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Little Chiron Black

13. März 2017

Ich könnte mir jetzt den längst schon nicht mehr lustigen Witz erlauben und erst einmal was über „La La Land“ schreiben, bevor ich dann bemerke, dass das der falsche Film ist, wenn es doch in Wirklichkeit um „Moonlight“ geht. Ist alles schon da gewesen, deswegen spare ich mir das jetzt. Dennoch wird „Moonlight“ auch immer der Film sein, der auf äußerst spektakuläre Weise als „Bester Film des Jahres“ bei den Oscars ausgezeichnet wurde.

„Moonlight“ erzählt in drei Kapiteln vom Leben des homosexuellen Chiron. Schon als Junge (Alex R. Hibbert) wird er deswegen zu einem Außenseiter, der im Laufe der Schulzeit immer wieder malträtiert und gemobbt wird. Seine Crack-süchtige Mutter Paula (Naomi Harris) ist ihm zu keinem Zeitpunkt eine Hilfe, erst der Drogendealer Juan (Mahershala Ali) kümmert sich ein bisschen um den Jungen. Als Teenager (Ashton Sanders) hat Chiron dann sein erstes Mal mit seinem besten Freund Kevin, doch die äußeren Umstände sorgen dafür, dass Chiron nie wirklich der sein kann, der er ist. Als Erwachsener versteckt er sich dann hinter einer Rolle, die er nie wirklich ausfüllen kann.

Einfach treiben lassen…

Es fällt mir wirklich ein wenig schwer über „Moonlight“ zu schreiben. Kennt ihr das? Alle Welt feiert einen Film, beschreibt es als wahnsinniges Erlebnis, als Kinopoesie, als ein Film, der uns als Menschen verändert, wenn wir aus dem Kino kommen (geht das überhaupt???). Egal, wo ich hinschaue, überwerfen sich die Kritiker mit Lob für diesen Film… und dann sitze ich im Kino und zähle innerlich die Minuten und Sekunden, bis der Film endlich vorbei ist. Ja, ich gestehe, ich fand „Moonlight“ als Film an sich eher etwas langweilig. Und ich habe das Gefühl, mich dafür entschuldigen zu müssen, weil ich einfach nicht das Erlebnis hatte, das scheinbar alle anderen mit diesem Film hatten.

Versteht mich bitte nicht falsch, die Geschichte von Chiron ist furchtbar interessant… und was uns Regisseur Barry Jenkins hier erzählt, trägt so viel Wahrheit in sich. „Moonlight“ macht uns auf bitterböse Art und Weise deutlich, wie wichtig es ist, als junger Mensch liebende Menschen um einen herum zu haben, die uns formen. Chiron ist ein Mensch, der von den brutalen äußeren Bedingungen seines Lebens geformt wurde und nie wirklich zu sich selbst gefunden hat. Es ist schmerzhaft mit anzusehen, wie dieser Junge immer wieder und wieder in die Außenseiter-Rolle gedrängt wird – ohne Aussicht auf eine Art der Rehabilitation. Es tut förmlich weh zu sehen, dass dieser Junge nie eine wirkliche Chance hatte. Selbst als er auf Juan trifft, wird ihm diese Möglichkeit für ein normales Aufwachsen genommen. Die Geschichte von „Moonlight“ ging auch mir sehr an die Nieren…

Ich persönlich hatte eher ein Problem mit der Art und Weise des Erzählens – genauer gesagt mit den drei Kapiteln. Jedes Kapitel hat wichtige Schlüsselelemente: Juan bringt Chiron das Schwimmen bei, Chiron mit Kevin am Strand, Chiron und Kevin treffen sich nach Jahren wieder. Das sind kleine, unglaublich zarte Momente, die Jenkins auch voll auskostet. Es sind kleine Momente des Glücks, der Hoffnung, die dann aber immer wieder im Meer der Gewalt in Chirons Leben untergehen. Alles wunderbar… mich hat die Trennung in Kapitel dennoch jedes Mal aus der Geschichte ein wenig herausgerissen. Das erste Kapitel fand ich persönlich noch am stärksten, auch dank eines umwerfenden Mahershala Ali. Kapitel 2 fand ich sehr plakativ, wenn ich das mal so sagen darf: Es ist so ein bisschen die Erweiterung von der ersten Erzählung, nur heftiger. Und das letzte Kapitel streckt sich dann teilweise extrem in die Länge – was ich zwar verstehen kann, aber anstrengend empfand.

So richtig bin ich dann nie hinter den Charakter Chiron gekommen, weil ich nie so wirklich die Zeit bekommen habe, mich wirklich in Ruhe mit ihm zu beschäftigen. Es wirkte auf mich wie ein schnelles Abfertigen der Erlebnisse. Gerade der Teenager-Chiron, der wirklich zum ersten Mal seine Sexualität erforschen kann, kam mir persönlich viel zu kurz.

Die Darsteller waren wirklich alle sehr toll. Gerade die Chirons – Alex Hibbert, Ashton Sanders und Trevante Rhodes – waren wirklich toll, auch wenn sie es in meinen Augen sehr schwer hatten, in nur knapp 30 Minuten alles aus der Rolle herauszuholen. Mahershala Ali ist der wahre Sympathie-Träger dieses Films. Allerdings muss ich zugeben, weiß ich nicht, ob er wirklich zu Recht als „Bester Nebendarsteller“ ausgezeichnet wurde (SPOILER: seine Rolle fällt extrem kurz aus – und irgendwie hätte ich es doch ein bisschen mehr Lucas Hedges aus „Manchester by the Sea“ gegönnt). Naomi Harris fand ich ebenfalls extrem stark als grässliche, grässliche Mutter Chirons, die ihm nie so wirklich zur Seite stand.

Es tut mir wirklich sehr leid, dass ich „Moonlight“ langweilig fand. Ich komme mir vor wie ein schlechter Mensch, aber so ist es leider nun mal. Die Geschichte ist wirklich bewegend, aber die Art und Weise, wie sie mir erzählt wurde, empfand ich zu zerhackt. Vielleicht hätte man sich mehr auf einen Aspekt konzentrieren sollen… aber naja, wenn alle anderen es so mögen, ist es ja vielleicht auch gut so.

Wertung: 6,5 von 10 Punkten (ich bin immerhin trotzdem froh, dass „La La Land“ nicht Bester Film geworden ist 😉 )

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14 Kommentare leave one →
  1. 13. März 2017 11:26

    Oh, das Gefühl kenne ich, wenn alle Welt sagt: das ist ein Spitzenfilm und man selbst sitzt da: das wars jetzt? :))
    Moonlight werde ich definitiv nicht im Kino ansehen. Ist auch nicht so mein Thema. Vielleicht gucke ich ihn, wenn ihn ein Streaming Dienst anbietet.

    • donpozuelo permalink*
      13. März 2017 13:22

      Es ist auch kein Film, wegen dem man dringend ins Kino muss. Ist ja schließlich nicht KONG: SKULL ISLAND 😉

  2. 13. März 2017 11:49

    Wenn du mich fragst sind die meisten Oscargewinner nicht unbedingt die „besten“ Filme ihres Jahrgangs. Ich habe zwar weit nicht alle gesehen, aber die meisten, die ich gesehen habe, waren dann doch eher Durchschnitt und oft kenne ich dann auch ein paar der damaligen Mitnominierten, die mMn viel besser sind.
    Erst gestern habe ich beispielsweise diesen unsgabr langweiligen, charakterlosen Müll namens „The Hurt Locker“ geguckt. Bester Film weil: Anti-Terror, America Fuck Yeah und der Regisseur hat Titten.
    Oder auch „Crash“. Sicher kein schlechter Film, aber bester Film. Nope.
    „12 Years A Slave“. Nee.
    „The Kings Speech“. Zwar in einem schwachen Jahr, aber nein.
    „Shakespeare In Love“. I rest my case.

    PS: Ich blicke ja jetzt schon mit Grauen auf die Oscars im nächsten Jahr, wo zu 99% mindesten ein Dutzend schlechte Gags mit falschen Umschlägen kommen werden.

    • donpozuelo permalink*
      13. März 2017 14:40

      „The Hurt Locker“ und „12 Years A Slave“ mochte ich tatsächlich. Aber bei den anderen Beispielen bin ich vollkommen deiner Meinung. Ja, oftmals sind die „Besten Filme“ nie wirklich die Besten Filme. Aber naja… was will man machen? Würde wahrscheinlich alles anders aussehen, wenn das Wahlverfahren ein anderes wäre.

      Und ja, nächstes Jahr wird es viele Umschlag-Gags geben, da bin ich mir auch ziemlich sicher.

      • 13. März 2017 19:01

        Slave war auch nicht verkehrt, aber eben auch kein „Bester Film“. Vor allem nicht in dem Jahr. Mitnominiert waren immerhin „Dallas Buyers Club“ und „Nebraska“, die beide besser sind mMn.

        • donpozuelo permalink*
          13. März 2017 21:49

          „Dallas Buyers Club“ fand ich persönlich nicht sooo toll. „Nebraska“ habe ich leider nie gesehen.

        • 14. März 2017 00:11

          Solltest du nachholen. Toller Film mit einem fantastischen Bruce Dern. Und nicht unbedingt Oscarbait, wie 12YAS und DBC. Dem hätte man mal den Oscar geben können.
          Es ist ja eh einfach so, dass man entweder die Filme auszeichnet, die halt diese üblichen „schweren“ Themen angehen, oder eben die, bei denen sich Hollywood wunderbar einen auf sich selbst runterholen kann. Da wäre es wirklich mal erfrischend, wenn man mal einen Film auszeichnet, in dem es nicht darum geht, wie scheiße das Leben von Minderheiten ist/war/sein wird, oder wie geil Hollywood früher mal war.

        • donpozuelo permalink*
          14. März 2017 09:21

          Ja, absolut deiner Meinung. Aber die Oscars sind ja eh irgendwie ein wirklicher Messwert für die Qualität der Filme mehr. Es ist ja, wie du sagst: mehr Politik und anderer Kram. Aber ich glaube, die Zeiten der großen Überraschungen bei den Oscars sind eh schon vorbei. Da braucht man nicht mehr hoffen…

          „Nebrasca“ werde ich mir auf jeden Fall mal merken.

  3. 13. März 2017 15:24

    Bloß nicht dafür entschuldigen, dass man einen Film, den alle Welt gut findet, nicht so klasse fand – ging mir bei Toni Erdmann ja genau so. Man braucht schon eine gewisse Affinität für Thema und Erzählweise, um sich für Moonlight begeistern zu können.

    • donpozuelo permalink*
      13. März 2017 15:37

      Danke, danke. Ich weiß schon, dass ich mich für meine Meinung nicht entschuldigen muss. Aber gerade wenn alle Welt den Film so abfeiert und ich dann daran nichts finden kann, habe ich schon das Gefühl, das machen zu müssen 😉

      Das Thema fand ich gut, gar keine Frage. Ich hatte tatsächlich eher so meine Probleme mit der Erzählweise.

  4. 13. März 2017 17:15

    Auch wenn du das (hoffentlich) nicht ganz so ernst gemeint hast, finde ich es sehr schade und bedenklich, dass man mittlerweile manchmal tatsächlich das Bedürfnis hat, sich für seine Meinung zu entschuldigen. Gerade bei Filmen. Nur wo kommen wir denn hin, wenn man einen Film nur mittelmäßig oder sogar kacke finden darf. Oder anders rum natürlich auch gut. Vor allem letztes kenne ich nämlich auch.

    • donpozuelo permalink*
      13. März 2017 21:54

      Es ist natürlich nicht wirklich ernst gemeint. Jeder darf seine Meinung haben. Es war für mich nur echt merkwürdig, diesen Film dann auf einmal doch nicht zu mögen, wo ich links und rechts von mir nichts als Lob für diesen Film höre. Der Film ist ja schon von der Geschichte her sehr toll, ich mag nur die Art und Weise, wie das alles erzählt wird, nicht so richtig.

Trackbacks

  1. Kritik: Moonlight – filmexe
  2. So la la | Going To The Movies

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