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Das Gesicht meines Feindes

16. Juni 2017

Ich schwimme gerade so ein bisschen auf einer Nostalgie-Welle und durchforste mein DVD-Regal nach alten Filmen, die ich früher rauf und runter geschaut habe. „Devil’s Advocat“ und „The Rock“ waren ja letztens meine „Opfer“ oder vielmehr Test, ob die lange nicht mehr gesehenen Lieblinge immer noch die gleiche Faszination in einem Ü-30-Menschen auslösen können wie damals in sehr viel jüngeren Jahren. Und ein Film, den ich schon so, so lange mal wieder schauen wollte, ist „Face Off – Im Körper des Feindes“ von John Woo mit Nicolas Cage und John Travolta.

Ich weiß noch, wie ich damals allein von der Story total platt war: Da haben wir das größte Katz-und-Maus-Spiel aller Zeiten – Superschurke Castor Troy (Nic Cage) gegen Superbulle Sean Archer (John Travolta) bekämpfen sich seit dem Tag, an dem Troy Archers Sohn umbrachte. Und als es dann endlich soweit ist, enthüllt Troy kurz vor seinem Tod, dass er eine riesige Bombe irgendwo in L.A. versteckt hat. Um herauszufinden, wo die Bombe ist, muss Archer an Troys Bruder, der aber nur mit Castor redet. Dank modernster Medizin ist das zum Glück möglich. Troys Gesicht wird einfach auf Archer operiert – ein bisschen die Haare schneiden, ein Mikrochip, damit die Stimme gleich ist und fertig ist der beste Undercover-Aufzug aller Zeiten. Doch während Archer als Troy im Knast ist, um mit Troys Bruder zu reden, wacht der vermeintlich tote Troy aus dem Koma wieder auf und lässt sich das Gesicht seines Feindes geben, um dessen Leben auf der Seite der Guten zur Hölle zur machen. Ein erneutes Katz-und-Maus-Spiel beginnt.

Verstecken-Spielen ist schwer.

Hach… allein diese Inhaltsangabe zu schreiben, ist irgendwie toll. Allein daran merkt man schon, dass ein Film wie „Face Off“ wirklich nur in den 90er Jahren funktioniert hätte. Würde heute jemand mit dieser Story kommen, würde man ihn wahrscheinlich verlachen. Aber, wie schon gesagt, ich war damals wie weggeblasen von dieser „coolen“ Story… zwar muss ich das „cool“ heute in Anführungsstriche setzen, weil ich mich doch sehr dabei erwischt habe, wie ich lachend den Kopf schütteln musste, aber „cool“ ist diese Story trotzdem immer noch.

Was „Face Off“ heute wie damals dann wirklich unterhaltsam werden lässt, sind einfach die beiden Darsteller. Da nimmt man die beiden besten Over-the-Top-Darsteller Travolta und Cage und lässt sie den jeweils anderen Spielen. Ein Travolta, der die Verrücktheit eines Nic Cage imitiert, ist schon Gold wert. Und ein Nic Cage, der ja eigentlich gut ist und versucht, böse und irre zu sein, ist noch viel besser. Es ist immer noch eine Augenweide, diesen Beiden bei ihren gegenseitigen Imitationen zu zusehen. Das war noch die Zeit des Nic Cage, der einfach eine verdammt coole Sau war, der da noch nicht vollkommen verrückt war, sondern einfach nur gut verrückt. Der verdammt lässig im Anzug über den Strand läuft, seine Sonnenbrille abnimmt und sie wieder aufsetzt… scheiße, es ist eine großartige Nic-Cage-Rolle. Es ist auch eine großartige Travolta-Rolle, der sehr darin aufzugehen scheint, wirklich mal so richtig den verrückten Bad-Boy raushängen lassen zu können. Die Beiden dürfen ihren expressiven Mimiken und Gestiken in „Face Off“ einfach mal freien Lauf lassen – und es passt wie Arsch auf Eimer.

Das braucht kein Kommentar.

Das Ganze wird dann verpackt in einem guten John-Woo-Paket: wilde Schießereien, Menschen springen in Zeitlupe elegant-lässig durch die Luft, während sie dabei wild auf ihre Gegner ballern. Da wird ein bisschen „Hard Boiled“ zitiert, wenn Cage mit einem kleinen Kind in der Hand seine Feinde umnietet, da zitiert Woo nicht zu knapp aus „The Killer“, wenn es erst das klassische Mexican Standoff gibt und dann zum Feuergefecht in einer Kirche kommt. Natürlich dürfen auch die Slow-Motion-Tauben nicht fehlen – Woos Markenzeichen! Natürlich sind die Schießereien ein bisschen Hollywood-tauglicher – sprich: nicht ganz so brutal wie bei Woos Klassikern, aber dennoch ist jede einzelne Action-Sequenz in „Face Off“ ein Fest… und Woo spart damit kein Stück. Es gibt Explosionen, Leute fliegen durch die Luft, es wird geschossen… und dennoch schafft es Woo, auch nette ruhige Momente einzubauen.

Wenn etwa der böse Troy im Körper seines Feindes dessen Ehe wieder ein bisschen auf Vordermann bringt. Oder wenn der gute Archer im Körper seines Feindes den jungen Sohn findet, der ihm verwehrt wurde. „Face Off“ schafft es, nicht nur überbordende Action zu liefern, sondern sich auch noch um die Charaktere zu kümmern. Woo erschafft ruhige Momente, komische Momente – kleine, angebrachte Ruhepausen, bevor es zum nächsten großen Knall geht.

„Face Off“ – endlich mal wieder gesehen und ich bin immer noch schwer begeistert. Allein das Duo Travolta-Cage sind schon super, aber in Verbindung mit Woo wird daraus wirklich ein zeitloser Klassiker, der seinen Status als Lieblingsfilm weiterhin tragen darf.

Wertung: 10 von 10 Punkten (die expressivsten Gesichter Hollywoods treffen auf den expressivsten Action-Regisseur)

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6 Kommentare leave one →
  1. 16. Juni 2017 14:58

    Eigentlich bewegen wir uns gerade langsam wieder genau auf solche behämmerten Stories zu. Und ich kann das natürlich nur befürworten. Momentan befinden wir uns eher in der 80er-Retrowelle, aber da sind die 90er nicht mehr weit (und die Beschränktheit der Stories hat sich ohnehin in beiden Jahrzehnten nicht viel gegeben).

    Ich erwarte jetzt nebenbei, dass du das Cage-Action-Triple voll machst und noch „Con Air“ guckst.

    • donpozuelo permalink*
      18. Juni 2017 18:55

      Solche behämmerten Stories, ja. Nur werden die heutigen nie so viel Herz haben wie damals. Ich versuche mir immer ein Reboot von FACE OFF vorzustellen und es klappt einfach nicht.

      Und ja, keine Sorge „Con Air“ wird auch noch geguckt.

      • 18. Juni 2017 19:00

        Ja, das Problem ist die momentane Lieblosigkeit, die fast überall vorherrscht. Aber Ausnahmen gibt es ja immer mal wieder.

        • donpozuelo permalink*
          18. Juni 2017 19:43

          Das stimmt…

  2. 21. Juni 2017 13:34

    Dann bitte noch Broken Arrow. 😉

    Face/Off ist großartig. Punkt. Bis heute einer meiner Lieblings-Actioner. (Aber vermutlich auch nur, weil ich damit groß geworden bin…)

    • donpozuelo permalink*
      21. Juni 2017 19:13

      Aber nicht nur deswegen. Der Film ist auch so immer noch einer der besten Actionfilme.

      Und mit Broken Arrow hast du mich jetzt voll erwischt. Den habe ich nämlich noch nie gesehen. Sollte ich also auf jeden Fall auf meine Liste setzen.

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