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Onkel Hausmeister

23. Januar 2017

Ich habe mir ja einen stillen Vorsatz gemacht, mehr ins Kino zu gehen, ohne viel vorweg über die Filme zu wissen. Eine gewissenhaftere Unwissenheit soll mir ein wenig mehr Überraschung im Kino bieten, weswegen ich tatsächlich auch versuchen will, weniger Trailer zu schauen und weniger vorab über Filme zu lesen. Ich weiß, das ist ein schwieriges, aber kein unmögliches Unterfangen. Denn immerhin kommt ja was Gutes dabei heraus: Erstens bin ich weniger vorab beeinflusst, wodurch zweitens keine großen Erwartungen aufkommen, die zerstört werden können und drittens ist es einfach mal schön, unwissend ins Kino zu gehen. Aber ich glaube, das habe ich schon erwähnt. Auch erwähnt hatte ich in meiner Jahresvorschau für 2017, dass ich nicht wirklich wusste, worum es in „Manchester by the Sea“ geht. Ich wusste, dass Casey Affleck mitspielt, den ich seit „Gone Baby Gone“ sehr mag… und das war’s dann auch schon. Also ein erster guter Film, um meinen Vorsatz der gewissenhaften Unwissenheit mal auszuprobieren (und ja, mir ist die Ironie bewusst, dass ich euch jetzt wissentlich des Vorwissens unterziehe, aber hey… geht ja auch nicht anders 😉 )

Lee Chandler (Casey Affleck) ist ein einsiedlerischer Hausmeister, der eines Tages mit dem Tod seines Bruders Joe (Kyle Chandler) konfrontiert wird… und seinem Neffen Patrick (Lucas Hedges), für den er laut dem Nachlass seines Bruders Sorge tragen soll. Doch zurück in seiner alten Heimat Manchester-by-the-sea wird Lee auch von seiner eigenen Vergangenheit eingeholt, vor der er eigentlich versucht zu fliehen. Für ihn und die Beziehung zu Patrick keine einfache Angelegenheit…

Hausmeister und Neffe…

Ich habe jetzt mal versucht, es so schwammig wie möglich zu halten, um nichts zu ruinieren, denn „Manchester by the Sea“ hat so einiges zu bieten. Ich dachte ja, es wäre so eine Mischung aus Drama und Komödie: der Hausmeister, der jetzt auf einmal Familienmensch werden muss. Ja, die Unwissenheit… denn „Manchester by the Sea“ geht nicht ansatzweise in diese Richtung. Was Regisseur Kenneth Lonergan hier erst aufs Papier und dann auf die Leinwand zaubert, ist ein packendes Drama, dass Lees Leben genau unter die Lupe nimmt und uns durch ihn zeigt, wie schwer es ist, die eigene Vergangenheit ruhen zu lassen. In immer wieder aufkommenden Rückblenden lässt uns Lonergan nämlich teilhaben an Lees Erinnerungen, die ziemlich verdammt hart sind. So baut sich dann Stück für Stück mehr ein Verständnis für diesen Menschen auf. Irgendwann wissen wir ganz genau, warum er die Einsamkeit sucht, warum er nicht in seine alte Heimat zurück will, warum es ihm so schwer fällt, die Aufgabe als Patricks Erziehungsberechtigter anzunehmen.

Man muss sich ein wenig an diesen Wechsel aus Gegenwart und Vergangenheit gewöhnen, aber Lonergan nutzt seine scheinbar wild einsetzenden Rückblenden verdammt clever ein, um gewissen Situationen in der Gegenwart noch mehr Bedeutung zu zuschreiben. Dadurch entsteht ein Geflecht aus Erinnerungen, die selbst dem Zuschauer verdammt nachgehen und die Lees Gegenwart in ihrer ganzen Ernsthaftigkeit nur noch unterstreichen. „Manchester by the Sea“ ist ein absolut authentisches Auf und Ab der Gefühle, denn der Film lebt jetzt auch nicht nur von den schweren Momenten, sondern hat auch die nötige Prise Humor – vor allem, wenn Lee mit Patrick klar kommen muss. Und in diesen Szenen schummelt uns „Manchester by the Sea“ dann auch noch ganz nebenbei ein nicht weniger gelungenes Coming-of-Age-Drama unter, dass Patricks Leben nach dem Tod seines Vaters näher beleuchtet. Hier sehen wir dann, wie dieser vom Schicksal geplagte Hausmeister seine Vergangenheit angehen muss und gleichzeitig für die Zukunft seines Neffen sorgen muss. „Manchester by the Sea“ hat einfach so viel zu bieten, was auf so wundervolle Art und Weise erzählt wird – und das durch die grandiosen Darsteller nur noch besser gemacht wird.

Casey Affleck und Lucas Hedges sind ein perfektes Team vor der Kamera. Alle Darsteller in diesem Film sind perfekt vor der Kamera, was aber meiner Meinung auch einfach nur an dem wunderbaren Drehbuch liegt, dass sich nicht bloß oberflächlich um seine Figuren kümmert. „Manchester by the Sea“ wirkt extrem authentisch, weil die Dialoge einfach nur großartig sind. Oder auch manchmal nur das Schweigen zwischen zwei Personen. Affleck ist aber tatsächlich die Wucht in Tüten in diesem Film, er spielt so unglaublich gut, sein Lee ist so nachvollziehbar, so nahbar, so menschlich wie es nur geht. Und wenn Affleck das nicht hätte transportieren können, hätte der ganze Film nicht die gleiche Wucht und Sogkraft wie jetzt. Den Golden Globe hat er absolut zu Recht verdient… und den Oscar wird er allen anderen hoffentlich auch noch wegschnappen.

„Manchester by the Sea“ ist ein Herz erwärmendes, gefühlvolles Drama, das sich Zeit lässt für seine Charaktere. Es ist ein Drama ohne Übertreibungen, ohne Hollywood-Kitsch, es ist ein ehrlicher Film, hart und herzlich, traurig und lustig, wunderschön und grauenvoll zugleich. „Manchester by the Sea“ wirkt noch lange nach, es ist ein Film, der zutiefst bewegt… ein wunderschöner Film! Nicht mehr und nicht weniger…

Wertung: 10 von 10 Punkten (ein großartiger Film in jeder Hinsicht, der mich mal wieder zum Weinen gebracht hat)

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7 Kommentare leave one →
  1. 23. Januar 2017 15:32

    Auch wenn manche Szenen regelrecht wehtun, hat mich der Film komplett eingesogen. Ein wunderschöner Film, vor allem mit Casey Affleck! Man will ihn einfach nur in den Arm nehmen und sagen das alles gut wird – auch wenn er einem eh nicht glauben würde. Ich hoffe er bekommt den Oscar

    • donpozuelo permalink*
      23. Januar 2017 17:08

      Du sprichst mir aus dem Herzen. Den Oscar wünsche ich ihn auch dafür. Und ja, man möchte ihn wirklich in den Arm nehmen. Ein großartiger Film.

  2. 23. Januar 2017 22:18

    Genau, guter Film. Bin gespannt, für was er morgen nominiert wird. Ob er dann auch nen Oscar gewinnt…? Ich denke dieses Jahr sehe ich eher schwarz – aus Gründen.

    • donpozuelo permalink*
      24. Januar 2017 07:00

      Ich auch… und ja, ich denke auch, sie werden alles an „La La Land“ vergeben… aber wer weiß, vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung.

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