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Ein bisschen Gold für den Ruhestand

8. Juli 2022

S. Craig Zahler ist ein Regisseur, dessen bisherige Filme mich immer überrascht haben. „Bone Tomahawk“ fängt als ruhiger Western an, über Männer, die nach einer entführten Frau suchen und endet in einem unerwarteten Gewaltrausch, der in so einem harten Kontrast zum Anfang des Films steht, dass man schockiert und fassungslos zurückgelassen wird. „Brawl in Cell Block 99“ fängt eine nicht enden wollende Spirale von Gewalt ein, die sich in ihren Extremen mehr und mehr zuspitzt und uns gleichzeitig einen knallharten Vince Vaughn abliefert. Jetzt bin ich endlich mal dazu gekommen, mir Zahlers dritten Film „DRAGGED ACROSS CONCRETE“ anzuschauen… und auch hier hat Zahler nichts von seiner stillen Brachialgewalt verloren.

Henry (Tory Kittles) ist gerade aus dem Knast gekommen, da lässt er sich auf einen Deal ein, den sein Kumpel Biscuit (Michael Jai White) eingefädelt hat. Alles, um seiner Mama und seinem jüngeren Bruder, der im Rollstuhl sitzt, ein besseres Leben bescheren zu können. Dieser Deal wird Henry später mit den beiden Cops Ridgeman (Mel Gibson) und Lurasetti (Vince Vaughn) zusammenbringen. Die wurden gerade suspendiert, weil sie bei ihrem brutalen Vorgehen gegen einen Verdächtigen gefilmt wurden. Da Ridgman mit seiner Familie endlich in eine sichere Gegend ziehen will (seine junge Tochter wurde schon zum fünften Mal auf dem Weg zur Schule angegriffen), lässt auch er sich auf einen Deal ein: Durch den Tipp eines Informanten (Udo Kier) will er den geheimnisvollen Lorentz Vogelmann (Thomas Kretschmann) beschatten und ausrauben. Dafür rekrutiert er dann auch Lurasetti.

Zuerst war ich bei „Dragged Across Concrete“ ein wenig von der Laufzeit des Films überrascht. Der geht stolze zweieinhalb Stunden lang. Aber diese Zeit ist bei Zahler gut genutzt. In aller Seelenruhe bereitet der Regisseur und Autor hier erstmal seine Schach-Partie vor und stellt alle Figuren auf. Mel Gibsons Ridgeman ist ein alter Sack, der mit seinen rassistischen Bemerkungen und Floskeln nicht mehr auf dem neuesten Stand der Zeit steht. Aber er lebt halt irgendwie in seiner eigenen Blase… eine irgendwie passende Rolle für einen Mel Gibson, wenn man so bedenkt, was der sich gerade im Privaten alles erlaubt hat. Vince Vaughns Lurasetti spielt den entmannten Obermacho, der sich vor seiner reichen Freundin nicht die Blöße geben möchte. Wir haben hier an sich schon ein interessantes Cop-Duo, in dem starke Gegensätze aufeinandertreffen, die selbst in diesen Charakteren schon unglaublich stark ausgebaut werden. Hier muss man dann auch wirklich Gibson und Vaughn loben, die jede Untiefe dieser Charaktere ausloten.

Selbst bis in die kleinste Nebenhandlung sorgt Zahler in „Dragged Across Concrete“ dafür, dass wir die Sorgen und Ängste der Beteiligten nachvollziehen können. Somit entsteht eine Sammelsurium an Figuren, die zwar oberflächlich betrachtet, recht einfach gestrickt sind, die aber allesamt auch sehr nachvollziehbar und dreidimensional werden. Nehmen wir nur mal das Beispiel von der Bankangestellten Kelly (gespielt von Jennifer Carpenter, die nach „Brawl“ genau wie Vaughn zurückgekehrt ist)… ihre Rolle ist nicht sehr groß, aber Zahler schafft es in kürzester Zeit auch ihr Leben gekonnt aufzufächern.

Zahler weiß mit der ihm gegebenen Zeit viel anzufangen. Dadurch „passiert“ anfangs nicht so viel. Und dennoch passiert so viel, dass man wie in den Bann gezogen ist. Zahler platziert seine Charaktere, lässt sie interagieren und baut langsam alles auf für die Partie. Der Film hat eine innerliche Bedrohung, die in allem mitschwingt. Wenn Ridgeman und Lurasetti Vogelmann beschatten, spürt man förmlich: Das hier ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Und diese Ruhe fängt Zahler perfekt ein. Ohne jegliche Musik, nur mit seinen Charakteren und seiner Erzählweise erzeugt er eine Spannung, bei der man spürt: Wenn das hier losgeht, wird es gefährlich.

Das wird es dann auch… Zahler wäre nicht Zahler, wenn er nicht auch seine Gewaltausbrüche gekonnt inszenieren würde. Und meine Güte: Auch in „Dragged Across Concrete“ hält sich Zahler nicht zurück. Das große Shootout am Ende verdeutlicht dann aber auch eines: Dieser Film ist in sich zeit- und genrelos. Was meine ich damit? Nun ja, das Ganze hätte man auch als Western inszenieren können und es hätte ebenso gut funktioniert. Das Gleiche hätte man auch als Samurai-Film, als Sci-Fi-Film oder eben als Period-Piece drehen können. Hauptsache, die Story und die Charaktere passen… und das kann Zahler wie kein anderer. Deswegen funktioniert auch „Dragged Across Concrete“ so wunderbar als ein Film, der einen so unter Strom setzt, dass man gar nicht merkt, dass gerade zweieinhalb Stunden vergangen sind.

Wertung: 9 von 10 Punkten (starker Charakter-Thriller, der zeigt, wie Film ohne Effekthascherei funktioniert)

4 Kommentare leave one →
  1. 11. Juli 2022 00:11

    Auch ein wieder völlig unterbewerteter und untergegangener Film. Ich liebe Zahlers sperrige Streifen und konnte sogar seinem Puppetmaster was abgewinnen :))

    • donpozuelo permalink*
      11. Juli 2022 08:11

      Aber den Puppet Master hat er ja nur geschrieben.

      Ich mag seine Filme aber generell auch sehr, sehr gerne.

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