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Ein Sommer in Italien

12. September 2018

Es gibt Filme, die bleiben oftmals wegen einer ganz bestimmten Szene im Gedächtnis. Das ist manchmal gut und manchmal weniger gut, weil dahinter dann der ganze Film verloren geht, da eh alle nur über diese eine einzige Szene sprechen. So eine Szene gibt es auch in dem gefeierten Film „Call me by your name“. Ich hatte vorher nicht sonderlich viel darüber gehört – nur halt eben irgendwas mit einem Pfirsich. Tja, und jeder, der den Film gesehen hat, wird wissen, was damit gemeint ist. Diese eine (wie ich finde etwas unpassende und auch etwas merkwürdige) Szene wird sich bei mir immer mit „Call me by your name“ festsetzen, dabei hat der Film zum Glück sehr viel mehr zu bieten als nur den Pfirsich…

Italien im Sommer 1983, der 17-jährige Elio (Timothée Chalamet) lebt mit seinen Eltern auf dem Land. Sein Vater (Michael Stuhlbarg) ist Archäologie-Professor und wie jedes Jahr besucht ihn einer seiner Studenten, um ihm bei der Arbeit zu helfen. Dieses Jahr ist es Oliver (Armie Hammer), ein adretter und charmanter Amerikaner, der allen den Kopf verdreht – unter anderem auch Elio. Langsam entwickelt sich zwischen den beiden eine Beziehung, die über Freundschaft weit hinaus geht.

Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt.

Auf den Pfirsich will ich jetzt gar nicht weiter eingehen, sondern lieber direkt zum Film kommen. Denn ich bin schon wieder arg hin und her gerissen, was „Call me by your name“ angeht. Ich weiß, dass so ziemlich jeder, der ihn gesehen hat, extrem abfeiert, aber ich muss gestehen, ich würde ihn jetzt nicht so „extrem“ abfeiern. Ein paar Dinge aber schon:

Zum einen gelingt es Regisseur Luca Guadagnino auf unglaublich tolle Art und Weise, ein absolutes Sommergefühl aufkommen zu lassen. Klingt jetzt erst einmal blöd, aber dieser ganze Film strahlt perfekt aus, was so ein Sommer in Italien irgendwie sein sollte: Land und Leute, Lesen, Liebe, auf alten Rädern durch kleine beschauliche Örtchen fahren, verschiedene Menschen kennenlernen, das Essen genießen. All das atmet „Call me by your name“ förmlich. Es ist wirklich wie ein kleiner Urlaub auf der Kinoleinwand – und ich muss gestehen, ich habe schon lange keinen Film mehr gesehen, der so ein Wohlfühl-Gefühl ausgelöst hat. Das ist wirklich beeindruckend. Dieser Film lebt Italien, lebt den Sommer!

Zum anderen sind es die wirklich tollen Darsteller, die diesem Film das zusätzliche Etwas verleihen. Allen voran Timothée Chalamet, der in dieser Coming-Of-Age-Story wirklich alles gibt und alles durchleben muss, was es nur gibt. Das ist dann auch Punkt Drei, den man „Call me by your name“ wirklich hochanrechnen muss: Es ist ein unglaublich gefühlvoller Film, der sich Zeit nimmt, diese Liebesgeschichte zu erzählen, aber ohne sie jetzt als reine Liebesgeschichte zu erzählen. Es ist Elios Geschichte, mehr als das es die Geschichte von Elio und Oliver ist. Es ist die Geschichte einer Sommerliebe, aber mehr noch die Geschichte eines Jungen, der von seinen Gefühlen überrumpelt wird, der verunsichert und hoffnungslos verliebt ist. Dabei geht „Call me by your name“ auch darauf ein, wie sehr Elios Gefühle andere betreffen. Da sind seine liebenswerten Eltern und natürlich Oliver, aber da ist auch die arme Marzia (Esther Garrel), die – ohne es zu wissen – aus den falschen Gründen Zuneigung von Elio erfährt. Das ist alles extrem stark – Guadagnino lotet alle emotionalen Tiefen dieser Liebe aus, ohne etwas auszulassen. Somit ist „Call me by your name“ manchmal locker, leicht und fröhlich, dann wieder verdammt tragisch und traurig.

Aber ich habe ja schon gesagt, dass ich nicht alles an „Call me by your name“ so perfekt fand. Kommen wir vielleicht zu einer eher etwas oberflächlichen Angelegenheit: Ich mochte Armie Hammer in dieser Rolle einfach überhaupt nicht. Er stolziert die ganze Zeit durch diesen Film, als wenn es ein Laufsteg wäre. Immer wieder streift er sich durch die Haare, zeigt uns seinen Körper durch offene Hemden und gockelt eigentlich den ganzen Film nur durch die Szenen. Das ging mir, ehrlich gesagt, irgendwann ziemlich auf den Keks. Jetzt so im Nachhinein frage ich mich allerdings, ob das möglicherweise gewollt ist. Vielleicht ist das die überzeichnete Sichtweise von Elio auf diesen amerikanischen Schönling (aber selbst wenn man das so interpretieren könnte, empfand ich das als etwas anstrengend). Zudem habe ich mich gefragt: Wie sehr kauft man einem Armie Hammer wirklich ab, dass er so Mitte 20 und Student sein soll??? Aber gut…

Zum Abschluss hätte ich noch anzubieten, dass ich den Film zum Ende hin einfach viel zu lang fand. Ist natürlich auch alles reine Ansichtssache, aber ich hatte schon an dem Punkt, wo Oliver und Elio sich am Zug verabschieden mit dem Ende gerechnet… und dann ging der Film noch weiter. Erst mit Mama, dann mit Marzia, dann mit Papa und am Ende noch einmal mit Oliver. Jede wichtige Partei kommt noch einmal zu Wort (wobei vor allem Michael Stuhlbarg als Papa den tollsten Vater der Welt spielt), aber mir persönlich wäre ein etwas früheres Ende etwas lieber gewesen.

Wertung: 7 von 10 Punkten („Call me by your name“ ist ein wunderschönes Coming-Of-Age-Drama, dass ein perfektes Sommergefühl einfängt, aber dann mit Armie Hammer und der Länge etwas bei mir scheitert)

4 Kommentare leave one →
  1. 12. September 2018 11:36

    Die positiven Dinge hast du perfekt herausgestellt, die negativen kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Armie Hammers Schauspiel war in jedem Fall absichtlich auf den amerikanischen Schönling gemünzt.
    Ich finde es einen Fehler die Pfirsisch-Szene so herauszustellen, da sie meiner Meinung nach perfekt die Angst und die Anziehung Elios ausdrückt. Den Film auf diese zu reduzieren passt für mich gut zu einem Kinopublikum, welches ihre Sehgewohnheiten an den sonst glatt gebügelten amerikanischen Filmen orientiert (Ich spreche damit nicht direkt dich an, eher die Wahrnehmung der Szene in der allgemeinen Öffentlichkeit).

    LG TBC

    • donpozuelo permalink*
      12. September 2018 18:33

      Ich sage ja, dass mir im Nachhinein schon klar war, dass das mit Armie Hammer so gewollt war. Mir persönlich war es einfach ein wenig zu viel.

      Und ja, natürlich ist es ein fataler Fehler, den Film nur auf den Pfirsich zu reduzieren. Ich rede da auch mehr von der Erfahrung, was ich im Vorfeld von anderen über den Film gehört hatte. Und da ging es zu allererst leider um diese Szene. Deswegen sage ich ja auch, dass es immer ein wenig schade ist, wenn ein Film EINE Szene hat, die Leuten mehr im Gedächtnis bleibt als alles andere. Das hat kein Film und auch nicht CALL ME BY YOUR NAME verdient.

  2. 12. September 2018 20:24

    Wenn du mal eine Meinung lesen willst, die den Film nicht abfeiert, sondern das genaue Gegenteil tut, empfehle ich mal einen Blick auf meine Kritik… 😉

    • donpozuelo permalink*
      12. September 2018 20:42

      Oha. Werde ich auf jeden Fall machen und ich denke mal, ich werde dich absolut verstehen.

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