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Du sollst nicht töten!

6. Februar 2017

Mel Gibson… er ist wieder da! Beziehungsweise war er ja nie wirklich weg. Nur hat man irgendwie versucht, ihn zu ignorieren, diesen alten wütenden Gartenzwerg, der früher mal cool war und sich dann dämliche Äußerungen und andere weniger schöne Sachen erlaubte. Doch wie schon bei Tom Cruise muss ich auch bei Mel Gibson sagen: Den Regisseur und Schauspieler Mel Gibson mag ich sehr. Immerhin hat der Schauspieler Mel Gibson uns tolle Filme geliefert und der Regisseur Gibson eigentlich auch (wenn man mal von dem Jesus-Torture-Porn absieht). Zehn Jahre nach „Apocalypto“ hat sich Mel Gibson wieder auf den Regie-Stuhl gesetzt – sein neuester Film: ein Kriegsdrama basierend auf einer wahren Begebenheit: „Hacksaw Ridge“.

Desmond Doss (Andrew Garfield) ist streng religiös, doch als der zweite Weltkrieg auch das Leben der Amerikaner einnimmt, will Doss sich ebenfalls für sein Land stark machen. Er meldet sich bei der Armee und gerät hier in seinen ersten großen Kampf: Denn Doss will dem sechsten Gebot „Du sollst nicht töten!“ folgen und deswegen keine Waffe in die Hand nehmen. Als man ihn nach langer Zeit doch als Feld-Sanitäter in die Schlacht von Okinawa schickt, glaubt niemand daran, dass dieser unbewaffnete Soldat lange überleben wird. Doch Doss überrascht alle und rettet mehr als 70 Kameraden in der Schlacht das Leben.

Spider-Man hat umgesattelt

Ich muss gestehen, dass ich nur zögerlich in „Hacksaw Ridge“ gegangen bin. Nicht etwa wegen Mel Gibson, sondern natürlich wegen dem Thema: Erstens bin ich jetzt nicht so ein großer „Fan“ von Kriegsfilmen (Ausnahmen bestätigen die Regel) und zweitens hatte ich echt Bedenken, wie das ganze Thema Religion in dem Film von Mel Gibson gehandhabt wird. Zu sagen, man will in den Krieg, aber keine Waffen tragen, weil es so in der Bibel steht, könnte zu einem über-religiösen Film führen. Ich hatte echt die Sorge, dass ein Andrew Garfield den halben Film lang Bibel-Zitate von sich gibt, ständig über die Unergründlichkeit von Gottes Wegen redet und sich blindlings ins Getümmel stürzt. Zum Glück waren all meine Bedenken am Ende unbegründet. „Hacksaw Ridge“ nimmt sich mit dem Thema Religion sehr stark zurück… und lässt trotzdem genug davon in die Geschichte einfließen, sodass wir Doss‘ Beweggründe mehr als nur verstehen, sondern tatsächlich nachvollziehen können. Dafür lässt sich Gibson dann auch die komplette erste Hälfte des Films Zeit für… und ich bin froh, dass er es so gemacht hat.

Die erste Hälfte von „Hacksaw Ridge“ ist ein wunderbar berührendes Drama, das für sich allein schon einen Film wert gewesen wäre – und dennoch bekommt man nicht das Gefühl, irgendwas zu verpassen. Ich war wirklich erstaunt, wie lange Gibson sich auf Doss‘ Hintergrundgeschichte einlässt. Statt ihn einfach nur in bester „Full Metal Jacket“-Manier durch die Ausbildung und hier auftretende Probleme laufen zu lassen, erzählt er uns seine Familien-Geschichte und seine Beziehung zu der jungen Krankenschwester Dorothy. Das alles mag sich nach viel anhören, vielleicht sogar nach Dingen, die ein anderer Regisseur weggelassen hätte. Aber wie Doss mit seiner Familie umgeht, wie er mit Dorothy umgeht, wie er sich selbst in seinem „normalen“ Leben gibt, sind alles wichtige Versatzstücke der Geschichte, die wir brauchen, um all seine kommenden Aktionen besser zu verstehen. Und so erzählt Gibson vorab schon eine bewegende, rührende Geschichte über einen Mann, der für seine Ideale einsteht, der an seinen Prinzipien und Werten festhalten will – egal, was alle anderen um ihn herum ihm sagen.

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Was der ruhigen Geschichte dann folgt, ist die Heldengeschichte des Desmond Doss, die Gibson dann auch entsprechend bombastisch umsetzt. Die erste Schlacht ist unglaublich. Mit einer beängstigenden Brutalität wirft uns Gibson in dieses so sinnlos erscheinende Gefecht. Hier wird „Hacksaw Ridge“ dann echt unangenehm, weil Gibson wirklich nichts auslässt. Man könnte sich über zu viel Brutalität, zu viele platzende Köpfe, Gedärme und verlorene Gliedmaßen streiten, man könnte aber auch sagen, dass Gibson das mit der Genauigkeit wirklich sehr, sehr ernst genommen hat. Allein diese Bilder bleiben lange im Kopf… meine Güte, bin ich froh, dass ich mir so furchtbares Zeug aus der Sicherheit des Kinos anschauen kann. So etwas selbst mit zu erleben, will ich mir gar nicht vorstellen.

Doch dann kommt da die Geschichte von Desmond Doss dazu… und hätte Gibson sich nicht die Zeit gelassen, uns diesen Charakter näher zu bringen, hätte ich diesen Film gehasst. Natürlich schwebt hier am Ende sehr viel Pathos mit. Natürlich wirkt es absurd, dass dieser Mann alleine immer wieder ins Getümmel stürzt, um Leute zu retten, aber nach allem, was man an diesem Punkt über Doss weiß, kann man das verstehen. Zum Glück überreizt Gibson die Geschichte dann auch nicht, auch wenn er sich hier und da in ein paar etwas zu absurden Momenten verliert.

Insgesamt aber bin ich mehr als nur positiv von „Hacksaw Ridge“ überrascht. Andrew Garfield ist wirklich einfach nur wunderbar (neben Casey Affleck jetzt ein weiterer Oscar-Kandidat, dem ich die Trophäe mehr gönne als Ryan Gosling), Hugo Weaving ist super, auch Teresa Palmer spielt zuckersüß. Vince Vaughn und Sam Worthington als Doss‘ Vorgesetzte sind auch wunderbar besetzt. Der Film lebt wirklich von seinen großartigen Darstellern und einem Regisseur, der den Mut hat, sich Zeit zu lassen, der den Mut hat, diesen Krieg als dreckiges Gefecht darzustellen. „Hacksaw Ridge“ ist einfach ein unglaublich packender Film.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein bemerkenswerter Film über einen bemerkenswerten Mann)

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7 Kommentare leave one →
  1. 7. Februar 2017 23:15

    So langsam bin ich angefixt und muss nun wohl doch den Film auf meine Noch-Gucken-Liste packen.

    • donpozuelo permalink*
      10. Februar 2017 00:07

      Absolut!!! Der ist schon sehr sehenswert.

  2. 10. Februar 2017 07:56

    Auf der Noch-Gucken Liste steht bei mir Apocalypto – immerhin ist er jetzt schon mal auf meinem Recorder

    • donpozuelo permalink*
      10. Februar 2017 07:57

      Apocalypto find ich tatsächlich ziemlich stark. Ein krasser Film. Gehört auf jeden Fall mal geguckt 😉

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