Zum Inhalt springen

Kleinstadtschnüffler

8. Juni 2011

Wie ich früher über Ben Affleck dachte, beschreibt vielleicht sein Auftritt bei „Family Guy“ am besten: In einer Folge sieht man Affleck und Langzeit-Freund Matt Damon in einem Raum. Damon beendet gerade das Drehbuch zu „Good Will Huntnig“ und setzt sein „Geschrieben von Matt Damon“ darunter. Daraufhin meldet sich ein faul auf dem Sofa liegender Ben Affleck und fragt, ob Damon ihn nicht auch unter das Drehbuch setzen könnte. Damon protestiert, schließlich habe Affleck nichts weiter getan außer Eis zu fressen und Dope zu rauchen. Als Matt seinen alten Kumpel dann auffordert, wenigstens eine Zeile zum Drehbuch hinzu zu steuern, furzt der nur.

Natürlich ist das nur ein weiterer klassischer „Family Guy“-Witz, aber ich fand ihn immer sehr passend. Ben Affleck konnte ich nie wirklich ernst nehmen, weil ich immer das Gefühl hatte, er ruht sich zu sehr auf dem Oscar-Erfolg durch „Good Will Hunting“ aus. Während Matt Damon sich nach und nach einen Namen machte, machte Affleck nur Schlagzeilen – hauptsächlich durch Flops und J.Lo.

Aber seit 2007 muss man – und vor allem ich – sich ganz anders mit der Person Ben Affleck auseinander setzen. Denn 2007 kam einer der besten Krimis/ Thriller in die Kinos, den ich bis jetzt gesehen habe. Vor der Kamera stand Affleck, allerdings nicht Ben. Stattdessen ein mir bis dahin unbekannter kleinerer Bruder namens Casey. Denn der Ben hatte sich einfach mal hinter der Kamera versteckt und führte Regie. Und mit seinem Regie-Debüt hat er meine Zweifel an ihm innerhalb von 109 Minuten weggewischt.

In „Gone Baby Gone“ geht es um das Verschwinden eines kleines Mädchens. Das Detektivpärchen Patrick (Casey Affleck) und Angelo (Michelle Monaghan) wird von der besorgten Tante angeheuert – zum einen, weil die Polizei nach drei Tagen keine brauchbaren Hinweise hat und zum anderen, weil Mutter Helene (Amy Ryan) sich auch nicht so sonderlich um das Verschwinden ihrer Tochter kümmert. Gemeinsam mit dem Polizisten Remy Bressant (Ed Harris) geht Patrick auf die Suche und wird vor Entscheidungen gestellt, die wohl überdacht werden wollen.

An „Gone Baby Gone“ ist wirklich nichts normal. Das beginnt schon bei Afflecks Hauptperson: Patrick ist jetzt nicht unbedingt das, was ich mir unter einem Privatdetektiv vorstelle. Kein Trenchcoat, kein Hut, keine Zigaretten, kein Scotch, kein halbdunkles Büro. Stattdessen läuft Patrick mit Trainingsjacke und Sneakers durch die Gegend, nuschelt sich durch seine Gespräche und baut auf seine Kontakte. Er ist eigentlich eher ein Typ wie alle anderen auch in seiner kleinen Stadt. An ihm ist nichts Besonderes, außer dass er ein Mann der Ehre ist, der zu seinem Wort steht.

Was Schauspieler-Führung angeht, kann man Ben Affleck keine Vorwürfe machen. Sein Bruder Casey spielt einen Detektiv, in dessen Haut man nicht stecken möchte, den man aber trotzdem für seine Entscheidungen respektieren muss. Casey Affleck spielt das grandios, obwohl ich mich immer gefragt habe, ob er da überhaupt was spielen muss. Den traurigen Gesichtsausdruck hat er so schon gut drauf. Aber auch der Rest der Schauspieler – von Monaghan über Ed Harris bis hin zu Morgan Freeman passen toll in ihre Rollen, wobei ich mich am meisten darüber gefreut habe, Ed Harris mal wieder in einer passenden Rolle als Cop mit fragwürdigen Rechtsansichten zu sehen.

Was das Geschichten erzählen angeht, darf man Ben Affleck nun erst recht keine Vorwürfe machen. Gut, die Voraussetzungen für einen guten Film wurden ihm quasi vorgelegt. „Gone Baby Gone“ basiert auf dem Roman „Kein Kinderspiel“ von Dennis Lehane, der auch schon die Vorlage für Clint Eastwoods „Mystic River“ gegeben hatte. Was Ben Affleck aus dem Roman macht, ist der intelligenteste und spannenste Krimi, den ich bis jetzt gesehen habe. Spannend bleibt der Film durchweg. Die Jagd nach dem Mädchen scheint Erfolg zu haben, doch dann läuft bei der Geldübergabe alles schief. Zur Mitte des Films lässt Ben Affleck Resignation aufkommen, es ist alles vorbei, nichts ist mehr wie vorher. Aus diesem Loch holt er uns aber unvermittelt und mit aller Gewalt (buchstäblich) wieder heraus. Dieses Gewalt-Intermezzo sorgt aber nur dafür, dass Patrick im Fall des verschwundenen Mädchens neue, brisante Hinweise erhält und erkennen muss, dass man ihn ganz böse verarscht hat.

„Gone Baby Gone“ geht mit seinen zahlreichen Wendungen zielstrebig auf ein sehr schwieriges Thema zu: Wie entscheidet man über ein Leben? Was darf man tun, um ein Leben zu retten? Patrick wird am Ende vor eine Wahl gestellt, die ich nie in meinem Leben treffen möchte. Und das Geile an „Gone Baby Gone“ ist, dass man noch Tage danach darüber nachdenkt, wie man selber entschieden hätte. Sooft wie ich diesen Film schon gesehen habe, ich habe jedes Mal Bedenken, was denn nun richtig gewesen wäre. Die gleichen Bedenken, die übrigens auch Patrick hat, der nach seiner Entscheidung ziemlich alleine dasteht.

Ben Affleck gelingt mit „Gone Baby Gone“ also das Kunststück spannenden Thriller mit fast schon moralisch-philosophischen Fragen zu verbinden, die – und das garantiere ich – im Nachhinein noch lange im Kopf hängen bleiben. Afflecks Debüt ist tadellos: tolle Charakterentwicklung dank großartiger Schauspieler, grandiose Kamera-Arbeit und spannende Story.

Dass „Gone Baby Gone“ nicht bloss eine Eintagsfliege gewesen ist, hat Ben Affleck dann ja später mit „The Town“ bewiesen und sich sogar wieder selbst vor die Kamera getraut.

Wertung: 10 von 10 Punkten (grandioses Debüt und sehr intelligenter Thriller)

16 Kommentare leave one →
  1. 8. Juni 2011 07:41

    Muss ich jetzt unbedingt mal nachholen!

    • 8. Juni 2011 08:14

      Oh Gott, ja. Auf jeden Fall! Die 10 von 10 Punkte sind hier echt verdient – meiner Meinung nach 😉

  2. 8. Juni 2011 12:42

    Den hatte ich schon immer mal auf dem Schirm. Wird dann wohl doch mal nachgeholt. ^^

    • donpozuelo permalink*
      8. Juni 2011 12:59

      Aber so schnell wie möglich!!! Großartiger Film!

  3. 10. Juni 2011 13:54

    Habe ich neulich nachgeholt. Die ganz große Keule würde ich nicht rausholen, aber auf jeden Fall ein sehr starker Film, der um einiges hintersinniger ist, als ich erwartet habe, und vor allem viel unvorhersehbarer, als man zunächst den Eindruck gewinnt. Tolle Darsteller, da stimmt eigentlich alles.

    • 10. Juni 2011 14:28

      Na siehst du… also kann man doch die große Keule rausholen 😉

      Das mit dem „hintersinnig“ stimmt vollkommen. Ich weiß noch, wie ich den eher widerwillig im Kino geguckt habe und es mich dann total vom Stuhl gerissen hat.

  4. 14. Juni 2011 07:32

    Woah jo…einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Und wegen dem und den Jesse James Film liebe ich den Casey.

    Und überhaupt: Ich glaube wir beide sind seelenverwandt…

    • donpozuelo permalink*
      14. Juni 2011 08:13

      😀 Wer weiß, ich glaub’s ja auch fast…

      Den Jesse James Film fand ich sehr schwerfällig, aber durchaus sehenswert. „Gone Baby Gone“ ist da schon um Meilen besser.

Trackbacks

  1. Gentleman-Killer « Going To The Movies
  2. Bankräuber sind auch nur Menschen « Going To The Movies
  3. 2010 « Going To The Movies
  4. Information ist Macht « Going To The Movies
  5. Die Malerin und der Kriegsverbrecher « Going To The Movies
  6. Fliegender Trunkenbold « Going To The Movies
  7. Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century… so far | Going To The Movies
  8. Onkel Hausmeister | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: