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Tränen des Mondes

9. September 2022

Mit „Fluch der Karibik“ gelang Disney vor Jahren etwas, was man eigentlich nicht für möglich hätte halten können: Ein Film basierend auf einer Themen-Park-Attraktion. Wer hätte damals ahnen können, dass ein gewisser Captain Jack Sparrow so eine Kultfigur und aus dem einen Film ein ganzes Franchise werden würde? Wohl wirklich niemand… aber 2003 wurde der Grundstein gelegt, ein Johnny Depp wurde sogar als Bester Hauptdarsteller für einen Oscar nominiert. Unglaublich, aber wahr. Und Disney wäre nicht Disney, wenn man das jetzt nicht wieder versuchen würde. Disneyland hat ja genügend Attraktionen und Pläne daraus Filme zu machen, gab es seit dem Erfolg von „Fluch der Karibik“. So überlegte man wohl schon 2004 aus der Fahrt auf dem Amazonas einen Film zu machen, doch erst 2021 war es soweit: Ich habe mir jetzt mal, weil ich irgendwie Langeweile hatte, „JUNGLE CRUISE“ angeguckt… und ja, wenn man Langeweile hat, ist das ein „okayer“ Film.

Die Wissenschaftlerin Lily Houghton (Emily Blunt) ist im Jahr 1916 auf der Suche nach den Tränen des Mondes. Das sind die Blüten eines legendären Baumes irgendwo im Dschungel am Amazonas, die wundersame Kräfte haben. Nach diesem Baum suchten schon die Konquistadoren unter Aquirre (nicht Kinski, sondern dieses Mal Edgar Ramirez) und jetzt eben Lily. Gemeinsam mit ihrem Bruder MacGregor (Jack Whitehall) chartert sie das Boot von Frank Wolff (Dwayne Johnson) und macht sich auf die Suche. Doch natürlich ist sie nicht die Einzige, die nach den Tränen sucht: Der deutsche Prinz Joachim (Jesse Plemons) will sich durch die Tränen Unsterblichkeit erschaffen und geht dabei einen Deal mit gewissen verfluchten Konquistadoren ein.

Ja… was soll man dazu sagen? „Jungle Cruise“ ist unterhaltsam. „Jungle Cruise“ ist kurzweilig. „Jungle Cruise“ ist aber auch manchmal zum Haare raufen.

Unterhaltsam ist das Ganze, weil wir gerade mit Emily Blunt und Dwayne Johnson ein wirklich gutes Leinwandpärchen haben, die einfach dank der wunderbaren Chemie perfekt miteinander funktionieren. Emily Blunt wird uns direkt am Anfang ein bisschen wie eine weibliche Version von Indiana Jones vorgestellt und natürlich auch gleichzeitig als eine, die sich den strengen Regeln der Männer-Domäne des Erforschens und Forschens nicht beugen will. Blunt macht das auf eine charmante und unterhaltsame Art und Weise… und diese Frau hat ja auch einfach Charisma. Besser hätte man diese Rolle nicht casten können. Dwayne Johnson spielt ja gefühlt seit zig Jahren die immer gleiche Rolle und sein Frank Wolff ist eigentlich nur eine leichte Abweichung von Dr. Smolder Bravestone aus den „Jumanji“-Filmen. Johnson muss echt aufpassen, dass er nicht ewig die gleiche Rolle spielt – weil irgendwann ist das auch einfach ausgelutscht (mit „Black Adam“ scheint er ja jetzt mal was anderes versuchen zu wollen, da müssen wir einfach mal abwarten).

Kurzweilig ist das Ganze, weil Regisseur Jaume Collet-Serra (der ja viele, sehr viele Liam-Neeson-Action-Filme und mit „The Shallows“ einen kurzweiligen und guten Hai-Film gedreht hat) hier nicht groß rumfackelt. Wie es sich für eine Themenpark-Attraktion gehört, geht die Action direkt los und geht eigentlich konstant weiter. Da wird zwar viel auf CGI gesetzt und rein optisch kommt das nicht an ein „Fluch der Karibik“ heran. Aber das Tempo stimmt, Collet-Serra streut auch mal ein paar ruhige Momente ein, konzentriert sich aber darauf, dass die Action nie zu kurz kommt.

Zum Haare raufen ist das Ganze aber leider eben auch. Wieder einmal kommt nicht so richtig Abenteuer-Film-Feeling auf. Ich habe echt das Gefühl, dass dieses Genre einfach nicht mehr gewürdigt wird. „Uncharted“ hat es schon nicht geschafft und auch „Jungle Cruise“ tut sich da schwer und hätte ein paar mehr Abenteuer-Elemente echt vertragen können. Dazu kommt leider auch, dass tolle Schauspieler ziemlich verschwendet werden und Disney mal wieder sehr lieblos versucht, ein paar Themen abzufrühstücken, zu denen sie sich im Sinne der Diversität gezwungen fühlen.

Fangen wir aber bei den Schauspielern an: Jesse Plemons ist so toll und spricht erstaunlich gutes Deutsch für seinen deutschen Prinz. Aber leider ist er komplett verschwendet in diesem Film. Anfangs mochte ich ihn noch wirklich sehr, wenn er damit seinem „Hällöchen“ und seinem U-Boot mitten im Amazonas auftaucht, aber später weiß der Film mit ihm nicht mehr so richtig was anzufangen. Das Gleiche gilt auch für Edgar Ramirez, der hier nur in eine recht lieblose Schergenrolle gesteckt wird. Richtig peinlich wird es aber, wenn Disney hier versucht, das Thema Homosexualität einzubringen. Da outet sich MacGregor in einem Gespräch kurz als schwul, danach kommt ein äußerst merkwürdiger Dialog mit Frank Wolff, der „das ja total okay findet“ (oder irgendwas in die Richtung) und das war’s dann. Fühlt sich halt sehr lieblos an, aber frei nach dem Motto: Dann haben wir das Thema auch wieder mal in einen Film eingearbeitet.

Insgesamt ist „Jungle Cruise“ halt nett… mehr nicht. Da hätte man echt mehr draus machen können, aber leider fehlt das einfach das gewisse Etwas, um hier einen wirklich spannenden und spaßigen Abenteuer-Film abzuliefern.

Wertung: 6 von 10 Punkten (ein typischer Dwayne-Johnson-Film, der durch Emily Blunt besser gemacht wird)

Der letzte Hack

7. September 2022

Mir fehlen ein wenig die Worte… nach „MR. ROBOTStaffel 4 weiß ich gerade nicht, wie ich das, was ich da gesehen haben, in akkurate Worte packen soll. Ich hatte manchmal das Gefühl, die Serie entwickelt nun auch unterschiedliche Persönlichkeiten und an einigen Stellen war das wirklich sehr spannend und an anderen hat es mich ein wenig gelangweilt. Staffel 4 war für mich die erste Geduldsprobe, wenn ich ehrlich bin… und ich war schon irgendwie soweit zu sagen: „Naja, das Finale wird wohl nichts für mich sein.“ Aber gerade das Finale von „Mr. Robot“ stellt dann doch nochmal alles in den Schatten und schafft es, dass man die Serie innerhalb von zwei, drei Episoden in einem ganz anderen Licht betrachtet (was wohl dann auch darin ausarten wird, dass ich mir das Ganze irgendwann nochmal einmal anschauen muss).

Staffel 3 endete ja mit einem ordentlichen Knall: Elliot (Rami Malek) machte 5/9 wieder rückgängig… und will nun alles daran setzen, Whiterose (BD Wong) zu Fall zu bringen, die zudem ja immer noch an einer mysteriösen Maschine arbeitet. Angela (Portia Doubleday) erfuhr, dass Phillip Price (Michael Cristofer) in Wirklichkeit ihr Vater ist und Dominique (Grace Gummer) wird zum neuen Maulwurf innerhalb des FBIs für Whiterose. Und dann ist da ja noch Fernando Vera (Elliot Villar), der plötzlich wieder auftaucht.

Was ich an Staffel 4 von „Mr. Robot“ sehr mochte, war die Tatsache, dass Whiterose noch mehr in den Vordergrund gerückt wurde. Ich muss einfach sagen, dass ich BD Wong in dieser Rolle echt absolut großartig fand und die ganze Story, die rund um ihn gestrickt wurde, war fantastisch und spannend. Gerade die ganze Nummer mit Whiterose führt „Mr. Robot“ ja auch echt in fast schon Science-Fiction-Gefilde… gerade in Bezug auf diese mysteriöse Maschine, von der keiner so richtig weiß, was sie machen wird. Aber allein, dass es sie da irgendwo gab, verformte die Serie ein wenig. Auf einmal war es nicht mehr einfach nur so ein Hacker-Thriller, sondern irgendwas Mysteriöses, was noch Aufregenderes. Der ganze Kampf gegen Dark Army und Whiterose holte „Mr. Robot“ dann aber gleichzeitig auch ein bisschen weg von dem, was die Serie noch in der ersten Staffel gewesen ist…

Statt Robin Hood wird Elliot jetzt auf einmal zum Weltenretter. Das war immer so ein Punkt, bei dem ich etwas schnappen musste. Passte nicht so ganz zu dem, was wir eigentlich erlebt haben. Dazu kam für mich in Staffel 4 erschwerend dazu, dass ein neuer Konflikt aufgebaut wird, der sich ziemlich erzwungen anfühlte: Nämlich der zwischen Mr. Robot (Christian Slater) und Elliot selbst. Dafür hatte man ja dann auch noch irgendwie Vera zurückgeholt, den ich ehrlich gesagt auch nicht gebraucht hätte. Der war in Staffel 1 passend, hier wirkte der ein wenig fehl am Platze. Gerade auch mit seinen Vorstellungen davon, mit der Hilfe von Elliot New York an sich zu reißen. Aber gut… dadurch kommt dann das große Geheimnis zutage, das in seiner Heftigkeit kaum zu übertreffen ist, aber sich doch ziemlich erzwungen anfühlte.

Es kommt allerdings ein großes ABER… denn auch wenn mich all diese Dinge irgendwo ein wenig an Staffel 4 gestört haben, gibt es ja noch dieses Finale, diese letzten zwei Episoden, die nicht nur Elliot selbst aus dem Konzept reißen, sondern auch uns als Zuschauer. Was hier dann passiert, ist im ersten Augenblick verwirrend, spielt sehr mit diesem Science-Fiction-Gedanken und verankert das am Ende doch so gekonnt in der Figur von Elliot, das alles Meckern wie weggeblasen ist. Was Serien-Schöpfer Sam Esmail hier mit dem Finale entwickelt, wirft die komplette Serie in ein ganz neues Licht, lässt alles, was passiert ist, vor unseren Augen anders wirken – aber gut anders. Hier merkt man, dass „Mr. Robot“ wirklich ein starkes Konzept hatte, das in diesem Finale zur Perfektion gebracht wird.

Das Finale hat mich wirklich umgehauen… und vieles, was ich an Staffel 4 anfangs nicht so stark fand, dann doch sehr viel stärker werden lassen. Natürlich war die Season auch so in vielen Punkten, wie man es gewohnt war: Tolle Darsteller, interessante Geschichten und mal wieder auch starke Konzept-Episoden (wie eben Folge 5, die komplett ohne Dialog auskommt).

Insgesamt betrachtet ist „Mr. Robot“ eine dieser Serien, die man einmal guckt, um einfach nur jeden Wow-Moment mitzunehmen und die man dann noch ein zweites Mal gucken sollte, um alle Fäden wirklich miteinander verbinden zu können.

Wertung: 9 von 10 Punkten (grandioses Finale für eine grandiose Serie)

Der Djinn und die Erzählerin

5. September 2022

Wenn ich den Namen George Miller höre, denke ich sofort an „Mad Max“. Aber Miller hat neben seiner Trilogie (die ich nach wie vor sehr gerne schaue, weil sie einfach auch echt gut ist) ja noch mehr gemacht. Wie zum Beispiel „Mad Max: Fury Road“ – der Beweis, dass man im Jahr 2015 auch noch ohne viel CGI richtig grandiose Action auf die Leinwand bannen kann (und da bin ich schon sehr auf das geplante Prequel „Furiosa“ sehr gespannt). Allerdings sieht es jetzt wieder aus, als würde Millers Filmografie nur aus Verrückten und Autos bestehen… was ja gar nicht der Fall ist. Wenn man sich aber anschaut, was Miller sonst noch so gemacht hat, wirkt es fast schon ein wenig absurd / witzig / verrückt: Filme wie „Babe“, „Babe 2“, „Happy Feet“ und auch dessen Sequel gehören eben so in die Filmografie eines George Millers wie auch das Drama „Lorenzo’s Oil“ oder der Fantasy-Hexenfilm „The Witches of Eastwick“. So richtig hängengeblieben ist bei mir aber trotzdem eher „Mad Max“, was auch daran liegt, dass ich das sprechende Schweinchen leider nie in Aktion gesehen und auch nie die tanzenden Pinguine bewundert habe. Trotzdem ist Miller – durch seine Max-Filme – jemand, bei dem ich neugierig werde… und sein neuster Film hat mal wieder nichts mit der Postapokalypse zu tun, sondern ist das Märchen „THREE THOUSAND YEARS OF LONGING“.

Alithea Binnie (Tilda Swinton) ist Professorin für Literatur, ihr Fachgebiet ist das Geschichtenerzählen. Bei einer Konferenz in Istanbul kauft sie ein kleines antikes Fläschchen und befreit daraus einen Djinn (Idris Elba), der ihr – wie es sich gehört – drei Wünsche erfüllen will. Das Problem für den Djinn ist nur, 1) Alithea fühlt sich in ihrem Leben recht wohl und ist quasi „wunschlos glücklich“ und 2) sie ist Expertin in Geschichten und weiß natürlich, dass mit den Wünschen auch sehr viele Risiken einhergehen. Etwas, was sich bestätigt, als der Djinn anfängt, Alithea seine Lebensgeschichte zu erzählen – von seinen Diensten bei der sagenumwobenen Königin von Saba bis jetzt.

Man merkt mit „Three Thousand Years of Longing“ sofort, dass man wieder in Miller-Land ist. Der Mann ist selbst mit seinen 77 Jahren immer noch sehr besessen darauf, seinem Publikum ein einzigartiges und vor allem bildgewaltiges Spektakel abzuliefern. Und das bekommen wir hier auch. Gerade die erste Hälfte, gerade die Geschichten des Djinn leben von einem sehr aufregenden visuellen Erzählen. Die Bilder, die Miller uns zeigt, entführen uns in andere Zeiten. Miller lässt das Reich von Königin Saba opulent aufleben, zeigt uns den Palast von Süleyman I. oder das türkische Reich unter Murad IV und dessen Bruder Ibrahim. Millers Film konzentriert sich dabei natürlich sehr darauf, wie der Djinn diese Zeiten beeinflusst hat und mixt dabei sehr schön Fantasie mit realen historischen Figuren.

Ich mochte das wahnsinnig gerne. Mit Idris Elba als Erzähler hätte ich noch zig solcher Anekdoten aus dem Leben eines Djinns zusehen können. Da steckte nämlich unglaublich viel Liebe und Kreativität drin. Natürlich mag das vielleicht auf den ein oder die andere etwas zerstückelt wirken, aber ich mochte einfach diese Geschichten. Das „Problem“ des Films ist daher für mich eher, dass er irgendwann zu Alithea wieder zurückkehren und auch noch ihre Geschichte erzählen muss… und diese Sache hinkt dann in meinen Augen ein wenig. Ich habe Alithea ihren ersten Wunsch (den ich nicht spoilern will) nicht so wirklich abgekauft und auch was danach folgt, wirkt eher etwas platt. Beim Gucken bekam ich so das Gefühl, dass Miller sich voll in die Geschichte des Djinns verguckt hatte, dabei aber vergaß, was er eigentlich mit Alithea machen soll.

So zieht sich die Geschichte zum Ende hin ein wenig und kommt nicht mehr voran. Der Drive, den der Anfang hatte, geht verloren. Gleichzeitig lässt der Film selbst einige ungelöste Fragen offen: Zu Beginn des Films wird Alithea am Flughafen von einem merkwürdigen Mann angerempelt, bei ihrer Konferenz-Vorlesung lauert ein komischer Geist im Publikum, die Welt des Djinns scheint in ihre schon vorher überzugehen… nur sehen wir letztendlich nicht mehr viel davon. Der Djinn und seine Welt allein hätten schon ausgereicht für einen Film. Alithea platzt da einfach nur so rein… und passt nicht so ganz dazu.

Idris Elba als Djinn ist super. Wie schon jetzt so oft gesagt, er hebt diesen Film (auch durch seine großartige Erzählerstimme) auf ein ganz anderes Niveau. So sehr ich eine Tilda Swinton auch liebe, so sehr konnte ich mich mit ihr hier nie so ganz anfreunden. Die leicht schrullige, in sich gekehrte Professorin stand ihr gut, versteht mich nicht falsch. Das hat sie super auf ihre Swinton-Art gespielt… aber die Chemie zwischen ihr und Idris Elba kommt nicht so richtig in Gang. Das wirkt zu konstruiert, um mich emotional so richtig mitzunehmen. Auch da sind mir die kleineren Geschichten des Djinns sehr viel mehr ans Herz gegangen.

Trotzdem muss ich „Three Thousand Years of Longing“ einfach mögen. Es ist mal wieder ein Film, der nichts mit einem Franchise zu tun hat (es ist aber auch eine Literatur-Verfilmung, basierend auf „The Djinn in the Nightingale’s Eye“ von A.S. Byatt), es ist ein kreativer, wunderschön anzuschauender Film, dessen erste Hälfte wirklich einfach nur verzaubert. Von daher: Ich hatte mir ein klein bisschen mehr erhofft, aber am Ende fehlt dem Finale das gewisse Etwas. Dennoch war es ein schönes Filmerlebnis.

Wertung: 7 von 10 Punkten (die erste Hälfte ist Kino pur, das Finale etwas konstruiert)

Random Sunday #88: Deine kalten Hände

4. September 2022

Letztes Jahr habe ich die koreanische Autorin Han Kang für mich entdeckt. Ihr Roman „Die Vegetarierin“ war ein sehr verstörendes und gleichzeitig unglaublich faszinierendes Buch, an das ich hier und da immer mal noch wieder denke (gerade weil das Thema Fleisch ja auch immer wieder aufkommt) und das ich definitiv irgendwann noch einmal lesen werde. Doch Miss Booleana hat mich schon damals auf Hans anderen Roman „DEINE KALTEN HÄNDE“ aufmerksam gemacht… den habe ich jetzt endlich nachgeholt – und den konnte ich nicht aus der Hand legen, sodass ich das ganze Buch einfach mal innerhalb weniger Stunden an einem Tag durchgelesen hatte.

Der Bildhauer Jang Unhyong verschwindet eines Tages ohne jede Spur. Alles, was seine Schwester von ihm findet, sind seine Skulpturen (Gipsabdrücke von Händen und Körpern) und ein Tagebuch, in dem Jang seine Obsession zur jungen L. offenbart wird. Eine übergewichtige Frau, deren Hände Jang so faszinieren, dass er nicht mehr davon loskommt und sich darin förmlich verliert.

Han Kang hat offensichtlich eine Vorliebe für Künstler, die sich mehr und mehr in ihrer eigenen Besessenheit verlieren. Es gab doch auch schon in „Die Vegetarierin“ diesen Video-Künstler, der unsere Vegetarierin mit Blumen vollmalt. Jetzt haben wir einen Mann, der fasziniert ist von den Händen. Und auch in dieser Geschichte kommt wieder dieses absurde Körperbild der Koreaner zum Vorschein. Denn Jang Modell ist übergewichtig und viele von Kangs Beschreibungen zielen auch immer wieder darauf ab, uns das deutlich zu machen. Auch L.s Weltbild wird ja über den Haufen geworfen, dass ausgerechnet SIE von dem Künstler so angehimmelt und zur Muse gemacht wird.

Aber all das steht jetzt nicht im Mittelpunkt, sondern natürlich der Künstler und sein Leben. Seine Vorgeschichte, sein einsames Leben, sein Versuch, sich an etwas zu klammern, das seinem Leben mehr Sinn verschafft. Man kann da dann schon sehr viel in seine Körperabdrücke und Handskulpturen lesen… und es fällt mir wahnsinnig schwer zu beschreiben, was Han Kang hier beim Schreiben auslöst, aber ich bin einfach so in diesem Buch, in dieser Gefühlswelt versunken, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen.

Natürlich ist das alles überspitzt, die Eskalationen mit L. oder wenn dann später noch diese nahezu perfekte Innenarchitektin dazu kommt, die das Leben des Künstlers auf eine ganz andere Art und Weise beansprucht und ihn aus seinem Atelier lockt. Han Kang schafft es auch in „Deine kalten Händen“ ihren Figuren etwas Surreales zu geben und gleichzeitig etwas, das sie total nahbar und nachvollziehbar macht. Ihre Studie um die Einsamkeit und um das Beziehungswirrwarr in Künstler Jang ist tiefgreifend, bewegend und teils auch abschreckend. Diese Lebensart, diese totale Hingabe zu seinen Skulpturen, zu L. – all das hat den Anschein, als würde sich der Künstler vor sich selbst verstecken wollen, um sich nicht mit sich selbst beschäftigen zu müssen.

Han Kang etabliert dabei eine Poesie und eine Rätselhaftigkeit, die wirklich bemerkenswert ist. Ich muss bei immer ein bisschen an Murakami denken – wenn der radikaler und weniger verträumt wäre. Was jetzt nichts Schlimmes sein soll. Han Kang hat auf jeden Fall etwas, dass einen dazu bringt, einfach immer weiterzulesen.

„Deine kalten Hände“ hat dabei, das muss ich auch sagen, nicht diese Finesse, die „Die Vegetarierin“ hat. Liegt aber vielleicht auch einfach daran, dass „Deine kalten Hände“ sehr gradlinig ist und wir letztendlich immer nur bei Jang, dem Künstler und den beiden Frauen in seinem Leben bleiben, während „Die Vegetarierin“ ja drei sehr unterschiedliche Stufen der jungen Frau offenbart, die mehr und mehr zur Pflanze werden möchte.

Aber ich bin auch nach Buch 2 von Han Kang echt sehr begeistert von ihr. Der nächste Roman „Menschenwerk“ ist schon bestellt und wird mit Sicherheit auch nicht enttäuschen.

Singende Flusskrebse

2. September 2022

Ach Buchverfilmungen… es ist nicht leicht. Vor allem, wenn es um ein Buch geht, das in sich schon so bildgewaltig ist, und man sich natürlich beim Lesen eine ganz eigene Welt aufbaut, die kein Filmmacher der Welt je einfangen könnte. Bei Delia Owens Roman „Where the crawdad sing“ ist es jetzt leider wieder genau so abgelaufen, wie ich es mir gedacht hatte. Ich war froh, dass ich es vor dem Filmstart noch geschafft hatte, das Buch zu lesen, das schon ziemlich lange auf meinem SUB darauf wartete, mich in diese Welt der Sümpfe und singenden Flusskrebse eintauchen zu lassen. Jetzt habe ich endlich „DER GESANG DER FLUSSKREBSE“ gesehen… und naja, es ist schon ein schöner Film, aber das Buch ist einfach tausendmal schöner.

Kya (Daisy Edgar-Jones) lebt seit ihrer Kindheit allein in den Sümpfen an der Küste von North Carolina. Erst verschwindet ihre Mutter, dann ihre Geschwister und irgendwann verschwindet auch ihr Vater (Garret Dillahunt). Auf sich allein gestellt, überlebt Kya nicht zuletzt auch dank der Hilfe des Tankwarts und Gemischtwarenhändlers Jumpin (Sterling Macer Jr.) und dessen Frau Mabel (Charlene Hyatt). So lebt Kya in ihrer kleinen eigenen Welt, die dann irgendwann vom jungen Tate (Taylor John Smith) mit Liebe und Enttäuschung gefüllt wird, die später durch Chase (Harris Dickinson) mit den gleichen Zutaten gewürzt wird, bis Chase eines Tages tot im Sumpf gefunden wird und Kya als Hauptverdächtige vor Gericht landet.

Schon als ich das Buch gelesen habe, wurde mir klar, dass das als Film nicht so richtig funktionieren wird. Denn das Buch ist einfach zu vielfältig, um in zwei Stunden erzählt zu werden. Das Buch zeigt uns den harten Überlebenskampf einer jungen Kya, wie sie leidet, wie sie hungert, wie sie von dem Wenigen lebt, was sie zusammenkratzen kann. Der Film romantisiert das relativ. Kyas ganze Kindheit wird ziemlich schnell übersprungen. Viel zu erleiden hat sie hier nicht. Sie sammelt ein paar Muscheln, verkauft die bei Jumpin und das muss im Film reichen, um klarzustellen, dass er und seine Frau ihr große Hilfen sind. Das Buch geht hier dann natürlich auch noch ein bisschen mehr auf die Rassentrennung ein, immerhin spielt das Ganze in den 50er und 60er Jahren. Auch das lässt der Film relativ schnell fallen.

Was mich auch rein oberflächlich sehr gestört hat, ist einfach die Tatsache, dass die Film-Kya viel zu sauber ist 😀 Für einen Menschen, der im Sumpf aufwächst und nur wenige der Vorzüge hat, die die moderne Gesellschaft ausmachen, läuft eine Daisy Edgar-Jones mir einfach viel zu perfekt gestylt durch diesen Film. Ich weiß, das ist ein alberner Kritik-Punkt, aber in meiner Vorstellung war Kya einfach etwas „schmutziger“. Nicht ungepflegt, aber selbst ihre Klamotten sind halt einfach zu perfekt. Delia Owens erzählt uns von einer Kya, die wirklich auch hart arbeiten muss, um ihr Leben zu bewerkstelligen. Aber gut, wie gesagt… das liegt wahrscheinlich auch an meiner Lesart des Romans.

Der wird für das Buch dann doch sehr runtergebrochen auf die etwas ältere Kya und ihre Gerichtsverhandlung. Dabei wird das Ganze dann sehr mit viel Herzschmerz gewürzt: Erst Tate, dann Chase. Und wie gesagt, mir war das alles schon beim Lesen klar, dass es genau so kommen würde. Regisseurin Olivia Newman inszeniert das auch wirklich sehr schön, für einen Film wird diese Geschichte rund erzählt, das Verbinden von Gerichtsdrama mit Rückblenden zu Kyas Leben funktioniert ganz gut. Aber auch hier muss der Buchleser einfach rumnörgeln. Viele Aspekte der Verhandlung vor Gericht, die im Buch wichtig sind, werden im Film komplett rausgelassen. Was natürlich auch wieder Sinn macht, weil sonst wäre das ein Gerichtsfilm. Owens lässt Anwalt Tom Milton wirklich alles vor Gericht beweisen, um für seine Mandantin zu kämpfen. Dadurch wird auch der Krimi-Aspekt der „Flusskrebse“ im Roman stärker ausgebaut. Im Film ist das zu sehr zur Rahmenhandlung degradiert, der dann leider auch eine gewisse Emotionalität fehlt. Das schafft Owens im Buch besser.

Durch die Brille des Lesers hat mich „Der Gesang der Flusskrebse“ leider nicht so gepackt. Der Film sieht toll aus, gerade die Landschaftsaufnahmen sind fantastisch. Eine Daisy Edgar-Jones, die ich bislang nur aus „Fresh“ kannte, ist auch toll in der Rolle der Kya. Aber im direkten Vergleich mit dem Buch war mir der Film einfach etwas zu oberflächlich, zu unkritisch mit einigen Aspekten (wie zum Beispiel Jumpin und sein Stand in der Stadt, Kyas Überleben, etc.) und einfach auch etwas zu glattgebügelt.

Wer den Film aber mochte, dem lege ich wirklich das Buch ans Herz. Das ist einfach nochmal eine Stufe besser.

Wertung: 6 von 10 Punkten (schöner Film, der nicht ans Buch herankommt)

Die Hauf-Drauf-Prinzessin

31. August 2022

Wenn Disney einen Film über eine Prinzessin auf seinem Streaming-Dienst bringt, könnte man ja meinen, das wäre einfach die übliche Disney-Prinzessin. Obwohl, was ist denn noch die übliche Disney-Prinzessin? Was früher die „damsel in distress“ gewesen ist, die – wie es sich für die alten Märchen gehört – gerettet werden muss, ist heute mittlerweile ein starkes, junges Mädchen, das sich gegen alte Traditionen auflehnt und für sich selbst einsteht. Auch Disney lernt ein bisschen dazu, wenn auch sehr viel langsamer, als man sich das vielleicht wünschen würde. Deswegen ist „THE PRINCESS“ am Ende doch vielleicht kein so ungewöhnlicher Prinzessinnen-Film auf Disney+, auch wenn man hier natürlich ganz klar sagen sollte: Das hier ist kein Familien-Film. Sondern eine Prinzessin auf einem „John Wick“-Trip.

Als die Prinzessin (Joey King) gefesselt im höchsten Turm des Schlosses aufwacht, weiß sie erst gar nicht, was ihr geschehen ist. Aber natürlich fällt ihr schnell wieder ein, dass sie der Hochzeit mit Julius (Dominic Cooper) entsagt hat und der daraufhin hin, alle im Schloss festnehmen ließ und nun durch Zwang die Macht der Krone durch die Hochzeit mit der Prinzessin an sich reißen will. Dabei hat der gute Julius aber nicht damit gerechnet, dass die Prinzessin seit ihrer Kindheit von Linh (Veronica Ngo) in allerlei Kampfsportarten ausgebildet wurde… und definitiv nicht das unschuldige Mädchen ist, nach dem sie vielleicht aussehen mag.

Der vietnamesische Regisseur Le Van Keit kennt sich mit Martial Arts aus. Sein letzter Film war „Furie“, in dem er Veronica Ngo (die hier nur eine kleine Nebenrolle hat) schon wild in Szene setzte. Jetzt bekommt er sein Hollywood-Debüt, das leider Gottes natürlich auch den „John Wick“-Stempel aufgedrückt bekommt… immerhin ist Derek Kolstad als Produzent hier ebenfalls mit dabei – und der ist ja Autor der Action-Reihe, die Keanu Reeves noch einmal einen riesigen Aufschwung beschert hat. Und ich sage hier bewusst „leider Gottes“… denn so unterhaltsam „The Princess“ auch anfängt, so schnell lutscht sich das ganze Konzept dann auch wieder aus.

Das Gute zuerst: „The Princess“ fackelt nicht lange herum. Joey Kings Prinzessin wacht im weißen Brautkleid auf, zwei Wachen kommen rein und schon darf King zeigen, dass sie in „Bullet Train“ definitiv auch hätte mitkämpfen können. Natürlich wirkt es schon etwas absonderlich, wenn die kleine King hier riesigen Kerlen immer und immer wieder die Fresse poliert. Aber das macht dank der wirklich unterhaltsamen Choreografien, die sich zum Glück auch nicht wiederholen, verdammt viel Spaß. Das Ganze nimmt sich nie zu ernst, sondern ist einfach mit einem gewissen Augenzwinkern zu genießen. Dazu fühlt sich „The Princess“ gerade am Anfang wie ein umgekehrtes „The Raid“ an: Während sich Iko Uwais in einem Hochhaus in den obersten Stock prügeln muss, muss Joey King von oben irgendwie nach unten gelangen.

Das fühlt sich dann halt einfach wirklich sehr an, als würde man einen Live-Action-Cartoon sehen (inklusive des Gags, dass ein pummeliger Wachmann ständig die Treppen hoch und runter rennen muss und dabei die gesamte Action verpasst). Die Einzelkämpfe auf dem Weg runter sind, wie schon gesagt, wirklich toll in Szene gesetzt. Man merkt, dass Le Van Keit sich auskennt. Die Sequenzen sind nicht zerschnitten, die Kamera darf einfach auch mal auf den Choreografien verweilen. Die Massenszenen, wenn sich King einfach mal gegen 30 Leute auf einem kleinen Treppenaufgang wehren muss, werden dann schon sehr viel skurriler und alberner…

Aber all das konnte ich verschmerzen… leider muss „The Princess“ ja dann noch eine Geschichte erzählen. Die dann leider echt komplett uninteressant ist. Die ständigen Rückblenden ziehen einen komplett aus den coolen Kämpfen. Zumal die Geschichte jetzt nichts ist, was noch groß und breit erklärt werden muss – aber der Film glaubt, genau das tun zu müssen. Einfach nur 90 Minuten Hau-Drauf-Prinzessin hätte vollkommen gereicht. Dominic Cooper hat genug Charisma, um einfach gut als Arschloch-König durchzugehen. Olga Kurylenko als seine Peitschen schwingende Schergin hätte man häufiger einsetzen können… und die ganze Story mit der Schwester der Prinzessin hätte man sich auch sparen können.

„The Princess“ hätte einfach bei seinem „The Raid“-Prinzip bleiben sollen, verschwendet aber kostbare Zeit mit einer langweiligen Story und übertreibt es am Ende selbst mit der Glorifizierung der kleinen Prinzessin.

Für ein bisschen albernen Spaß und immerhin gute Kämpfe reicht „The Princess“ alle mal… man darf es nur nicht mit der gleichnamigen Prinzessin-Diana-Doku verwechseln 😀

Wertung: 5 von 10 Punkten (coole Action in einer simplen Story, die dann etwas übers Ziel hinaus schießt)

Alter Samariter

29. August 2022

Als es vor drei Jahren (oder so in dem Dreh) hieß, Sylvester Stallone würde an einem Superhelden-Projekt arbeiten, das nichts mit DC oder Marvel zu tun hatte, wurde ich schon ein bisschen neugierig. Als man dann erste Infos zum Film namens „SAMARITAN“ hörte, klang das schon echt interessant. Doch irgendwie vergaß ich den Film dann doch wieder, weil nie so wirklich was zu sehen war. Durch Covid wurde das Ganze wieder und wieder verschoben… und als ich jetzt plötzlich sah, dass der Film einfach mal auf amazon prime landete, war ich schon ein wenig überrascht und schockiert. Ich hatte echt gedacht, „Samaritan“ würde seinen Weg ins Kino finden. Nachdem ich den Film jetzt gesehen habe, muss ich doch sagen: Fürs Heimkino reicht der vollkommen aus. Fürs Kino wäre es noch ne Nummer enttäuschender gewesen.

In Granite City gab es einst zwei Brüder mit unglaublichen Kräften. Der eine von ihnen wurde zu Samaritan, einem Helden, der für das Gute stand. Der andere wurde zu Nemesis – und der Name sagt ja wohl alles. Bei einem letzten großen Kampf sterben die Beiden… aber ist Samaritan wirklich tot? Jahre später glaubt der 13-jährige Sam (Javon Walton) das sein Nachbar Joe (Stallone) Samaritan ist. Doch Joe ist nicht bereit das zu bestätigen… bis der böse Cyrus (Pilou Asbaek) den Kult rund um Nemesis wieder aufleben lässt. Da zeigen sich bei Joe auf einmal doch ungeahnte Kräfte.

Alternder Superheld, der nichts von seiner Superhelden-Vergangenheit mehr wissen will und durch ein Kind mehr oder weniger dazu gezwungen wird, sein Alter Ego noch einmal in Anspruch zu nehmen. Erinnert uns das an irgendwas? Möglicherweise. Leider ist „Samaritan“ nicht wirklich was, was man ansonsten mit „Logan“ vergleichen könnte. Dafür fehlt dem Film dann ein wenig das Herz. Dabei ist gerade ein Stallone in der Lage, den alternden Helden emotional gut zu spielen. Man denke bitte nur an „Rocky Balboa“ oder noch besser an „Creed“. Ein Stallone kann sowas… das Problem an „Samaritan“ ist, dass das Drehbuch nicht so wirklich weiß, was es mit Stallones Figur anstellen soll.

Das Ganze fängt mit einer coolen animierten Sequenz an, die uns die Vorgeschichte zwischen Samaritan und Nemesis erklärt, danach haben wir einen Zeitsprung und erleben den schweren Alltag von Sam, dessen Mutter schwer arbeiten muss, dessen Freunde ihn ausnutzen und ihn auf eine kriminelle Bahn schieben. Sams einzige Obsession ist die Frage, ob Samaritan noch lebt oder nicht… und diese Obsession fängt dann eben ein Joe ab. Auf dem Papier klingt das echt spannend, gerade wenn man die Beziehung zwischen dem alten Mann und dem Jungen besser ausgebaut hätte. Leider muss „Samaritan“ auch noch diese recht überflüssige Story rund um Cyrus erzählen, die halt einfach Klischee auf Klischee ist: „Oh, hallo, ich heiße Cyrus (ohne das ‚The Virus‘, wie in ‚Con Air‘) und ich habe ganz viele Tattoos und ich bin böse. Warum? Weil ich halt einfach böse bin. Und ich – aus welchen Gründen auch immer – Nemesis feiere… und deswegen noch ein bisschen böser bin.“

Es wäre ja tatsächlich interessant gewesen, Cyrus und Sam als Fanboys gegenüberzustellen. Der eine feiert den Schurken, der andere den Helden. Das hätte dann vielleicht sogar auch in die Richtung „Unbreakable“ gehen können… und Cyrus hätte eine Art Elijah Glass sein können, der Chaos will. Aber auf Charakter-Ebene funktioniert in „Samaritan“ vieles einfach nicht. Stallone passt zwar wunderbar in diese Rolle. Man spürt hier förmlich das Potenzial, weil er solche Rollen ja schon mal richtig gut gespielt hat… aber der Film weiß damit einfach nichts anzufangen. Auch Javon Walton funktioniert eigentlich ziemlich gut, aber aus dieser Nummer werden letztendlich auch nur Klischees rausgeholt. Pilou Asbaek macht aus den ihm gegebenen Klischees alles und hat sichtlich Spaß an seiner Schurkenrolle. Also hier hätte man schon echt was reißen können, die Schauspieler sind alle echt gut… nur die Story ist einfach lahm und die Action wirkt etwas aufgesetzt, obwohl immerhin der finale Kampf doch schon unterhaltsam ist.

Ich gestehe, ich habe mir von „Samaritan“ echt ein bisschen mehr erhofft… wirklich mehr was in die Richtung von „Logan“. So ist das gerade mal die „Logan light“-Variante…

Wertung: 5 von 10 Punkten (daraus hätte man mehr machen müssen, gerade bei dem Talent vor der Kamera)

Random Sunday #87: Where the crawdads sing

28. August 2022

Ich gehöre ja zu der Sorte Mensch, die im besten Fall vor einer Buchverfilmung das Buch gelesen haben möchte. Bei der Marilyn Monroe Verfilmung „Blonde“ mit Ana de Armas wird mir das wohl nicht gelingen. Ich habe mir nach dem Trailer das Buch von Joyce Carol Oates gekauft, nicht ahnend, was für ein dicker Schinken das ist. Aber seit längerem schlich ich ja nun schon um „WHERE THE CRAWDADS SING“ von Delia Owens herum, gerade weil mich der Buchrückentext durchaus ansprach, aber ich mich ewig nicht dazu überwinden konnte, das Buch zu kaufen. Manchmal habe ich einfach so Titel, die tauchen beim Besuch im Buchladen zwar immer wieder auf, aber es dauert einfach, bis man sie dann doch mit nach Hause nimmt. Owens‘ Buch war so eins… und das musste ich natürlich jetzt endlich mal lesen, da schließlich die Verfilmung schon lange ansteht.

Als sechsjähriges Mädchen muss Kya mit erleben, wie erst ihre Mutter und dann ihre Geschwister sie im Stich lassen. Sie alle verlassen das kleine, heruntergekommene Haus der Familie mitten im Sumpf-Gebiet von North Carolina und lassen Kya allein mit dem gewalttätigen Vater. Durch den lernt sie aber trotzdem, wie man in der Natur überlebt und als auch er verschwindet, macht Kya einfach alleine weiter. Trotzdem ist sie natürlich hier und da gezwungen, Kontakt zur nahegelegenen Stadt zu haben und wird hier als „Marsh Girl“ zu einer Art Mythos… und dann Jahre später auch zu einer der Hauptverdächtigen in einem Mordfall.

Delia Owens hat mit Fiktion eigentlich nicht viel am Hut. Sie lebte in Afrika und hat wohl sehr viele Sachbücher über ihre Zeit dort geschrieben. Als promovierte Biologin hat Owens auch mehr im wissenschaftlichen Bereich veröffentlicht… und doch hat es sie irgendwann zur Fiktion getrieben, in der sich ihre Leidenschaft für Biologie aber dennoch wiederfindet… und das ist es, was mich dann an „Where the crawdads sing“ wirklich angezogen hat.

Der Roman verläuft auf zwei Zeitebenen: Die Art Rahmenhandlung beschreibt die Ermittlungen der Polizei in dem erwähnten Mordfall, in den dann auch Kya verwickelt wird. Das ist alles irgendwie nett, das ist alles Standard, aber eben auch nur so die nebenläufige Story, die mich gar nicht so brennend interessiert hat. Viel, viel emotionaler und packender sind die „Rückblenden“, die das Heranwachsen von Kya erzählen. Hier kommen dann nämlich zwei sehr gekonnt verwobene Faktoren zusammen, die das Lesen von „Where the crawdads sing“ so unglaublich spannend machen.

Da wäre an erster Stelle Kya selbst. Mit ihr erzählt Owens eine sehr ans Herz gehende Coming-of-Age-Geschichte, die wirklich gut ausgearbeitet ist und unglaublich viele Facetten beinhaltet. Im Verlauf der Story lernen wir mehr über ihre Mutter und ihren brutalen Vater kennen, was auch stark umgesetzt wird. Aber Kyas Überlebenskampf ist einfach nur toll geschrieben. Dabei hat Owens (wahrscheinlich auch durch ihre Arbeit als Biologin) eine sehr deskriptive Art zu schreiben. Sie beschreibt Dinge und Entscheidungen mit so einem Detailreichtum, das man sich wirklich in dieser Figur Kya verlieren kann. Dabei durchläuft die dann auf charmant geschriebene Art und Weise natürlich a) alle Phasen eines heranwachsenden Mädchens und b) alle Phasen eines Menschen, der allein mit der Natur leben muss.

Kya ist unser Mogli nur ohne die Wölfe… und hier kommt der zweite, wirklich spannende Faktor ins Spiel: Owens‘ Kenntnisse der Biologie. Keine Sorge, „Where the crawdads sing“ ist jetzt kein Biologie-Buch, aber wie Owens diese Sumpflandschaften beschreibt, ist so intensiv, dass man sich wirklich fühlt, als wäre man da. Von der Vegetation über die verschiedenen Vögel und anderen Tierarten… dieser Roman lebt und atmet diese Natur und man hat das Gefühl, man lernt zumindest auch ein bisschen was, wenn Kya neue Dinge über das Überleben im Sumpf lernt.

Die Coming-of-Age-Story wird dann natürlich auch ein bisschen mit etwas Liebe garniert, die schnell hätte sehr kitschig werden können, es aber zum Glück nie wird. Somit ist Delia Owens Roman insgesamt wirklich eine schöne Leseerfahrung gewesen. Die Naturverliebtheit von Owens überträgt sich auf ihre Kya und auch auf uns.

Ich bin nur mal sehr gespannt, wie der Film das lösen wird. Denn das Buch fokussiert sich mehr auf das Heranwachsen von Kya, der ganze Mord-Kram und die Beziehungen zu Menschen aus der Stadt kommen später. Gucke ich mir aber den Trailer zum Film an, wirkt das alles etwas verschoben. Aber gut, lassen wir uns überraschen. Das Buch kann ich auf jeden Fall echt empfehlen.

Das etwas andere Shining

26. August 2022

Ich bin immer wieder froh über Horror-Filme, die es schaffen, mir einen leichten (oder auch mal schweren) eiskalten Schauer über den Rücken fahren zu lassen. So dieses Gefühl von „Mir stehen gerade alle Haare hoch“ hatte ich schon eine ganze Weile nicht mehr… was vielleicht auch einfach daran liegt, dass ich mittlerweile zu viele Horror-Filme gesehen habe oder das sich nicht mehr so viel Mühe gegeben wird, subtil Angst aufzubauen. Dass ausgerechnet Ti West dieses Gefühl in mir auslösen würde, hätte ich jetzt nicht unbedingt gedacht. Der letzte Film, den ich von ihm gesehen habe, war „X“, wo es sehr blutig zur Sache geht, ohne das jetzt wirklich Horror-Feeling aufkommt. Der Film ist ja auch mehr Slasher als alles andere. Doch ein guter Kollege meinte zu mir, ich solle mir doch mal „THE INNKEEPERS“ von Ti West anschauen. Besagter Kollege lieh mir seine Blu-ray aus und ich machte mich daran, zu schauen, ob Ti West noch mehr kann als nur blutrünstigen Slasher (was ich auch schon vorher wusste, dass er das kann, denn sein „The Sacrament“ ist ziemlich krass, geht aber auch wieder in eine ganz andere Richtung).

Claire (Sara Paxton) und Luke (Pat Healy) betreuen die Rezeption des Yankee Pedlar Inns – zum letzten Mal für ein Wochenende. Danach soll das alte Hotel geschlossen werden. Gerade für Luke ist das aber ganz spannend, denn angeblich soll es in dem Hotel spuken und er will unbedingt noch ein paar Aufnahmen haben – vor allem von dem Geist der Madeline O’Malley, die sich an ihrem Hochzeitstag umgebracht haben soll, als ihr Verlobter sie versetzte.

Das Yankee Pedlar Inn gibt es tatsächlich… und auch die Gerüchte um paranormale Aktivitäten in dem Hotel sind wahr. Vor allem in Raum 353 soll es spuken, weil hier die ursprüngliche Besitzerin des Hotels starb. All das greift Ti West in seinem „The Innkeepers“ gekonnt auf und liefert halt wirklich ein etwas anderes „Shining“. Die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen, auch wenn Ti West anders vorgeht als ein Stanley Kubrick. Beide sind aber wunderbar darin, Spannung zu erzeugen. Kubrick ist in seinem „The Shining“ sogar etwas offensiver, während sich Ti West sehr viel Zeit lässt, um wirklich noch mehr Atmosphäre aufzubauen.

Dass das alles so gut funktioniert, liegt zuallererst an Sara Paxton und Pat Healy. Die Beiden liefern ein tolles Duo. Healys Luke ist der vielleicht entspannteste Geisterjäger überhaupt. Eigentlich chillt er nur an seinem Laptop und wartet darauf, dass das Wochenende vorbei ist. Paxtons Claire geht da etwas offensiver vor… wodurch wir dann mit ihr das Hotel so nach und nach erkunden. Sara Paxton spielt ihre Claire mit einer unglaublichen Natürlichkeit, einer erfrischenden Naivität, wenn es um dieses Geisterzeugs geht. Wenn eine berühmte Schauspielerin im Hotel für ein paar Nächte absteigt, wird sie zum richtigen Fangirl, steigert sich aber später auch gut in ihre Geisterjäger-Fähigkeiten und ist einfach nur super. Es ist hier echt vor allem Paxtons Verdienst, dass man sich so gut in „The Innkeepers“ verlieren kann…

… was dann aber auch wieder an Ti West liegt, der sich einfach Zeit nimmt. Denn bevor wirklich was passiert, muss man schon ein kleines bisschen geduldig sein. Da werden erstmal Luke und Claire etabliert, da wird das Hotel ein wenig vorgestellt, das gibt es kollegiales Geplänkel, kleine Streiche und die alltäglichen Probleme mit der Müllentsorgung (eine unglaublich lustige Szene, in der Paxton brilliert – und ja, es geht wirklich nur darum, einen fetten, ekligen Müllbeutel zu entsorgen). Da merkt man das, was „X“ ja dann auch ausgemacht hat: West lässt sich Zeit, will seine Figuren etablieren, bevor er ihnen schlimme Dinge antut – damit sie für uns beim Zugucken ebenfalls wehtun.

Wenn West nämlich die paranormalen Sachen passieren lässt, fand ich die zumindest erstaunlich effektiv. Er zeigt nie viel, er wird nie zu platt, aber wenn er dann loslegt, wird’s echt gut und gruselig. Der Geist von Madeline zeigt sich in vielen Dingen, man hört mehr, als das man was sieht. Wenn man dann Sachen sieht, wird das Ganze nie plakativ oder gar ausgeschlachtet. Was Ti West mit „The Innkeepers“ beweist: Weniger ist gerade im Horrorbereich manchmal mehr. Kopfkino ist halt doch so viel effizienter als plattes Zeigen.

Das Einzige, was ich ein bisschen komisch fand, war das dann doch sehr abrupte Ende, das einen etwas verwundert zurücklässt – und man sich dann auch einfach ein bisschen fragt, was jetzt so die Beweggründe der verschiedenen Figuren im Film (abgesehen von Claire) gewesen sind. Oder brauchte das Hotel einfach einen weiteren Geist? Also wer mir da mit Gedankenanstößen helfen mag: Gerne!

Wertung: 8 von 10 Punkten (schöner, klassischer Gruselhorror, der gekonnt wenig zeigt und trotzdem bestens funktioniert)

Meme, die Serie

24. August 2022

So langsam hole ich wirklich alle großen Sitcom-Serien nach. Lange war mein Lachmuskel ja nur durch „Friends“, „Scrubs“ und neueren Shows wie „Modern Family“ oder „How I Met Your Mother“ trainiert worden. Aber es gab immer diese alten Sitcom-Serien, die Kult geworden sind, die ich nicht gesehen hatte. Dank Neflix konnte ich dann irgendwann „Seinfeld“ nachholen und habe es geliebt… und ebenfalls dank Netflix konnte ich endlich meine andere große Lachenslücke füllen – und habe endlich die US-Variante von „THE OFFICE“ gesehen. Und Spoiler: Es ist wirklich eine nahezu grandiose Show.

In Scranton, Pennsylvania, wird eine Dokumentation über die Papiergroßhandelsfirma Dunder Mifflin gedreht. Dabei begleitet das Kamera-Team das Team von Regionalleiter Michael Scott (Steve Carell). Da hätten wir dann die Verkäufer Jim (John Krasinski), Dwight (Rainn Wilson), Stanley (Leslie David Baker), Phyllis (Phyllis Smith) und später auch Andy (Ed Helms). In der Buchhaltung sitzen Kevin (Brian Baumgartner), Angela (Angela Kinsey) und Oscar (Oscar Nunez). Der alte Creed (Creed Bratton) macht auch irgendwas (nur meist selten seine Arbeit). Dann hätten wir noch Kelly (Mindy Kaling), die für den „Customer Service“ zuständig ist und in einer ständigen On-Off-Beziehung mit Ryan (B. J. Novak) ist, der als Michales Protegé anfängt, sich in der Firma bis ganz nach oben arbeitet und dann wieder tief fällt. In der Personalabteilung arbeitet Toby (Paul Lieberstein), den Michael mit ganz besonderer Inbrunst hasst… und dann hätten wir am Empfang noch Pam (Jenna Fischer), die mit Jim flirtet, während sie in einer nicht ganz so glücklichen Beziehung steckt.

Und so könnte ich den Text hier ewig fortsetzen. Craig Robinson spielt als Lagerchef Darryl mit, später kommt dann als neue Empfangsdame Ellie „Kimmy Schmidt“ Kemper noch dazu und und und… James Spader taucht mal als CEO auf, wie auch Kathy Bates und die Liste würde noch ewig weitergehen. „The Office“ ist definitiv auch ein fröhliches Who-is-who der Comedy-Fraktion. So wusste ich zum Beispiel nicht, dass Ed Helms, den ich nur aus „Hangover“ kannte, in dieser Serie dann doch so eine große Rolle spielen würde.

Das Spannende an „The Office“ ist ja aber die Tatsache, dass das hier alles auf dem britischen Format von Ricky Gervais und Stephen Merchant basiert – und das man in der ersten Staffel noch versucht hat, den trockenen Sarkasmus der Briten zu kopieren. Da ist Michael Scott dann teilweise noch ein echtes Arschloch. Aber irgendwie passte das nicht… und schon mit Staffel 2 „verweichlicht“ man das Ganze ein bisschen und dann findet „The Office“ so richtig seinen Groove. Nicht, dass die erste Staffel nicht auch schon unterhaltsam ist, aber ab Staffel 2 passen die Gags einfach. Ab da fühlt man auch mit einem Michael Scott mit und kann sich mehr in diesem Büro-Chaos wohlfühlen.

Hier lernt man dann auch endlich mal, woher gefühlt 80% aller Memes herkommen… weil komisch, albern und total gaga ist „The Office“ auf jeden Fall. Das liegt zum einen an einem wirklich umwerfenden Steve Carell, der als Manager wirklich eine ganz eigene Marke setzt. Aber es sind auch die ganzen anderen Charaktere, die einem mit jeder Episode mehr ans Herz wachsen. Natürlich stehen ein paar davon ein wenig mehr im Vordergrund: gerade die Jim-Dwight-Fehde ist einfach nur großartig und voller lustiger Streiche oder überhaupt die Dwight-Michael-Beziehung, in die sich ein Dwight fast willenlos begibt, um alles für seinen Manager zu tun – all das ist super. Rainn Wilson als Dwight ist und bleibt auch eines meiner Highlights dieser Serie.

Aber nach und nach werden auch alle anderen Charaktere weiter und besser ausgebaut, so dass man wirklich ein Gespür für jede Person in diesem Büro hat.

Dazu gibt es dann natürlich zig Büro-Romanzen, von denen die Jim-Pam-Beziehung natürlich wirklich echt süß geschrieben ist. Dwight und Angela habe ich aber auch immer sehr gefeiert… gerade hier dann auch mal die weichere Seite vom harten Farmer Dwight zu sehen.

Was mich aber tatsächlich sehr abgeholt hat, ist die Tatsache, dass die Serie am Ende wirklich auch diese Dokumentation zeigt, die hier gedreht wird. All die Einzelinterviews sind nicht einfach nur ein Gag, es wird am Ende tatsächlich eine Doku aus all dem. Das hat mich bei „Modern Family“ immer ein bisschen irritiert – da war dieser Mockumentary-Stil einfach nur ein Gimmick, das nie aufgelöst wurde. „The Office“ macht das im Finale deutlich besser und spielt damit auch wesentlich besser.

Das Einzige, was ein wenig schade ist, ist der Weggang von Steve Carell ab Staffel 7, der aber erstaunlich gut aufgefangen wird… dadurch, dass sich die Serie nicht komplett um seinen Michael Scott dreht, ist das zu verschmerzen, aber schade war es trotzdem.

Die neun Staffeln „The Office“ haben wirklich wahnsinnig viel Spaß gemacht. Die Charaktere sind alle wunderbar authentisch und schrullig und liebenswert. Die Geschichten, die um sie erzählt werden, sind witzig und liebevoll… und so fühlt man sich am Ende wirklich als Teil dieser Bürogemeinschaft.

Jetzt muss ich nur noch irgendwie mal „Parks and Recreation“ schauen… eine Serie, von der ich ja auch nur Gutes höre (also Netflix, kauf mal schnell die Rechte, damit ich mir die DVDs nicht kaufen muss 😀 )

Wertung: 9 von 10 Punkten (die Origin fast aller guten Memes ist noch so viel besser als die Memes selbst)

P.S.: Die deutsche Version „Stromberg“ reizt mich aber nach wie vor nicht. Hab mal ein paar Episoden gesehen, das war aber nie so ganz meins…