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Die Schwarze Witwe

6. Dezember 2021

Nein, das hier hat jetzt mal nichts mit „Black Widow“ zu tun. Schwarze Witwen gab es auch schon vor Marvel. Und genau so einer widmet sich Ridley Scott mit „HOUSE OF GUCCI“. Damit liefert der Regisseur ein ziemlich krasses Kontrastprogramm zu seinem zweiten Film, den er in diesem Jahr in die Kinos brachte. Während „The Last Duel“ ja wirklich sehr an die Nieren geht, ist „House of Gucci“ eine Mischung aus Biopic, Cinderella-Story, Soap Opera und „Game of Thrones“ – nur eben in der Welt der Mode.

Ende der 70er Jahre lernt Mauricio Gucci (Adam Driver), angehender Anwalt und Erbe des Gucci-Modehauses, die junge Patricia (Lady Gaga) kennen. Jene Frau, in die er sich unsterblich verlieben und die sein Leben auf den Kopf stellen wird. Nicht nur wird Patricia Mitte der 90er Jahre einen Attentäter auf ihren Mann ansetzen, sondern zu dem Zeitpunkt dafür gesorgt haben, dass das Haus Gucci von innen zerfressen und zerstört wird.

Aber bevor das alles losgeht, erzählt uns Ridley Scott erst einmal ein wunderschönes Märchen… von dem Mädchen, das einen reichen Prinzen trifft und in dessen Welt eintaucht. „House of Gucci“ serviert uns Pomp, Luxus und Glamour ohne Ende, garniert mit italienischen Opern-Arien und Popsongs der 70er und 80er. Das Ganze fühlt sich von Anfang an wie ein stylischer Gucci-Werbespot… der schon damit anfängt, dass Adam Driver perfekt gestylt mit seinem Fahrrad durch Rom fährt. Doch das Ridley Scott das Ganze nicht als Werbeveranstaltung betrachtet und alles mit einem recht schmunzelnden Auge betrachtet, wird einem auch relativ schnell deutlich… wenn man denn diesen Film im Original-Ton guckt, was ich hier ganz besonders empfehle.

Die Darsteller des Films haben sich nämlich alle italienische Akzente zugelegt… was im ersten Augenblick irgendwie befremdlich wirkt. Allein diese Akzente lassen „House of Gucci“ wie eine Parodie wirken, zumal die dann auch so sprechen, als wäre Englisch eben nicht ihre Muttersprache. Was aber die Akzente noch verstärkt, ist die Art und Weise, wie die Schauspieler vor der Kamera agieren. Allen voran Jared Leto, der in seiner Aufmachung als Paolo Gucci nicht wiederzuerkennen ist. Leto spielt in seiner ganz eigenen Welt, sein Paolo ist ein wirres, weinerliches, exzentrisches Etwas und genau so spielt Leto ihn auch. In Perfektion gebracht wird dieses Schauspiel, wenn Paolo in Einklang mit seinem Vater Aldo Gucci ist. Der wiederum wird gespielt von einem bestens aufgelegten Al Pacino, den ich schon lange nicht mehr so gut erlebt habe. Pacino hat hier den Spaß seines Lebens und dreht den Akzent und seine Darstellung auch ein klein wenig weiter auf als sonst.

Zu all dem kommt dann eine Lady Gaga, die das gesamte „House of Gucci“ zusammenhält, denn dieser Film ist sowas von ihr Film. Und Ridley Scott lässt ihre Patricia hier auch in einem interessanten Licht erscheinen. Er ergreift ein wenig Partei für die Frau, die ihren Mann umbringen ließ… und lässt sie dabei nicht unbedingt wie eine gemeine Schwarze Witwe aussehen, sondern wie eine Frau, die verzweifelt versucht, ihren Platz zu behaupten. Gagas Patricia ist wundervoll: Man verliebt sich von Sekunde 1 in sie, man bewundert sie für ihre Art und Weise, wie sie sich gegen alle Widrigkeiten behauptet; wie sie versucht, ihren Weg zu gehen, dabei aber doch auch immer an ihren Mauricio denkt. Sie wird zu einer tragischen Figur in „House of Gucci“ – womit man halt diesen Film eben doch nicht als reines Biopic betrachten sollte, sondern eben wirklich ein bisschen als Soap Opera.

Lady Gaga ist unfassbar in dieser Rolle. Ich mochte sie ja schon in „A Star is born“, aber wenn man gemein ist, könnte man sagen: „Da hat sie ja eigentlich ‚nur‘ eine Musikerin gespielt.“ Jetzt in „House of Gucci“ kann sie zeigen, was sie kann – und ähnlich wie Leto und Pacino dreht sie völlig frei – und ist so gut darin. Da erstaunt es fast, dass ein Adam Driver der Ruhigste in diesem ganzen Film ist, der wirkt, als wäre er nicht eingewiesen gewesen oder der einfach keine Lust hatte. Trotzdem ist er, damit keine falschen Eindrücke entstehen, auch super.

„House of Gucci“ ist ein Ensemble-Film, bei dem das Ensemble einfach perfekt ist. Trotzdem hat der Film ein paar Längen und überspringt manchmal ein paar Charakter-Entwicklungen – fast so, als hätte Ridley Scott irgendwann gemerkt, dass er ja noch mehr Geschichte erzählen muss. Wenn man aber den Zeitraum von gut 20 Jahren abgrasen will, geht leider hier und da ein bisschen was verloren. Immerhin befasst sich „House of Gucci“ insgesamt auch mit dem Zerfall des Modehauses und nicht nur mit Patricia – und hier hat der Film dann Züge von „The Founder“, wirkt nur leider nicht immer ganz so strukturiert. Gerade in der zweiten Hälfte, wenn Lady Gaga auch nicht mehr in jeder Szene im Vordergrund steht und Ridley Scott seine Pflicht-Geschichten über das Geschehen hinter den wirtschaftlichen Kulissen von Gucci abliefert, wirkt das Ganze manchmal etwas lahm.

Nichtsdestotrotz hatte ich wahnsinnig viel Spaß mit diesem Film, der eine wilder Seifen-Oper über die Schönen und Reichen ist.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Lady Gaga beweist sich einmal mehr als großartige Schauspielerin und wir bekommen einen verrückten Film)

Umbrella (still) sucks

3. Dezember 2021

Die „Resident Evil“-Spiele haben es wirklich nicht einfach. Sie werden gefeiert ohne Ende. Aber genauso sehr wie sie gefeiert werden, genauso sehr versucht Hollywood verzweifelt, daraus Profit zu schlagen. 2002 machte sich Regisseur Paul W.S. Anderson (der nicht ganz so coole Anderson-Regisseur) daran, machte seine Frau Milla Jovovich direkt zur Hauptdarstellerin, ließ dann Teil 2 und Teil 3 andere drehen, bevor er dann ab Teil 4 wieder am Start war und das Ganze 2016 beendete. SIEBEN Filme wurden gedreht, die irgendwie keiner so richtig zu mögen scheint, die aber trotzdem gemacht wurden und offensichtlich auch genug Geld einspielten… insgesamt haben die immerhin über eine Milliarde Dollar erwirtschaftet und haben alle nur knapp 288 Millionen Dollar gekostet. Es sollte also jedem Menschen da draußen irgendwie klar sein, dass bei dieser Rechnung mit dem „Final Chapter“ noch lange nicht das finale Kapitel erreicht ist. Allerdings wollte man es mit dem Reboot „RESIDENT EVIL: WELCOME TO RACCOON CITY“ den Fans recht machen und sich mehr an den Spielen orientieren… was, wie sich herausstellt, der größte Fehler ist, den dieser Film nur begehen konnte.

Claire Redfield (Kaya Scodelario) kehrt nach Jahren in das kleine Kaff Raccoon City zurück, in dem sie als Waise aufgewachsen ist. Sie will ihren Bruder Chris (Robbie Amell) vor etwas warnen, denn die einst hier ansässige Umbrella Corporation hat Schlimmes vor. Leider kommt Claire nur zu spät… die Experimente der Corporation lassen die Bewohner von Raccoon City zu Zombies werden. Während sich Claire mit Leon Kennedy (Avan Jogia) im Polizei-Präsidium verbarrikadiert, ist Chris und sein Team rund um Jill Valentine (Hannah John-Kamen) und Albert Wesker (Tom Hopper) unterwegs, um die Spencer-Villa zu durchforsten, um einige ihrer Kollegen zu finden.

Das neue Reboot hat sich die ersten beiden Teil der Spiele-Reihe vorgenommen: Villa und Polizei-Präsidium. An sich zwei sehr coole Locations. Was könnte für einen Horror-Film besser sein, als eine verwinkelte, dunkle Villa mitten im Nirgendwo? Was könnte spannender sein, als ein von merkwürdig Infizierten belagertes Polizei-Präsidium? Wer die Antwort darauf wissen will, sollte sich die Spiele besorgen. „Resident Evil: Welcome to Raccoon City“ liefert dazu keine guten Antworten. Was halt echt daran liegt, dass Regisseur Johannes Roberts schwerst damit beschäftigt ist, alle fünf Sekunden einen Spiele-Verweis zu bringen.

Charaktere werden so gut wie nicht aufgebaut, vertieft oder interessant gestaltet. Stattdessen haben sie die Aufgabe, in einer coole Spiele-Pose vor der Kamera zu stehen und sobald sie das erste Mal auftauchen, ihren vollständigen Namen in die Kamera zu sagen. Damit man auch genau weiß, wer wer ist. Mehr kann man leider zu den Charakteren auch nicht sagen. Die sind alle toll besetzt. Kaya Scodelario mag ich seit „Fluch der Karibik 5“ oder „Crawl“. Hannah John-Kamen war eine tolle Ant-Man-Kontrahentin. Tom Hopper kennt sich ja mit Sachen, die Umbrella seit seiner Zeit in der Academy aus. Die geben sich alle Mühe, ihre albernen Posen und Sprüche zu liefern, aber viel Herz steckt da nicht drin. Richtig auf den Keks ging mir nur Avan Jogia als Leon Kennedy, der in diesem Film wirkt, als wenn er der erste Mensch wäre. Das ist alles einfach schade…

Ähnlich plakativ sind auch die Sets, aber die sind wenigstens noch cool gemacht. Die Villa ist beeindruckend, nur leider macht Regisseur Roberts kaum was aus ihr. Auch Raccoon City kommt nicht so richtig zur Geltung. Und dann brauchen wir auch nicht darüber sprechen, dass mal so überhaupt keine Horror-Stimmung aufkommt. Dieses Reboot hätte sich auf die Villa konzentrieren sollen und einen kleinen, dreckigen Horror-Film abliefern sollen. So bekommen wir schlechten Fan-Service, einen Soundtrack aus den 90er Jahren, der so richtig unstimmig eingesetzt wird (und nur noch vom gruselig klingenden „Lalalala“ einer Kinder-Sängerin unterbrochen wird, das leider nur nie wirklich gruselig wirkt) und Horror, der keiner ist. Die Effekte sind grausig, nur leider nicht im guten Sinne. Da ist mehr CGI als praktische Effekte und so wirken viele Momente sehr albern. Wenn die dann noch gepaart werden mit schlechten Oneliner, die selbst Arnie nicht in den Mund nehmen würde, wirkt „Welcome to Raccoon City“ wie ein Direct-to-DVD-Film.

Dieses Reboot will bei Fans nach der Anderson-Reihe einiges wieder gut machen und verscherzt es sich bei den Fans mit seinen Bemühungen nur noch mehr. Denn Fans kennen die Charaktere… und Nicht-Fans werden vom ständigen Gesabbel schnell gelangweilt sein.

Wertung: 3 von 10 Punkten (viele Aha-Momente machen keinen guten Film)

Geister in Soho

1. Dezember 2021

Ich habe das Gefühl, dass die Kündigung von Edgar Wright bei „Ant-Man“ für den Autor und Filmemacher ein Segen gewesen ist. Statt sich um schrumpfende Marvel-Helden zu kümmern, drehte er einfach ein Fluchtwagen-Fahrer-Musical der Extra-Klasse. Sein „Baby Driver“ ist immer noch eine kleine Offenbarung für mich. Wie gekonnt hier wirklich Musik, Kamera und Schnitt Hand in Hand gehen, zeigt einfach, was für ein versessener Regisseur Wright doch ist. Natürlich hatte ich ihn schon vorher wegen seiner Cornetto-Trilogie auf dem Schirm, aber es waren dann doch Filme wie „Scott Pilgrim“ und eben „Baby Driver“, die ihn für mich so herausstechen lassen. Deswegen habe ich mich auch tierisch auf „LAST NIGHT IN SOHO“ gefreut… der angeblich erste Horror-Film von Edgar Wright, der mal eben keine Komödie sein sollte. Sondern richtiger, psychologischer Horror.

Ellie (Thomasin McKenzie) will sich ihren Traum erfüllen und Mode-Designerin werden. Dafür zieht die junge Frau aus ihrem verschlafenen Örtchen nach London. Allerdings kommt das Landei mit seinen zickigen Kommilitoninnen nicht so ganz klar und fühlt sich überfordert. Als sie bei der alten Ms. Collins (Diana Rigg) eine Wohnung mitten im hippen Bezirk Soho mietet, scheint sich alles ein bisschen zu bessern. Ellie träumt auf einmal von einem Soho in den 60er Jahren und von der jungen Sandie (Anya Taylor-Joy), die als junge Sängerin ihr Glück in der Großstadt sucht. Nur leider wird das große Glück schnell zum Alptraum, der auch Ellie mehr und mehr heimsucht.

„Last Night in Soho“ ist, wie ich leider für mich feststellen musste, eine recht schwierige Angelegenheit. Schwierig in dem Sinne, dass die erste Hälfte einfach nur grandios ist und die zweite dann ziemlich abflacht und vieles von dem vermissen lässt, was die erste so stark gemacht hat. Aber fangen wir mal in Ruhe an: Die erste Hälfte des Films lebt von dieser Faszination, die die 60er und das scheinbar tolle Leben der Sandie auf Ellie machen. Wright fängt das Flair dieser wilden 60er gekonnt ein… natürlich mit viel Schwung und vor allem einem großartigen Soundtrack (den ich mir auch schon besorgt habe und in Dauerschleife laufen lasse). Dazu kommt dieser tolle Kniff, dass Thomaszin McKenzie und Anya Taylor-Joy fast wortwörtlich zu Spiegelbildern werden. Wie Wright hier zum Beispiele eine Tanzszene inszeniert, in der McKenzie und Taylor-Joy immer wieder den Platz an der Seite von Matt Smith tauschen, ist unglaublich gut.

Auch wie sich langsam die Geschichte von Ellie und Sandie miteinander verknotet, ist spannend und aufregend. Man fragt sich, was hier Fantasie und was Realität ist. Man versteht, warum sich Ellie in Sandie verliert und gleichzeitig ist man fasziniert von der Art und Weise, wie Wright das alles gekonnt miteinander verknüpft.

Doch leider platzt irgendwann der Knoten. Wenn der Horror losgeht, verliert „Last Night in Soho“ ein wenig von seiner Kreativität. Ellie wird auf eine „murder mystery“ geschickt… um eben herauszufinden, was es mit Sandie wirklich auf sich hat. Da führt uns Wright dann ein bisschen auf falsche Fährten, schockiert uns mit den unschönen Dingen, die mit jungen, unschuldigen Mädchen passieren, die an die falsche Person geraten und weiß nicht so recht, wie er das so gekonnt erzählen soll wie zu Beginn des Films. Thomasin McKenzie rennt sehr viel schreiend durch die Straßen Londons… und man merkt, dass Wright mit ihr gerne das machen würde, was eine Mia Farrow in „Rosemary’s Baby“ geschafft hat, es ihm aber leider nicht gelingt. Diese Verzweiflung, das ihr niemand glauben möchte, bringt zwar auch McKenzie gut rüber, aber es zieht hier einfach nicht so sehr. Was vielleicht auch daran liegt, dass der Film seine Dualität aus dem Anfang verliert… Anya Taylor-Joys Sandie ist nicht mehr so im Vordergrund und das spürt man irgendwie.

Nichtsdestotrotz ist „Last Night in Soho“ ein durchaus sehenswerter Film, er hält nur nicht seine Qualität von Anfang bis Ende durch. Von all den Edgar-Wright-Filmen würde ich sagen, ist dieser hier sein schwächster… aber selbst Edgar Wrights schwächster Film ist immer noch besser als vieles, was wir sonst so im Kino geliefert bekommen. Vor allem dank einer wundervollen Thomasin McKenzie und einer ebenfalls wunderbaren Anya Taylor-Joy, die mittlerweile auch ein Glas Butter spielen könnte und es großartig machen würde (keine Ahnung, wo das mit der Butter gerade herkommt, aber ihr wisst, was ich meine: Ich mag sie einfach!)

Wertung: 7 von 10 Punkten (klasse Frauen vor der Kamera, ein toller Regisseur dahinter… und doch schwächelt die zweite Hälfte und gerade auch das Finale)

Song für Akt 2

29. November 2021

Okay, ich sage jetzt was, was vielleicht schockieren könnte: Ich habe Lin-Manuel Mirandas „Hamilton“ nicht gesehen. Es wird ja überall immer nur in den höchsten Tönen von diesem Musical gesprochen und es gibt eine abfilmte Version davon mittlerweile sogar auf Disney Plus, aber ich muss gestehen, das Ganze reizt mich so überhaupt nicht. Egal, wie gut es sein soll. Aber ich mag seine Musik: immerhin hat er ja die Songs für „Moana“ geschrieben und die waren toll. Jedoch habe ich bis jetzt keines seiner Musicals gesehen… bis jetzt. Auf Netflix gibt es seit kurzem Mirandas Regie-Debüt mit „TICK, TICK… BOOM“ und damit feiere ich auch mein Debüt, was Lin-Manuel Miranda angeht.

Jonathan Larson (Andrew Garfield) gibt sein Ein-Mann-Theaterstück „Tick, Tick… Boom“ zum Besten, in dem er über sein Leben als Autor berichtet… und darüber, wie sein nahender 30. Geburtstag ihm Sorgen bereitet. Denn er will unbedingt ein erfolgreicher Musical-Autor werden. In seine Performance bringt er dabei auch seine Vorbereitungen auf sein Science-Fiction-Rock-Musical „Superbia“ mit ein, für das er aber unbedingt noch einen Song für den zweiten Akt braucht… und während er versucht den zu schreiben, das Leben um ihn herum chaotischer und chaotischer wird. AIDS schlägt um sich und viele von Jonathans schwulen Freunden sind betroffen, seine Freundin Susan (Alexandra Shipp) stellt ihm ein Ultimatum, dem er sich nicht stellen will.

Ich gestehe, ich mag meine Musicals klassischer… deswegen bin ich mal sehr gespannt, wie Spielbergs Version von „West Side Story“ so wird. „Tick, tick… Boom“ ist ein modernes Musical, das Miranda dementsprechend auch clever und kreativ sehr modern umsetzt. Das klingt jetzt, als würde hier ein sehr alter Mann diesen Artikel schreiben, aber ich musste mich wirklich erst einmal ein bisschen an diesen anfangs doch wirren Stil gewöhnen. Das Ganze springt ja doch sehr schnell von der Einzel-Performance zu den Rückblenden, in denen dann gefühlt über alles gesungen wird, was einem gerade so einfällt.

Aber gerade da zeigt sich dann die unglaubliche Stärke des Films: Jonathan Larson, der mit seinem Musical „Rent“ berühmt wurde und leider schon mit 35 Jahren an einem Herzfehler starb, ist ein grandioser Schreiber. Seine Songs sind nichts geschwollenes, abgehobenes, sondern meist wortwörtlich aus dem Leben gegriffen. Lin-Manuel Miranda schafft es, diesen Songs die passende Szenerie zu geben und sie wirken zu lassen, als hätte er sie selbst gerade erst geschrieben. Die Musik des Films ist die treibende Kraft und der unterwirft Miranda alles. Wenn hier dann auf einer Party plötzlich alle in Gesang und Tanz ausbrechen, wirkt das nicht aufgesetzt oder erzwungen, sondern entwickelt sich natürlich. Wenn Susan und Jonathan sich streiten und dazu gleichzeitig sein manisches Duett über Beziehungen mit Karessa (Vanessa Hudgens) bei seinem Solo-Stück vorgetragen wird, untermalt Miranda gekonnt die Aussagen der Songs und liefert uns als Zuschauern eine emotionale Szene, die noch lange nachwirkt.

„Tick, tick… Boom“ zeigt uns, dass ein Lin-Manuel Miranda wirklich was davon versteht, wenn es um Musik und Musicals geht. Aber Miranda wäre nichts ohne seinen Cast… und eine absolut grandiose Performance als vom Leben geplagter, von Selbstzweifeln zerrütteter und von seiner eigenen Kreativität überforderter Autor liefert hier Andrew Garfield ab. Meine Güte… Garfield zeigt einmal mehr, dass er nicht nur der Nachfolge-Spider-Man zu Tobey Maguire gewesen ist, sondern ein fantastischer Darsteller, der zudem auch noch echt gut singen kann.

Lin-Manuel Miranda und Andrew Garfield nehmen uns hier auf einen Tauchgang in die Gedanken-Gänge eines Autoren mit, den Jonathan Larson selbst durch seine Lieder verfasst hat und der dadurch noch so viel authentischer wirkt. Also für alle, die „Hamilton“ mochten, sollte dieser Film auf jeden Fall Pflicht werden… ich gestehe aber, selbst jetzt reizt mich „Hamilton“ immer noch nicht so…

Wertung: 8 von 10 Punkten (rasanter Ritt durch die Gedanken eines Kreativen im Strudel von Selbstzweifel und Druck)

Random Sunday #68: The Warehouse

28. November 2021

Autor Rob Hart gibt am Ende von „THE WAREHOUSE“ an, dass ihn das Schicksal von Maria Fernandes ihn zu diesem Roman bewegt hat. Fernandes arbeitete 2014 bei Dunkin‘ Donuts für knapp 8 Dollar die Stunde – und das an drei verschiedenen Stores in New Jersey, um ihr Leben irgendwie zu finanzieren. Teilweise schlief sie einfach in ihrem Auto zwischen einzelnen Schichten… und das kostete sie am Ende ihr Leben. Sie erstickte an den Abgasen. Während Maria 3 Jobs zum Mindestlohn bewältigen musste, ging der CEO von Dunkin Donuts in dem Jahr ihres Todes mit über 10 Millionen Dollar Einkommen nach Hause. Und wir kennen diese Geschichten von so ziemlich alle größeren Ketten und vor allem auch von unser aller Lieblingsonline-Kaufhaus amazon. Mit „The Warehouse“ treibt Hart dieses Szenario gekonnt auf die Spitze.

Irgendwann in der Zukunft, so ziemlich alles in der USA wird durch Cloud gesteuert: ein riesiges Online-Unternehmen, das mit Lieferservice via Drohnen in den Markt einstieg und mittlerweile so ziemlich jeden Bereich der Wirtschaft kontrolliert. In einem Land, dass durch extremes Wetter, Arbeitslosigkeit und Krankheiten zerrüttet ist, bietet Cloud die einzige Möglichkeit auf ein normales Leben. Die Warenhäuser von Cloud sind riesige Städte mit allem Drum und Dran… hierhin verschlägt es auch Paxton, einst selbst von Cloud aus dem Markt verdrängt und Zinnia, die einen undurchsichtigen Plan verfolgt.

Auf dem Cover meiner Penguin-Ausgabe von „The Warehouse“ werden große Klassiker zitiert: Stephen King redet davon, dass Big Brother auf Big Business trifft. Andere lobpreisen einen Mix aus Fahrenheit 451 und Jurassic Park. Und ich halte solche Sprüche immer für etwas zu übertrieben, aber im Falle von „The Warehouse“ mache ich mal eine Ausnahme, denn sie treffen ganz gut zu.

Anhand drei Figuren führt uns Hart durch seine Geschichte: da ist der an Krebs erkrankte Gründer von Cloud Gibson Wells, da ist Paxton, der bei Cloud im Sicherheitsteam arbeiten wird und Zinnia die bei am Fließband Bestellungen raussuchen muss. Und man spürt in diesem Roman deutlich die Einflüsse durch die realen Geschichten, die man eben zum Beispiel aus den amazon Lagerhäusern hört, wo Leute keine Pausen haben, nicht aufs Klo gehen können und lieber arbeiten, bis sie umfallen, anstatt ihre Quote nicht zu erfüllen. Ähnlich läuft es auch bei Cloud: Alle Mitarbeiter werden durch Smart-Watches überwacht, jeder bekommt seinen zugewiesenen Bereich. Nichts und niemand läuft hier, ohne dass Cloud nicht Bescheid weiß.

Das Faszinierende an dem Buch ist, dass Hart eine Dystopie erschafft, die einfach so erschreckend greifbar ist… und durch die Augen von Paxton und Zinnia sehen wir auch alle Vor- und Nachteile. Ein ertragbares Leben in einer Gesellschaft im Untergang – aber für welchen Preis? Zinnia wird immer wieder einem Leiter belästigt, die Farbe deines Shirts bestimmt, was du darfst und was nicht. Und hinter all den Dingen, die direkt vor Ort passieren, hören wir in den Gibson Wells Passagen, was sein Gedanke dahinter war… und warum er es für eine gute Idee hält.

Rob Hart liefert mit „The Warehouse“ einen spannenden Thriller (wie gesagt, Zinnia verfolgt einen ganz besonderen Plan), aber eben auch eine packende und gruselige Utopie, die sich einem gewissen Realismus nicht entziehen kann. Vieles, was man hier liest, kennt man, hat man schon mal gehört – nur Hart treibt es gekonnt auf die Spitze. Sein Roman liefert dabei spannende Charakter-Entwicklungen und einige Twists und Turns, die vielleicht manchmal etwas plakativ wirken, aber einfach gut zu diesem Monstrum Cloud passen.

„The Warehouse“ war mal wieder eines dieser Bücher, das ich nicht weglegen konnte… und es würde mich nicht wundern, wenn Hollywood das Ding demnächst verfilmen wird. Passen würde es.

Kleopatras Eier

26. November 2021

Netflix hat sich mal wieder ein ordentliches Ei ins Nest gelegt (um gleich mal bei der Eier-Verbildlichung zu bleiben). Erst protzten sie damit, dass sie eine ihrer teuersten Produktionen schon bald zeigen werden. Dieser Film würde dann auch noch drei der größten Stars überhaupt zu bieten haben. Und natürlich denkt man sich: „Wow, Netflix zeigt mal wieder, dass sie die dicksten Eier haben.“ Jetzt ist „RED NOTICE“ mit Dwayne Johnson, Gal Gadot und Deadpool endlich zu sehen und sprengt sofort alle Rekorde, die Netflix zu bieten hat. Doch taugt die Eiersuche mit Star-Power irgendwas? In einem Wort: Nein.

Vor zweitausend Jahren bekam Königin Kleopatra Faberge-Eier, bevor es überhaupt Faberge gab. Ihre kostenbaren, Juwelen und Gold besetzten Eier verschwanden aber irgendwann. Eines davon ist mittlerweile in einem Museum, wo es Meisterdieb Nolan Booth (Deadpool) stehlen möchte. Allerdings ist ihm FBI-Profiler John Hartley (Dwayne Johnson) dicht auf den Fersen. Noch dichter ist Booth allerdings nur Meisterdiebin „The Bishop“ (Gal Gadot), die Nolan nicht nur das erste Ei abnimmt, sondern den Raub auch noch ihm und Hartley in die Schuhe schiebt. Die Beiden landen erst im Knast und entschließen daraufhin, gemeinsame Sache zu machen, um The Bishop dingfest zu machen. Dafür müssen sie ihr beim Raum des zweiten Eis zuvorkommen und herausfinden, wo das lange verschollene dritte abgeblieben ist.

Regisseur Rawson Marshall Thurber hat für diesen Film auch das Drehbuch geschrieben… oder besser gesagt, schlecht zusammengeklaut. Meine Güte, ich kann bis heute noch nicht fassen, dass so ein Skript jemals von irgendwem durchgewunken wurde. „Red Notice“ leidet am meisten darunter, wie schlecht und uninspiriert dieses Drehbuch ist. Das Ganze ist ein wirres Sammelsurium an verschiedenen Etappen, die aus anderen Filmen geklaut wurden. Das ist ein bisschen Bond (vor allem wegen der sieben oder acht Schauplätze, an denen der Film spielt). Das ist ein bisschen „Ocean’s Eleven“ (wegen der vermeintlichen Heists, die hier aber so dämlich inszeniert werden, dass die Charaktere eigentlich nur Glück, aber kein Können haben). Das ist auch ein bisschen „Indiana Jones“ (wegen dem Finale, dass einfach nur dreist bei „Der Letzte Kreuzzug“ und sogar bei „Königreich des Kristallschädels“ klaut). Ansonsten ist da nichts…

… man kann bei „Red Notice“ ein fröhliches Rate-Spiel spielen und sagen, in welchem Film man sowas besser gesehen hat. Wer nicht mindestens 3 pro Szene finden kann, muss einen Kurzen trinken.

Wenn man jetzt noch weiß, dass „Red Notice“ angeblich bis zu 200 Millionen Dollar gekostet haben soll, fasst man sich nur fassungslos an den Kopf. Dieser Film ist so ziemlich alles, was an Blockbuster-Kino gerade falsch läuft. Es gibt keine wirklich guten Ideen mehr. Kreativität wird über Bord geworfen. Selbst aus dem Altbekannten wird nichts Gutes gemacht. Stattdessen hofft man, wenn man seinen Zuschauern was Schönes zeigt, wird das schon reichen. Und gewiss, die Locations sind toll anzusehen, Gal Gadot in einem eng anliegenden roten Kleid auch… und ja, auch Deadpools weißes Hemd wird mal kurz nass. Aber das war’s… mehr ist da nicht. „Red Notice“ ist schöne Oberfläche mit nichts dahinter.

Weil das Drehbuch halt auch einfach nichts liefert, darf man leider auch nicht wirklich viel von den Charakteren an sich erwarten. Die entwickeln sich kaum und hätten mir nicht egaler sein können. Deadpool versucht verzweifelt, Ryan Reynolds zu spielen und scheitert daran. In „Free Guy“ ging das noch irgendwie, aber spätestens hier nervte mich das einfach nur noch. Dwayne Johnson hat irgendwie noch ein bisschen Charme, es wäre nur schön gewesen, wenn sein Charakter ein bisschen Tiefe gehabt hätte (nicht viel, nur ein bisschen). Und über Gal Gadot muss man (leider) nicht viel sagen… denn sie ist nicht sooo sonderlich wichtig für den Film und taucht nur hier und da mal auf. Aber auch dann gilt: Daraus hätte ein guter Drehbuchautor mehr machen können, wenn „Red Notice“ denn einen guten Schreiberling gehabt hätte.

So plätschert der Film durch schöne Szenarien, liefert Null Spannung, weil irgendwie schaffen die ja eh alles (Glück muss man halt haben) und hat auch im Action-Bereich nichts zu liefern, was einen vom Hocker reißen könnte. Netflix verpulvert 200 Millionen Dollar an ein Drehbuch, das seiner Idee nicht gerecht wird (die cool hätte sein können), das seinen Stars nicht gerecht wird (weil es ihnen nichts gibt) und ohne seine Star-Power schneller in der Versenkung verschwinden würde als Kleopatras Eier.

Wertung: 4 von 10 Punkten (schöner Schein, mehr leider nicht)

Ein echter Space Cowboy?

24. November 2021

Als die LIVE-ACTION SERIE zu „COWBOY BEBOP“ verkündet wurde, war ich erst extrem skeptisch. Warum auch nicht, bisher habe ich noch keine Live-Action-Variante von irgendwas gefunden, die mich so richtig umgehauen hat. Gerade Animes sind, was das angeht, ja auch noch mal eine Nummer für sich. Aber an „Cowboy Bebop“ haben sich ja schon viele versuchen wollen. Jetzt sollte es also wirklich wahr werden. Als die ersten Bilder vom Cast erschienen, dachte ich nur: „Ja, nettes Cosplay!“… es war am Ende das Intro der Serie, das auch zum Original-Sound von Yoko Kanno lief und der Trailer, die mir dann ein wenig Hoffnung gaben. Doch jetzt nach der ersten Staffel ist die Skepsis wieder zurück.

Spike Spiegel (John Cho) ist ein Kopfgeldjäger. Gemeinsam mit seinem Partner Jet Black (Mustafa Shakir) jagt er die Kriminellen der Kriminellsten im All. Dabei kreuzen sich ihre Wege immer wieder mit der Kopfgeldjägerin Faye Valentine (Daniella Pineda), die nur widerwillig ins Team mit aufgenommen wird. Doch was sowohl Faye als auch Jet nicht wissen: Spike hat eine düstere Vergangenheit, die gerade dabei ist, ihn einzuholen: Sein einstiger Partner Vicious (Alex Hassell) ist dabei, die Unterwelt an sich zu reißen… und dass Spike noch lebt (denn er hielt ihn für tot), passt ihm gar nicht.

„Cowboy Bebop“ als Live-Action-Serie hat eigentlich einen entscheidenden Vorteil: Das Original erzählt einfach nur mehrere kleine Episoden aus dem Leben der Besatzung der Bebop, geht hier und da etwas auf die Vergangenheit seiner Crew-Mitglieder ein und nur Spikes Vergangenheit liefert einen etwas größeren Rahmen. Für eine Adaption eigentlich wie geschaffen, um sich etwas freier auszutoben und dennoch dem Geist des Originals gerecht zu werden. Die Netflix-Serie hat nur das Problem, dass sie sich nicht so wirklich frei austoben möchte, sondern viel mehr verzweifelt versucht, die 20-Minuten-Geschichten aus dem Original in 40 Minuten zu stopfen.

Da hätten wir dann auch das größte Problem der neuen Serie: Sie ist viel zu langatmig. Man hat, was zu erwarten war, die ganze Story rund um Spike und Vicious extrem ausgebaut und versucht auch die Geschichten der anderen etwas zu erweitern. So bekommt Jet auf einmal eine Tochter dazu gedichtet und Faye eine „Mutter“. Bei Jet und Faye hätte ich sogar noch damit leben können, gerade alles rund um Jet funktioniert da eigentlich ziemlich gut und sorgt auch für ein paar lustige (Jet besucht eine Theateraufführung seiner Tochter) und sehr tragische Momente. Fayes Backstory hätte man etwas intensiver ausbauen können, die Sache mit ihrer Mutter wirkt nur leider sehr albern. Dafür setzt man halt mehr auf Vicious und Spike und die femme fatale Julia (Elena Satine), die für Stress sorgt.

Und hier liegt ein weiteres Problem: Ich finde, man hätte fast mehr auf Spike und Vicious gehen können. Das Ganze wird hier in so einem Sin-City-artigen Stil inszeniert und hat schöne Anleihen am film noir. Wenn man das einfach etwas mehr ausgebaut hätte, wäre „Cowboy Bebop“ natürlich etwas anders als das Original… aber das nennt man halt Adaption. Zumal die Serie ja eh schon sehr häufig versucht, die Schurken aus dem Original ein wenig mehr in Verbindung mit Vicious zu bringen.

Am Ende weiß ich es selbst nicht so genau… muss ich einfach gestehen. Ich war einfach nicht so wirklich von all dem überzeugt. Vielleicht hätte man auch besser 30 minütige Folgen machen sollen, denn gerade die Ausschmückungen der Netflix-Serie lassen „Cowboy Bebop“ echt etwas lang wirken. Es gibt zwar wahnsinnig viel Fan-Service und sehr viele Charaktere aus dem Original tauchen wieder mit auf, aber so richtig zündete das bei mir einfach nicht.

Dennoch will ich auch das sagen: Die Darsteller sind super. John Cho scheint dafür geboren worden zu sein, diesen lässig-coolen Spike Spiegel zu spielen. Mustafa Shakir ist perfekt für die Rolle von Jet, selbst seine Stimme und dieses Papa-Hafte für Spike kommt gut rüber (hier sogar noch verstärkt durch die Tatsache, dass er ja wirklich Papa ist). Daniella Pineda ist auch eine tolle Faye, obwohl ich sie mir fast noch ein bisschen bissiger gewünscht hätte. Gerade in der Original-Serie beschert sie Spike und Jet gerne mal etwas mehr Ärger. Nichtsdestotrotz ist das hier Meckern auf hohem Niveau. Der Einzige, bei dem ich wirklich ein wenig meckern möchte, ist Vicious. Alex Hassell „over-acted“ hier extrem. Er sieht immer so angespannt aus, als müsste er dringend aufs Klo. Auf der einen Seite passt er Optisch gut in die Rolle, auf der anderen wirkte er halt manchmal echt wie ein Theater-Schurke. Gerade Vicious hätte ich mir da etwas anders vorgestellt.

Auch der Look der Serie passt. Die Bebop sieht toll aus, Spikes Swordfish auch und die Orte und Planeten sind gut getroffen. Wenn es denn mal Action in der Serie gibt, ist auch die ziemlich cool gemacht. Das hat so einen John-Wick-Vibe, aber mit interessanten Zeitlupen und verrückteren Moves, die dem Anime eher gerecht werden. Dazu kommt der Soundtrack von Yoko Kanno… und die Frau liefert einfach ab.

Am Ende muss ich gestehen, lässt mich „Cowboy Bebop“ echt zwiegespalten zurück. Optisch ist das alles echt wunderbar, erzählerisch kriecht das alles ziemlich. Vielleicht hätte man wirklich auf eine 1:1-Kopie der Story gehen sollen… dann halt mit 26 Episoden a 24 Minuten. Aber mal schauen, was Staffel 2 so bringt, sollte sie denn kommen. Ab da könnte sich die komplette Story ja wirklich dann auch sehr vom Anime unterscheiden… denn schlussendlich vergleicht man auch hier in Staffel 1 wieder alles mit dem Anime und daran scheitert das Projekt dann ein wenig.

Wertung: 5 von 10 Punkten (nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut… einmal mehr so eine Live-Action-Version, die nicht nötig gewesen wäre)

Das wahre Erbe der Geisterjäger

22. November 2021

Als bekannt wurde, dass die Ghostbusters einen weiteren Film bekämen, dachte ich mir nur: „Muss das wirklich sein?“ Das Trauma der 2016er Version von Paul Feig war da noch nicht verarbeitet. Da halt es auch nicht, dass es hieß, Jason Reitman würde das Erbe seines Vaters Ivan fortführen. Der erste Trailer sah mir dann zu sehr nach „Stranger Things“ aus: Kids kommen als Geisterjäger zusammen und es spielt sogar Finn Wolfhard mit. Ich gestehe, ich war extrem, extrem, extrem skeptisch, was „GHOSTBUSTERS: LEGACY“ (im Original übrigens „GHOSTBUSTERS: AFTERLIFE“ – wer sich die „deutsche“ Betitelung ausgedacht, würde ich gerne mal wissen) anging. Doch zum Glück hat diese Geschichte eine großes, dickes, fettes ABER: Dieser neue Ghostbusters-Film ist möglicherweise die Kino-Überraschung des Jahres – also zumindest für mich als Skeptiker.

Die allein erziehende Mutter Callie (Carrie Coon) muss mit ihren Kindern Phoebe (Mckenna Grace) und Trevor (Finn Wolfhard) mitten ins Nirgendwo ziehen. Hier hat sie gerade das ziemlich zerfallene Farmhaus ihres verstorbenen Vaters geerbt, zu dem sie schon seit Jahren keinen Kontakt mehr hatte. Nur widerwillig lebt sich die kleine Familie in dem Örtchen Summerville ein, machen aber schnell gute Bekanntschaften: Mama lernt den Lehrer Mr. Grooberson (Paul Rudd) kennen, Phoebe freundet sich mit Podcast (Logan Kim) an, der – oh Wunder – nen Podcast hat und Trevor hat nur noch Augen für Lucky (Celeste O’Connor). Doch dann kommt es zu merkwürdigen Ereignissen, Phoebe und Trevor müssen feststellen, dass ihr Großvater einer der originalen Ghostbusters gewesen und aus einem ganz bestimmten Grund hier in Summerville gewesen ist.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel Spaß im Kino hatte. „Ghostbusters: Legacy“ ist wirklich perfektes Popcorn-Kino und einfach nur verdammt spaßig. Das liegt daran, dass Jason Reitman auf so ziemlich allen Ebenen alles absolut richtig macht. Sein Film ist in allererster Linie ein schöner eigenständiger Film, der es aber auch schafft, die alten Filme zu ehren, ohne sich jetzt nur auf sie zu konzentrieren. „Ghostbusters: Legacy“ hat wunderbare Easter Eggs und natürlich die Auftritte der alten Geisterjäger, die – das garantiere ich euch – jedem Fan der Filme Tränen in die Augen bringen werden. Dabei stehlen die Alten den Jungen keinesfalls die Show… aber Jason Reitman zeigt hier einfach gekonnt, wie man das Alte mit dem Neuen verbindet, ohne das sich Fans auf den Schlips getreten fühlen oder das Neue unter dem Alten leiden muss.

Das liegt vor allem auch daran, dass „Ghostbusters: Legacy“ uns eine unterhaltsame und vor allem spaßige Story liefert, die zu keiner Minute irgendwo Schwachstellen hat. Der Film ist ein herrlicher Mix aus Action, emotionalen Momenten (siehe oben mit den alten Geisterjägern) und Comedy… die sich aufteilt in herrliche Situationscomedy und Slapstick, aber auch einfach wunderbare griffige Dialoge liefert, die teilweise schon fast an die guten alten Screwball-Komödien erinnern. Gerade Mckenna Grace als nerdige Phoebe liefert wunderbare Gags ab, hat aber auch eine gute Chemie mit allen anderen – gerade aber auch mit Logan Kim als Podcast. Überhaupt stimmt die Dynamik zwischen all den Figuren. Paul Rudd ist eh immer super. „Leftovers“-Star Carrie Coon ist toll in ihrer Rolle. Selbst ein Finn Wolfhard hat mich nicht an „Stranger Things“ erinnert und Celese O’Connor gibt ihm und seinen Avancen gut Paroli.

Diese neuen Kids-Ghostbusters funktionieren dabei wunderbar auf zwei Ebenen: Auf der einen imitieren sie die uns bekannten Geisterjäger: die nerdige Phoebe erinnert an Egon Spengler, ihr Bruder Trevor ist ein bisschen was von Peter Venkman, während Podcast Ray Stantz widerspiegelt… und der ruhige gelassene Winston wird durch Lucky ins Team gebracht. Auf der anderen Ebene definieren sich unsere neuen Ghostbusters nicht darüber, einfach nur eine jüngere Kopie des alten Originals zu sein. Sie sind gut geschriebene, toll gespielte eigenständige Charaktere, die auf ihren eigenen Füßen stehen können.

„Ghostbusters: Legacy“ macht wirklich alles richtig, liefert tolle Action ab, spielt gekonnt mit unseren Gefühlen gegenüber den alten Filmen… hätte nur vielleicht ein paar mehr Geister haben können, die auch wirklich etwas Neues sind. Denn in der Geisterabteilung, so unterhaltsam die auch in Szene gesetzt werden, fehlt es mir dann doch ein wenig an neuen Ideen. Aber das ist in diesem Fall Meckern auf hohem Niveau.

WICHTIG: Unbedingt den Abspann abwarten. Es erwarten euch zwei Abspann-Sequenzen!!!

Wertung: 9 von 10 Punkten (Fanservice mal komplett richtig gemacht)

Das wahre Suicide Squad

19. November 2021

Endlich habe ich es mal geschafft… mir einen der Klassiker zu Gemüte zu führen, der eben nicht nur Filme wie „Suicide Squad“ und „The Suicide Squad“ inspiriert hat, sondern auch Tarantinos „Inglourious Basterds“ beeinflusste. Und spätestens seit James Gunn wirklich tollem Film wollte ich unbedingt mal das Original dazu sehen, das wahre Original: „THE DIRTY DOZEN“ oder, wie sie bei uns heißen: „DAS DRECKIGE DUTZEND“ – und ja, es ist ein großartiger Film, der dann doch auch irgendwie anders war, als ich es erwartet hatte.

Im März 1944 bekommt der unbeliebte Major John Reisman (Lee Marvin) eine streng geheime Mission. Unter dem Decknamen „Projekt Amnestie“ soll er ein Selbstmordkommando, bestehend aus zwölf Kriegsgefangenen, leiten. Er soll ein kleines Schloss im Norden Frankreichs überfallen, in dem sich zu jeder Zeit zahlreiche ranghohe Nazi-Offiziere aufhalten. Doch bevor es nach Frankreich geht, muss er die zum Tode oder zur Haft verurteilten Gefangenen (darunter Charles Bronson, Donald Sutherland, John Cassavetes und Telly Savalas) erstmal ausbilden und zu einem Team machen – was gar keine leichte Aufgabe ist.

Als ich mit „The Dirty Dozen“ anfing, erwartete ich einen dreckigen Kriegsfilm, der vor lauter Brutalität nur so strotzt. Ich hatte einen Film über dreckige, harte Männer erwartet… aber was ich bekam, war dann doch ein Film, der sehr viel mehr als nur das zu bieten hatte. Denn bei einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden hat Regisseur Robert Aldrich ein bisschen Zeit, um dieses dreckige Dutzend in Ruhe aufzubauen… dabei verläuft der Film in etwa so ab wie ich es von Kubricks „Full Metal Jacket“ kannte – erst kommt der Ausbildungsteil und dann die Schlacht. Und die Ausbildung des dreckigen Dutzends nimmt sehr viel Zeit im Film ein… was aber auch echt gut ist. So kommen die Charaktere so richtig zur Geltung und Aldrich kann dem Ganzen sogar noch eine ungewohnte Prise Humor beifügen.

Während der Ausbildung kommen die Darsteller wirklich zur Geltung – allen voran John Cassavetes als Franko, der hier den rebellischen Aufrührer spielt. Er geht die meiste Zeit auf Frontalkurs mit Lee Marvins Major Reisman – und das ist einfach nur großartig. Überhaupt ist Lee Marvin als knurriger Major super in dieser Rolle. Charles Bronson als Wladislaw war aber auch echt stark und ein Donald Sutherland als leicht dümmlicher Pinkley wirkte auf den ersten Blick fehl am Platze zwischen diesen Leuten, fand dann aber auch seinen Platz. Insgesamt ist es echt erstaunlich, wie gut „The Dirty Dozen“ in der ersten Stunde die unterschiedlichen Charaktere ausbaut – ein Clint Walker als sanfter Riese Posey kommt dabei genauso zur Geltung wie der religiöse Fanatiker Maggott – unheimlich gut gespielt von Telly Savalas (und mit unheimlich meine ich wirklich unheimlich, der Typ war gruselig).

Wie schon erwähnt, ist dieser ganze Teil auch mit einer guten Prise Humor versetzt… wenn sich das Team dann auch wirklich als Team in einer Kampf-Übung gegen die Obrigkeit behaupten kann, freut man sich regelrecht mit denen mit – und gönnt ihnen diesen kleinen Sieg gegen die Zweifler und auch das scheinbar sorgenfreie Leben. Denn letztendlich ist das nur ein kurzer Augenblick des „Friedens“, bevor dieses Selbstmordkommando auf Mission geschickt wird.

Diese Mission im Schloss lässt dann echt gut erkennen, woher gerade ein Tarantino seine Ideen hatte. Wenn Wladislaw und Reisman als deutsche Offiziere durch das Schloss laufen, erinnert das schon ein bisschen an Aldo Raine und seine Leute bei der Premiere in „Inglourious Basterds“. Hier erst wird der Film dann wirklich das, womit ich die ganze Zeit schon gerechnet habe: ein dreckiger und brutaler Action-Film, in dem natürlich nicht alles nach Plan verläuft. Im letzten Drittel wird „The Dirty Dozen“ dann wirklich Kriegsfilm, Spionage-Thriller und Action pur – mit tollen Gefechten und starken Momenten, in denen diese Truppe dann leider dem Titel „Selbstmordkommando“ mehr als nur gerecht wird. Aber dank des starken Aufbaus ist man dann auch emotional so bei diesem dreckigen Dutzend dabei, dass einem die einzelnen Tode echt nahe gehen.

„Das dreckige Dutzend“ ist wirklich ein toller Film, der so viel mehr ist als nur ein bloßer Kriegsfilm, der sich Zeit für seine Charaktere nimmt und über zwei Stunden wunderbar unterhält mit einem Mix aus Ernsthaftigkeit, Dramatik und Humor.

Wertung: 9 von 10 Punkten (das wahre Suicide Squad funktioniert auch ohne Riesen-Seesterne)

Am Arsch (der Welt)

17. November 2021

Es überrascht mich dann doch ein bisschen, wie lange selbst in einer mittlerweile so vernetzten Welt wie der unseren manch Hype braucht, um zu mir durchzudringen. Erst vor kurzem stellte Amazon Prime die Serie „SCHITT’S CREEK“ zur Verfügung. Ich hatte hier und da immer mal wieder davon gehört, dass gerade in den USA die Serie gefeiert und mit Preisen nur so zugeschüttet wurde. Doch hierzulande kam irgendwie nie wirklich was (zumindest was mir zugänglich war), jetzt konnte ich das Ganze endlich mal nachholen – zumindest die ersten fünf Staffeln (und ich kann es immer noch nicht fassen, dass es die Serie schon seit 2015 gibt).

Früher einmal hatten die Roses alles, was man sich nur vorstellen kann: Vater Johnny (Eugene Levy) eine erfolgreiche Videoladen-Kette, Mama Moira (Catherine O’Hara) eine Schauspielkarriere und die Kids David (Dan Levy) und Alexis (Annie Murphy) eine verzogene Kindheit im Reichtum. Doch dann verliert die Familie ihr ganzes Geld und alles was ihnen übrig bleibt, ist eine kleine Stadt namens Schitt’s Creek, die Johnny irgendwann mal zum Spaß gekauft hat. Also zieht die Familie hier in ein kleines Motel, in dem Hotelmanagerin Stevie (Emily Hampshire) sie gelangweilt begrüßt und wo sie direkt auf Bürgermeister Roland Schitt (Chris Elliott) treffen, der den Besitzern helfen möchte, sich in seiner Stadt wohlzufühlen. Doch wo Luxus auf Kleinstadt trifft, sind Probleme vorprogrammiert.

Ich gestehe, zuerst dachte ich, „Schitt’s Creek“ würde so eine Art Rip-Off von „Arrested Development“ werden – gerade weil sich die Prämisse „Reiche Familie verliert alles“ ja mehr als nur ähnelt. Aber „Schitt’s Creek“ geht es dann am Ende ja doch mehr um einen Kampf der Kulturen. Hier treffen zwei Welten aufeinander, die nicht aufeinander treffen sollten. Dass das gut funktioniert, liegt vor allem am Cast und den wirklich gut geschriebenen Charakteren, die übrigens alle aus der Feder von Vater und Sohn Levy stammen, die hier ebenfalls Vater und Sohn spielen. Dennoch muss ich sagen, hatte „Schitt’s Creek“ in meinen Augen so ein paar Anlaufschwierigkeiten. Gerade in der ersten Staffel war mir das teilweise ein bisschen zu sehr ins Extreme gerückt. Man merkt aber, wie sehr sich das dann im Lauf der Serie wandelt.

Zu Beginn sind die Hillbillies halt wirklich absolute Hillbillies. Gerade Chris Elliott als Roland wirkt wie eine ziemlich überzeichnete Karikatur. Obwohl… jetzt wo ich das so schreibe: Liegt dieser Wandel innerhalb der Serie vielleicht auch einfach daran, dass sich unsere Rose-Familie an dieses Leben in Schitt’s Creek gewöhnt hat und dadurch das Überzeichnete verschwindet, weil sie sich mehr daran anpassen? Wer weiß… nichtsdestotrotz fand ich es gerade in der ersten Staffel ein bisschen anstrengend. Was sich aber auch mit den folgenden Staffeln änderte. Mehr und mehr wurde dieses „Schitt’s Creek“ genau das, was eine Comedy-Show sein sollte: Ein wunderbarer Ort zum Flüchten, in dem Konflikte innerhalb von 20 Minuten gelöst sind und wir am Ende alle drüber lachen können.

Im Verlauf der Serie werden die Charaktere einfach so gut ausgebaut, dass sie einem wirklich alle sehr ans Herz wachsen. Meine beiden absoluten Favoriten bleiben dennoch Catherine O’Hara als Moira und Dan Levy als David. O’Hara ist so wunderbar verspielt in dieser Rolle, gerade weil sie selbst nach fünf Staffeln immer noch ein bisschen an diesem Glauben festhängt, sie wäre etwas Besseres. Sie spielt dieses leicht Arrogante einfach so unfassbar gut, dass es echt eine Freude ist, ihr zuzusehen. Mit David macht die Serie selbst am meisten und gibt ihm teilweise auch einfach die besseren Stories (liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass Dan Levy alles selbst schreibt). Am Anfang ist seine ganze Art einfach nur herrlich komisch, zum Ende wird er durch diese Gemeinde richtig geerdet… und die Beziehung zu Patrick (Noah Reid), der erst sein Geschäftspartner und dann sein Lebenspartner wird ist echt schön geschrieben und auch gespielt… und ganz ehrlich, die ist auch besser geschrieben als alles zwischen Alexis und dem Tierarzt Ted (Dustin Milligan). Die Beiden mag ich zwar auch sehr, doch ist mir das – gerade für eine Serie wie „Schitt’s Creek“ dann ein bisschen zu simpel gehalten.

Ich hatte meine Freude mit „Schitt’s Creek“. Es ist jetzt nicht unbedingt die „laugh out loud“-Comedy, aber sie ist sehr herzlich und sehr menschlich und lebt von den schönen und oft auch sehr chaotischen Momenten, die in dieser kleinen Stadt so passieren. Ich bin mal auf die letzte sechste Staffel gespannt… würde ich das Ganze jetzt im Nachhinein auch so hypen? Ehrlich gesagt, nicht wirklich – den Hype verstehe ich nach wie vor nicht so ganz, aber es ist einfach eine gute Serie, die man sich wunderbar auch mehrmals anschauen kann.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Staffel 1 strauchelt noch etwas, danach wird es besser und stimmiger mit jeder neuen Staffel)