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Der Karten zählende Folterer

6. Juli 2022

Paul Schrader ist der Mann, der uns „Taxi Driver“ geschenkt hat. Der „Wie ein wilder Stier“ geschrieben hat oder auch „Bringing out the Dead“. Ich muss gestehen, Schrader war in meinem Kopf einfach immer der Go-To-Autor von Martin Scorsese… dass er aber tatsächlich auch richtig viele Filme als Regisseur auf seiner Filmografie hatte, war mir nie so ganz bewusst. Erst mit seinem Film „First Reformed“ bemerkte ich, dass hinter dem Namen Schrader nicht nur ein toller Autor, sondern auch ein guter Regisseur steckt. Und als ein Kollege von mir meinte, Schraders „THE CARD COUNTER“ wäre für ihn einer der Filme des Jahres, wollte ich den natürlich auch unbedingt sehen.

William Tell (Oscar Isaac) hat sich in acht Jahren Militärgefängnis selbst das Kartenzählen beigebracht und verdient sich damit als Spieler seinen Lebensunterhalt. Um nicht aufzufallen, spielt er halt nur für kleines Geld… aber ist damit recht zufrieden. So lernt er dann auch La Linda (Tiffany Haddish) und Cirk (Tye Sheridan) kennen. La Linda will, dass Tell für sie als Spieler unterwegs ist, während Cirk Tell in seinen Racheplan involvieren möchte. Denn Tell hat, ähnlich wie Cirks Vater, einst in Abu Ghraib unter Major John Gordo (Willem Dafoe) gearbeitet. Doch was will William Tell selbst?

Wie schon „First Reformed“ braucht man auch für „The Card Counter“ etwas Geduld – und vielleicht auch ein kleines Faible fürs Kartenspiel. Denn der Film wird seinem Titel auch erstmal gut gerecht. So erklärt uns Oscar Isaac aus dem Off, wie man Karten zählt. Ein Konzept, dass mir mein älterer Bruder schon mal erklären wollte (um mir einfach auch deutlich zu machen, was für einen Spaß er daran hat, Poker zu spielen). Aber das geht leider an mir komplett vorbei. Dafür bin ich einfach nicht unbedingt die richtige Zielgruppe. Außer Uno und Canasta kann ich im Kartenspiel-Bereich nichts.

Aber gut, trotzdem hat das in „The Card Counter“ auch irgendwie was. Es ist das Eintauchen in eine (für mich) ganz andere Welt. Die Person des William Tell, dem Zocker, fand ich schon unglaublich spannend. Ein Mann, bei dem alles nach geregelten Zügen abläuft. Ein Mann, der alles unter Kontrolle hat – so scheint es zumindest. Mit William Tell erschafft Schrader auch wieder einen sehr gebrochenen Veteranen, einen Mann, der einsam ist, der sich – ähnlich wie einst ein Travis Bickle – von seinem Leben treiben lässt. Während Bickle einfach mit seinem Taxi durch New York fuhr, fährt Tell halt von Casino zu Casino. Anders als Bickle ist Tell aber wenigstens ein bisschen sozialer – und so erweitert Schrader sein Konzept des „Taxi Drivers“ gekonnt um diese menschliche Komponente: Da hätten wir zum einen Tye Sheridans Cirk, der zu Tells Protegé wird und La Linda, zu der sich Tell nach und nach hingezogen fühlt.

Ich habe bei Schrader bislang so das Gefühl, dass man so einiges immer wieder auf „Taxi Driver“ zurückführen kann, aber das muss ja nicht zwingend was Schlimmes sein. Immerhin entführt er uns so in Welten, an die man gar nicht so richtig gedacht hat, dass es sie gibt. Und mit einem grandiosen Oscar Isaac als Führer durch diese Welt der Zocker ist man definitiv gut aufgehoben. Denn wie gesagt, Isaac ist jetzt auch keine einfache Taxi-Driver-Kopie. Isaac ist großartig in der Rolle – abgebrüht, berechnend, sehr faszinierend. Gerade auch deswegen, weil uns Schrader nicht zu früh und zu viel über das verrät, was William Tell wirklich antreibt. Und selbst wenn wir mehr über seine Vergangenheit als Folterer erfahren, bleibt noch genug von einem Tell ein Mysterium. Das kann Schrader einfach: Psychologische Profile von gebrochenen Männern zeichnen. In „Taxi Driver“ war das schon unglaublich gut, in „First Reformed“ war das auch extrem stark… und „The Card Counter“ macht da keine Ausnahme.

In nur wenigen Momenten reißt uns Schrader in seinem Film aus dieser aus Karten bestehenden Welt und stürzt uns in die Gewalt und den Terror von Abu Ghraib. Es sind wirklich nur ein, zwei Szenen, aber die haben es echt verdammt in sich. Da versetzt der Film uns einen Schlag in die Magengrube – und macht noch einmal mehr deutlich, warum William Tell so ist, wie er ist.

„The Card Counter“ ist auf jeden Fall kein einfacher Film, aber welcher Schrader-Film ist das schon. Man braucht etwas Geduld, wird dafür aber mehr als belohnt.

Wertung: 7 von 10 Punkten (starker Oscar Isaac in einem harten Film)

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