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Moderner Hexen-Tanz

19. November 2018

Dario Argentos Kultfilm „Suspiria“ wird auf ewig der Horror-Film sein, der mir eine schlaflose Nacht beschert hat. „Suspiria“ ist der einzige Film, der es bislang geschafft hat, mich in einen üblen Alptraum zu versetzen. Aber irgendwie ist das auch kein Wunder: die ständige, unheimliche Beschallung mit dem Soundtrack von „The Goblins“ und die in satte Farben getauchten Bilder wirken nahezu hypnotisch. Da kann man dann auch schnell vergessen, dass die Story nicht so stark ist, denn der Rest des Films nimmt einen einfach so in Beschlag, dass man sich der Sogkraft nicht mehr entziehen kann. Argentos „Suspiria“ ist zu Recht ein Kultfilm… weswegen ich auch schwer schlucken musste, als es vor einiger Zeit hieß, es würde ein Remake in die Produktion gehen. Jetzt ist es endlich da: „Call Me By Your Name“-Regisseur Luca Guadagnino zeichnet sich dafür verantwortlich. Und ja, falls soll ich sagen: Eine schlaflose Nacht wurde das Ganze nicht, denn ich wäre schon des Öfteren beinahe während des Films eingeschlafen.

Berlin, irgendwann in den 70er Jahren: Der RAF-Terror schockiert das geteilte Land. Währenddessen kommt die junge Susie Bannion (Dakota Johnson) in der Stadt an, um an einer renommierten Tanzschule unter der Leitung von Madame Blanc (Tilda Swinton) zu studieren. Sie übernimmt für die junge Patricia (Chloe Grace Moretz), die abgehauen ist, um sich offenbar der Terror-Gruppe anzuschließen. Susie wird schnell zum Star der Tanzakademie – doch schon bald muss sie sich fragen, ob in dieser Tanzschule alles mit rechten Dingen vor sich geht. Kann es sein, dass die Lehrerinnen der Schule alles Hexen sind?

Das neue „Suspiria“ stellt mich so ein bisschen vor ein Dilemma: Soll ich froh darüber sein, dass Guadagnino sich so weit vom Original entfernt (und somit mehr oder weniger das Original in Ruhe lässt) oder soll ich mich ärgern, dass er dem Original nicht die Ehre erweist, es mehr zu kopieren? In erster Linie ist es ja eigentlich nicht schlecht, dass ein Remake gerade nicht versucht, das Original zu kopieren. Jetzt im Nachhinein hätte ich mir eine nähere Kopie dann doch eher gewünscht. Gerade mit heutigen Mitteln hätte aus dem Remake wirklich ein noch besserer Film werden können.

Statt grellen Farben heißt uns „Suspiria“ in einem durch und durch grauen Berlin willkommen. Statt gruseliger, atonaler Musik a la Goblin beschert uns Radioheads Thom Yorke einen viel zu melodiösen, poppigen Soundtrack, statt den wirklich tollen Setpieces des Originals bleibt Guadagnino verhältnismäßig klein. Der Italiener hat aus dem wahrhaft berauschenden Original in meinen Augen ein absolutes Schnarchfest gemacht, dass nur an einigen wenigen Stellen zeigt, was es hätte sein können.

Das Einzige, was ich wirklich erwähnenswert finde, sind die Tanzchoreografien. Vor allem in einer ersten Szene, in der Dakota Johnson einen Tanz aufführt, der parallel einhergeht mit der „Vernichtung“ einer Abtrünnigen, ist wirklich großartig. Überhaupt sind die Choreografien wirklich sehr sehenswert. Doch am Ende muss man schon ein starker modern-dance-Fan sein, um sich nur darüber zu erfreuen.

Guadagnino versucht seinem „Suspiria“ auch eine deutlich dichtere Geschichte einzuverleiben, in der es eben nicht nur um einen Hexenzirkel geht, sondern auch um die politische Lage in Deutschland. Der Film versucht die Frage nach Schuld irgendwie mit zu integrieren, doch scheitert er kläglich. Dieses Bemühen, einen politischen Horror-Film zu machen, funktioniert einfach gar nicht. Man denkt immer die ganze Zeit, es könnte eine größere Bedeutung haben, aber all die Geschehnisse rund um die RAF bleiben das, was sie auch im Film sind: störende Nebengeräusche in einem sich ewig ziehenden Film. Das Original war von der Story her auch ziemlich schwach, aber immer noch intensiver und spannender als das Remake.

Zwischendurch und gerade zum Ende hin versucht „Suspiria“ dann auch mit einigen recht ekligen Bildern zu schocken, aber zu dem Zeitpunkt war ich schon soweit von diesem Film entfernt, dass ich das einfach nur noch als unnötig empfand. „Suspiria“ kann sich nie so richtig entscheiden, was es denn nun sein möchte: Horror-Film, Drama oder Geschichtsfilm, in dem man auf die Suche nach der Schuldfrage geht.

Immerhin sind die Darsteller durch die Bank ziemlich stark gewesen: Dakota Johnson legt erfolgreich ihr „Fifty Shades“-Image ab und gibt wirklich alles. „A Cure for Wellness“-Darstellerin Mia Goth überstrahlt aber selbst noch Johnson, einfach weil ihre Rolle sehr viel interessanter geschrieben ist… und dann hätten wir da noch die Grande Dame Tilda Swinton, die eigentlich immer toll ist – nur habe ich den ganzen Film über nicht verstanden, warum sie neben Madame Blanc auch noch die Rolle von Dr. Josef Klemperer übernehmen musste. Jedes Mal, wenn sie in ihrem piepsigen Versuch, eine männliche Stimme zu imitieren, zu reden anfängt, war das einfach nur albern. Und es hat letztendlich auch keine Bedeutung für den Film… irgendwie doch sehr unnötig.

Luca Guadagninos „Suspiria“ wird Argentos „Suspiria“ nicht einmal im Ansatz gerecht. Das Remake hat zwar ein paar nette Ansätze, ist aber einfach mal viel zu lang und – sorry, aber ich sage es jetzt einfach mal so – auch viel zu prätentiös.

Wertung: 3 von 10 Punkten (ein weiteres Remake, das man so nicht gebraucht hätte)

4 Kommentare leave one →
  1. 19. November 2018 10:16

    Okay, überrascht mich nicht wirklich, aber es gibt tatsächlich auch begeisterte Stimmen. Na mal sehen, eigentlich wollte ich reingehen, aber ich überlege weiter :))

    • donpozuelo permalink*
      19. November 2018 11:40

      Von den begeisterten Stimmen habe ich auch schon gehört, kann sie aber nicht so wirklich nachvollziehen. Der Film ist halt wirklich ein Monstrum…

      Überleg es dir auf jeden Fall gut 😀

  2. 12. Dezember 2018 20:03

    Hui, den habe ich stark anders wahrgenommen. Ist zwar nicht mein Lieblingsfilm 2018 geworden, aber ich habe wesentlich mehr aus dem Film gezogen als aus dem „Original“. Besprechung gibts im Blog, falls es dich interessiert 😉

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