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Die Meere des Dr. Moreau

5. Oktober 2022

BLUE SUBMARINE NO. 6“ ist eine der ersten Anime-Serien, die ich je gesehen hatte. Als damals, als ich noch ein junger Bub war, so langsam die Manga-Mania auch nach Deutschland überschwappte und ich das erste Mal in die Welt von Mangas wie „Berserk“ oder „Neon Genesis Evangelion“ oder „Akira“ oder oder oder eintauchte, hatte ich einen besten Freund, der auch Zugriff auf Animes hatten. Dank ihm sah ich damals das erste Mal (natürlich noch schon auf VHS) „Neon Genesis Evangelion“ und war einfach nur geflasht. Er hatte da auch „Blue Submarine No. 6“… allerdings als Film zusammengeschnitten… schließlich besteht die Serie nur 4 Episoden, die letztendlich zusammen nicht mehr als zwei Stunden lang sind. Ich hatte das Ganze schon wieder vergessen, bis mir letztens amazon den Hinweis gab, dass die Serie demnächst von der Plattform verschwinden würde. Weswegen ich einem meiner ersten Animes unbedingt noch einmal nachholen wollte.

Der so geniale wie verrückte Wissenschaftler Zorndyke hat die Magnetfelder der Erde manipuliert und dadurch dafür gesorgt, dass diese Instabilität für eine weltweite Katastrophe gesorgt hat. Die Polkappen schmolzen, die Erde wurde vom Meer fast vollständig eingenommen, nur noch an wenigen Orten konnten sich die restlichen Überlebenden ansiedeln. Zusätzlich hat Zorndyke auch noch seine eigenen Kreaturen erschaffen, die ans Leben im Meer angepasst sind und für ihren „Vater“ in den Krieg mit den restlichen Menschen ziehen. Die Besatzung des U-Boots „Blue Sumbarine No. 6“ wird in den Kampf gegen Zorndyke gezogen… unter der Führung von Offizierin Mayumi Kino und mit der widerwilligen Hilfe des Technikers Tesu Hayami soll nun der letzte Schlag gegen Zorndyke gelingen, bevor der die letzten Menschen auch noch umbringt.

„Blue Submarine No. 6“ hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Es geht um das Zusammenleben zwischen Menschen und Natur. Das Ganze ist ein wütender Appell gegen die Art und Weise, wie die Überbevölkerung dafür sorgt, dass der Planet darunter zu leiden hat. Zorndyke ist als genialer Wissenschaftler da auch eine interessante Figur, dessen Beweggründe drastisch, aber dessen Wünsche für die Erde irgendwie auch nachvollziehbar sind. Es bleibt halt nur die Frage, wie viele Opfer ist man bereit in Kauf zu nehmen, um den Planeten zu schützen. Der Anime will hier intensive Fragen aufgreifen… hat dabei aber ein großes Problem – und das ist die Zeit. Vier Episoden a 30 Minuten sind einfach viel zu wenig.

Die Charaktere kommen nie so richtig zur Geltung. Die Beziehungen zwischen den Figuren können nie so richtig ausgebaut, sondern nur angedeutet werden. Da hätten wir den Hai-Mann Verg, der Sohn von Zorndyke, der den Krieg überhaupt erst anzettelt. Da wäre die Mensch-Fisch-Hybridin Mutio, die von Hayami gerettet wird und Interesse an den Menschen entwickelt. Da wäre Zorndyke selbst, der nie so richtig als Figur zur Erscheinung tritt (außer durch seine Reden, die man hier und da mal hört). Die gesamte Crew der Blue Submarine 6 ist einfach nur irgendwie da, ohne das man sie wirklich kennenlernt. Darunter leidet die Serie und auch die Geschichte… denn die Figuren sind nur leere Hüllen. „Blue Submarine No. 6“ könnte ein Remake vertragen, in dem man einfach mehrere Episoden hat, die dann die Vorgeschichte ausbauen, den Konflikt Zorndykes besser erklären und diesen Krieg zwischen Meer und Mensch vielschichtiger ausarbeiten können. Das fehlt hier einfach… dadurch habe ich auch nicht so viel „Spaß“ mit der ganzen Sache gehabt. Es fühlt sich zu gehetzt an, zu unstrukturiert. Gerade das Finale kommt dann gefühlt einfach aus dem Nichts und dann ist alles vorbei. Bei einer Geschichte wie dieser braucht es mehr Zeit, dann könnte man hier wirklich was Großes auf die Beine stellen.

Schließlich ist das Szenario echt spannend. „Waterworld“ mit mehr Sci-Fi, mit riesigen Walen, die durch Gen-Technik riesige Kampfschiffe geworden sind. Das ist schon echt cool. Allerdings kommt hier ein zweites Problem: Studio Gonzo mixt hier gezeichnete Szenen mit computer-animierten Sequenzen. Die kommen gerade in den Unterwasserkampfsequenzen zum Einsatz – und sind leider gar nicht gut gealtert. Es ist so ein harter Kontrast, wenn man aus einem CGI-Kampf zu den gezeichneten Figuren zurückkehrt, das tut teilweise schon weh. Ja, die Wassergrafiken wollen sehr fotorealistisch wirken, aber der Rest ist es leider nicht. Auch da könnte man mit heutigen Mitteln sicherlich bessere Ergebnisse erzielen.

Insgesamt war diese Rückkehr zu „Blue Submarine No. 6“ ernüchternd. Die Story ist toll, aber hätte viel ausführlicher sein müssen. Die Welt ist toll, entfaltet aber ihre volle Wirkung nicht. Die Figuren sind interessant, aber zu eindimensional. Da steckt viel Potenzial drin, ein Remake wäre definitiv keine schlechte Idee.

Wertung: 5 von 10 Punkten (daraus kann und muss man mehr machen)

Lächeln… vorm Sterben!

3. Oktober 2022

Im Horror-Bereich war dieses Jahr bislang nicht so viel los, oder? Zumindest ist mir jetzt nicht so viel Gutes im Gedächtnis geblieben. „Scream 5“ war ganz unterhaltsam als Slasher, was ich aber auch nicht so richtig in den Horror-Bereich zähle. Auf „Antlers“ hatte ich mich gefreut, aber der Film war eher eine Enttäuschung. Als ich mich dann vor kurzem noch durch das miserable Prequel „Orphan: First Kill“ gequält habe, hatte ich Horror für 2022 schon aufgegeben… doch immer dann wenn man es am wenigsten erwartet, kommt eine kleine Überraschung um die Ecke. Dieses Mal in der Form eines unheimlichen Lächelns in „SMILE“.

Die Psychologin Rose (Sosie Bacon) bekommt es in ihrer Notaufnahme-Stelle mit der jungen Laura (Caitlin Stasey) zu tun, die ihr von unheimlichen Dingen erzählt, die sie angeblich verfolgen, seit sie dem brutalen Selbstmord ihres Professors beiwohnen musste. Noch bevor Rose irgendwie helfen kann, steht Laura mit einem Lächeln vor ihr und schlitzt sich die Kehle auf… für Rose ein traumatisches Erlebnis, nach dem sie auf einmal selbst spürt, dass sie von irgendwas verfolgt wird. Und die Gefahr wird immer realer, je mehr sie sich in den Fall von Laura einliest und herausfindet, dass das kein Einzelfall gewesen ist.

Regisseur und Autor Parker Finn verfilmt mit „Smile“ seinen eigenen Preis gekrönten Kurzfilm „Laura Hasn’t Slept“. Als ich das hörte, wurde mir etwas mulmig zumute. Horror-Kurzfilme als Spielfilme funktionieren selten wirklich gut. Siehe „Mama“, siehe „Lights Out“… das sind zumindest so die Beispiele, die mir spontan einfallen. Aber klar, es gibt auch positive Beispiele wie „The Babadook“ oder jetzt tatsächlich „Smile“.

Das Ganze präsentiert sich als Mix aus „The Ring“ und „It Follows“. Wobei mir der „It Follows“-Aspekt leider etwas zu kurz gekommen ist. Gruselig grinsende Menschen, die Rose verfolgen, sind jetzt nicht so häufig im Film, wie es anfangs angedeutet wird. Trotzdem ist dieser Aspekt, man überträgt das Böse irgendwie auf jemand anderen, schon da… so wie es ja auch in „The Ring“ der Fall ist… und „Smile“ setzt der ganzen Situation ein „The Ring“-ähnliches Zeitfenster, bevor man selbst grinst und dann stirbt.

Parker Finn geht sein Spielfilm-Debüt „Smile“ sehr bedacht und sehr künstlerisch an. Bedacht in der Hinsicht, dass er sich vor allem um seine Figuren kümmert. Rose wird unglaublich gut ausgearbeitet. Sosie Bacon wird aus ihrem normalen Alltag gerissen und wir dürfen Zeugen werden, wie sie in der Laufzeit des Films mehr und mehr diesem Wahnsinn und der Paranoia verfällt… was angefeuert wird durch ihre eigenen Untersuchungen, das Unverständnis ihres Freundes („The Boys“-Star Jessie T. Usher, den ich bislang nur als A-Train kannte). Finn schickt Rose auf eine Suche nach Beweisen und baut so eine schöne Mythologie rund um das Lächeln-Phänomen auf.

Mit dieser Detektiv-Geschichte kommt aber auch mein größter Kritik-Punkt mit „Smile“ daher: Das ist alles einfach viiiiiiiiiiiiiel zu lang. Der Film geht stolze zwei Stunden und ist damit wirklich einfach mal eine halbe Stunde zu lang. Immer wieder muss Rose dann noch neue Leute interviewen und befragen, die irgendwie mit diesem Lächeln konfrontiert sind. Dann spielt ihr Ex-Freund (Kyle Gallner) noch ne Rolle, dann kommt da noch wieder jemand dazu und ihr Boss (Kal Penn) stößt auch noch dazu und und und… es hört gefühlt nicht auf, obwohl man die Grundrisse des Geheimnisses schon längst ermittelt hat. Da hätte Finn wirklich was wegkürzen können, weil er so zwischenzeitig durch die Länge einfach an Spannung einbüßt.

Die kann Finn, wenn er sie dann aufbaut, aber in sehr vielen Szenen so wunderbar halten. Dabei muss ich gleich dazu sagen: „Smile“ ist ein klassischer Jump-Scare-Film. Die meisten unheimlichen Szenen sind rund um ein oder zwei Jump-Scares aufgebaut. Was natürlich auch schwierig ist: Einige davon sieht man schon von weitem kommen, anderen haben selbst mich noch erwischt. Erstaunlicherweise geht Finn damit insgesamt aber echt gut um… es entsteht trotzdem auch eine sehr unheimliche Atmosphäre und es macht irgendwie auch Spaß, sich in „Smile“ mal wieder ein bisschen auf die old-school-Weise zu gruseln. Wie sich das im Mix mit Roses Ermittlungen alles aufbaut, funktioniert echt gut und Finn ist sehr effektiv, uns einen schönen Schauer über den Rücken zu jagen. Das Ganze jetzt einfach auf 90 Minuten wäre der perfekte Horror-Film für den Herbst gewesen… ist er zwar immer noch, nur etwas zu lange.

Wertung: 8 von 10 Punkten (nach diesem Film sieht man ein Lächeln mit ganz anderen Augen)

Random Sunday #90: Piranesi

2. Oktober 2022

Auf Susanna Clarke bin ich damals durch die wirklich sehr, sehr tolle Serie „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ aufmerksam geworden, die auf ihrem gleichnamigen Buch basiert. Nach der Mini-Serie (die ich wirklich nur empfehlen kann) schnappte ich mir das Buch (das ich noch mehr empfehlen kann) und war einfach hin und weg von der Art und Weise, wie Clarke hier Fantasy mit alternativer Geschichtsschreibung verbindet und die Welt zur Zeiten der Napoleonischen Kriege in ein ganz anderes, magischen Licht versetzt. Der Roman war Clarkes Debüt von 2004. Danach wurde es um die Autorin etwas stiller. 2006 gab es eine Kurzgeschichten-Sammlung und erst 2020 wurde ihr zweiter Roman „PIRANESI“ veröffentlicht. Ich habe gelesen, dass das wohl auch durchaus krankheitsbedingte Gründe hatte, die ihre Pläne für eine Fortsetzung zu „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ aufhielten – aber lieber habe ich jemanden, der sich Zeit lässt und dann einfach wirklich was ordentliches abliefert. So wie Clarke mit „Piranesi“ eben…

Piranesi lebt, seit er sich erinnern kann, an einem Ort, den er einfach nur das „Haus“ nennt. Dabei ist dieses Haus ein riesiger Komplex aus unendlichen Hallen, in denen teilweise riesengroße Statuen stehen. Piranesi ist hier so etwas wie der Chronist und Entdecker des Hauses. Er kümmert sich um die Toten (er sorgt sich um 13 Gerippe, von denen er aber nicht weiß, woher sie stammen), er kümmert sich um die Tiere (es gibt im Haus zahlreiche Vögel und im unteren Geschoss sogar Fische, weil hier das Meer [welches Meer?] reinfließt). Piranesi erforscht die unendlichen Hallen und berichtet dann dem Anderen, die einzig andere Person im Haus. Doch der Andere ist immer nur sporadisch da, immer mit seinem glänzenden Gerät, in das er Dinge schreibt. Irgendwann warnt der Andere Piranesi vor der Ankunft einer anderen Person… und damit wird dann nach und nach Piranesis ganze Weltanschauung (oder besser: Hausanschauung) auf den Kopf gestellt.

„Piranesi“ ist ein Tagebuch-Roman, ist Detektiv-Geschichte, Mystery-Thriller, Fantasy-Horror und philosophische Allegorie zu gleich. Piranesis Wanderungen durch dieses unmöglich erscheinende Haus sind absolut faszinierend, gerade, weil sie so komisch wirken. Was hat es mit diesem Haus auf sich? Ist es wirklich Haus oder ist es etwas ganz anderes? Warum gibt es überall Statuen? Wie kommt Piranesi da hin? Wer ist der Andere? Was zur Hölle soll das hier alles? Susanna Clarke ist wunderbar darin, uns erst einmal tausend Fragen zu präsentieren, uns zu verwirren und zu verzaubern und uns gleichzeitig dazu zu animieren, uns selbst Fragen zu stellen.

Ich habe es geliebt, mit Piranesi mehr von diesem Haus zu erfahren, von den Mysterien rund um die Statuen, die Toten und den Anderen. Piranesi ist dabei ein wunderbar warmherziger Begleiter durch das Haus. Ein Mann, der sich um die Vögel sorgt, der die Toten liebevoll pflegt und dabei ein eifriger Forscher ist, der im Dienst des Anderen mehr und mehr vom Haus kartografiert.

Clarke gelingt es virtuos, dieses Bild des Hauses aufzubauen, diese Welt von Piranesi mit kleinen Unmöglichkeiten und Möglichkeiten zu füllen. Wenn sie dann beginnt, Piranesi in ungeahnte Situationen zu bringen, die eben seine ganze Hausanschauung verändern werden, macht sie auch das ziemlich clever. Je mehr wir mit Piranesi über das Haus erfahren, desto mehr erfahren wir über Piranesi selbst und auch die ganze Auflösung (und ja, es wird alles gut aufgelöst) wird gekonnt vorbereitet. Mit kleinen Fetzen an Informationen baut sie hier nach und nach das Mysterium Haus, das Mysterium Piranesi und auch das Mysterium des Anderen aus.

Ich fand das alles einfach toll. Clarke hat so eine angenehme Schreibe, die auf der einen Seite wirklich sehr bildgewaltig sein kann, dann aber auch wieder sehr zurückgenommen wirkt und sich auf die kleinen Sorgen von Piranesi konzentriert.

Für Fans von „House of Leaves“, wo es ja auch um ein unmögliches Haus geht, aber auch einfach für Fans verdammt guter Bücher, ist „Piranesi“ genau das Richtige. Ich hatte den Roman innerhalb von wenigen Tagen einfach verschlungen, weil Clarke es einfach versteht, ihre Leser zu ködern und anzufüttern, bevor sie uns komplett einfängt.

Nachtrag:

Erst jetzt, wo ich gerade dabei bin, Jeanette Watersons „Frankissstein“ zu lesen, wurde mir etwas klar. In dem Buch fiel nämlich ebenfalls der Name „Piranesi“… und da Watersons Roman ja auch sehr auf Mary Shelley basiert, tauchen dort auch sehr viele tatsächliche Personen der Geschichte auf. So kam es, dass ich erfuhr, dass es tatsächlich mal einen gewissen Giovanni Battista Piranesi gegeben hat, seines Zeichens Künstler, Architekt und Archäologe. Von ihm gibt es eine Bilderreihe namens „Imaginary Prisons„… und für alle, die Clarkes Roman gelesen haben: Schaut euch bitte mal die Bilder von Piranesi zu seinen imaginären Gefängnissen an – da habt ihr die Grundlage für Clarkes Roman. Seine Bilder von riesigen Hallen voller Statuen, kleiner Erker, Treppen und Säulen entspricht schon irgendwie dem, was Clarke in „Piranesi“ aufbaut.

Das gibt dem Roman jetzt direkt nochmal eine ganz andere Ebene… „Piranesi“ ist wirklich eine tolle Erfahrung, die ich euch wirklich nur empfehlen kann!

Das nachgemachte Narbengesicht

30. September 2022

Über den Howard Hawks Film über das Narbengesicht habe ich ja letztens erst geschrieben. Für einen Film aus den 30er Jahren hat der mich echt ziemlich überrascht. Der war ziemlich heftig und actionreich… und lieferte Schauwerte, die damals wahrscheinlich richtige Schocker gewesen sind. 1983 kam dann ein gewisser Brian De Palma daher und lieferte uns – basierend auf dem Drehbuch von Oliver Stone – eine neue Version des Narbengesichts. Und ich lese überall immer, dass „SCARFACE“ von 1983 ein loses Remake ist, aber so lose ist das gar nicht. Klar, das Setting an sich ist anders, aber es steckt mehr vom Original-Film in diesem „Scarface“ als man vielleicht denkt.

In den 80er Jahren kommt der junge Tony Montana (Al Pacino) mit zig anderen Flüchtlingen aus Kuba in Florida an. Gemeinsam mit seinem besten Freund Manolo „Manny“ (Steven Bauer) tötet Tony im Flüchtlingslager einen Mann, um so in eine Green Card zu bekommen und in die Dienste von Frank Lopez (Robert Loggia) treten zu können. Lopez ist ein großer Mafia-Boss, der Tony erst ein paar kleine Aufträge machen lässt (in denen eine Kettensäge unschöne Sachen mit einem von Tonys Freunden anstellt), bis Tony sich sagt, er kann und will mehr. Nach und nach entfremden sich die Zwei und Tony wird sein eigener Mann… der es sich aber nicht nehmen lässt, seinem einstigen Arbeitgeber noch die Frau auszuspannen: Elvira (Michelle Pfeiffer).

Pacinos „Scarface“ ist ja mittlerweile Pop-Kultur. GTA 4 wurde von ihm inspiriert, das „Say Hello to my little friend“ kennt wirklich jeder… Brian De Palma inszeniert seinen Film aber auch genau so, dass es einfach verdammt stylish und verdammt cool aussieht. Dabei erleben wir durch Tony den amerikanischen Traum: Vom Tellerwäscher zum Drogenbaron, der in Geld schwimmt. Es gibt fette Villen, fette Autos, schöne Frauen, wilde Parties. Als ich „Scarface“ so mit 17 oder 18 das erste Mal gesehen habe, war ich von dieser Welt schon sehr angetan. Das ist so der Macho-Traum, Tony Montana ist der ultimative Player, der krasse Typ, der sich nichts gefallen lässt und sich nimmt, was er will. So zumindest war damals immer ein bisschen meine Einstellung zu diesem Film.

Doch jetzt, mit ein bisschen mehr Abstand, wirkt dieser Film doch ein wenig anders auf mich. Natürlich ist dieser Kult um Tony Montana immer noch da. Alles, was ich eben gerade geschrieben habe, trifft auch immer noch auf ihn zu. De Palma weiß, wie er diesen dekadenten Tony gut inszeniert und Al Pacino spielt ihn mit einer solchen Inbrunst. Das ist einfach nur der Hammer. Ich merke nur jetzt, dass „Scarface“ diesen Ruhm doch nicht so zelebriert und Tony Montana doch etwas verständlicher und kaputter ist, als ich ihn in Erinnerung hatte:

Er hat immer noch seinen Ehrenkodex: Ähnlich wie Leon, der Profi, will er keine Frauen und Kinder töten. Er wird irgendwann immer paranoider und umgibt sich mit mehr und mehr Security. Seinen Traum einer Familie verfolgt er, doch in seiner lieblosen Ehe mit Elvira findet er nicht diesen Halt. Seine Mutter stößt ihn direkt von Anfang an von sich, weil sie mit seinen Geschäften nichts zu tun haben will. Sein übertriebener Beschützerinstinkt, was seine Schwester Gina (Mary Elizabeth Mastrantonio), bezahlt er extrem teuer… und sein „american dream“ wird nach und nach mehr zum Alptraum. De Palmas, Stones und Pacinos Tony Montana ist ein ziemlich armes Würstchen. Ein cooles, aber immer noch sehr armes Würstchen. So gesehen zertrümmert „Scarface“ gekonnt diesen schillernden amerikanischen Traum… natürlich mit sehr viel Wumms und vielen Drogen.

Handlungstechnisch verfolgt das Drehbuch von Oliver Stone dabei aber recht streng die Vorgabe von 1932. Tonys Verrat an seinem Mentor, das Ausspannen der Frau, der „Ärger“ mit der eigenen Schwester, die Bandenkriege und der Fall des Tonys sind genau das, was im Original auch schon so vorfällt. Selbst Tonys Motto „The world is yours“ ist etwas, das wir so schon im Original finden. Der letzte Shot, wenn die Kamera vom toten Tony langsam nach oben fährt und dabei noch einmal dieses Motto zeigt, ist sogar direkt aus dem Original übernommen. Natürlich versetzt Stone die Handlung in das coolere Miami, aber ansonsten ist „Scarface“ von 1983 eine recht getreue Adaption, die sich natürlich moderneren Mitteln bedient… und die Brutalität auch etwas mehr in den Vordergrund stellt.

Zwar hat „Scarface“ jetzt weniger, als ich gedacht hätte, aber wenn De Palma uns die brutale Welt von Tony Montana zeigt, wird es schon ziemlich heftig. Ich sprach die Kettensäge schon an, aber auch das ist ein gutes Beispiel: So viel von der Kettensäge sieht man gar nicht, aber es funktioniert – dieses Kopfkino ist schon eine verrückte Angelegenheit.

Insgesamt finde ich diese „Neuentdeckung“ von „Scarface“ für mich schon recht interessant. Ich hatte den Film viel mehr als Zelebrieren von Tony Montana im Kopf. Aber dem ist gar nicht so… und das macht den Film dann auch wieder sehr interessant.

Wertung: 9 von 10 Punkten (heftige Version vom amerikanischen Traum und ein gutes Remake)

Cyber-Junkies und Cyber-Psychosen

28. September 2022

Ich habe „Cyberpunk 2077“ leider nie gespielt. Dabei hatte ich mich seit dem ersten Teaser wirklich sehr auf diese Dystopie von den „Witcher“-Machern CD Projekt Red gefreut. Doch dann ging es irgendwie los: Ich hab’s nicht so mit der Ego-Shooter-Perspektive, weswegen ich da schon vorsichtiger wurde (obwohl ich ja auch sowas wie „Bioshock“ gerne gespielt habe). Dann hieß es, dass das Game zu viele Bugs hätte und dadurch wohl auch echt anstrengend zu spielen sei. Irgendwie habe ich über die Jahre „Cyberpunk 2077“ vergessen und bin deshalb nie in den Genuss dieser Welt gekommen. Als dann aber die Ankündigung kam, es würde eine Anime-Serie namens „CYBERPUNK: EDGERUNNERS“ dazu geben, wurde ich hellhörig. Erste Trailer zur Serie sahen verdammt cool aus, und „Arcane“ war ja ein grandioses Beispiel, wie Serien zu Spielen unglaublich packend und auch aufregend animiert daher kommen können. Als gab ich den Edgerunners eine Chance.

Als der junge David seine Mutter bei einem Drive-By-Shooting verliert, bricht seine Welt zusammen. Im Nachlass seiner Mutter findet David aber ein militärisches Implantat, dass er sich einbauen lässt und auf einmal unglaubliche Schnelligkeit sein Eigen nennt. Er lernt später die junge Netrunnerin Lucy kennen, die ihn ihrem Boss Maine vorstellt. So wird David Teil von Maines Gang, die unterschiedlichste Aufträge annehmen. Einer davon bringt aber das ganze Team in arge Bedrängnis.

Wie gesagt, ich kenne die Welt von „Cyberpunk“ überhaupt nicht. Ich weiß, dass es im Spiel viel darum geht, dass Menschen sich mit Hilfe von Prothesen und Implantaten „verbessern“ und so mehr und mehr zu Androiden werden. Mehr wusste ich nicht und ich muss sagen, mehr weiß ich leider auch immer noch nicht. Ja, es gibt große Corporations, es gibt diese Netrunner, es gibt Auftragskiller und das war’s. Damit wären wir bei dem einen wirklich großen Kritikpunkt, den ich an „Edgerunners“ habe: Die Welt und all ihre Eigenheiten wird nicht unbedingt gut aufgebaut. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass diese Serie sich wirklich mehr an ein Publikum richtet, das das Spiel kennt und genau weiß, was es mit diesen unterschiedlichen Bezeichnungen auf sich hat. Das hat „Arcane“ sehr viel besser geschafft – eine Welt zu schaffen, in der ich mich auch als Noob zurechtfinde, die ich nachvollziehen und verstehen kann. Da ist mir „Edgerunners“ zu schnell gewesen, zu sehr darauf bedacht, einfach nur ein riesiges Spektakel abzuliefern.

Das bekommt man aber auch definitiv. Regisseur Hiroyuki Imaishi liefert ein rasantes und wildes Action-Feuerwerk, das einfach nur Spaß macht. Dabei setzt er natürlich darauf, dass alle Menschen hier die verrücktesten Fähigkeiten haben, die merkwürdigsten Zusätze zu ihrem Körper und damit natürlich auch sehr brutal zur Sache gehen können. Meine Fresse, wenn „Edgerunners“ freidreht, wird’s wild und brutal ohne Ende. Alter Schwede, hier wird nichts ausgespart – außer vielleicht die Tatsache, dass die Figuren oft nicht so richtig zur Geltung kommen. Ich hätte mir tatsächlich ein bisschen mehr Charakterentwicklung gewünscht.

Die gibt es durchaus auch. Cyberjunkies und die Gefahren der Über-Modifizierung sind spannende Themen, die mir teils aber doch zu kurz kommen. Maines Truppe hätte man noch ein bisschen besser ausbauen können und gerade auch David und seine Beziehung zu Lucy hat noch ein bisschen mehr Tiefgang verdient. Es gibt zwar immer wieder richtig starke Folgen: Folge 6 zum Beispiel, wenn Maine mehr und mehr der Cyber-Psychose erliegt, ist wirklich stark und zeigt das Potenzial dieser Serie, die sich einfach zu sehr hinter der Gewalt versteckt, anstatt das Ganze mit diesen menschlichen Dramen gekonnt zu garnieren. Tatsächlich ist dann auch das Finale (also die letzten beiden Folgen) fantastisch, weil hier eben auch ein bisschen mehr auf David eingegangen wird und es hier heftig, brutal, aber eben auch sehr emotional wird.

Erzählerisch schwankt mir „Edgerunners“ da einfach noch ein bisschen zu sehr hin und her. Das könnte ein bisschen weniger Gewalt und mehr Figurenentwicklung durchaus vertragen. Aber einer zweiten Staffel wäre ich nicht abgeneigt. Zumal die Serie auch einfach nur toll aussieht. Statt einer düsteren Dystopie haben wir hier einen Farben-Overkill der besten Anime-Art. Die Farben schreien dich förmlich an, es ist einfach toll. Die Animationen sind der Wahnsinn, Hiroyuki Imaishi lässt diese Welt gekonnt aufleben, wenn man sie jetzt nur etwas besser greifen könnte, wäre das Ganze perfekt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (macht schon Spaß)

Alice im Victory-Wunderland

26. September 2022

Ich kenne Olivia Wilde bislang nur als Schauspielerin. Ihr Regie-Debüt „Booksmart“ will ich unbedingt noch nachholen… und auf ihre zweite Regie-Arbeit „DON’T WORRY DARLING“ hatte ich mich eigentlich wirklich sehr gefreut. Die Betonung liegt dabei auf „eigentlich“. Denn irgendwann gingen das Gossip-Gequatsche rum: Wilde verlässt ihren Partner für Hauptdarsteller Harry Styles. Hauptdarstellerin Florence Pugh ist genervt. Angeblich wurde Shia LaBeouf gefeuert, bevor er sagt, dass er selbst gekündigt hat. Dann war da noch die Frage, hat Styles in Venedig Chris Pine angespuckt und und und… Olivia Wilde machte komische Aussagen darüber, dass Chris Pines Charakter an den Psychologen und Autoren Jordan Peterson angelehnt ist… und ich war irgendwann irgendwie raus. Weil ich mir echt dachte: „Okay, kein Mensch redet mehr über den Film, sondern über den ganzen Mist drumherum.“ Da ist es echt schwierig, sich am Ende von zu distanzieren und wirklich einfach nur den Film an sich schauen zu können… aber gut, ich habe es trotzdem versucht, einfach weil ich mir irgendwann mal wirklich sehr auf den Film gefreut habe.

Alice (Florence Pugh) lebt im vermeintlichen Wunderland. Sie darf für ihren geliebten Mann Jack (Harry Styles) das Haus in Ordnung halten, für ihn kochen, die Wäsche waschen und frisch gestylt abends mit einem Cocktail in der Hand auf seine Rückkehr warten. Währenddessen arbeitet Jack für Frank (Chris Pine) an dessen mysteriösem „Victory Project“, für das Frank extra die kleine Stadt Victory hat bauen lassen, in der Alice und Jack mit vielen anderen Paaren arbeiten. Doch irgendwann fängt Alice an, Victory und Frank zu hinterfragen… was für sie keine so gute Idee ist.

„Don’t Worry Darling“ ist ein fantastisch aussehender Film. Die Sets, die Kostüme, Haare und Make-Up, die Autos, die Ausstattungen – schöner hätte man die 50er Jahre nicht aufleben lassen können. Das wirkt alles wie aus einem Werbespot, der den amerikanischen Traum der 50er Jahre zelebriert. Dazu kommt ein unterhaltsamer Soundtrack aus Songs dieser Ära… und ihr merkt jetzt schon, dass der Film, wenn ich anfange über Sets und Ausstattung zu sprechen, nicht so der Hammer ist, wie man es eigentlich erwarten möchte.

Das liegt leider daran, dass die Story doch sehr dröge ist. Das Ganze arbeitet natürlich auf einen großen Plottwist hin. Die ganze Zeit wird uns schon suggeriert: Hier kann irgendwas nicht stimmen. Irgendwas ist hier faul. Allein schon die Song-Auswahl von Olivia Wilde ist teilweise zu offensichtlich und zu plump. Dazu kommt, dass das Drehbuch auch leider wenig subtil mit dem vermeintlichen großen Twist umgeht. Dafür beginnt Wilde schon viel zu früh, bestimmte kurze Bilder einzustreuen, hat ihre ganze Dramaturgie so ausgerichtet, dass jeder Mensch, der auch nur eine Folge „Black Mirror“ oder überhaupt irgendeinen Sci-Fi-Mystery-Thriller gesehen hat, sofort weiß, in welche Richtung das hier geht. Was zusätzlich echt schade ist, ist die Tatsache, dass Wildes feministischer Ansatz hinter „Don’t Worry Darling“ nie so richtig greift. Ohne zu spoilern kann ich nur sagen, dass es gerade am Ende ein paar sehr unsinnige Szenen gibt, die man eigentlich anders hätte aufbauen können, um das Finale effektiver zu gestalten.

Es ist dann auch das Finale, mit dem der Film für mich einfach komplett gibt. Denn gerade hier offenbaren sich die tatsächlich interessanten Themen des Films. Hier werden Sachen aufgeworfen, von denen ich mir eher gewünscht hätte, Olivia Wilde würde sie thematisieren. Aber sie ist zu fokussiert auf ihren großen Plottwist… anstatt den gleich voranzustellen und dann die Geschichte zu erzählen, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Die Erklärung liefert sie nämlich viel zu oberflächlich, verfehlt viele Chancen hier auf relevante Themen einzugehen und versteckt sich lieber hinter der Schwarz-Weiß-gestalten Welt von Männern und Frauen in den 50er Jahren.

So ist „Don’t Worry Darling“ für mich leider einer dieser „style over substance“-Filme, der fantastisch aussieht, der aber am Ende nichts Interessantes erzählt. Was auch leider daran liegt, dass die Figuren nie so richtig ausgebaut werden. Wie es sich für dieses Victory-Wunderland gehört, sind auch die meisten Charaktere recht oberflächlich. Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass das irgendwo gewollt ist, dass das auch ein Statement über diese Art von „gated community“ sein soll. Die einzigen zwei Charaktere, die wirklich ein bisschen herausstechen, sind Alice und Frank. Florence Pugh macht, was eine Florence Pugh in egal welchem Film macht: Sie ist einfach die Wucht in Tüten und ohne sie würde „Don’t Worry Darling“ gar nicht funktionieren. Pugh spielt die verzweifelte Alice mit so einer Gewalt, mit so viel Gefühl, so viel Leid, so viel Paranoia – es ist einfach nur großartig. Dabei ist es dann fast schon schade, dass man ihr ausgerechnet Harry Styles an die Seite stellt. Weil gegen Pugh stinkt Styles leider komplett ab. Da merkt man richtig, wie sehr er sich bemühen muss, um mit ihr Schritt zu halten… und es am Ende doch nicht schafft.

Chris Pine als Frank ist auch echt stark, aber auch diesen mysteriösen Anführer hätte ich mir inhaltlich etwas mehr ausgebaut gewünscht. Letztendlich ist er für uns einfach nur da, um diese Art Kultfigur zu sein, die alle Männer in Victory vergöttern. Was er jetzt genau mit einem Jordan Peterson zu tun haben soll, habe ich nach dem Film immer noch nicht verstanden, aber gut… das ist Wildes Recht als Regisseurin, sich da ihre eigenen Gedanken zu machen.

Ich hatte mir, das muss ich wirklich gestehen, von „Don’t Worry Darling“ wirklich sehr viel mehr versprochen. Als Mystery-Thriller ist der Film zu vorhersehbar, als Drama ist er leider zu einseitig nur auf Alice konzentriert, als Film zum Nachdenken über das Zusammensein von Männern und Frauen ist er zu platt. Wie schon anfangs gesagt: Es gibt „Black Mirror“-Episoden, die das wirklich alles interessanter und besser verpackt haben.

Wertung: 4 von 10 Punkten (ohne Florence Pugh wäre dieser Film komplett vergessenswert)

DFST 13: Niemals erwachsen werden…

24. September 2022

Mit „Cinderella“ ging 1950 bei Disney endlich die wirklich heiße Phase los, schließlich konnte man bei dem Studio jetzt nach dem Zweiten Weltkrieg all die großen Projekte angehen, die man aus Kriegsgründen aufschieben musste. Man legte direkt ein Jahr später mit „Alice im Wunderland“ nach und knöpfte sich nach Lewis Carroll dann James M. Barrie und seinen „PETER PAN“ vor. Diesen Film, das muss ich an dieser Stelle gestehen, habe ich jetzt das erste Mal gesehen. Ich kannte einzelne Ausschnitte und natürlich kannte ich die Geschichte von Peter Pan an sich, aber die Version von Disney hatte ich bis jetzt nie gesehen (dafür aber zuhauf die von Spielberg, sein „Hook“ finde ich auch nach wie vor einfach nur toll – obwohl ich den auch schon lange nicht mehr gesehen habe).

Die Story dürfte wahrscheinlich allen bekannt sein: Wendy und ihre Brüder John und Michael bekommen eines Abends Besuch von Peter Pan, der auf der Suche nach seinem Schatten ist. Nachdem Wendy beide wieder zusammengenäht hat, lädt Peter sie ein, nach Nimmerland zu kommen. Mit Hilfe des Feenstaubs von Tinker Bell können die Kinder nun fliegen und es geht auf zum großen Abenteuer. Sie lernen die Lost Boys kennen, die Meerjungfrauen, die Indianer und natürlich den gefährlichen Piraten Hook, der sich an Peter rächen will.

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so zwiegespalten aus dem Film komme. Aber teilweise fand ich den Film echt langatmig, teilweise war er auch echt sehr fragwürdig. Ich meine, sie haben wirklich einen Song namens „What Made the Red Man Red“, in dem es darum geht, dass die amerikanischen Ureinwohner ihre „rote“ Haut dadurch bekommen haben, dass sie nach dem Kuss einer Frau so errötet sind. Was zur Hölle? Wer denkt sich denn so einen Quark aus? Dass muss doch selbst für 1953 eine merkwürdige Angelegenheit gewesen sein. Die „Rothäute“ im Film sind halt auch wieder die typischen Klischees, die durch diesen Song noch ad absurdum geführt werden… was dann heutzutage wirklich hart an der Grenze des guten Geschmacks ist. Als diese Szene kam, saß ich schon etwas erschrocken auf meinem Sofa… zumal auch die ganze Geschichte rund um die Ureinwohner jetzt nicht sonderlich aufregend geschrieben ist. Prinzessin Tiger Lily spielt mal kurz eine Rolle, aber ansonsten hätte man sich diesen Teil auch einfach komplett sparen können.

Rein optisch ist „Peter Pan“ aber schon eine wirklich schöne Fantasy-Welt, in der man sich verlieren kann. Das Versteck der Lost Boys erinnert stark an den Baum der Gummibären-Bande, obwohl der noch ein bisschen cooler ist. Die Meerjungfrauen erinnern an frühe Studien für „Arielle“, aber insgesamt lebt Nimmerland in dem Film schon sehr schön auf.

Ich hätte auch nicht damit gerechnet, dass Disney Peter Pan tatsächlich diese leicht böse Seite lässt. Er wird hier schon immer wieder ein bisschen als Halunke dargestellt… und diese ganze Eifersucht mit Tinker Bell hat auch schöne Züge gehabt, die Disney hier gut umsetzt. Am besten gefallen haben mir dann aber doch Käpt’n Hook und Mr. Smee. Hier haben wir mit Hook einen coolen Schurken, der aber auch mit diesen Urängsten gezeigt wird, die so untypisch sind für so einen harten Burschen. Dieses ganze Zusammenspiel mit dem Krokodil, das dann immer wieder auf sich aufmerksam macht, ist schon verdammt lustig. Das hat dann auch wieder viel von „Tom und Jerry“.

Witzig fand ich auch, dass mich der große Kampf zwischen Hook und Peter Pan auf den Masten des Schiffes direkt an den Kampf zwischen Jack Sparrow und Davy Jones erinnert hat. Eine gewisse Inspiration kann Gore Verbinski da nicht abstreiten.

Insgesamt fand ich „Peter Pan“ jetzt ganz nett. Hat mich nicht so umgehauen, wie ich gedacht hätte. Es fehlt irgendwie das gewisse Etwas. Der Film reißt einfach so die Geschichte der Vorlage ab, versucht wenigstens zur Hälfte auch ein bisschen emotional zu werden, aber es hätte doch eine etwas intensivere Charakterzeichnung für die Charaktere gebraucht, damit man sich auch emotional mehr in diesem Film verlieren könnte.

Wertung: 6 von 10 Punkten (nette Adaption, aber ich bleibe dann doch eher bei Spielberg)

Das echte Narbengesicht

23. September 2022

„Scarface“ von 1983 kennt wahrscheinlich jeder Mensch, ob man den Film nun gesehen hat oder nicht. Das ikonische schwarz-weiße Poster mit Al Pacino im weißen Anzug hatte ich damals bei mir im Zimmer hängen, noch bevor ich überhaupt den Film an sich kannte. Durch „GTA: Vice City“ hatte man „Scarface“ quasi und praktisch als spielbare Version, und das Filmzitat „Say hello to my little friend“ ist auch so bekannt wie „I am your father“ oder „Hasta la vista, baby“. Ich hatte mir jetzt vor kurzem vorgenommen, „Scarface“ von 1983 mal wieder zu schauen… doch dieses Mal mit einer Vorlage: Wenigstens einmal das Original zu sehen. Denn Al Pacino ist nur das neue Narbengesicht, das echte Narbengesicht, der echte „SCARFACE“ ist ein weitaus älterer Film… aus dem Jahr 1932.

Der Gangster Tony Camonte (Paul Muni) verrät seinen Boss, um in die Gunst von Mafiaboss Johnny Lovo (Osgood Perkins) zu kommen. Der sieht Potenzial in Tony, will ihn aber gleichzeitig auch an der kurzen Leine halten. Was Tony sich jedoch nicht lange gefallen lässt. Er beginnt, seine eigenen Dinger durchzuziehen und wird damit bald erfolgreicher als Lovo. Allerdings sorgen Tonys Alleingänge auch dafür, dass es mehr und mehr Auseinandersetzungen mit anderen Mafia-Familien gibt und die Gewalt bald ganz Chicago regiert. Doch Tony „Scarface“ Camonte ist das alles egal, er sieht nur den Ruhm und die Macht… und verliebt sich dann auch noch in Poppy (Karen Morley), die Geliebte von Lovo.

„Scarface“ von 1932 basiert auf dem gleichnamigen Roman von 1929, der wiederum angelehnt ist an das Leben eines Al Capones. Regisseur Howard Hawks inszeniert hier mit den finanziellen Mitteln eines Howard Hughes (den Leo ja in „Aviator“ unter der Regie von Scorsese gespielt hat) einen unglaublich packenden Gangsterfilm, der brutaler und actionreicher daherkommt als ich es für einen Film aus dem Jahr 1932 für möglich gehalten hätte. Was natürlich auch wieder eines dieser Vorurteile untergräbt, dass diese alten Filme eher langsam sind und sich mit unserem heutigen Seh-Verständnis von Filmen und Serien nicht mehr gucken lassen.

Pustekuchen. „Scarface“ ist echt die Wucht in Tüten. Howard Hawks inszeniert hier einen extrem brutalen Film. Wenn hier die Gangster aufeinandertreffen, dann sprechen die Maschinengewehre. Dann zerbersten Geschäfte, dann stapeln sich die Leichen. Es wundert mich jetzt, wo ich den Film gesehen habe, überhaupt nicht mehr, dass dieser Film damals zensiert wurde, weil man davon ausging, der Film würde zu sehr Brutalität und die Gangster glorifizieren. Dabei beginnt der Film mit einer klaren Botschaft via Texttafel, in der darauf hingewiesen wird und vor allem auch die Frage gestellt wird: Was kann die Gesellschaft und was kann die Regierung gegen so viel Gewalt und das organisierte Verbrechen tun? Da hat man schon das Gefühl, dieser Film möchte nicht glorifizieren, sondern Angst machen, um aufzurütteln. Dafür setzt Hawks wirklich alles ein, was ihm zur Verfügung steht. Es gibt wilde Schießereien (von denen man aber mehr hört, als dass man sie sieht – und wenn dann nur die Auswirkungen), wilde Verfolgungsjagden mit Autos und viele Explosionen. Für 1932 ein Action-Film der Extraklasse, der sich auch heute noch gut gucken lässt.

Dazu kommt dann eben die ganze Geschichte rund um Tony, die sich so dann auch im 80er Jahre Remake wiederfindet: von dem persönlichen Motto „The World is yours“ über die tragische Geschichte rund um Tonys Schwester bis hin zu der Geschichte mit Poppy und Tonys steiler Karriere, die dann so abrupt und brutal endet, wie sie angefangen hat. Howard Hawks glorifiziert hier nichts, sonst hätte es am Ende ein Happy End gegeben. Natürlich lebt sein Tony den amerikanischen Traum, aber den bezahlt er auf die schlimmste Art und Weise… und das inspiriert nicht gerade zur Nachahmung.

Paul Muni als Scarface ist wirklich super. Ein charismatischer Typ mit einem Ego, das wirklich eine eigene Welt für sich braucht. Muni trägt diesen Film, zeigt uns einen Tony, der auf der einen Seite sehr faszinierend, aber auch sehr unheimlich und erschreckend ist. Halt genau das Richtige für einen Scarface.

„Scarface“ ist wirklich ein spannender Mafia-Film und ein faszinierender Prototyp fürs Action-Kino der Moderne. Wer das Remake mag, sollte dem Original unbedingt mal eine Chance geben.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Actionkino, das damals richtig reingehauen haben muss)

Auf zur Karate-Weltherrschaft!

21. September 2022

Die einzige wahre Karate-Seifenoper geht endlich wieder weiter. Das ist für mich mittlerweile ein echtes Serienhighlight geworden, auf das ich mich jedes Mal sehr freue. „COBRA KAI“ ist und bleibt für mich ein absolutes Phänomen. Wie sie es geschafft haben, aus dem „Karate Kid“-Franchise eine Serie gemacht haben, die den alten Charakteren gerecht wird und vor allem ein cooles Revival liefert, dabei aber auch eine coole und interessante neue Generation aufbaut. Das Ganze wird mit einer Selbstverständlichkeit dargeboten, in der Seifenopern-Twists mit Karate gepaart werden – und ich liebe es einfach. Seit Staffel 1 bin ich ein Fan und war einfach nur sehr gespannt, was sie aus STAFFEL 5 machen würden.

Karate Kid 3“-Schurke Terry Silver (Thomas Ian Griffin) hat es geschafft. Sein einstiger Freund und jetzt Rivale John Kreese (Martin Kove) hockt im Gefängnis und Silver hat das Cobra Kai Dojo ganz für sich allein und will seine Form des Karates überall verbreiten. Dafür holt er sich ein hartes Team aus Senseis, unter anderem die Enkelin seines einstigen koreanischen Meisters, Kim Da-Eun (Alicia Hannah-Kim). Währenddessen sucht Miguel (Xolo Mariduena) nach seinem Vater und stößt auf einen Menschen, der genau das ist, wovor seine Mutter Carmen (Vanessa Rubio) ihn gewarnt hat. Daniel (Ralph Macchio) versucht derweil gemeinsam mit Chozen (Yuji Okumoto), Terry Silver aufzuhalten, zieht dabei den Zorn seiner Frau (Courtney Henggeler) auf sich. Und es passiert noch so viel mehr, was ich jetzt nicht alles in diese Inhaltsangabe packen will.

„Cobra Kai“ liefert auch in Staffel 5 einfach wieder ab. Es ist alles wieder so komplett überdreht, so komplett over-the-top, dass ich bei jeder anderen Serie sagen würde: „Okay, geht mal ein bisschen runter vom Gas und bleibt auf dem Teppich!“ Doch diese Serie darf das, weil ich nach fünf Staffeln einfach auch diese Überraschungsreveals haben will. Diese cheesy Art und Weise ist ein Teil des Grundes, warum ich diese Serie so liebe. Wenn man uns allein Mike Barnes (Sean Kanan) vorstellt, ist das schon so vorhersehbar inszeniert, aber was daraus resultiert, ist trotzdem einfach unterhaltsam ohne Ende.

Was in meinen Augen aber nach wie daran liegt, dass diese Serie das Wichtigste nie aus den Augen lässt: Ihre Charaktere. Man liebt, leidet und freut sich mit diesen Figuren, weil sie einfach so gut geschrieben und die Darsteller-Riege ist einfach nur toll. Ich könnte jetzt anfangen über jeden Einzelnen hier zu sprechen, aber das würde einfach den Rahmen sprengen. Es ist nach wie vor toll, wie die Serie es schafft, eher in den Graubereichen zu arbeiten, anstatt alles in Schwarz und Weiß zu unterteilen… wobei ein Thomas Ian Griffin als Terry Silver schon das reine Böse ist. Der wird hier zu einem Bond-Schurken und es ist großartig. Griffin hat aber auch gefühlt den Spaß seines Lebens, diese Rolle von einst noch so viel weiter auszubauen. Genau so auch Yuji Okumoto, dessen Chozen einfach mal der „scene stealer“ dieser Staffel ist. Alles, was sich in irgendeiner Form um Chozen dreht, fand ich einfach nur fantastisch. Er undercover bei Cobra Kai, er zusammen mit Daniel, zusammen mit Johnny. Großartig, dass sie Okumoto zurückgeholt und seine Rolle erweitert haben.

Schön fand ich es auch, dass sie mit bestimmten Konflikten nicht zu lange hausieren gegangen sind, sondern einige Sachen einfach innerhalb von ein, zwei Folgen ad acta gelegt haben, damit einfach Platz ist für andere Sachen. Ich will da jetzt auf keinen Fall ins Spoiler-Territorium gehen, aber teilweise war ich echt überrascht, wie schnell manche Sachen doch abgefrühstückt wurden. Auf der anderen Seite war ich dann aber auch echt happy, dass man vieles nicht noch einmal zu sehr hinausgezögert hat. Das hat Staffel 5 einfach einen echt guten Flow gegeben. Zumal einfach auch wieder so viel passiert, was Liebessachen angeht, was Karate-Sachen angeht und persönliche Freund- und Feindschaften.

Dadurch, dass viel in diese fünfte Season gestopft wurde, gehen einige Figuren leider auch etwas unter. Aber mittlerweile wächst der Cast ja auch mit jeder Staffel um mindestens zwei, drei neue Charaktere. Da wird’s ja echt schwierig, alle unter einen Hut zu bekommen.

Aber ich hatte auch mit Staffel 5 wahnsinnig viel Spaß. Diese Serie schafft es erstaunlich gut, ihr Seifenoper-Niveau zu halten. Und auch wenn sich das Finale von Staffel 5 sehr abgeschlossen anfühlt, gibt es da ja noch genug offene Fragen. Also eine sechste Staffel sollte noch drin sein… danach müsste man sich aber schon fragen, wie lange man das alles noch machen kann, bevor es wirklich zu sehr abrutscht.

Wertung: 9 von 10 Punkten (Cobra never dies… scheint wirklich zu stimmen)

Der Porno-Star von nebenan

19. September 2022

In Teenie-Komödien geht es meist immer nur ums eine: Sex. Protagonist X ist in den meisten Fällen nicht gerade der beliebteste, aber irgendwas Charmantes muss er/ sie haben, damit er/ sie am Ende bekommt, was ihm/ ihr zusteht. In erster Linie ist das immer Sex, in zweiter Linie natürlich die große Liebe. Jetzt habe ich einen Film gefunden, der auch all das ist, aber sich irgendwie doch nicht so ganz als Teenie-Komödie beschreiben lässt.

In „THE GIRL NEXT DOOR“ lernt Musterschüler Matthew (Emile Hirsch) seine neue Nachbarin kennen und verliebt sich sofort in sie: Danielle (Elisa Cuthbert). Die beiden kommen sich auch relativ schnell näher, doch als Matthew seine Angebete seinen beiden Freunden Eli (Chris Marquette) und Klitz (Paul Dano) vorstellt, erweist sich das nachträglich als großer Fehler. Eli, ein begeisterter Fan von Porno-Filmen, macht nämlich eine Entdeckung: Danielle ist eine Porno-Darstellerin. Das macht Matthews Leben nicht gerade leichter, weil er sich erst ziemlich dämlich verhält und er es später dann mit Danielles Produzenten Kelly (Timothy Olyphant) zu tun bekommt.

Was würdest du tun, wenn das Mädchen, das du liebst, eine Porno-Darstellerin ist? Das ist die erste große Frage, die sich „The Girl Next Door“ stellt. Und ganz ehrlich, ich bin erstaunt, wie locker Matthew damit umgeht. Ich glaube, ich könnte mir sowas nur sehr schwer vorstellen… mit jemandem zusammen zu sein, der mit sowas sein Geld verdient. Das wäre für mich persönlich dann doch eine harte Grenze, die ich ziehen würde. Aber es geht ja hier nicht um mich, sondern um Matthew. Und der ist über beide Ohren verliebt und macht alles, um seiner Danielle wieder näherzukommen. Selbst als sie quasi wieder gezwungen wird, ins Geschäft einzusteigen, ist Matthew da. Sehr passend für so eine RomCom… das Problem ist nur, dass beides nie so wirklich richtig zu diesem Film passt.

Romantisch ist er nur zum Teil. Ein bisschen Liebe auf den ersten Blick, einige heroische (wenn auch dumme) Aktionen von Matthew, um Danielle zu helfen und am Ende das große Happy End, sprich: Liebe und Sex. Doch so wirklich Romantik will nicht aufkommen. Ja, Elisa Cuthbert ist natürlich schon zuckersüß und man kann schon verstehen, dass sie einem gut den Kopf verdrehen kann. Aber ihre große Romanze mit Matthew wirkt halt sehr gewollt. Aber gut, das sind dann eben die Klischees, denen dieser Film nur zu gerne folgt.

Komisch ist „The Girl Next Door“ leider auch nie so richtig. Im Gegenteil, ich finde, der Film hat arge Schwierigkeiten, den Ton zu halten. Auf der einen Seite soll es eben so eine lockere Teenie-Komödie über Liebe und Sex sein, auf der anderen Seite nimmt der Film teilweise merkwürdige Umwege. Nehmen wir nur einmal Timothy Olyphants Kelly. Der versucht immer irgendwie lustig zu sein, aber am Ende ist er ein Zuhälter, der ein junges Mädchen in die Porno-Industrie zwingt, der Matthew schlägt und beklaut und ihn dazu bringt, für ihn kriminell zu werden. Gerade an der Figur von Kelly hängt sich dieser Film immer wieder auf. Weil er dann eben manchmal doch zu krass ist.

Dazu kommt dieses ganze Porno-Thema, was dann vielleicht doch ein bisschen zu krass ist, wenn es um eine einfache, seichte Teenie-Komödie geht. Gut, andere Filme wie zum Beispiel „Risky Business“ mit Tom Cruise sind ja ähnliche Richtungen gegangen (er baut da ja im Grunde ein Bordell auf), aber irgendwie passt das einfach nicht so zusammen. Das ganze Thema rund um Danielle und Kelly und die Porno-Industrie ist dann doch ziemlich hart, wenn man auch nur einmal zwei Sekunden darüber nachdenkt.

Zum Ende kriegt „The Girl Next Door“ zwar gerade noch so die Kurve, aber so eine richtige  Teenie-Komödie  ist das für mich trotzdem nicht.

Wertung: 6  von 10 Punkten (kann man mal machen, ist aber irgendwo ein ziemlich harter Stoff…)