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Kellerkinder

1. Juni 2012

Es scheint so ein kleiner Trend beim Thema „Apokalypse“ umzugehen. Dabei wird das Warum einfach weggelassen. Es sieht fast danach aus, dass selbst Filmemacher und Drehbuchschreiber keinen Sinn mehr darin sehen, uns mit dem Warum zu schockieren. Wozu auch? Mittlerweile müssen wir nur die Nachrichten anmachen, damit wir wissen, dass letztendlich alles für eine drohende Apokalypse verantwortlich sein könnte. Und in den meisten Fällen wäre das Warum beim Handeln des Menschen zu finden.

Dass wir also fast immer unser eigener Untergang sind, muss also nicht mehr thematisiert werden. Der Blick nach vorne ist doch eh viel spannender. Wie finden sich die zurecht, die selbst verantwortlich sind für ihr Unglück? Ist der Mensch fähig nach einem schweren Schicksalsschlag wie der menschgemachten Apokalypse aus seinen eigenen Fehlern zu lernen? Sich ein neues, besseres Leben aufzubauen? Oder sind wir am Ende doch nur Tiere, die gar nicht anders können als sich gegenseitig zu zerfleischen?

Es scheint fast so, als wäre letzteres die Quintessenz aus der filmischen Apokalypse-Studie: Ob man nun alte Beispiele nimmt oder jüngere wie „The Road“ – nach der Apokalypse ist vor dem Untergang. Die einen wandern durch verwüstete Landschaften und müssen aufpassen, dass sie nicht von ihres gleichen aufgefressen werden, die anderen kommen nicht einmal so weit. In Xavier Gens neuestem Film „The Divide“ schaffen es die vom Weltuntergang Überrumpelten gerade mal in den Keller und dem dort – Gott sei Dank – vorhandenen labyrinthartigen Bunker.

Hier sitzen sie nun: unterschiedliche Menschen. Das nette Paar von nebenan, der grimmige Hausmeister, der noch den Schicksalstag 9/11 verarbeitet, die jugendlichen Wilden, die sich einen Scheiß darum kümmern, wie es wirklich weiter gehen soll. Dieses bunte Grüppchen muss nun Familie spielen – doch schnell wird klar, dass jugendlicher Hochmut gegen alte Autoritäten aufbegehrt, nur um am Ende an der eigenen Macht zugrunde zugehen.

Vielleicht ist das jetzt schon ein Zeichen dafür, dass sich „The Divide“ nicht sonderlich bemüht, bestehende Klischees wirklich tiefgründig auszuloten, aber wer Xavier Gens kennt, der weiß eines: Subtilität ist nicht unbedingt seine größte Stärke. Aber das ist auch nicht sein Fachgebiet: Gens will uns Angst machen, ob mit einer verrückten Nazifamilie in „Frontier(s)” oder jetzt mit „The Divide“. Zum Glück aber verzichtet Gens darauf, seinen neuen Film in ähnlich viel Blut zu ertränken wie „Frontier(s). Hier heißt es nun, weniger Blut, mehr Psychoterror.

Wie bereits gesagt, sind die Figuren, die uns vorgestellt werden, zwar recht eindimensional und in ihrem Verhalten durchaus leicht durchschaubar. Aber um uns den Verfall der Menschheit auf kleinstem Raum deutlich näher zu bringen, ist das zu verkraften. Gens orientiert sich in seinem kleinen Kammerspiel ganz nach Brechts Aussage: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Um ganz genau zu sein, kommt in „The Divide“ erst das Fressen, dann der Neid und schließlich der Egoismus des Überlebenskampfes. Jeder ist sich selbst der Nächste und jeder kümmert sich auf seine eigene Art und Weise um sein Überleben. Doch ist diese Art nicht immer selbstgewählt, so verfällt beispielsweise eine Mutter nach dem Verlust ihres Kindes durch merkwürdige Soldaten von außerhalb (die später nicht weiter besprochen werden) in den Wahn und gibt sich den neuen Anführern bedingungslos hin. Hier begehren die jungen Wilden auf, greifen mit übelsten Methoden nach der Macht und regieren fortan den Keller mit Schrecken. Moral hat in diesem Keller keinen Platz, so scheint es. Die letzte Bastion der Menschlichkeit – interessanterweise dann gleich auch eine Frau namens Eva (!!!) – hat es in dieser Umgebung schwer.

Gens schickt uns in den Abgrund, in einen widerwärtigen Überlebenskampf, in dem scheinbar nur der Stärkste eine Chance zum Überleben hat. „The Divide“ lebt dabei sehr von den starken Darstellern, die sich ganz diesem Kellerterror hingeben. Ob nun „Heroes“-Star Milo Ventimiglia als neuer Machthaber im Keller oder Michael Biehn als alter – die Figuren sind klar und deutlich konzipiert. Das wäre dann auch vielleicht mein einziges Problem an „The Divide“ – Gens lässt den Figuren in seinem Film keinen Spielraum. Sie können nur in den vorher abgesteckten Bereichen ihrer Persönlichkeit handeln. Ihnen fehlt die Tiefe, vielleicht irgendwo ein letzter Funke Menschlichkeit. Es ist leider so, dass man bereits nach wenigen Minuten die Rangordnung und die daraus entstehenden Folgen herausgefunden hat. Mit ein wenig mehr „Liebe“ für die eigenen Figuren hätte aus „The Divide“ ein wirklich schrecklicher Film werden können, der wohl auch noch lange beispielgebend geblieben wäre für das Genre.

Und trotzdem muss ich sagen, dass mir „The Divide“ gut gefallen hat. Das Thema „Mensch nach der Apokalypse“ ist in vielfältiger Form umgesetzt wurden und gerade in letzter Zeit wird sehr viel mit dem Thema hantiert, um irgendwelche verborgenen (oder auch nicht verborgenen) Ängste auszunutzen. „The Divide“ bringt uns das als Machtspiel auf engstem Raum und mit einer teilweise sehr erdrückenden Brutalität, die uns einmal mehr auf eins aufmerksam macht: Der Mensch ist und bleibt ein Tier und wird sein schlimmster Feind, wenn erst einmal alle Ketten fallen. Und den Mensch als Tier darstellen, das kann Gens ausgezeichnet.

Wertung: 7 von 10 Punkten (vielleicht sind die Glücklichen tatsächlich die, die bei den Explosionen ums Leben gekommen sind)

Schneewittchen Reloaded

30. Mai 2012

Es war einmal ein verrücktes Kinojahr, in dem anfangs alles nur auf eins gewartet hat. Doch dann kam alles ganz anders: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist in diesem Jahr der Größte im ganzen Land?“ Und die traurige Antwort lautete: „Nun ja, eigentlich der Rächer vier, doch Schneewittchen ist viel besser als ihr!“ Komischer Spiegel, aber wo er Recht hat, hat er Recht! Auch wenn 2012 das Jahr der “Avengers” ist, so gewinnt die Grimm’sche Maid am Ende doch den Pokal. Schließlich gab’s in diesem Jahr nur einen „Avengers“-Film, aber gleich zwei mit Schneewittchen.

Nach dem „Immortals“-Debakel konnte ich mich aber nicht dazu hinreißen lassen, Tarsem Singhs Variante „Mirror Mirror“ zu gucken. Zu viel wurde da im letzten Jahr zerstört. Das Vertrauen ist erst einmal futsch… und der bonbonbunte Trailer, der so was wie ein Disney-Schneewittchen mit vielen singenden Vögeln erwarten ließ, konnte seine Überzeugungsarbeit bei mir nicht erfüllen. Aber zum Glück war da ja noch eine Variante – die Anti-Disney-Variante, dessen Trailer gleich sehr viel netter aussah. Zumal: Wenn ich die Wahl zwischen Charlize Theron, die nackt aus einem Milchbad kommt, und Julia Roberts mit ihrem Froschgrinsen habe, dann wähle ich definitiv immer die Milch. Milch ist ja auch gesund!

Also statt „Mirror Mirror“ doch lieber „Snow White and the Huntsman“. Klingt ja auch gleich viel martialischer. „The Huntsman“… grrrrr… und wenn der dann auch noch von Thor persönlich gespielt wird, kann ja eigentlich nicht viel schief gehen. Naja, außer vielleicht die Tatsache, dass „Twilight“-Babe Kristen Stewart das Schneewittchen spielt, dass vor der ach so bösen Charlize Theron flüchtet, nur um gemeinsam mit ein paar Zwergen, dem Huntsman Chris Hemsworth und ein paar Soldaten gegen die böse Königin anzutreten.

„Snow White and the Huntsman“ fängt an, wie wohl jede Version des Märchens anfängt: Es war einmal… blabla… Haar schwarz wie Ebenholz, Lippen rot wie Blut… böse Königin kommt… und merkt, dass Schneewittchen die Schönste im ganzen Land ist. Alles wunderbar… bis zu dem Augenblick, wo Kristen Stewart uns weismachen möchte, sie wäre Schneewittchen. Problem dabei ist nur, dass die liebe Kristen weder hübsch ist noch richtig schauspielern kann. „Twilight“ hat sie höchstwahrscheinlich auch Ewigkeiten hin versaut, denn alles was sie in diesem Film tut, ist folgendes: Laufen, treudoof in die Kamera schauen, laufen, ein wenig betroffen in die Kamera schauen, laufen… und so weiter und so fort. Kristen Stewart ist für mich in diesem Film die absolute Fehlbesetzung des Schneewittchens. Gut, vielleicht wirkt ihre zerbrechliche und scheue Art zu schauspielern im ersten Augenblick passend für das arme verfolgte Mädchen, nur ist dies die Variante des Märchens, in der Schneewittchen ein paar Eier wachsen und sie mit ganzer Macht zurück schlägt, sich nichts gefallen lässt. Mit einer Kristen Stewart funktioniert das leider nicht.

Aber was soll’s… alle anderen sind dafür umso besser. Allen voran Charlize Theron als böse Königin. Gut, sie ist auch die einzige, die in wirklich coolen Kostümen richtig fies sein darf, aber das macht sie wirklich mit solch einer Hingabe, dass man ihr dann doch lieber nicht im Dunkeln begegnen möchte. Auch Chris Hemsworth schlägt sich wacker. In Anbetracht der Tatsache, dass sich sein Huntsman aber nicht sonderlich von seinem nordischen Gott unterscheidet, ist das auch nicht weiter verwunderlich. Gebt Hemsworth einen Hammer oder eine Axt und er wird sie mit tödlicher Sicherheit schwingen. Und ja selbst die Zwerge sind in „Snow White and the Huntsman“ hochkarätig besetzt: Ray Winstone, Bob Hoskins oder Nick Frost geben den Zwergen ihr Gesicht. Allerdings nutzt Regisseur Rupert Sanders nicht das volle Potenzial seiner Zwerge aus. Ich meine, wer einen Nick Frost als Zwerg hat und den kaum zu Wort kommen lässt, ist selber Schuld.

Aber wir wollen nicht zu streng mit Sanders sein, wenn man bedenkt, dass „Snow White and the Huntsman“ sein allerallererster Langfilm überhaupt ist. Wer den Trailer gesehen hat, erkennt, dass Sanders aus der Werbung kommt. Rupert Sanders hat das Auge für sehr ästhetische, atemberaubende Bilder und die bietet auch der Film. Leider immer nur hier und da ein bisschen, aber immerhin. Wenn sie kommen, dann bleiben sie im Kopf. Ansonsten darf man Rupert Sanders für sein Spielfilm-Debüt eigentlich nichts weiter vorwerfen… außer vielleicht der Tatsache, dass „Snow White and the Huntsman“ nach dem Märchen-Anfang ein klein wenig zum Filme-Raten einlädt: Da sieht die Wanderschaft mit den Zwergen ein klein bisschen so aus, als würde Frodo mit seinen Gefährten nach Mordor wandern. Dann ist da ein verzauberter Wald, dessen Bewohner ganz, ganz, ganz doll an die Waldwesen aus „Prinzessin Mononoke“ erinnern. Und noch in dem gleichen Wald scheint auch Ridley Scott sein „Legend“ gedreht zu haben. Ridley Scott ist ohnehin ein gutes Stichtwort, erinnert die finale Schlacht doch sehr stark an Scotts „Robin Hood“.

Und es gibt noch viele andere solcher Aha-Momente, was man kritisch sehen könnte, aber nicht muss. In seiner Gesamtheit ist „Snow White and the Huntsman“ ein gelungener Fantasy-Film mit starken Bildern und einer großartigen bösen Königin. Mit ein bisschen mehr Tiefgang – gerade wenn es um Schneewittchen und ihre Beziehung zum Huntsman geht – wäre Rupert Sanders Film wirklich ein großartiger Schneewittchen-Film geworden. Aber ich tendiere ja bei Regie-Debüts eh immer dazu, ein Auge zu zu drücken… und ich glaube, das darf man hier auch. Bis auf Kristen Stewart, versteht sich.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Disney dreht sich wahrscheinlich gerade im Grab, aber bei all den Märchenverfilmungen kann man dieser eine Chance geben)

Paradise Falls

28. Mai 2012

Es gibt Filme, die machen es einem nicht leicht. Wollen sie nun ernst genommen werden oder nicht? Wollen sie subtil sein oder uns ihre Botschaft direkt mit der Bratpfanne vor den Kopf hauen? Man kann sich da manchmal nie so ganz sicher sein. Nehmen wir folgendes Beispiel: Eine süße alte Oma fängt plötzlich an, schlimme Worte in den Mund zu nehmen, krabbelt dann emsig wie eine Ameise die Wand hoch, verdreht gekonnt wie in „Der Exorzist“ ihren Kopf, lässt sich fallen und beißt sich durch einen Männerhals, um anschließend mit einer Schrotflinte beseitigt zu werden. Ganz ehrlich gesagt, eine sehr schräge Szene, die mich stark an Filme wie „Evil Dead“ erinnert und mich daher eher zum Lachen bringt. Und nehmen wir nur mal die von mir gewählte Überschrift „Paradise Falls“… ein Name für ein Restaurant, in dem eine Gruppe Menschen auf die Apokalypse wartet. Achtung, Bratpfanne!

Dies sind nur zwei Beispiele, die aber deutlich zeigen, dass Scott Stewarts „Legion“ nicht unbedingt zu den Filmen gehört, die man sich nüchtern anschauen sollte. Und dabei klingt der Film an und für sich recht vielversprechend: Paul Bettany spielt Erzengel Michael, der sich gegen Gott stellt. Gott hat nämlich die Schnauze voll von uns und löst die Apokalypse aus. Michael mag uns aber doch noch ein klein wenig, kommt auf die Erde, schneidet (!) sich seine Flüge ab, bewaffnet sich „Matrix“-Style mit dem ein oder anderen Schießgewehr und macht sich auf in die Wüste. Hier nämlich – in dem kleinen Schnellimbiss mit dem zauberhaften Namen „Paradise Falls“ lebt die letzte Hoffnung der Menschheit. Ja genau, der gefallene Engel mit Waffen ist NICHT die letzte Hoffnung, sondern ein noch ungeborenes Baby. Das befindet sich im Bauch der Kellnerin Charlie (Adrianne Palicki). Gemeinsam mit Besitzer Bob (Dennis Quaid), dessen Sohn und noch ein paar Imbiss-Besuchern stellt sich Michael also gegen die Apokalypse. Und dieses Mal ist der Zorn Gottes keine einfach Flutwelle, sondern besessene Menschen und ein wütender Engel Gabriel (Kevin Durand).

Stewarts “Legion“ möchte großes Action-Kino sein, aber wie gesagt, nach der Nummer mit der Oma wurde der Film eher lächerlich. In schlecht kopierter „Dawn of the Dead“-Manier rennen die merkwürdigen Krieger der Apokalypse gegen die Imbiss-Bude und schon hier dachte ich, dass Gott coolere Arten hat, uns umzubringen als mit irgendwelchen Zombie-Viechern, die gar keine richtigen Zombies sind. Aber alles an diesem Film schreit halt nach „Dawn of the Dead“ und das macht es alles nur noch schlimmer. Welle um Welle kommt auf die kleine Gemeinschaft zu… aber solange noch Munition im Lauf ist, klappt das schon. Fand ich irgendwie merkwürdig… selbst Engel Gabriel muss ordentlich was einstecken. Und der hatte noch seine Flügel. So ganz haut das in „Legion“ alles nicht hin.

„Legion“ möchte ein Horror-Action-Film sein, aber ist weder noch. Wirklicher Grusel kommt nicht auf, auch wenn die Anfangsbilder mit den Horden vor dem Restaurant schon ein wenig cool aussehen. Nur auch hier gilt: So was sah in Filmen wie „Resident Evil“ wesentlich besser aus. Von der Action wollen wir gar nicht erst sprechen. Man denkt, göttliche Wesen halten mehr aus, so ist es aber nicht. „Legion“ degradiert sich daher in Sachen Action zu einem sinnlosen Baller-Spektakel, dass mich irgendwie ständig an das Spiel „Plants vs. Zombies“ erinnert hat. Da baut man seine Verteidigung auf, die Zombies kommen brav in Wellen… und man ballert einfach drauf los. Mit Pflanzen wohlgemerkt. Klingt albern, ist aber wenigstens lustig.

Einzig kleiner Pluspunkt sind Stewarts Darsteller. Paul Bettany als rettender Engel, Dennis Quaid als fluchender Restaurant-Besitzer und Adrianne Palicki als neue Mutter des Heilland – alle Figuren in diesem Film sind von irgendwas genervt, jede Figur entwickelt ihre eigene Persönlichkeit und macht sogar neugierig. Den Darstellern gelingt es tatsächlich, ein bisschen Leben in diesen Film zu bringen. Ein Film, der – wenn ich ganz ehrlich sein soll – eher wie die Vorgeschichte für etwas Größeres wirkt. Was hier in knapp 100 Minuten passiert, würden andere in 15 Minuten abarbeiten und sich dann darum kümmern, wie das Neugeborene die Welt wieder ins Gleichgewicht bringt.

Am Ende bleibt man mit vielen Fragen zurück: Was passiert jetzt? Warum ist Gottes Zorn so verhältnismäßig lahm, wenn er doch einfach alles in einem Feuerregen plattmachen könnte? „Legion“ übernimmt sich meiner Meinung nach mit seiner biblischen Idee und lässt Gott eher wie den Teufel darstehen – so mit Kindermord und fiesen Monstern. Vielleicht hätte man einfach nur die Bezeichnungen ändern sollen und ein wenig mehr Kreativität bei den Action-Sequenzen zeigen können, dann hätte „Legion“ richtig Spaß machen können. So kann man nur auf Gottes Gnade hoffen, um diesen Film schnell wieder zu vergessen.

Wertung: 4 von 10 Punkten (Bibel-Action ohne Sinn und Kreativität)

Dendrophylax lindenii

25. Mai 2012

Wer denkt eigentlich wirklich über Drehbuchautoren nach? Diese Frage schwirrt mir hier und da mal öfter durch den Kopf. Wer denkt eigentlich über Drehbuchautoren nach? Ich zumindest eher weniger, wenn ich ehrlich sein soll. Komischerweise denke ich fast ausschließlich in den Kategorien Schauspieler und Regisseur. Wenn ich mich so selbst reflektiere, rede ich immer nur von Schauspielern und Regisseuren. Kameramänner? Kenn ich nicht! Cutter? Nie gehört! Autoren? Keine Ahnung, es sei denn, der Regisseur hat selbst mit Hand angelegt. Durch dieses Denken habe ich mich in letzter Zeit zum Abspannsitzer entwickelt. Ist doch schade, einen Film auf drei, vier Personen zu reduzieren, wenn im Hintergrund eine halbe Stadt am Arbeiten ist, um den Film zu erschaffen.

Aber kommen wir zur Eingangsfrage zurück: Fragt man mich nach Regisseuren oder Schauspielern, kann ich eine ordentliche Menge nennen, bei Drehbuchautoren wird’s da schon eng (wir wollen gar nicht erst von Kameramänner oder Cuttern sprechen ;) ). Wenn ich ganz ehrlich sein soll, gibt es da nur einen Namen, der mir sofort einfällt: Charlie Kaufman. Auch irgendwie kein Wunder. Wenn es überhaupt einen Drehbuchautoren gibt, der wirklich Aufsehen erregt hat, dann Kaufman. Bereits sein erstes Drehbuch zu „Being John Malkovich“ war ein Knüller. Kaufman überzeugte durch irrwitzige Einfälle. Menschen, die in John Malkovichs Kopf wandern… verrückt. Aber das Drehbuch hatte es in sich. Es war melancholisch, witzig und so ganz anders, als alles, was man vorher kannte. Kaufman war ein gemachter Mann.

Klar, dass der Druck für folgende Projekte da enorm hoch ist. Und diesen Druck verarbeitet Kaufman in dem Drehbuch zu „Adaption“. Daraus wurde ein Film, der a) wieder einmal beweist, dass Kaufman tatsächlich so gut ist wie uns sein „Being John Malkovich“ weiß machen wollte und b) was für eine enorm wichtige Arbeit so ein kleiner Drehbuchautor doch für den Film macht. „Adaption“ hätte im Untertitel „Being Charlie Kaufman“ heißen können: Wir lernen einen nervösen, schüchternen, dicken Drehbuchautor kennen (Nicolas Cage), der eine Buchadaption vornehmen soll. Grundlage ist das Buch „The Orchid Thief“ von Susan Orlean (Meryl Streep). In ihrem Buch beschreibt sie die „Arbeit“ von John Laroche (Chris Cooper), der auf der Suche nach der Geisterorchidee (oder auch „Dendrophylax lindenii“ genannt ) ist. Nur irgendwie schafft es Charlie einfach nicht, die Geschichte passend zu erzählen. Als wenn das nicht schlimm genug wäre, nervt auch noch sein Zwillingsbruder Donald (ebenfalls Nicolas Cage), der selber an einem Drehbuch arbeitet.

Wie schreibt man nun eigentlich ein Drehbuch? Wie fängt man es an? Was ist einem wichtig? Soll es ein Buch über die Blume, die Frau oder den Mann sein oder vielleicht doch eher über den Mann hinter dem Buch? Kaufman steckt voller Zweifel und beginnt an den verschiedensten Stellen mit seinem Drehbuch. „Adaption“ ist somit keineswegs einfach nur ein gradliniger Film über die Entstehung eines Drehbuchs. „Adaption“ hat – und das ist immer irgendwie das Schöne an Kaufmans Geschichten – mehrere Ebenen.

Da wäre der Teil mit Charlie und seinem Bruder Donald. Während der eine geradezu verzweifelt, schreibt der andere scheinbar über Nacht sein Drehbuch zu einem Thriller. Man muss das ja mal einfach ausprobieren. Kaufman steigert sich dadurch natürlich extrem in seiner Verzweiflung. Sein unbeholfener Bruder, der nichts vorzuweisen hat, wird zu einer Bedrohung für sein eigenes Ego. Es entsteht ein kleiner Machtkampf zwischen den Brüder. Ein Machtkampf, der absurd komisch ist… nicht zuletzt deswegen, weil Nic Cage beide Brüder spielt. Und somit beweist Regisseur Spike Jonze mit „Adaption“ auch einmal mehr, dass Nicolas Cage tatsächlich ein großartiger Schauspieler ist. Er spielt jeden Bruder anders, jeder entwickelt seine ganz eigene Persönlichkeit, hat seine Ticks und Macken. Wenn Cage je wieder einen Oscar verdient hätte, dann für diese Darstellung. (Gleichzeitig muss man sich bei diesem Cage auch fragen, ob das wirklich der gleiche ist, der all diese anderen schrecklichen Filmrollen übernommen hat).

Dann gibt es da natürlich noch Susan Orlean und ihr Buch: Meryl Streep recherchiert über diesen Mann, der Orchideen klaut. Wir erfahren etwas über das Buch. Wir lernen Autorin und ihren Protagonisten kennen… und damit auch Kaufmans Dilemma: Dieser John Laroche ist ein krasser Typ, grandios dargestellt von Chris Cooper (zurecht mit einem Oscar prämiert). Keine Vorderzähne, ein richtiger Hillbilly, ein merkwürdiger Typ, der nicht so recht weiß, was er mit seinem Leben machen soll. Doch einen ganzen Film nur mit diesem Typen??? Funktioniert auch nicht so richtig… Gleiches gilt für Orlean. Brillant von Streep gespielt, doch ist die Frau für Kaufman schwer zu greifen. Was also tun? Man schreibt einfach über alles.

„Adaption“ verbindet diese beiden Ebenen gekonnt miteinander, wir kehren immer wieder zu Kaufman zurück und jedes Mal versucht er seine Buchadaption von einer anderen Seite anzugehen. So hat das Drehbuch genug Zeit uns alle Charaktere vorzustellen und uns langsam auf das große Zusammentreffen beider Ebenen vorzubereiten. Aus der Charakterstudie Drehbuchautor wird dann ein kleiner Thriller, der aber auch dann nicht aus den Augen verliert, dass es doch nur um einen geht: Charlie Kaufman.

Mit „Adaption“ beweist Kaufman, dass er wirklich der Mann für etwas gewagtere Stoffe ist. Er ist kein One-Hit-Wonder. Kaufman ist Garant für kreative Absurdität. Kaufman liefert garantiert kein einfaches 08-15-Gelaber. Kaufman ist großartig. Zusammen mit Regisseur Spike Jonze ist aus „Adaption“ ein würdiger „Being John Malkovich“-Nachfolger geworden, der Kaufmans Drehbuch perfekt umsetzt und uns endlich mal wieder einen sehenswerten Nic Cage bietet. Was will man also mehr??? (Wenn alle Drehbuchautoren so toll wären, würde ich mir vielleicht auch endlich mal deren Namen merken!)

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (was lernen wir sonst noch aus diesem Film: Stelle niemals eine Blume in den Mittelpunkt der Handlung!)

Ganz in schwarz

23. Mai 2012

Hollywood liebt Filmreihen – geplant oder ungeplant. Egal. Solange die Kuh Milch gibt, wird sie gemolken. Witzig finde ich dann immer nur, wie uns das alles als vollkommen geplant präsentiert wird. Gut, manchmal haut das ganz gut hin (man nehme nur „Back to the Future“ – da haben die Fortsetzungen das Ganze sehr schön weitergeführt), manchmal geht das aber auch in die Hose (da nehme man nur „Der Pate 3“ – gefühlte 30, tatsächlich so um die 16 Jahre nach dem zweiten Teil und irgendwie ein Griff in die Kloschüssel). Aber Trilogie klingt einfach… hach, das klingt einfach gut. Trilogie… das ist ein Epos, eine Saga, eine große Erzählung, die sich natürlich auch viel schöner in einer DVD-Box wiederfindet, als wenn man es bei nur zwei Filmen belassen hätte.

Und Trilogien haben es schwer: Ich habe immer so das Gefühl, dass die Filmdreier, die nicht geplant sind, nach einem Schema ablaufen. Teil 2 wird – nach Erfolg von Teil 1 – einfach nur ein warmer Aufguss des Originals mit ein paar kleinen Verbesserungen. Nur bloß auf keinen Fall am Erfolgsprinzip rütteln. Teil 3 gestaltet sich dann schon schwieriger, weswegen hier gerne der Sprung zurück genutzt wird: Das Prequel. Erzählen wir dann doch einfach mal, wie es vor dem ersten Teil war. Hauptsache, wir können es am Ende „Trilogie“ nennen.

So ähnlich scheint es auch den „Men in Black“ ergangen zu sein: Mit dem ersten Film hatte Regisseur Barry Sonnenfeld einen großen Erfolg. Zu Recht, denn die Idee, der Männer in Schwarz war schon witzig. Aliens, die mitten unter uns sind – so ein wenig waren die „Men in Black“ ein guter Platzfüller für die Leere, die „Akte X“ hinterlassen hatte. War zumindest bei mir so. Aber das Konzept funktionierte: Action, Komik, irre Aliens und Will Smith und Tommy Lee Jones als gut funktionierendes Duo. Dann kam Teil Zwei, und wenn ich ehrlich sein soll, auch Zweifel daran, ob man die Männer in Schwarz wirklich noch sehen muss. Es war nett, aber nichts neues mehr.

Und so wartet man schon ein wenig gespannt, was wohl der dritte Teil für Neuerungen bringen wird. Barry Sonnenfeld entschied sich für ein vielleicht etwas gewagt anmutendes Experiment: Eine Zeitreise! Zeitreise, das klingt nach Prequel! Und ein wenig ist das auch so: Agent J (Smith) reist in die Vergangenheit, um zu verhindern, dass Agent K (Jones) ermordet wird. Denn das fiese Alien Boris (Jemaine Clement) will das Errichten eines Schutzschildes um die Erde verhindern. Also reist J in die Vergangenheit – ins Jahr 1969 und trifft hier auf den jungen K (Josh Brolin).

Die „Men in Black“-Reihe lebte von Anfang an von zwei Dingen: den Aliens und den „Men in Black“ Will Smith und Tommy Lee Jones. Die Aliens sind auch im dritten Teil recht eigenwillig, sehen teilweise sehr schräg aus und haben gekonnte Tarnungen. Viel wichtiger ist für die Reihe aber dieses Hin und Her zwischen J und K. Alt trifft Jung – vielleicht ein wenig wie Riggs und Murtaugh aus „Lethal Weapon“. Jones spielt den alten Griesgram und Smith erfüllt seine Rolle als ständig quatschender Chaot. Das hat immer gut funktioniert und funktioniert auch zu Beginn vom dritten Teil… nur ist Tommy Lee Jones dann weg und im Jahr 1969 treffen wir plötzlich auf Josh Brolin. Und mit Brolin ist Regisseur Sonnenfeld ein echter Glücksgriff geglückt.

Brolin schafft es, die Essenz von Tommy Lee Jones’ Figur beizubehalten, fügt dem Ganzen aber auch seine eigene Note zu.Wir lernen Agent K in seinen Anfangszeiten kennen – hier noch nicht ganz so emotionslos und nüchtern wie später in der Zukunft. Brolin und Smith funktionieren zusammen genauso gut wie Smith mit Jones – und das ist wohl die größte Errungenschaft des Films: eine neue „alte“ Figur zu integrieren, ohne das es zu aufgesetzt wirkt. Was nicht zuletzt auch daran liegt, dass Josh Brolin einfach eine coole Sau ist (Verzeihung!). Mit dem jungen K wühlt Sonnenfeld auch ein wenig in der Vergangenheit von Agent J. Das ist rührend und fast schon ohne Klischees.

Auch der Trip in die Vergangenheit ist weniger schlimm als man denken könnte. Zeitreisen sind ja eh immer so eine Sache: Die können gut funktionieren, die können aber auch richtig blöd sein. Zum Glück trifft ersteres auf „Men in Black 3“ zu. Sonnenfeld belebt die 60er – mit Hippies, diesen Fönfrisuren und einem spannenden Showdown vor der Mondlandung. Und mal ehrlich, welche Ära würde sich besser für getarnte Aliens eignen als die 60er??? Da hat Sonnenfeld seine Möglichkeiten teilweise ganz gut genutzt, teilweise hätte ich mir da aber auch noch ein wenig mehr in die Richtung gewünscht.

Aber gut… wie man vielleicht schon merkt: „Men in Black 3“ kann man sich anschauen. Nach dem schwachen zweiten Teil kommt Sonnenfeld mit voller Wucht zurück. Die Reise ins Jahr ’69 kommt gut, Brolin ist ein klasse Jones-Ersatz und der Film macht einfach Spaß.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein kleiner Sprung für Agent J, aber ein großer Sprung für die „Men in Black“)

Augen auf!

21. Mai 2012

DVDs, von denen man noch nie etwas gehört hat, gucke ich mir ja eigentlich immer gerne an. Endlich mal was fernab vom Mainstream, um ein wenig den intellektuellen Filmegucker raushängen zu lassen ;) Doch ist es immer schwierig, DEN Film zu finden. Da muss man dann auf die DVD-Hülle vertrauen. Letztens erstand ich eine DVD, die mit diesem unheilschwangeren Text für den Film warb:

„Sex und Gewalt – noch nie sah man dieses angstbesetzte Duett zu einem solch schmerzhaft-schönen Bilderrausch arrangiert. AMER dringt tief in die Dunkelkammern der Seele und bringt psychische Abgründe, einen Rausch der Symbole und eine traumgleiche Soundlandschaft hervor. Ein radikales Meisterwerk über Angst, Begehren und Fiktion.“

Da war ich dann doch erst einmal gefangen – Sex und Gewalt und dazu noch die Dunkelkammern der Seele. Klang so schwarz auf weiß äußerst hervorragend. Und auch die Geschichte las sich ganz gut: „Amer“ ist die Geschichte einer Frau in drei Abschnitten ihres Lebens. Zuerst lernen wir Ana als junges Mädchen (Cassandra Foret) kennen. Dieser Abschnitt ist vom Tod des Großvaters beeinflusst und von Anas Angst vor einer unheimlichen Präsenz im Haus ihrer Eltern. Sprung in die Zukunft: Ana als junge Heranwachsende (Charlotte Eugène Guibbaud), die ihre Sexualität entdeckt und dafür von ihrer Mutter (aus Neid? aus Fürsorge?) bestraft wird. Und schließlich kehrt Ana als junge Frau (Marie Bos) in das verlassene Haus ihrer Eltern zurück und begegnet dort wieder der dunklen Präsenz von früher, die dieses Mal eine größere Bedrohung für Ana darstellt als damals.

In Verbindung mit dem oben genannten Zitat klang „Amer“ für mich eigentlich sehr reizvoll. Und der Teil mit der ganz jungen Ana schien das auch zu bestätigen. Das Regie-Duo Hélène Cattet und Bruno Forzani vermischt surreale Horrormomente gekonnt mit wirren Kamerawinkeln und Einstellungen. Die Angst der kleinen Ana spürt man förmlich durch den Monitor vibrieren. Fast möchte man schon meinen, wirklich in diese Dunkelkammer der Seele einzudringen. Der Tod in den Augen eines kleinen Kindes – Faszination und Schrecken zugleich. Der Film schwankt immer wieder zwischen Tag- und Alptraum hin und her. Fast erinnert „Amer“ hier noch an einen wirren Trip aus einer Mischung von „Enter the Void“ und „Pans Labyrinth“. Cattet und Forzani gelingt es mit simplen Mitteln großartig zu schocken. Die Nackenhaare stehen aufrecht und insgeheim freut man sich auf so viel mehr…

Doch was anfangs so aussieht, als könnte es wirklich guter Arthouse-Horror (!!!) werden, wird zu einem Stirnrunzel-Film. Teil Zwei ist der sexgeladene Teil, was allerdings nur heißt, dass wir Charlotte Eugène Guibbaud in Slow Motion an lüsternen Bikern vorbei laufen sehen. Ab und zu mal ein Close-Up von einem Auge oder von ihrem Schritt. Dabei wiederholen sich die Bilder in genau dieser Reihenfolge: Auge, Schritt, Zeitlupe. Hier und da mal ein wilder Farbwechsel, dann wieder: Auge, Schritt, Zeitlupe. Man kann jetzt natürlich darüber streiten, ob ich der Symbolhaftigkeit von „Amer“ einfach nicht gewachsen bin, aber von einem schmerzhaft schönen Bilderrausch ist man in diesem Teil noch weit entfernt. „Amer“ hat zwar ein paar schöne Bilder, das war’s aber auch schon. Im Gegensatz zum Anfang ereilt einen sehr schnell die Ernüchterung: Jetzt wird aus Arthouse-Horror Arthouse für den Metaphern-Liebhaber.

Bleibt nur noch die Hoffnung, dass die erwachsene Ana in der Ruine ihres Elternhauses mit dem unheimlichen Besucher vom Anfang wieder etwas mehr Würze in den Film bringt.

Auf Teil Drei – die erwachsenere Ana – ist man irgendwie durch die heranwachsende Ana vorbereitet. Anfangs gibt’s nämlich die gleichen „erotischen“ Bilderfolgen – dieses Mal nur mit einem geilen Taxifahrer. Also wieder: Schritt, Auge, Schritt, Auge. Angekommen im Haus wird es dann etwas merkwürdig. Hier, so lassen mich einige Rezensenten wissen, ist „Amer“ so was wie eine Hommage an das italienische Krimi-Genre Giallo: Ein dunkler Alptraum-Mann jagt die arme Ana durch das Anwesen. In detaillierten Einstellungen müssen wir dann mit erleben, wie Ana ihren Angreifer mit einem Rasiermesser bearbeitet.

„Amer“ hat mich sprachlos zurückgelassen – aber leider eher negativ sprachlos. Vielleicht hat sich mir auch der große Zauber des Films entzogen, aber dieses recht wortkarge Meisterwerk konnte mich einfach nicht fesseln. Dieses angeblich „radikale Meisterwerk über Angst, Begehren und Fiktion“ habe ich wohl verpasst. Der Film arbeitet mit einer sehr starken Bildsprache, die aber nach den ersten Auge-Schritt-Einstellungen auch durchschaut ist. „Amer“ verspielt sich die Erwartungen seiner Zuschauer durch einen äußerst langatmigen Mittelteil und einen undurchsichtigen Schluss. Mit mehr Fragezeichen als zu Beginn sitzt man vor dem Abspann, in der Hoffnung, es würde irgendwo noch eine Erklärung kommen. Aber „Amer“ verlangt von seinem Zuschauer, dass er selbst über das Gesehene reflektiert: Also reflektieren wir über das Auge und den weiblichen Schritt und merkwürdiger Schattenmänner… war das Ganze jetzt etwa doch so ein verkappter SM-Film???

Wertung: 4 von 10 Punkten (beginnt alptraumhaft gut, wird undurchsichtig und langatmig)

Leben und Tod

18. Mai 2012

Kann es sein, dass Christina Ricci sich mehr und mehr zu einer kleinen (!) Exhibitionistin entwickelt? Ich kann mich in letzter Zeit an keinen Film erinnern, in dem die gute Frau nicht blank zieht. In „Black Snake Moan“ hat sie kaum was an – außer diesen viel zu kleinen Hot-Pants (Skandal!!!) und einer netten, von Samuel L. Jackson gesponsorten 10-Meter-Eisenkette. Zurzeit macht die Gute sich für Robert Pattinson in „Bel Ami“ frei und zeigt da dem geneigten Zuschauer auch, was sie außer Schauspielern sonst noch so kann bzw. hat. Wer also immer noch nicht genug von einer (halb)nackten Christina Ricci hat, dem kann ich (neben „Black Snake Moan“) nun auch noch den Film „After.Life“ empfehlen. Obwohl… vielleicht ist empfehlen das falsche Wort. Aber von vorne:

Die junge Lehrerin Anna (Ricci) ist nicht allzu glücklich mit ihrem Leben und dann auch noch ihre Freund Paul (Justin Long), der sich einfach nicht dazu durchringen kann, ihr seine Liebe zu gestehen. An einem unheilvollen Abend lässt sie Paul in einem Restaurant sitzen und gerät wenig später in einen Autounfall. Als sie wieder aufwacht, liegt sie auf dem Tisch von Eliot Deacon (Liam Neeson), seines Zeichens Leichenbestatter. Eliot erklärt der verdutzten Anna daraufhin, sie sei tot. Und er werde sie nun auf ihrem letzten Weg begleiten. Doch wie das immer so ist, wenn dir jemand erzählt, du wärest tot, glaubt Anna dem guten Mann kein Wort.

Es klingt im ersten Augenblick ein wenig nach „The Sixth Sense“. So war es zumindest bei mir – Liam Neeson spricht mit toten Menschen. Aber Liam Neeson spielt hier ja nicht die Hauptrolle. Vielmehr geht es um Anna, die nach dem Aufwachen in der Leichenhalle Zweifel bekommt – an ihrem Tod, an ihrem Leben. Zweifel Nr. 1: Ist sie wirklich tot? Es fühlt sich alles danach an, und doch besteht irgendwo in einer kleinen Ecke die Möglichkeit, dass Eliot selbst nur ein kranker Psycho ist, der Anna festhält. Zweifel Nr. 2: Hat sie ihr Leben wirklich gut gelebt? Eliot fungiert wie so eine Art Gewissen, der Anna immer wieder vorhält, was sie alles falsch gemacht hat. Immer dann, wenn sie sich an ihr Leben klammern will, führt Eliot ihr vor, dass sie eigentlich gar kein vernünftiges Leben geführt hat.

Der polnischen Regisseurin Agnieszka Wojtowicz-Vosloo gelingt es verdammt gut, diese ganzen Zweifel auch auf den Zuschauer zu projizieren. Es gibt immer wieder diese Momente, in denen Eliot Sachen durchblitzen lässt, dass irgendwas nicht zu stimmen scheint. Hier gelingt es Wojtowicz-Vosloo wahnsinnig gut, die Story zweigleisig zu fahren. Irgendwann weiß man als Zuschauer selbst nicht mehr, was man eigentlich denken soll. Dazu kommt ein wirklich großartiger Liam Neeson, der den Spagat zwischen good-guy/ bad-guy exzellent vollführt. Scheint sowieso so eine Rolle zu sein, in der Neeson mal versucht gegen sein Actionheld-Image anzugehen. Ein fieser Satan im Kittel.

Doch es geht ja nicht um Neeson, sondern um Christina Ricci. Man darf so viel sagen: Sie sieht gut aus in ihrem kleinen roten Nichts und sie sieht gut aus in ihrem kleinen Nichts. Schauspielerisch könnte man sich schon darüber streiten, ob Ricci hier in „After.Life“ wirklich was Besonderes abgibt. Sie weint, sie schreit, sie flucht – ein wenig mehr Verzweiflung hätte es schon sein dürfen, ein wenig mehr Kampfesmut und Vehemenz auch. Aber immerhin kann sie mit ihren großen Kulleraugen überzeugend verwirrt in die Kamera gucken.

Die Idee, die hinter „After.Life“ steckt, ist schon sehr interessant: Es hätte ein wirklich spannender Gruselthriller sein können, nur dafür hätte Wojtowicz-Vosloo a) das Tempo ein wenig beschleunigen müssen und b) weniger nackte Ricci und mehr Wendungen mit einbauen sollen. Man kann sich „After.Life“ auf jeden Fall anschauen, denn selten hat es jemand so gut geschafft, sein Publikum in falsche Richtungen zu führen wie „After.Life“.

Ich weiß also nach wie vor nicht, ob ich euch den Film nun wirklich empfehlen soll oder nicht. Wegen der Grundidee würde ich „Ja“ sagen, fürs ganze Drumherum eher ein „Vielleicht“. „After.Life“ hat was und bleibt auch lange nach dem Abspann noch im Gedächtnis. Vielleicht hat sich Wojtowicz-Vosloo einfach dabei verkalkuliert, einen philosophischen Thriller machen zu wollen.

Wertung: 6 von 10 Punkten (interessante Geschichte, die etwas lahmt)

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