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Mister America

16. September 2019

Filmtitel… manchmal sind sie kryptisch, manchmal recht offensichtlich… aber nur selten interessiert mich ein Film einfach nur, weil ich den Titel allein schon interessant finde. So war es auch jetzt, als ich über einen Film mit folgendem klangvollen Titel stolperte: „The Man Who Killed Hitler And Then The Bigfoot“. Wow! Das ist doch mal eine Ansage, oder nicht? Wenn man diesen Titel hört, ist man doch auf jeden Fall schon mal so: „Moooment? Wie bitte? Hitler? Bigfoot? Und das in einem Titel? Das klingt verrückt!“. Regisseur und Drehbuchautor Robert D. Krzykowski hat sich diesen Titel ausgedacht… und auch den passenden Film dazu. Leider erfüllt er die Erwartungen an seinen verrückten Titel nicht so ganz…

Calvin Barr (Sam Elliott) lebt allein in seiner Heimatstadt. Jeden Abend gönnt er sich in einer Kneipe sein Bier und kehrt danach zu seinem Hund nach Hause zurück. In seiner Einsamkeit denkt Calvin an seine Zeit während des Zweiten Weltkriegs zurück. An seine große Liebe Maxine (Caitlin FitzGerald), die er zurücklassen musste, an seine große Tat, die für die Geschichte geheim blieb: Der junge Calvin (Aidan Turner) tötete nämlich wirklich Adolf Hitler. Der, der sich in Berlin in seinem Bunker selbst umbrachte, war nur ein Schauspieler. Doch Calvins Zeit der Heldentaten sind noch nicht vorbei. Denn auf einmal steht das FBI vor seiner Tür und hat eine Bitte an ihn: Er solle doch den Bigfoot töten, der der Ursprung für ein tödliches Virus ist, das die gesamte Menschheit vernichten könnte.

„The Man Who Killed Hitler And Then The Bigfoot“ – der Titel ist sperrig, aber eben auch sehr interessant. Leider hatte ich beim Gucken des Films das Gefühl, dass Autor Krzykowski irgendwann mal diesen Titel im Kopf hatte und dann versucht hat, drumherum eine Geschichte zu erzählen. Das gelingt ihm aber leider nicht ganz so gut, wie man es bei der verrückten Betitelung seines Debütfilms gerne gesehen hätte. Eins vorweg: Der Titel verspricht nicht zu viel… alles, was uns im Titel versprochen wird, passiert auch. Allerdings sind diese beiden Ereignisse recht unspektakulär und auch der Weg dahin ist jetzt nicht sonderlich aufregend. Für einen Film mit so einem durchgeknallten Namen nimmt sich „The Man Who Killed Hitler And Then The Bigfoot“ doch erstaunlich ernst. Ich habe vielmehr Ironie und Witz erwartet, irgendwas, was ein bisschen abgedrehter und vielleicht auch ein bisschen trashiger ist. Aber Pustekuchen, dieser Film nimmt sich sehr ernst und ist definitiv keine Komödie, auch wenn man über den Titel schmunzeln kann.

Während die Titel spendenden Ereignisse nicht so viel Tragkraft haben, ist die Geschichte dazwischen – das persönliche Drama – viel interessanter. Nur auch hier leider nicht so ausgereift. Die Liebesgeschichte allein hätte schon guten Stoff geliefert, wird aber doch etwas salopp abgefrühstückt. Und gerade das ist es doch, was unseren „Mister America“ Calvin so sehr bedrückt. Er will gar keine Anerkennung für seine Taten, er trauert viel mehr der Tatsache hinterher, dass er seine große Liebe hat ziehen lassen. Aber wie gesagt, daraus hätte man mehr machen können.

Was allerdings wirklich gut funktioniert, ist der Hauptdarsteller. Sam Elliott ist wirklich gut. Wenn er so durch die Gegend schlurft oder zuhause Gedanken versunken vor seinem Fernseher hockt, dann spürt man förmlich die Last des Lebens auf seinen Schultern.

„The Man Who Killed Hitler And Then The Bigfoot“ wird seinem Titel an sich zwar gerecht, kann aber die Erwartungen, die so ein Titel hervorruft, nicht erfüllen. Statt großem Trashkino ist ein ruhiges Drama draus geworden, das seine wichtigen Momente zu schnell abfertigt. Ich muss echt sagen, es ärgert mich schon ein wenig… man hätte so viel mehr aus diesem Titel machen können, aber schlussendlich traut sich Krzykowski zu wenig und bleibt uns einen wirklich coolen Film schuldig. Immerhin liefert er uns am Ende ein „Seven“-würdiges Ende, in dem wir uns auch fragen: „What’s in the box?“ – eine Antwort darauf bekommen wir aber nicht… oder müssen sie selbst finden.

Wertung: 6 von 10 Punkten (interessante Idee, trashige Idee, die aber viel zu brav umgesetzt wurde)

Filmreise Etappe #2: Gottlose Stadt Gottes

13. September 2019

Ich habe für die Filmreise Challenge lange nach den passenden Filmen gesucht und mir dann eine Liste erstellt, damit ich direkt fleißig losgucken kann. Für Etappe 2 in der Kategorie Weltreise musste ich nicht einmal groß überlegen. Für einen Film aus einem südamerikanischen Land habe ich den einen Film genommen, der mir – seit ich ihn das erste Mal im Kino gesehen habe – im Gedächtnis geblieben ist. Und somit begeben wir uns heute nach Brasilien mit Regisseur Fernando Meirelles, der uns in die „City of God“ führt.

„Stadt Gottes“ ist ein Armenviertel im Westen von Rio de Janeiro. Hier wächst unser Erzähler Buscape (Alexander Rodrigues) auf – inmitten von Drogenkriegen. Der schlimmste Drogenbaron ist Locke (Leandro Firmino da Hora), der erbarmungslos seine Macht in der Stadt Gottes ausbaut. An seiner Seite ist das Ying zu seinem Yang, der coolste Gangster von Rio: Bene (Phellipe Haagensen). Doch als der aussteigen will, eskaliert die Situation.

Ich weiß noch, dass ich damals, als der Film in die Kinos kam, erstaunt war, dass er überhaupt bei uns in die Kinos kam. Für gewöhnlich wäre das die Art von Film gewesen, die man sich später auf DVD geholt und sich geärgert hätte, den Film nicht im Kino gesehen zu haben. Doch zum Glück wurde „City of God“ weltweit sehr gefeiert, was dann auch diesem „kleinen“ brasilianischen Film die Chance gab, von mehr Menschen gesehen zu werden.

Oberflächlich betrachtet ist „City of God“ ein Gangsterfilm aus der Sicht eines Jungen, der mit all dem eigentlich nichts zu tun haben will. Es hat ein bisschen was von Martin Scorsese, wenn es darum geht, wie Locke langsam zum Oberboss aufsteigt. Ich könnte mich mal aus dem Fenster lehnen und sagen, es ist das dreckigere „GoodFellas“. Es ist halt die gleiche Story, nur statt schicken Villen und Anzügen, gibt es Slums, enge Gänge und T-Shirts mit Streifen.

Es hat auch ein bisschen was von Guy Ritchie… besonders in der Inszenierung. „City of God“. Die wackelige Handkamera ist es da vielleicht noch nicht einmal so sehr. Die sorgt eher dafür, dass man sich ein wenig vorkommt, als würde man eine Dokumentation gucken. Doch es ist vor allem das Tempo, das Meirelles an den Tag legt, das mich dann doch immer wieder an den Briten Ritchie erinnert: Splitscreens und schnelle Schnitte, die perfekt getimt sind, sorgen dafür, dass die Story zügig voranschreitet und uns mehr und mehr in den Krieg in der „City of God“ katapultiert.

„City of God“ ist ein dreckiger Film, der extrem authentisch daherkommt. Fast alle Darsteller im Film sind nämlich Laiendarsteller, von denen Hauptdarsteller Rodrigues sogar wirklich in der „Stadt Gottes“ aufgewachsen ist. Aber dass sie Laien sind, merkt man dem Film nicht wirklich an. Darstellerisch ist der Film unglaublich stark und liefert glaubwürdige Performances ab. Auch das Setting verfehlt seine Wirkung nicht – zwar wurde nicht wirklich in der echten Stadt Gottes gedreht, aber die engen Gassen, die klapprigen Hütten, die die Menschen ihr Zuhause nennen, die alten Gebäude und der Dreck – alles das macht „City of God“ sehenswert… und beängstigt auch ganz schön.

Es ist wie diese Bilder von Kindersoldaten, wenn hier die kleinen Kinder bis unter die Zähne bewaffnet durch die Straßen der Stadt rennen und sich darüber unterhalten, wen man wie am besten umbringt. „City of God“ ist meilenweit von den schönen Touri-Hochglanz-Bildern entfernt, die man von Rio de Janeiro kennt… und gerade deswegen ein Film, der wichtig ist.

Wertung: 8 von 10 Punkten (der Drogenkrieg der Kinder ist heftiger Tobak)

Tinkerbell und das unsterbliche Monster

11. September 2019

Okay, bevor jetzt jemand eine Rezension zu diesen billig produzierten und furchtbar animierten Tinkerbell-Kinderfilmen erwartet, kommt hier die Entwarnung: Darum geht es ganz und gar nicht. Vielmehr geht es um die Serie, bei der „Die Zeit“ meinte, sie würde versuchen wollen, das Loch zu stopfen, das „Game of Thrones“ hinterlassen hat. Allerdings ist das sehr optimistisch gedacht – wenn eine Serie dazu wirklich das Zeug hat, könnte es vielleicht die kommende „Herr der Ringe“-Serie sein. Aber definitiv nicht die Serie, in der Cara Delevingne Tinkerbell spielt. Dennoch ist „Carnival Row“, amazons neueste Original-Serie nicht schlecht – nur ein weltweiter Kassenschlager wird sie wohl eher nicht. Dafür ist sie dann doch ein wenig zu speziell.

Allein der Einstieg ist schon nicht ganz so einfach: Wir befinden uns in einer Stadt, die einem London der Industrialisierung ähnelt. Diese Stadt heißt The Burgue, hier leben Menschen und Fabelwesen zusammen… doch leider eher ungewollt. Ein Bürgerkrieg im Land der Fabelwesen (vorwiegend Feen und Faun-ähnliche Wesen, die abwertend „Pucks“ genannt werden) sorgt dafür, dass viele als Flüchtlinge ihren Weg nach Burgue suchen. Unter ihnen ist auch die junge Fae Vignette (Cara Delevingne), die in der Stadt zufällig auf Inspektor Rycroft „Philo“ Philostrate (Orlando Bloom) trifft. Als junger Soldat im Land der Fae lernten sich die beiden schon kennen und lieben. Doch Philo brach ihr das Herz… leider kann er sich jetzt nicht darum kümmern, sorgt eine Mordreihe im sozialen Brennpunkt der Stadt, Carnival Row, für Chaos. Vor allem weil auch die Situation mit den Flüchtlingen zusätzlich für Aufruhr und Proteste sorgt.

„Carnival Row“ ist in seiner ersten Staffel noch etwas durchwachsen. Es gibt Dinge, die gut funktioniert haben und welche, die noch besser werden müssen. Was auf Anhieb wirklich gut dargestellt wurde, ist das Gesellschaftsbild in Burgue. Die Flüchtlinge sind unerwünscht und werden in Carnival Row wie in einem Ghetto gehalten. Sie sind unter der Würde der Menschen, weswegen die sie gerade als Haushälter oder als Prostituierte akzeptieren können. Was Netflix mit „Bright“ verzweifelt versucht hat, funktioniert in „Carnival Row“ wirklich gut – die Serie greift hier die politischen Themen der Rassentrennung und der Flüchtlinge wirklich gut auf und lässt sie leider auch so ausspielen, wie man es aus der Geschichte schon kennt. In diesem Punkt ist die Serie nicht nur interessant, sondern auch ziemlich aktuell – nur wird das Ganze eben mit hübschen Feen und Faunen geschmückt.

Diese politische Story ist dann gewürzt mit ein bisschen Sex (eine feine Dame bandelt mit einem Puck an) und Intrigen – hier besonders rund um den Kanzler von Burgue (gespielt von Jared Harris) und seiner Familie. Leider ist auch dieser Handlungsstrang längst nicht so spannend und stark wie er sein könnte. Hier werden dann auch zu viele kleinere Geschichten erzählt (unter anderem die feine Dame!!!), die nicht so stark sind und manchmal sehr gewollt anrüchig sein wollen. Erst zum Ende der ersten Staffel offenbart sich aber gerade bei dem ganzen Politikum der Serie großes Potenzial, das die Macher hoffentlich in Staffel 2 zu nutzen wissen.

Der Mordfall, der „Carnival Row“ dann heimsucht, wird irgendwie da reingewoben. Durch die Augen von Philo lernen wir dann diese neue Welt etwas besser kennen. Orlando Bloom hat mich dabei ständig an Johnny Depp in „From Hell“ erinnert. Bloom nach so langer Zeit mal wieder zu sehen, war interessant. Ich fand ihn gut, ich fand auch Delevingne gut, obwohl sie weniger gut zu Geltung kommt. Folge 3, eine Flashback-Folge, ist für die beiden Darsteller die beste, da sie hier wirklich mal aufspielen können. Ansonsten geraten sie in dem wilden Durcheinander der Story (die wirklich an einigen Stellen zu überfrachtet ist) manchmal ein wenig in den Hintergrund.

Gleichzeitig hat „Carnival Row“ aber trotzdem ein World-Building-Problem. Das ganze Szenario in der Stadt ist noch greifbar, alles andere aber nicht. Dieser Krieg im Land der Fae und deren Feinde, die nur „The Pact“ genannt werden, wird kaum thematisiert, scheint aber doch sehr wichtig zu sein. Ich hatte immer das Gefühl, mir fehlt eine Staffel, die ich vorher hätte gucken müssen, um wirklich alles nachvollziehen zu können.

„Carnival Row“ ist nette Unterhaltung, die tatsächlich so viel mehr sein könnte, wenn die Macher ab Staffel 2 ein wenig mit Bedacht an die Sache gehen.

Wertung: 6 von 10 Punkten (ein guter Start, sollte aber in Staffel 2 echt zulegen)

Tänzer im Rausch

9. September 2019

Gaspar Noe… ein Name, der schon deutlich macht, dass man bloß nichts Normales erwarten sollte. Und spätestens seit meiner Erfahrung mit „Irreversible“ bin ich bei Noe auch immer sehr, sehr vorsichtig. Er ist ja ein guter Filmemacher, aber eben auch sehr speziell. Gut, das klingt jetzt, als wenn ich sein komplettes Werk kenne – was ich nicht tue. Ich kenne genau zwei Filme von ihm: Den schon erwähnten „Irreversible“ und „Enter the Void“. Gaspar Noe gilt als Mann, der sein Publikum spaltet… die einen schreien Skandalfilm, die anderen nicht. Heftig sind seine Filme (also die zwei, die ich gesehen habe) aber schon immer. Deswegen war ich letztes Jahr so erstaunt, dass (zumindest auf Kritikerseite) sein Film „Climax“ so gelobt wurde. Seit der nun auf Netflix rumschwirrt, wollte ich mal tapfer sein und mir den auch anschauen. Aber meine Fresse… ich wünschte, ich hätte es gelassen. Ich wünschte, ich wäre in der Lage gewesen, einfach auszumachen, aber ich hatte da die Hoffnung, es kommt noch irgendwas… was leider ganz und gar nicht der Fall war.

Eine Gruppe Tänzer, versammelt durch die Choreografin Selva (Sofia Boutella), feiern nach anstrengenden Tagen der Probe eine kleine Party. Natürlich gibt es viel Musik, es wird getrunken und getanzt. Doch dann müssen sie feststellen, dass ihnen jemand etwas in den Alkohol gemischt hat. Schnell wird aus der Party eine Orgie der Paranoia, der Lust und der Gewalt.

Ja… wie gesagt, Gaspar Noe spaltet und das scheint ja auch immer eines seiner Ziele zu sein. Was man allerdings an „Climax“ gut finden kann, werde ich leider nicht verstehen können. Für mich waren das die anstrengendsten und langweiligsten 90 Minuten, die ich seit langem erlebt habe. Es beginnt erst einmal damit, dass die ersten 45 Minuten eigentlich nur die Einleitung sind. Das Titel-Intro und die Namen der Darsteller fungieren dann als kleine Intermission, bevor dann der Film „beginnt“. Vorher sehen wir uns 10 Minuten Audition-Tapes an, sehen dann eine zugegebenermaßen coole Choreografie, bevor wir zur Party kommen, auf der eben das gemacht wird, was auf einer Party so passiert. Noe versucht das Ganze zwar durch verschiedene „Geschichten“ zwischen den Leuten interessant zu machen, hat bei mir aber nicht funktioniert. Dafür waren mir die Darsteller allesamt zu blass und ihre Charaktere nicht so weit ausgearbeitet, dass ich mir auch nur ihre Namen hätte merken können. Nur die Dame mit dem Kind – und überhaupt die Story mit dem Kind – die ist mir als besonders arg im Gedächtnis geblieben.

Als dann der irre Drogenrausch losging, verlor mich der Film nur noch mehr. Es mag ja vielleicht alles sehr authentisch wirken, aber ich brauche nun wirklich keinen Film, in dem Menschen einfach 45 Minuten lang langsam durchdrehen, sich ficken, sich verprügeln, sich aus Versehen in Brand stecken und und und… hier wurde „Climax“ für mich eine Ansammlung aus Drogenerfahrungen. Mehr passiert nicht. Es ist einfach nur ein Drogentrip auf Film gebannt… und ganz ehrlich, dann nehme ich doch lieber so etwas wie „Fear and Loathing in Las Vegas“. Das ist wenigstens schräg, hat aber noch was zu bieten. „Climax“ hatte mir wirklich gar nichts zu bieten.

Das Einzige, was an diesem Film interessant ist, ist die Kamera-Arbeit von Benoit Debie (gut, die Tänzer waren auch schon gut, aber Charaktere waren sie dadurch noch lange nicht für mich). Die Kamera ist wirklich der Hammer. Debie und Noe zeigen uns ewig lange One-Takes, die Kamera schwebt wie ein düsterer Geist hinter den Darstellern her, verdreht sich, lieferten die chaotischsten Perspektiven und Winkel. Inszenatorisch ist „Climax“ da an vielen Stellen schon wirklich sehr aufregend und passend zur Musik und zum Chaos… doch tolle Kamerafahrten und verrückte Perspektiven allein reichen da leider nicht.

Dieser Film ist einfach nichts für mich. Punkt!

Wertung: 2 von 10 Punkten (ich hätte gerne diese 90 Minuten wieder)

Filmreise Etappe #1: Die Kamel-Lady

6. September 2019

Lange habe ich es angekündigt, jetzt ist es endlich soweit. Ich fange mit der Filmreise Challenge an, auf die ich dank Marco von Ma-Go Filmtipps aufmerksam wurde. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, worum es geht: hauptsächlich bringt es jeden, der mitmacht, dazu, mal ein bisschen anders (und vor allem andere) Filme zu schauen. Das wird jetzt bei mir nicht zwangsläufig immer am Freitag stattfinden, aber ich versuche, es so regelmäßig wie möglich zu machen. Aber genug gelabert… ich fange die Filmreise natürlich brav mit der Nummer 1 aus der Kategorie Weltreise an… und die schickt mich nach Australien (oder Neuseeland). Es wäre jetzt natürlich leicht gewesen, einfach „Mad Max“ zu nehmen oder „Der Herr der Ringe“. Ersteren habe ich aber schon auf meinem Blog verewigt, für letzteren werde ich mir irgendwann mal in Ruhe Zeit nehmen. Daher fiel meine Australien-Auswahl auf den auf wahren Begebenheiten basierenden Film „Spuren“ mit Mia Wasikowska.

Australien, Ende der 70er Jahre: Die junge Robyn Davidson (Wasikowska) entschließt sich, auf eine weite Reise zu gehen. Sie will von Alice Springs bis an den Indischen Ozean wandern. Das sind knapp 2700 Kilometer durch die erbarmungslose australische Wüste. Und Robyn will diese Reise alleine machen – nur mit ihren Kamelen und ihrer Hündin. Der Fotograf Rick Smolan (Adam Driver) trifft sie an bestimmten Etappen, um Fotos für einen Artikel für National Geographic zu machen.

Ich muss gestehen, ich „hasse“ eigentlich solche Filme. „Into the Wild“ ist auch so ein Film, den ich „hasse“. Dieser Hass baut aber mehr auf Neid auf, Neid vor diesen mutigen Menschen, die sich einfach mal so ein Abenteuer wagen, die aus ihrer Komfortzone ausbrechen und etwas aufregendes erleben. Wenn ich solche Filme wie eben auch „Spuren“ gucke, möchte ich am liebsten auch losziehen – einfach eins mit der Natur werden. Aber spätestens wenn ich mir bewusst mache, dass es da draußen kein Netflix und kein Wlan gibt, ist die große Abenteuerlust auch vorbei. Und ja, „Spuren“ erweckt diese Abenteuerlust schon ziemlich gut… dabei muss ich gestehen, ist der Film nicht so sonderlich gut.

Die Abenteuerlust kommt durch die tollen Landschaftsaufnahmen, die der Film uns präsentiert. Hier kann man schon ein wenig ins Schwelgen kommen… zumal „Spuren“ förmlich dazu einlädt. Es wird nicht viel geredet, wir sehen Robyn einfach nur wandern. Manchmal hätte ich mir da fast schon einen inneren Monolog gewünscht, der der Story wenigstens ein bisschen mehr Tiefe geben würde. So ist der Film eher wie eine Doku ohne Audiospur und lebt fast ausschließlich von seinen tollen Bildern.

Ein bisschen merkwürdig fand ich auch, wie reibungslos alles in diesem Film verläuft. Es gibt eine Szene, die mich da ganz besonders irritiert hat: Robyn verliert ihren Kompass mitten in der Wüste. Aber nicht verzagen – nach kurzem Suchen findet sie ihn auch schon wieder. Genau so ist es, als man ihr verbietet, heiliges Land zu überqueren. Kurz bevor sie den längeren Weg einschlägt, kommt dann doch noch ein Aborigine und hilft ihr da durch. Der Film lässt diese Reise verdammt einfach aussehen. Dass es in der Wüste viele Gefahren gibt, wird hier nicht wirklich deutlich. Selbst die Hitze scheint, wenn man der Logik des Films folgt, nicht ganz so schlimm zu sein. Hier hat Regisseur John Curran definitiv eine Chance verpasst und schwelgt halt einfach nur weiter in seinen Landschaftsaufnahmen.

Auch die Kultur der Aborigines wird kaum mal näher beleuchtet… was ebenfalls schade ist, da es sich an vielen Stellen einfach so gut angeboten hätte. Curran hätte auf ein, zwei lange Einstellung einer Kameltreibenden Mia Wasikowska verzichten und mehr Tiefe in seinen Film bringen können. So bleibt „Spuren“ ein filmisches Australien-Bildband mit einer starken Mia Wasikowska, aber leider vielen verschmähten Chancen, etwas mehr aus dem Film zu machen.

Wertung: 6 von 10 Punkten (ein Trip, der sicherlich aufregender war, als es hier dargestellt wird)

Die Ludovico-Methode

4. September 2019

Nachdem ich erst vor kurzem „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess gelesen habe, musste ich natürlich auch den passenden Film dazu von Stanley Kubrick gucken. Immerhin kannte ich den vorher, bevor ich überhaupt wusste, dass der Film auf einem Roman basiert. Interessanterweise ist das dieses Mal (fast) nicht so schlimm… denn abgesehen von einigen kleinen Änderungen (auf die wir noch zu sprechen kommen), ist „A Clockwork Orange“ eine sehr genaue Verfilmung des Romans. Dennoch kann man auch hier wieder stark rummeckern, wenn man denn möchte – und zwar an einem Punkt, der das Buch ja dann doch so besonders macht. Aber dazu später mehr…

Wie gesagt, der Film orientiert sich ziemlich genau am Buch: Der junge Alex (Malcolm McDowell) erzählt uns aus dem Off seine Geschichte. Wie er als Jugendlicher mit seiner Gang von Droogs Terror verbreitete, Menschen wahllos verprügelte, vergewaltigte und sich keine Sorgen machte, wohin ihn das führen könnte. Durch den Verrat seiner Freunde und den Tod einer älteren Dame landet Alex jedoch im Gefängnis. Hier interessiert er sich für die Ludovico-Methode, die ihm das Schändliche, das Böse austreiben soll. Freiwillig lässt sich Alex auf das Experiment ein.

Verglichen mit dem Buch ist Kubricks Film noch relativ harmlos. Erst einmal haben wir es nicht wirklich mit einem 15-Jährigen zu tun. Da wirkt Malcolm McDowell dann doch ein wenig zu alt für. Er kommt zwar immer noch jugendlich genug rüber, um seine Taten brutal wirken zu lassen, aber er ist eben keine 15. Was aber irgendwie zu Kubrick gepasst hätte, wenn er wirklich ein Kind als Darsteller genommen hätte. Nur wäre das dann auch ein Film gewesen, der es wahrscheinlich niemals ins Kino geschafft hätte. Auch Alex‘ Gewalttaten sind im Film nicht ganz so extrem wie im Buch. Ich hatte da ja schon drüber geschrieben… nichtsdestotrotz gelingt es auch Kubrick eindrücklich zu zeigen, mit welcher Brutalität Alex und seine Freunde vorgehen.

Was für mich persönlich mittlerweile ein wenig verloren geht, ist das Nadsat, diese Jugendsprache aus dem Buch. Sie ist zwar auch präsent im Film, hat aber nicht die gleiche Kraft wie im Buch. Ich kann zwar – gerade nachdem ich das Buch entziffert habe – verstehen, warum Kubrick es damit nicht zu sehr übertrieben hat, dennoch fehlte es mir jetzt. Da war mir Alex‘ Sprache fast schon zu normal.

Womit ich tatsächlich schon vorher immer ein leichtes Problem hatte, war das Ende des Films. Es kommt irgendwie recht abrupt. Kubrick deutet an, dass Alex wieder normal zu sein scheint und lässt ihn dann in einer Sexfantasie sein glorreiches Ende finden. Da hat sich Burgess beim Ende dann doch ein wenig mehr gedacht… was dann aber vielleicht auch für einen Kubrick zu sehr wie ein Happy End gewirkt hätte und deswegen verschmäht wurde.

Dennoch… und das muss ich hier jetzt mal sagen… ist „A Clockwork Orange“ ein toller Film. Er wird dem Buch schon gerecht (Kubrick erlaubt sich weniger Freiheiten als zum Beispiel bei „The Shining“), da kann man sich als Leser nicht allzu viel beschweren. Als Zuschauer bekommt man einen interessanten Charakter, den Malcolm McDowell wirklich verdammt gut verkörpert… er gibt ihm Ecken und Kanten, aber er spielt ihn immer irgendwie auch so, dass er einem nie zu unsympathisch wird. Und da liegt vielleicht die Gefahr, dass man meinen könnte, Kubrick verherrlicht hier zu sehr Gewalt und geht gar nicht so sehr auf das Thema des Buches ein, indem es ja auch darum geht, ob es nun besser ist, keinen freien Willen zu haben oder nicht. Das mag vielleicht an einigen Stellen stimmen… gerade der Gefängnispfarrer im Film ist längst nicht so lautstark wie im Buch, aber Kubrick fasst die Kernpunkte des Romans dennoch auch gekonnt in seinen Film.

Kubricks „A Clockwork Orange“ ist ein starker Film, in dem – ganz der Perfektionist, der Kubrick nun mal war – alles wunderbar auf einander aufbaut: Kostüme, Settings, Musik, Darsteller… Kubrick verfilmt einen großartigen Roman, der einem fast die Mühe erspart, ihn zu lesen.

Wertung: 9 von 10 Punkten (lest trotzdem unbedingt auch mal das Buch!!!)

Dein Freund und Helfer

2. September 2019

Auf der Suche nach guter Comedy-Unterhaltung bin ich eigentlich immer. Für gewöhnlich suchte ich die halbstündigen Sitcom-Formate in Nullkomma Nichts weg. Nachdem ich jetzt vor kurzem das erste Mal „Seinfeld“ gesehen habe, war ich wieder etwas experimentierfreudiger – auch eine Schwierigkeit, die ich gerade mit Sitcoms habe. Ich misstraue vielen zu sehr und winke schon ab, wenn ich nur die Prämisse höre. Doch der Netflix-Algorithmus war mal wieder sehr, sehr hartnäckig und schlug mir immer wieder eine Serie vor, die ich dann – in meiner Krankenphase – endlich mal in Ruhe geguckt und sofort lieben gelernt habe: „Brooklyn 99“

Willkommen im 99. Polizeirevier von New York in Brooklyn. Geführt wird das Revier von dem überseriösen und sehr stoischen Captain Raymond Holt (Andre Braugher). Zweite Hand von Captain Holt ist der Joghurt liebende, übertrainierte Terry (Terry Crews). Einer seiner besten Detectives ist der ambitionierte, aber auch alberne Jake Peralta (Andy Samberg), der im ständigen Konkurrenzkampf mit der „Streberin“ des Reviers ist, Amy Santiago (Melissa Fumero), die zudem ständig versucht, durch ihr ordentliches Verhalten die Gunst des Captains für sich zu gewinnen. Unterstützt werden die zwei von Jakes bestem Freund, dem leicht zu manipulierenden und schüchternen Charles Boyle (Joe Lo Truglio), der emotionslosen und etwas Angst einflößenden Rosa Diaz (Stephanie Beatriz) und den beiden Nichtskönnern, die nur ans Essen denken, Hitchock (Dirk Blocker) und Scully (Joel McKinnon Miller). Zusätzlich sorgt die Assisstentin von Holt, Gina Linetti (Chelsea Peretti) für Ärger, da sie eher in ihrer eigenen Welt lebt und sich nicht wirklich darum kümmert, was sie eigentlich zu tun hat.

Man sieht es schon an der „Inhaltsangabe“… „Brooklyn 99“ lebt von seinen zahlreichen und vor allem unterschiedlichen Charakteren. Es ist interessant, dass die Serienmacher dabei eigentlich auf wirklich extreme Stereotype setzen: die Streberin, der Klassenclown, der Schüchterne, die Diva, die Dummköpfe, der Sportler, etc. Jedes Mitglied aus Revier 99 steht im ersten Augenblick für eine besondere Eigenschaft, doch wird immer wieder gekonnt damit gespielt, so dass die Charaktere durch ihre Arbeit und ihr Leben außerhalb der Arbeit mehr Tiefe erlangen. Im Grunde ist „Brooklyn 99“ eine Serie über eine riesige dysfunktionale Familie, in der alle so unterschiedlich sind, dass „Streitigkeiten“ (und das Wieder-Vertragen) vorprogrammiert sind.

Wenn ich müsste, würde ich „Brooklyn 99“ wohl am ehesten mit „Scrubs“ vergleichen. Auch eine Serie, die durch seine vielen verschiedenen Charaktere lebt. Dazu kommt, dass ich sonst nie wirklich Cop-Shows gucke, aber „Brooklyn 99“ feiere. Die Serie bietet einen witzigen Einblick in ein verrücktes Polizei-Revier. Die Halloween-Folge ist immer eine Highlight-Folge, da hier ein wilder Wettbewerb im Heist-Stil durchgeführt wird. „Brooklyn 99“ bietet Comedy und tatsächlich hier und da auch gute Slapstick-Action-Einlagen, aber ab und zu auch ein kleines bisschen Drama (wenn auch nicht zu viel davon). Natürlich geht es auch immer wieder mal um Liebe und das allgemeine Leben…

Netflix hat bislang leider nur die ersten vier Staffeln, aber die sind schon jetzt fester Bestandteil meiner Sitcom-Serien geworden. „Brooklyn 99“ liefert einfach wirklich auf ganzer Linie ab und hat auch wirklich für jeden was. Ich liebe die „Konflikte“ zwischen den Charakteren, ich liebe die wiederkehrenden Elemente (wie eben Halloween oder Jakes ewiger Erzfeind Doug Judy, grandios gespielt von Craig Robinson), ich liebe die Darsteller. Hier funktioniert das Casting auf ganzer Linie. Jede einzelne Rolle ist wirklich perfekt  besetzt und am Ende ist es mir fast egal, was für Fälle die Polizisten bearbeiten, weil ich nicht wegen dem Crime zugucke, sondern wegen der Charaktere.

Dass „Brooklyn 99“ gut ist, zeigt sich vielleicht auch daran, dass Fox die Serie nach Staffel 5 absetzte und NBC sofort einsprang und die Serie übernahm. Mittlerweile ist schon Staffel 6 gelaufen und eine siebte bereits geplant. Das 99. Revier ist also sicher und ich hoffe, Netflix liefert bald Nachschub.

Wertung: 9 von 10 Punkten (perfekte überdrehte, alberne, aber auch clevere Komödie über ein verrücktes Polizei-Revier)

Random Sunday #18: A Clockwork Orange

1. September 2019

Ich hatte noch das Vergnügen, an der Schule Russisch gehabt zu haben… und ja, anfangs war es auch noch ein Vergnügen. Gerade weil das Erlernen des kyrillischen Alphabets schon ein bisschen was von „Wir lernen eine neue Geheimsprache“ hatte. Doch der Spaß hörte für mich irgendwann auf. Doch es ist, wie es immer ist, erst jetzt wünschte ich, ich hätte es doch ein bisschen weitergemacht. Jetzt kann ich nur noch die Buchstaben lesen, sprechen kann ich nur noch ein paar Sätze und verstehen kann ich schon gar nichts mehr. Dennoch hat sich meine großartige Schulbildung in Sachen Russisch jetzt aus dem Nichts heraus doch noch einmal bewähren können. Ich habe es nämlich endlich mal geschafft, mir Anthony Burgess‘ „A Clockwork Orange“ durchzulesen. Bislang kannte ich nur den Kubrick-Film

… und Kubrick ist (im Gegensatz zu einigen seiner anderen Literatur-Verfilmungen) dieses Mal ziemlich stark am Buch drangeblieben. Wir befinden uns in einem England einer nicht allzu fernen Zukunft, in der Jugendgangs das Nachtleben terrorisieren. Anführer einer solchen Gang ist der 15-jährige (!!!) Alex, der mit seinen Freunden des Nachts der „ultra-violence“ frönt. Irgendwann führt die Gewalt aber zu weit, Alex tötet durch seine Eskapaden eine Frau und landet im Gefängnis. Dort wendet er sich erst der Religion zu, sorgt dann aber auch für den Tod eines Insassen und wird daraufhin der Ludovico-Methode unterzogen: Eine Konditionierung, die ihn dazu bringt, Sex und Gewalt abstoßend zu finden.

Wie gesagt, die Story übernimmt Kubrick ja so auch für seinen Film. Allerdings schaltet er bei der Gewalt dann doch einen Gang zurück. Burgess‘ Erzähler Alex ist ein grausames Biest, der wahllos und ohne Sinn für Reue Dinge und Lebewesen zerstört. Der Roman bringt diese Grausamkeiten noch viel mehr zum Ausdruck als der Film. Eine junge Frau wird von Alex und seinen drei Freunden brutal vergewaltigt, er prügelt wahllos einen alten Professor halb tot und und und… er bringt es sogar fertig, zwei zehnjährige Mädchen mit Alkohol und Drogen zum Sex gefügig zu machen. Allein schon durch die „Altersgrenze“ zwischen Film und Buch wirkt das Buch gleich noch einmal um ein Vielfaches schockierender und alarmierender.

Interessant ist dabei auch, dass Burgess gar nicht erst versucht, Beweggründe dafür zu suchen, warum Alex so ist, wie er ist. Burgess greift hier gekonnt die uralte Frage auf, ob der Mensch nun von Geburt an schlecht ist oder ob er es erst durch das Leben wird. Alex ist da ein interessantes Fallbeispiel: Wir lernen zwar nicht zu viel über seine Eltern, aber er scheint doch zumindest alle Voraussetzungen dafür zu haben, ein guter Mensch sein zu können. Es bleibt also die Frage, wo er vom rechten Pfad abgekommen ist. Das wiederum wird dann mit der „Ludovico-Methode“ noch weitergedacht: Ist es besser, einem Menschen den Willen zu nehmen, damit er gut wird oder sollte er seinen freien Willen behalten können? „A Clockwork Orange“ ist ein kurzer Roman, in dem aber unheimlich viel an Denkanstößen drinsteckt (ein Grund, warum ich jetzt froh bin, dass ich dieses Buch nie in der Schule lesen musste – da hätte man das wieder bis ins kleinste Detail auseinander gekaut).

Was aber neben der Thematik so faszinierend an „A Clockwork Orange“ ist, ist die von Burgess erfundene Jugendsprache Nadsat… und hier schließt sich dann der Kreis. Denn nur Dank meiner sehr allgemeinen Russisch-Kenntnisse konnte ich mich da oftmals sehr viel einfacher durchlotsen. Denn Burgess vereint hier Russisch mit Englisch… dabei ist das Russische dann teilweise so „ver-englischt“ geschrieben, wie man es schreiben würde, wenn man das Wort nur hört. Das Wort „gut“ wird hier zu „horrorshow“, abgeleitet vom russischen „хорошо“. Sätze sehen dann so aus und erfordern mehrfaches Lesen und Kombinieren, um die Vokabeln aus dem Kontext zu erraten:

The sounds were real horrorshow. … A young devotchka … was being given the old in-out, in-out first by one malchick, then another, then another… When it came to the sixth or seventh malchick, leering and smecking and then going into it, I began to feel really sick. But I could not shut my glazzies. And even if I tried to move my glazz-balls about, I still could not get out of the line of fire of this picture.

Burgess spielt so gekonnt mit der Sprache, dass sich dahinter die Brutalität fast schon ein wenig verstecken kann. Dadurch, dass Alex der Erzähler dieser Geschichte ist und seine Sprache verwendet, wird die Gewalt fast schon verharmlost. Dieses wirre Gebrabbel ist wie eine Nebelwand, durch die wir uns als Leser kämpfen müssen, um zu erkennen, was wirklich vor sich geht. Das macht dann wieder den besonderen Reiz von „A Clockwork Orange“ aus.

Was Burgess hier mit Sprache macht, ist faszinierend und auch sehr komisch… aber jeder Lacher, jeder Schmunzler hat einen bitteren Beigeschmack. „A Clockwork Orange“ ist aber – dank seiner Kürze – wirklich ein Buch, das man mal gelesen haben muss (wobei ich leider nicht sagen kann, wie Nadsat ins Deutsche übertragen wurde).

Das Horn von Dagoth

30. August 2019

Arnie als Conan der Barbar ist eine meiner absoluten Lieblingsrollen von ihm. Das war und ist so ein Fantasy-Film wie er besser nicht sein könnte. Also ich rede dabei vor allem vom ersten Teil „Conan der Barbar“. Da gab es finstere Schlangenpriester, riesige Schlangen, Hexen, uralte Götter, Zauberer, geheimnisvolle Ort und eben den Schwert schwingenden Barbaren Conan, den wohl niemand besser hätte verkörpern können als Arnold Schwarzenegger. Teil 1 ist für mich so perfekt, dass ich mich bislang immer ein bisschen vor dem zweiten Teil gedrückt habe – zumal ich nie wirklich etwas Gutes über den Film hörte. Doch nachdem ich mich jetzt den Dämonen meiner Vergangenheit gestellt und „Indiana Jones 4“ geguckt habe, dachte ich mir, es wäre mal an der Zeit, mir „Conan der Zerstörer“ anzuschauen.

Die Königin Tamaris (Sarah Douglas) bittet Conan (Schwarzenegger) um Hilfe. Eine alte Prophezeiung besagt, ihre Tochter Jehnna (Olivia d’Abo) ist dazu bestimmt, aus dem Schloss des Zauberers Toth-Amon (Pat Roach) einen magischen Diamanten zu holen, da nur die Auserwählte ihn berühren kann. Mit diesem Diamanten kann die Königin dann das Horn von Dagoth finden, um den schlafenden Gott wieder zu erwecken. Was keiner weiß… die Prinzessin muss dafür aber sterben. Conan willigt ein, weil die Königin ihm verspricht, seine große Liebe Valeria wieder beleben zu können.

„Conan der Zerstörer“ ist mehr Trash als der erste Teil. Der hat sich in seiner Mythologie noch ernst genommen und zudem auch versucht, die Charaktere auszubauen. „Conan der Barbar“ war Conans Geschichte: Der Aufstieg des Kriegers, der nur von Rache getrieben wird, der den Mörder seines Volkes, seiner Eltern finden und zur Strecke bringen will. „Conan der Zerstörer“ ist jetzt einfach nur Fantasy-Gedöhns. Conan selbst ist in diesem Film nicht einmal sonderlich interessant. Und seine mit ihm reisende Truppe noch weniger. Olivia d’Abo ist die Textbuch Dame in Not, die nichts weiter kann als die ganze Zeit rum zu quieken und zu nerven. Es gibt ernsthaft eine Szene, in der man ihr versucht, dass mit den Bienen und Blumen zu erklären, weil sie ein bisschen heiß auf Conan ist.

Vom ersten Teil selbst ist nur Mako dabei, der wieder Conans Magier-Freund spielt, aber auch er gerät in den Hintergrund. Grace Jones spielt eine Art Kämpferin mit puscheligem Schwanz, bei dem man nie so ganz weiß, ob er nur zu ihrem Körper gehört oder nur zu ihrer Rüstung. Auf jeden Fall bekommt er einen eigenen Klingel-Sound, als sie sich nach einer Tauchaktion schütteln muss. Dann hätten wir da noch Conans Begleiter, den Dieb Malak (Tracey Walter), der so ein Comic-Relief-Charakter sein soll. Sein größtes Problem ist aber, dass er nicht einmal wirklich lustig ist. Sondern nur nervt und nervt und nervt.

Die Charaktere sind langweilig, aber immerhin versucht Regisseur Richard Fleischer das ganze Fantasy-Setting noch ein bisschen stärker hervorzuheben. Das Spiegel-Schloss des Zauberers ist schon ziemlich cool und abgesehen davon, dass es ein bisschen albern aussieht, ist auch das Monster im Spiegel-Schloss ganz witzig. Der Hort des Horns hat auch was – genau so wie Dagoth, der am Ende zum ekligen Monster wird und von Conan bekämpft werden muss. Die einzelnen Elemente sind interessant, aber da merkt man das große Problem des zweiten Teils: Es sind viele Versatzstücke, die sich aber nie so richtig als ein Ganzes anfühlen.

John Milius „Conan der Barbar“ war ein Film für Erwachsene, der war brutal und düster. Milius entführte uns in eine Fantasy-Welt, die trotzdem irgendwie greifbar war und in der die Charaktere ihre eigenen Beweggründe hatten. Fleischers Fortsetzung fühlt sich mehr wie Kinderunterhaltung an. Es ist alles ein bisschen bunter, sehr viel alberner und die Charaktere sind irgendwie unnütz (der ganze Film wäre zum Beispiel gut ohne Tracey Walter und Grace Jones ausgekommen, die kaum was zur Handlung beitragen).

Trotzdem hoffe ich auf den immer noch geplanten dritten Teil mit einem alten Conan…

Wertung: 4 von 10 Punkten (keine würdige Fortsetzung für den Barbaren, der hier mehr zur Witzfigur wird)

Angst essen Engel auf

28. August 2019

Meine Manga-Phase war erstaunlich kurz. Sie dauert nicht länger als ein paar Monate, bescherte mir aber „Akira“, „Battle Angel Alita“, Miyazakis „Nausicäa“ und vor allem Kentaro Miuras „Berserk“ (der einzige Manga, den ich bis heute noch lese und mich gleichzeitig auch frage, wann das Ding endlich mal beendet wird). Zu den Mangas meiner kurzen Phase gehörte natürlich auch „Neon Genesis Evangelion“, eine Reihe, die ich echt toll fand. Als mein bester Freund mir damals stolz erzählte, er hat sich die Serie dazu gekauft, war ich hin und weg. Wir haben das Ding dann gefühlt in einem Rutsch an einem Wochenende durchgesuchtet… aber so richtig begeistert war ich am Ende nicht (das Finale ist auch vielleicht nicht unbedingt geeignet für ein junges Publikum). Daher war ich Netflix ganz dankbar, dass sie die Serie und sogar die beiden alten Filme, die ein alternatives Ende erzählen sollen, in ihr Programm aufgenommen haben. So konnte ich jetzt, nach Jahren, noch einmal „Neon Genesis Evangelion“ in Ruhe schauen… und ja, es ist schon eine großartige Serie, aber auch verdammt deprimierend.

15 Jahre nach dem „Second Impact“, einem katastrophalen Vorfall in der Antarktis, bereitet sich die Menschheit auf die Angriffe sogenannter Engel vor. Um gegen diese Wesen vorzugehen, werden riesige Roboter gebaut, die EVAs genannt werden. Gesteuert werden die von Kindern. Eines davon ist der Junge Shinji Ikari, dessen Vater Leiter der Organisation NERV ist, die die Menschheit gegen die Engel beschützen will. Gemeinsam mit dem First Children Rei (englische Grammatik ist nicht die Stärke dieser Serie) und dem Second Children Asuka und unter der Anleitung von Misato muss sich Shinji an seine neue Rolle gewöhnen, denn die ersten Engel machen bereits ihre Aufwartung.

 

Puh, so eine Inhaltsangabe zu „Neon Genesis Evangelion“ kann das Ganze ordentlich versauen. Denn so wie es jetzt klingt, besteht die Serie nur aus Robotern vs. Engel / Aliens. Und ja, zu einem gewissen Teil macht das natürlich auch die Serie aus. Die Action, die uns Regisseur Hideaki Anno liefert, ist super. Die Engel sind abwechslungsreich und interessant, ihre Fähigkeiten fordern die EVAs und NERV jedes Mal aufs Neue heraus, so dass es sich nicht bloß um eine stupide Aneinanderreihung von Gegnern handelt. Die EVAs und ihre Piloten werden immer und immer wieder auf die Probe gestellt und können sich nie sicher sein, dass sie es gleich beim ersten Mal schaffen. Allein das ist schon mal verdammt toll.

Doch es ist nicht zwingend die Action, die „Neon Genesis Evangelion“ so toll macht. Immerhin wird die Serie als eine der besten Anime-Serien aller Zeiten gefeiert, was macht Hideaki Anno also anders? Nun, zum einen ist es die Story selbst. Er versteht es, uns nach und nach erst mit Informationen zu füttern, was es mit diesem Second Impact und den Engeln wirklich auf sich hat. Wenn man am Ende so langsam die Puzzleteile zusammenfügt, ist das schon eine verdammt epische Geschichte. Eine Geschichte bestückt mit religiösen Verweisen ohne Ende, die allein auseinander zu nehmen, schon Bücher füllen könnte. Es gibt so viel Subtext in dieser Serie, dass man sie tausend Mal schauen könnte und immer noch nicht alles begriffen hätte.

Zum anderen, und das ist der viel wichtigere Punkt, sind es die Charaktere. Keiner von denen ist der strahlende Held. Shinji will ja nicht einmal wirklich in seinen Roboter steigen. Jeder dieser Charaktere ist ein gebrochenes Wesen, das verzweifelt seinen Platz in dieser Welt sucht, das Anerkennung sucht und ständig an sich selbst zweifelt. Man liest überall, dass Anno hier seine eigene Depression verarbeitet haben soll… wenn das wirklich stimmt, ist ihm das mehr als nur gelungen. Ähnlich wie „Hellblade“ als Spiel einem Psychosen auf erschreckende Weise näher gebracht hat, bringt einem „Neon Genesis Evangelion“ Depression und alles, was dazu gehört, auf bedrückende Art und Weise näher. Gerade über die finalen Folgen, die ja dann wirklich zu reinen Psychoanalysen der Charaktere werden (und mich immer an Tetsuos Trip in sich selbst bei „Akira“ erinnern). Spätestens hier sollte dann wirklich jedem klar werden, dass NGE etwas ganz Eigenes ist. Eine Serie über verletzte Menschen, zerbrechliche Wesen, die weniger Angst davor haben, gegen Engel zu kämpfen als gegen sich selbst. Auf dieser psychologischen Ebene ist „Neon Genesis Evangelion“ unglaublich intensiv.

„Neon Genesis Evangelion“ ist oberflächlich eine Action-Serie mit großen Monstern und großen Robotern, aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Serie ist wirklich der Hammer, fordert seinen Zuschauer aber auch ordentlich heraus… gerade auch mit dem Finale, das vielen dann nicht wirklich passte, weswegen Hideako Anno zwei Filme nachlieferte, die ein alternatives Ende zeigen… und die ich mir demnächst auch mal anschauen muss.

Wertung: 9 von 10 Punkten (schwere Kost, die nur schwer zu verdauen, aber dennoch einfach nur großartig ist)