel Humor, guten Kämpfen und einem bestens aufgelegten Kurt Russell. Da kann man nichts mit falsch machen.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Carpenter kann eben auch anders…)

Brooklyn Nein-Nein

6. Juli 2020

Nachdem ich vor kurzem „Spenser Confidential“ geguckt hatte, war ich irgendwie ein bisschen im Mark-Wahlberg-Modus. Ich weiß, ich wusste auch nicht, dass ich so einen Modus habe. Bisher kam der nie durch. Aber gerade dieser Netflix-Film stellt Wahlberg eigentlich auch sehr sympathische Weise dar und da kommt Netflix daher und stellt mir direkt einen weiteren Wahlberg-Film vor. Ein Film, der mich dann gleich dreifach ansprach: Einmal wegen Wahlberg (wie gesagt, fragt mich bitte nicht, woher das gerade kommt 😀 ), einmal wegen Will Ferrell (der ist so herrlich doof, das man ihn einfach mögen muss) und zuletzt wegen Adam McKay, der mich seit „Anchorman“ und „Anchorman 2“ in seiner Tasche hat und es irgendwie immer wieder gekonnt schafft zwischen Klamauk und Ernst („Big Short“, „Vice“) hin und her zu springen. Zusätzlich wurde ein Gucken von „Die etwas anderen Cops“ dadurch begünstigt, dass ich einen kleinen Ersatz für „Brooklyn 99“ brauchte und hoffte, dass Ferrell und Wahlberg mich ähnlich zum Lachen bringen würden.

So… das war jetzt eine lange komplizierte Einleitung… kommen wir zum Film: Terry Hoitz (Wahlberg) und sein Partner Allen Gamble (Ferrell) könnten nicht unterschiedlicher sein. Hoitz will endlich eine große Nummer werden, will den Supercops Highsmith und Danson (Samuel L. Jackson & Dwayne Johnson) den Rang ablaufen. Gamble ist zufrieden damit, an seinem Schreibtisch zu hocken. Als die beiden wegen baurechtlicher (!) Fehlverhalten gegen den Investor Sir David Ershon (Steve Coogan) vorgehen, geraten sie in den größten Fall ihres Lebens.

Okay, Dwayne Johnson und Samuel L. Jackson garantieren sich mit ihrem „Let’s aim for the bushes“-Gag schon mal den ersten richtig großen Lacher des Films. Und damit zeigt sich dann auch gleich mal wieder der etwas andere Humor eines Adam McKay, der sich nicht zu schade dafür ist, zwei große Stars für einen richtigen „Psycho“-Move zu verwenden, nur damit er einen herrlich bescheuerten Gag bringen kann.

Ab dann übernehmen Wahlberg und Ferrell, die große Muse von McKay… und man merkt, dass das hier perfekt für Ferrells trockenen Humor ist. Sein Allen Gamble ist der perfekte Polizei-Nerd, das Gegenteil vom üblichen Film-Cop… dem McKay aber die unglaubliche Gabe gibt, dass attraktive Frauen ihm willenlos zu Füßen liegen (wie etwa Eva Mendes, die seine Frau spielt). Ein Punkt, der Muskel-Mann Wahlberg hier immer wieder zur Weißglut treibt. Ein sympathischer Gag, der leider einmal zu oft gebracht wird, dass er irgendwann einfach nur zum Fremdschämen einlädt.

Abgesehen davon mochte ich „Die etwas anderen Cops“ aber ganz gerne. Ferrell und Wahlberg liefern ein gutes Film-Duo ab, die sich gekonnt die Bälle zu werfen… wobei ich das Gefühl hatte, dass Wahlberg hier nicht sonderlich viel tun musste: Einfach nur auf Ferrell reagieren, das reicht schon vollkommen aus. Ferrell sorgt für die Lacher und Wahlberg sorgt für die Action. Gute Aufteilung.

„Die etwas anderen Cops“ hangelt sich dabei am klassischen Buddy-Cop-Comedy-Schema entlang. Da passiert jetzt nichts, was wir nicht schon tausendmal gesehen hätte, aber die Tatsache, dass Ferrell und Wahlberg so gut zusammen funktionieren, machen aus diesem Film leichte und angenehme Unterhalten.

Wertung: 7 von 10 Punkten (für einen faulen Sonntagnachmittag genau das Richtige)

Filmreise Etappe #37: Meeresfrüchte-Showdown

3. Juli 2020

In der Kategorie „Aktivurlaub“ will ich an dieser Stelle mal ein bisschen kreativer werden. Beziehungsweise lasse ich meine Regisseure kreativer werden, da ich ja doch nur zugucke. Aber ich habe lange gesucht, was ich denn als Einzelkämpfer-Film nehme. Viele interessante Sachen wie „I, Tonya“ oder „The Wrestler“ hatte ich schon. Einen weiteren Boxer neben „Rocky“ habe ich mir schon für nächste Woche vorgenommen. Deswegen brauchte ich jetzt mal was ganz anderes. Dabei erinnerte ich mich an einen Film, den eine sehr gute Freundin, die filmisch auch gerne mal anders tickt, mir mal empfohlen hat. Und YouTube sei Dank konnte ich nun endlich den tollen Film mit dem Titel „Der Calamari-Wrestler“ gucken.

Taguchi (Akira Nogami) hat gerade den Meisterschaftsgürtel im Wrestling gewonnen, als auf einmal ein riesiger Tintenfisch auftaucht, Taguchi den Gürtel entreißt und den Wrestler in einem Kampf besiegt. Daraufhin ist der Calmar natürlich DAS Thema in den Medien. Wer ist dieser geheimnisvolle Kämpfer, der sich in einem Kloster aufhält und sich dort mit Hilfe der Mönche auf seinen nächsten Kampf vorbereitet. Taguchis Verlobte Miyako (Kana Ishida) und auch den Medien wird schnell bewusst, dass mehr hinter dem Calmar steckt: Er ist in Wirklichkeit die Reinkarnation des Wrestlers Kanichi (Osamu Nishimura), ehemaliger Trainingspartner von Taguchi und ehemaliger Verlobter von Miyako. Jetzt will der Calamari-Wrestler seinen Platz auf dem Ring und an Miyakos Seite wiederhaben… doch die Welt des Wrestlings hat so einige Überraschungen für den Tintenfisch in petto

Ich will gleich eins vorweg sagen: Wenn man diesen Film „normal“ drehen würde, wäre das ein spannendes Sportler-Drama über einen Mann, der nach schwerer Krankheit wieder versucht, an die Spitze seines Sportes zu kommen. Regisseur Minoru Kawasaki macht daraus aber eben etwas unnormales. Ich weiß nicht, wie er je auf diese Idee gekommen ist, aber es ist großartiger Trash… Dieser Tintenfisch sieht einfach nur gaga aus, aber es geht auch nicht darum, authentisch zu wirken. Es ist ganz klar, dass da ein Schauspieler in nem riesigen Tintenfisch-Kostüm ist. Die meisten seiner Arme hängen einfach immer nur so runter, nur die zwei Arme des Schauspielers steuern zwei Tentakel… was einfach nur super ulkig aussieht. Dazu kommen diese riesigen Kuller-Puppen-Augen, der Lider sich bewegen können und worüber jegliche Emotionalität des Calamars übermittelt werden muss.

Bei all der Absurdität schafft es Kawasaki trotzdem (erstaunlicherweise), dem Ganzen eine gewisse Tiefe zu verleihen. Wie gesagt, ohne die Kostüme würde dieser Film als normales Wrestling-Drama durchgehen. Aber selbst mit den Kostümen bleibt eine emotionale Ebene in diesem Film, in der es um Ehre, Liebe und Respekt geht. Es geht auch um Moral, wenn der Calmar sich weigert, den üblen Machenschaften der Sportbosse nachzugeben und seinen Kampf zu verlieren. „Der Calamari-Wrestler“ ist die Geschichte eines unbekannten Underdogs, der durch seine Art nicht nur das Herz seiner einstigen Verlobten wiedergewinnt, sondern auf die Herzen Japans.

Kämpferisch hat der Film aber auch einiges zu bieten. Wie der Titel meines Artikels es vielleicht vermuten lässt, ist der Calamari-Wrestler nicht der Einzige, der etwas anders ist. Er bekommt es in diesem Film noch mit einem Oktopus-Kämpfer und einen fiesen Krebs-Kämpfer zu tun (und all das wird auch wirklich logisch erklärt, also keine Sorge)… und dieser Meeresfrüchte-Showdown ist wirklich gut in Szene gesetzt. Wie es sich für einen ordentlichen Sportfilm gehört, gibt es den Sportmoderator, der das Geschehen für uns kommentiert… und wir bekommen halt lustige, aber auch heftige Kämpfe zu sehen. Und ich muss es noch einmal sagen: Auch wenn sich hier Typen in Meerestier-Kostümen mit Wrestler-Moves hauen, ist das aufregend anzuschauen.

„Der Calamari-Wrestler“ ist ein herrlicher Trash-Film, der aber gar nicht so trashig ist, wie man meinen möchte. Es steckt am Ende sehr viel mehr hinter diesem Film als bloßes Gaga-Kino mit Typen in Tintenfisch-Kostümen. Dran gewöhnen muss man sich trotzdem erstmal 😀

Wertung: 6 von 10 Punkten (herrlich bekloppt, gute Kämpfe und eine fast schon rührende Geschichte)

El Brujo Especial

1. Juli 2020

Man sollte aufhören, wenn es am besten ist. Viele Serien überschreiten nur zu gerne diesen Zenit und rutschen dann ab. Deswegen muss ich gestehen, habe ich eine kleine masochistische Vorliebe für vorzeitig abgesetzte Serien. Nehmen wir nur mal „Firefly“. Insgeheim wünschte ich mir schon, es hätte mehr davon gegeben, aber auf der anderen Seite hätte dann die Gefahr bestanden, dass es irgendwann einfach nicht mehr gut sein würde. Also dann doch lieber so… so kann ich mir die Serie auch einfach öfter anschauen. Fertig! Als es hieß, dass nun auch „Ash vs. Evil Dead“ mit Staffel 3 ein ähnliches Schicksal treffen würde, hat mich das auch ein bisschen gefreut. Warum… dazu kommen wir gleich.

Staffel 3 steht im Zeichen des Nachwuchses: Ash (Bruce Campbell) lernt, dass er in Elk Grove eine Tochter namens Brandy (Arielle Carver-O’Neill). Die muss er dann auch beschützen – denn das Böse ist dabei Elk Grove und die Welt für sich zu beanspruchen. Dafür sorgt einmal mehr Ruby (Lucy Lawless). Jetzt lernen wir jedoch, dass sie sich vor langer Zeit noch finsteren und böseren Mächten widersetzte, die sie zerstören wollen. Um ihr Fortbestehen zu gewährleisten, braucht Ruby das Necronomicon. Gemeinsam mit Pablo (Ray Santiago), der schon bald zum El Brujo Especial wird und Kelly (Dana DeLorenzo) muss sich Ash nun ein weiteres Mal dem Bösen in den Weg stellen.

Nach drei Staffeln ist also Schluss… und ich muss gestehen, ich bin ganz froh darüber. Noch mehr „Ash vs. Evil Dead“ hätte der Serie meiner Meinung nach überhaupt nicht gutgetan. Klar, es gibt in der finalen Folge einen schönen Twist, den man noch  gut hätte ausbauen können, aber schlussendlich wäre es zum vierten Mal mehr oder weniger das Gleiche gewesen – nur in einem neuen Setting. So aber geht Ash Williams – ähnlich wie in „Armee der Finsternis“ – mit  einem schönen Knall in den Ruhestand.

Versteht mich nicht falsch, ich mag die Serie wirklich sehr gerne… und bevor ich mit Staffel 3 anfing, habe ich mir die ersten zwei noch einmal am Stück angeschaut. Aber nach drei Staffeln ist einfach auch ein bisschen die Luft raus. Bruce Campbell ist immer noch super – Bruce Campbell wird immer super sein, denn er ist einfach mal Ash Williams. Er ist herrlich politisch unkorrekt in einer Zeit, wo alles dreimal umgedreht werden muss. Dennoch ist seine Zeit einfach gekommen… denn wie gesagt, der Wiederholungseffekt ist schon deutlich zu spüren.

Auch hier darf man das nicht falsch interpretieren: Staffel 3 versucht schon mit der ganzen Vater-Tochter-Nummer ein bisschen was Neues reinzubringen. Das funktioniert auch alles gut, liefert aber kaum noch große Überraschungen. „Ash vs. Evil Dead“ hat seinen eigenen Trott gefunden und frühstückt den auch gut ab. Die Effekte, das Blutgemetzel, die fliegenden Gliedmaßen, die Gedärme – all das ist immer noch großartig. Die Slapstick-Einlagen sind toll, Bruce Campbells Humor ist toll, die Charakter sind einem ans Herz gewachsen, aber wie gesagt, so ein bisschen ist die Luft einfach raus. Das Konzept „Ash vs. Evil Dead“ ist keines, dass noch sehr viel mehr Staffeln hätte vertragen können. Und letztendlich gibt mir die Statistik da ja Recht. Die Einschaltquoten ging so rapide runter, dass einfach die Notbremse gezogen wurde.

So geht Ash Williams in den Ruhestand und kann auf drei gute Staffeln zurückblicken, die man sich gerne anschaut. Es wird nie langweilig, es wird nie unlustig, es wird nie nicht blutig. Man bekommt, was man erwartet… und das ist doch auch okay. Bruce Campbell ist und bleibt der King des komischen Leichenzerfledderns und Staffel 3 bietet ihm einen würdevollen Abgang, der Spaß macht, mich aber auch eine vierte Staffel nicht zu sehr vermissen lässt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (eine gute Splatter-Serie geht in den wohlverdienten Ruhestand)

Harry mit den Waffenhänden

29. Juni 2020

Ich finde Daniel Radcliffe ziemlich cool, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Dabei rede ich aber weniger von einem Radcliffe, den die Welt als Harry Potter kennen und lieben gelernt hat. Nein, ich meine, den Post-Potter-Radcliffe, den Radcliffe, den ich kennengelernt habe… lange bevor ich dann irgendwann mal anfing, mir die Harry-Potter-Filme anzuschauen. Radcliffe zeichnet sich in meinen Augen als besonders experimentierfreudiger Schauspieler aus – vielleicht, weil er seinen Potter-Ruf ablegen will und sich beweisen möchte, vielleicht, weil er einfach Spaß daran hat, jetzt mal mehr sein zu dürfen, als nur ein Zauberschüler. Er lebte in einem Spukhaus in „The Woman in Black“, er wurde zum Teufel in „Horns“, zu Igor in „Victor Frankenstein“, zur furzenden Leiche in „Swiss Army Man“, zum Undercover-Neonazi in „Imperium“ und und und… nicht alles davon war ein Hit, aber alles davon zeigte uns einen Radcliffe in verschiedenen Rollen, der (verzweifelt???) die Bandbreite seines Schauspiels zeigen wollte. Damit macht er jetzt mal weiter und hat sich einen weiteren Gaga-Film ausgesucht, der das Konzept „Edward mit den Scherenhänden“ ein bisschen moderner gestaltet: Willkommen in der Welt von „Guns Akimbo“.

In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft feiern die Menschen einen Online-Fight-Club namens Skizm, in dem sich Psychopathen und Kriminelle bis zum Tod bekämpfen. Unangefochtener Champion ist die junge Nix (Samara Weaving)… unangefochtener Champion der Trolle ist dagegen der gelangweilte Programmierer Miles (Radcliffe), der für seine Kommentare im Chat auf besonders üble Art bestraft wird: Er wacht auf und muss feststellen, dass man ihm zwei Pistolen an die Hände geschraubt hat. Mit jeweils 50 Schuss muss er nun 24 Stunden im Kampf gegen Nix überleben… keine leichte Aufgabe.

Der neuseeländische Regisseur Jason Lei Howden liefert uns mit „Guns Akimbo“ eine Video-Spielverfilmung, die gar keine ist. Doch gerade weil die Skizm-Kämpfe per Live-Übertragung mit allen möglichen verrückten Kameraeinstellungen gezeigt werden, entsteht das Gefühl, man würde einen wilden Shooter spielen. Das sind dann auch die Momente, in denen „Guns Akimbo“ wirklich sehr viel Spaß macht. Howden zelebriert seine Gewaltexzesse in schrillen Farben, in „opulenten“ Zeitlupen, in schönsten Gun-Fu mit der Kamera immer mitten im Geschehen. Manchmal ist das extrem hektisch, manchmal einfach nur schön (vor allem in den Zeitlupen). Da spritzt das CGI-Blut, da werden die Körper der Gegner zerfleddert, da erfreut sich das Action-Herz.

Während Radcliffe hier vor allem durch seine naive, unschuldige Art punktet, die ihn mehr zu einer Witzfigur werden lässt, die erstmal verzweifelt mit Waffen statt Händen klarkommen muss (pinkeln oder sich die Hosen anziehen werden da ganz neue Aufgaben), ist Samara Weaving einmal mehr die grandiose Action-Badass-Bitch, die sie zuletzt schon in „Ready or not“ gewesen. Sie ist einfach so verdammt cool in der Rolle als Nix… und ganz ehrlich, sie ist auch der viel interessantere Charakter in diesem Film. Denn Miles wird einfach nur ausgewählt, weil er ein Troll ist.. passt irgendwie nicht so ganz ins Konzept von Skizms verrücktem Fight-Club, aber okay… Nix entwickelt sich den Film durch viel mehr zu einer Figur mit einer interessanten Hintergrundgeschichte. Nix ist die Killer-Maschine schlechthin… weswegen ich es dem Film auch nie so ganz abgekauft habe, dass Miles so lange gegen sie durchhält. Aber gut, muss wohl so sein… Filmlogik halt.

Ich hätte mir gewünscht, dass „Guns Akimbo“ einfach ein bisschen verrückter ist. Die Prämisse ist einfach wie geschaffen dafür. Weaving und Radcliffe haben sichtlich Bock auf diesen ganzen Gaga-Kram. Dieser Film hätte ein Tempo gebraucht wie früher die „Crank“-Filme oder wie „Shoot ‘Em Up“. Zwischendurch geht „Guns Akimbo“ einfach mal ein bisschen die Puste aus… dieser Film hätte noch mehr auf Speed sein müssen. Wie gesagt, die Action ist super, aber gerade Miles ist auch einfach zu uninteressant und zieht für mich als „Held“ nicht. Ich glaube, wenn sie einfach Nix‘ Geschichte in den Vordergrund gestellt hätten, wäre das Ganze viel cooler gewesen.

Wertung: 6 von 10 Punkten (coole Action, cooler Look, falscher Held)

Random Sunday #33: The Woman in the Window

28. Juni 2020

Meine Mama ist die Thriller-Expertin in unserer Familie. Sie erfüllt so ziemlich dieses Klischee der Krimis lesenden Mama, die vom Schweden-Thriller über Katzenbach-Romane bis hin zu allem möglichen anderen Kram, dessen Namen ich mir nie merken kann (sie mir aber immer wieder davon vorschwärmt) so ziemlich alles liest, in dem gemeuchelt, gemordet und ermittelt wird. Das macht es für mich auf der einen Seite sehr leicht, ihr mal ein neues Buch zu schenken, macht es auf der anderen Seite aber auch schwerer, weil sie so viel liest, dass ich jedes Mal Angst habe, sie könnte das Buch schon gelesen haben. Zumal ich damit auch sehr häufig eine meiner Buch-Verschenke-Regel breche: „Schenke nie ein Buch, das du nicht selbst gelesen hast.“

Mittlerweile habe ich die Regel ein wenig erweitert – auf Bücher, die ich selbst noch nicht gelesen habe, aber gerne mal lesen würde. So kam es dann dazu, dass ich meiner Mama zum Muttertag A.J. Finns „The Woman in the Window“ schenkte. Wollte ich tatsächlich immer mal lesen, gerade weil der hochkarätig besetzte Film von Joe Wright ja vor der Tür steht (oder stand: immerhin sollte er schon im Mai rauskommen, bis sich Corona dann dazu entschied, unser Leben mal ein bisschen komplizierter zu machen).

Die Kinderpsychologin Anna leidet unter Agoraphobie und lebt daher zurückgezogen in einem alten New Yorker Stadthaus. Da sie von ihrer Familie getrennt lebt und sie das Haus nicht verlässt, ist sie viel online unterwegs, guckt ständig alte Schwarz-Weiß-Thriller und ihr bester Freund ist der Alkohol, der – gemixt mit all den Medikamenten, die sie wegen ihrer Phobie und ihrer Depressionen nimmt – ihr nicht wirklich gut tut. Um sich zusätzlich die Zeit zu vertreiben, beobachtet sie in bester Jimmy-Stewart-Manier gerne ihre Nachbarn. Vor allem die Russells, die gegenüber eingezogen sind, haben es ihr angetan… und dann beobachtet sie, wie Jane Russell, die Mutter, ermordet wird. Das Problem ist nur, niemand will ihr glauben.

„The Woman in the Window“ ist stark von „Das Fenster zum Hof“ inspiriert. Zum Glück macht Autor Finn daraus auch keinen Hehl, sondern umarmt Hitchcock förmlich in seinem Erstlingswerk. Anna ist ein wandelndes Film-Lexikon, wenn es um alte Filme geht… und wenn man „The Woman in the Window“ durchhat, hat man zudem noch eine stattliche Liste an Film noirs, Thrillern von Hitchcock und Co. und anderen Filmen. Man merkt, dass hier ein Film-Fan einen Roman geschrieben hat und es hilft tatsächlich, wenn man einige der Filme kennt („Vertigo“ wird zum Beispiel auch stark thematisiert und allein damit spielt Finn auch ziemlich gut). Es ist aber auch so, dass der Roman es nicht zu sehr mit den Filmen übertreibt, aber es ist eine interessante zweite Ebene, durch die Anna sich uns zusätzlich offenbart.

Anna selbst ist die Ich-Erzählerin des Buches. Sie wird in diesem Buch zu unserem Jimmy Stewart… nur dass sie nicht einfach nur ein gebrochenes Bein hat, sondern gleich eine komplett gebrochene Seele. Was ihr passiert ist, warum sie ihr Haus nicht mehr verlassen kann, gibt sie nur zögerlich preis. Das macht sie aber gerade als Figur umso interessanter. „The Woman in the Window“ ist zum Glück sehr viel mehr als Hitchcocks Klassiker. Finn taucht tief in die Psyche dieser Frau ein, die sich als Psychologin auch ständig selbst unter die Lupe nimmt und so ein stark ausgebauter Charakter wird. Was extrem wichtig ist, haben wir ja nur sie als Bezugspunkt.

Das merkt man auch daran, dass sich Finn 100 Seiten Zeit lässt, bevor Anna den vermeintlichen Mord bei ihren Nachbarn beobachtet. Bis dahin lernen wir erst einmal Anna und ihr Leben kennen. Die restlichen 400 Seiten geht es dann um die Frage, ob Anna sich das nun wirklich alles eingebildet hat oder nicht. Ist der Alkohol Schuld? Sind die Medikamente Schuld? Ist beides Schuld? Ist es ihre Paranoia, ihre Depression, ihr Allein-Sein? Finn beschreibt ihre Zwickmühle spannend und schickt uns als Leser mehr als einmal in eine Richtung, in der wir selbst an unserer Erzählerin zweifeln… auch wenn wir es nicht wollen.

„The Woman in the Window“ ist ein gut zu lesender Thriller, den man vor allem wirklich schnell durchhat (hat bei mir nicht einmal ganz drei Tage gedauert). Das Buch lieferte eine starke Protagonistin, einen spannenden Plot, der Hitchcocks „Fenster zum Hof“ um die psychologische Ebene erweitert und uns dann noch ein paar tolle Plottwists liefert, die die Spannung noch einmal hochschrauben.

Da bin ich wirklich gespannt auf den Film. Das Buch ist quasi wie gemacht für einen Film… und mit Amy Adams in der Hauptrolle ist ja auch eine großartige Schauspielerin gefunden. Jetzt heißt es nur abwarten, dass der Film dann auch endlich mal ins Kino kommt.

Filmreise Etappe #36: Der Kämpfer fürs Volk

26. Juni 2020

Regisseur Ronny Yu hat offensichtlich ein Faible für Legenden. Er bescherte Mörderpuppe Chucky eine Braut in „Bride of Chucky“ (obwohl ich die Poster-Zeile „Chucky gets lucky“ als Titel auch schon irgendwie witzig gefunden hätte) und er sorgte für den großen Kampf der Slasher-Ikonen in „Freddy vs. Jason“. Aber das sind nur zwei Beispiele aus Ronny Yus Filmografie, die etwas herausstechen… einer wahren Legende schenkte er 2006 ein filmisches Denkmal – dem chinesischen Martial-Arts-Kämpfer Huo Yuanjia in „Fearless“.

Huo (Jet Li) ist der Sohn eines großen Kung-Fu-Meisters in der Stadt Tianjin. Doch weil Huo unter Asthma leidet, wird ihm das Training verboten. Was ihn natürlich nicht davon abhält, heimlich zu trainieren und so zu einem der besten Kämpfer der Stadt zu werden. Als er später erwachsen ist und die Schule seines Vaters leitet, ist er ein arroganter Kerl, der in dem Wirtshaus seines besten Freundes Nong Jinsun (Yong Dong) auf Rechnung seine zahlreichen Schüler saufen lässt. Immer wieder lässt er sich zudem auf große Schaukämpfe ein… was irgendwann böse endet. Einer seiner Gegner stirbt, daraufhin rächt sich einer seiner Schüler, in dem er Huo Yuanjias Frau und Kind umbringt. Daraufhin überdenkt der Meister sein Leben, verkriecht sich in einem kleinen Dorf… als er wieder auftaucht, wird er zum besonnenen Kämpfer, der sich schließlich auf einen Showkampf gegen vier Gegner aus dem Ausland einlässt, um so für sein Land und sein Volk zu kämpfen.

„Fearless“ ist ein Beispiel dafür, dass Biopics sich doch ihre ganz eigene Geschichte zusammenstellen können. Jetzt muss ich zugeben, dass mein Wissen über Huo Yuanjia sich auf dessen Wikipedia-Seite beschränkt, was nie eine sonderlich gute Grundlage für Wissen ist. Aber allein die reicht schon aus, um zu zeigen, dass „Fearless“ ein Film ist, den die Nachfahren von Huo Yuanjia nicht ganz zu Unrecht als „Blödsinn“ bezeichneten. Der echte Huo Yuanjia hatte fünf Kinder und war glücklich verheiratet, selbst als er starb. Auch die Art und Weise, wie er im Film sein Ende findet, basiert nur auf nicht ganz so glaubwürdigen Halbwahrheiten… ABER, es passt halt gut in die Geschichte des Films. Biopics sind eben keine wirklichen Biografien, sondern unterliegen immer wieder künstlerischen Freiheiten…

Jet Li und Regisseur Ronny Yu nehmen sich diese Freiheiten, um den Begründer der internationalen Martial Arts Organisation „Chin Woo Athletic Association“ als wandelbaren Helden zu feiern. „Fearless“ ist die Geschichte eines arroganten, eitlen und hochnäsigen Mannes, der durch das Schicksal gezwungen wird, sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist und dadurch zum Helden heranwächst, den sein Land braucht. Das wird alles ein wenig klischeebehaftet dargestellt: Vom Säufer und Schläger zum unfähigen Städtler auf dem Dorf, der durch die Hilfe einer schönen Frau (Betty Sun) lernt, richtiger Arbeit nachzugehen und inneren Frieden zu finden. Anschließend wird er zum Guten! Das ist alles ein bisschen öde dargestellt, wenn ich ehrlich sein soll… die ganze Sequenz in dem Dorf zieht sich zur Mitte des Films wie Kaugummi. Erzählerisch nimmt sich der Film wie Huo selbst eine Auszeit und suggeriert uns einfach, dass ein bisschen harte Arbeit auf dem Reisfeld und das Einatmen frischer Luft ausreicht, um einen Mann besser werden zu lassen. Keine Spur von Trauer über seine verlorene Familie, keine wirkliche Reue… einfach nur Auszeit und schwupps ist er ein besserer Mensch.

Auch seine Kindheit wird eher spärlich gezeigt. Es gibt keine Trainingseinheiten, wir müssen einfach davon ausgehen, dass ein asthmatisches Kind durch bloßes Nachmachen zu einem der besten Martial-Arts-Kämpfer Chinas geworden ist. Eine kleine Trainingsmontage hätte mir da schon gereicht, um der darauffolgenden Handlung etwas mehr Gewicht zu verleihen.

Aber gut, als Film über der Mann Huo Yuanjia taugt „Fearless“ nicht wirklich viel. Als Film über einen großartigen Kampfsportler schon eher. Jet Li darf zeigen, was er so drauf hat… Ronny Yu inszeniert spannende und spektakuläre Kämpfe (und huldigt sogar in einer Einstellung ein wenig „Die 36 Kammern der Shaolin“, wenn Huo mit diesen krassen dreiteiligen Nunchakos kämpft – zumindest hat mich das an den Film erinnert, weil ich ihn ja gerade erst geguckt habe). Als reiner Martial-Arts-Film hat „Fearless“ da ordentlich was zu bieten und macht Spaß.

Wertung: 5 von 10 Punkten (langweilige, oberflächliche Story, die mit tollen Kampfszenen bestückt ist)

SAMCRO

24. Juni 2020

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich es endlich geschafft habe, mit meinem besten Freund „Buffy“ und „Angel“ zu beenden. Aber irgendwann war das tatsächlich geschafft. Eine lange Tradition fand ihr Ende. Die Serien waren vorbei – und wie nach jeder guten Serie steht man dann ein bisschen hilflos und verloren da und fragt sich (verzweifelt): „Und jetzt?“ Die Tradition darf nicht sterben, die Mittwoch-Abende bei Pizza und einem guten Glas Whiskey (ja, passt perfekt zusammen 😛 ) dürfen nicht einfach so vorbei sein. Aber nach kurzer Panik stand das nächste größere Serien-Projekt einfach schon mal fest: Wir würden uns unter die Motorrad-Gangs begeben und uns mit den „Sons of Anarchy“ auf ein neues Serien-Abenteuer einlassen. Die Mittwoch-Serien-Abende sind also gerettet…

Die Söhne der Anarchie sind ein Motorrad-Club im kleinen Örtchen Charming. Oberhaupt ist Clay (Ron Perlman), die Frau an seiner Seite ist Gemma (Katey Sagal). Im Mittelpunkt steht ihr Sohn Jax (Charlie Hunnam), der den Tod seines Vaters verarbeitet und die Richtung des Clubs hinterfragt. In der ersten Staffel bekommt der Club Ärger vom ATF und vor allem der Agentin June Stahl (Ally Walker) macht dem Club das Leben zur Hölle. Dazwischen kommen die üblichen Rivalitäten mit anderen MCs und das ganz normale Leben: Jax drogensüchtige Ex-Frau Wendy (Drea de Matteo) bringt ihr Kind viel zu früh zur Welt, Jax‘ einstige Flamme, die Ärtzing Tara (Maggie Siff), taucht wieder in Charming auf… und Jax‘ bester Freund Opie (Ryan Hurst) wird aus dem Knast entlassen und muss seinen Platz im Club wiederfinden – und gerät dabei ins Visier sowohl vom ATF als auch von Clay.

Diese Serie weckt schon in der ersten Staffel die Lust in mir, selbst mal Motorrad fahren zu können. Das ist schon mal etwas, was die „Sons of Anarchy“ wirklich gut hinbekommen. Auf eine gewisse Art und Weise lassen sie dieses Leben als cooles Mitglied eines Motorrad-Clubs verdammt lässig aussehen. Man muss sich dann hier und da schon noch daran erinnern, dass die Herrschaften eben nicht nur Motorrad-Touren durch die Gegend veranstalten, sondern auch einfach knallharte Gangster sind, die mit Waffen dealen und sich mit verfeindeten Clubs anlegen. Aber trotz allem sieht das auch erst einmal irgendwie verdammt cool aus – dazu passt dieser Soundtrack-Mix aus Rock und Country wunderbar, sodass ich mich, wenn ich das im Auto höre, schon selbst wie ein halber Son fühle.

Die erste Staffel von „Sons of Anarchy“ stellte mich dann aber auch vor ein Problem – ein Problem, dass ich schon bei „Die Sopranos“ in Staffel 1 hatte: Die Serie überhäuft dich einfach mal mit einer unglaublichen Zahl an Charakteren, die aber alle ihre Wichtigkeit haben und die man sich alle merken muss. Ein paar Mal musste ich hier und da echt nachfragen, wer jetzt das noch mal war, aber im Verlauf der ersten Staffel ging es dann. Die Namen hatte ich dann zwar immer noch nicht alle drauf, aber vom Aussehen her wusste ich dann schon ganz gut, wer eigentlich wer ist. Dafür handhabt die Serie diese Masse an Charakteren aber auch enorm gut – natürlich haben wir das Trio Jax-Gemma-Clay im Vordergrund und alle anderen kreisen um sie herum, aber das funktioniert bestens.

Ich muss tatsächlich gestehen, dass ich nach einer Staffel ein sehr großer Gemma-Fan geworden bin. Katey Sagal, die ich sonst nur als Peggy Bundy, als Leela aus „Futurama“ und als Helen aus „LOST“ kannte, ist perfekt als „Königin“ des Clubs. Sie kann so herrlich fies und hinterhältig sein, dann aber auch einen Moment später wieder sehr herzlich und fürsorglich. Sie ist eine tolle Matriarchin, die eigentlich am meisten zu tragen hat, ist sie doch in ihrer mütterlichen Liebe zu Jax und in ihrer Funktion als Ehefrau von Clay immer wieder hin und her gerissen in ihrer Loyalität. Denn Jax und Clay geraten immer wieder aneinander, vor allem, als Jax die Unterlagen seines Vaters findet, dessen Vorstellungen vom Club ein bisschen von dem abweichen, was gerade Realität ist.

Staffel 1 vermischt ziemlich gekonnt Gangster-Alltag mit Normal-Alltag. Gerade die Story mit Jax und Tara und Wendy hat schon fast Soap-Opera-Charakter, aber auf eine gute Art und Weise (vor allem wenn eine Gemma da immer wieder ihre Finger im Spiel hat). Zum Ende von Staffel 1 wird es dann ordentlich heftig – vor allem in Bezug auf Opie und eine Entscheidung, die Clay fällt, die sicherlich noch weitreichende Konsequenzen in Staffel 2 haben dürfte.

Größte Überraschung für mich persönlich war dann aber wirklich der Auftritt von Mitch Pileggi als Anführer der Nazi-Gang. Der Sturz vom Assissten Director des FBIs war ganz schön tief 😉

Alles in allem hat mich Staffel 1 von „Sons of Anarchy“ auf jeden Fall fasziniert… hauptsächlich wegen der großartigen Katey Sagal… und dann natürlich auch wegen dem ganzen Rest, der wirklich gut ist.

Wertung: 8 von 10 Punkten (wo mache ich jetzt bitte meinen Motorrad-Führerschein?)