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Gegen den Abschaum der Stadt

16. Dezember 2020

Martin Scorseses „Taxi Driver“ ist Kult. Darüber müssen wir wohl nicht mehr diskutieren. De Niros (improvisierte) Spiegel-Szene „Are you talkin‘ to me?“ wird auf ewig Zitat würdig bleiben. Man wird sich auch  in Jahren noch über das äußerst grafische Finale schockieren. Aber ich habe nach langer Zeit mal wieder „Taxi Driver“ geguckt und mir ist jetzt zum ersten Mal aufgefallen, wie merkwürdig surreal das tatsächliche Ende ist: Travis‘ letzter Blick in den Rückspiegel, als würde er seinen Passagier (uns, den Zuschauer) anschauen.

Nach allem, was passiert ist, hat mich dieser letzte Blick dann irgendwie überrascht. Ich hatte mich nicht mehr daran erinnern können, dass es diese letzte Einstellung gibt. Die wirft einfach mal alles über den Haufen, was uns dieses vermeintliche Happy End von „Taxi Driver“ vorgaukeln will.

Wir haben anderthalb Stunden dabei zugesehen, wie der einsame Travis Bickle versucht, irgendwie sein Leben in den Griff zu bekommen. Er blitzt bei der jungen Betsy (Cybill Sheperd) ab (Porno-Kino ist aber auch wirklich kein guter Ort für ein Date), er verfällt seinem Wahnsinn, die Stadt vom Abschaum befreien zu müssen, er will den Kongress-Abgeordneten Palantine (Leonard Harris) umbringen, kneift und tötet stattdessen den Zuhälter Sport (Harvey Keitel) und dessen Schergen, um die junge Iris (Jodie Foster) aus seinen Fängen zu befreien.

Der Typ, der kurz davorstand, als Symbol für alles, was schlecht ist, an den Pranger gestellt zu werden, wird kurz zum Helden. Doch selbst das bringt ihn nicht weiter. Seine Einsamkeit verliert er dadurch nicht. Im Gegenteil, er verliert sich nur noch mehr in ihr. Iris geht zurück zu ihren Eltern und obwohl er so als Held gefeiert wird, ist er am Ende doch weiterhin nur der Taxi Driver, der er schon zu Beginn war. Selbst als Betsy noch einmal in seinem Taxi sitzt, finden die beiden nicht mehr zusammen. Travis ist verloren – und das drückt dieser letzte Blick in den Spiegel auf so schmerzhafte Art und Weise auf. Nach allem, was er durchlebt hat, hat Travis Bickle es nicht geschafft, aus seinem Taxi, seiner Leere, seinem ewigen Irren in der großen Stadt zu entkommen. Er fährt weiter und immer weiter in seinen Wahnsinn.

Wie viel doch in so einer letzten Szene irgendwie stecken kann… unglaublich. Überhaupt ist „Taxi Driver“ echt ein famoser Film. Denn irgendwie schaffen es Scorsese und De Niro, das wir mit diesem Travis Bickle Mitleid haben. Dabei ist Travis Bickle die Art von Mensch, der man sonst nicht einmal Beachtung schenken würde, da wundert man sich schon, dass Betsy tatsächlich mit ihm ausgeht. Bickle ist die Art Außenseiter, die in jede Richtung hätte gehen können. Wenn „Taxi Driver“ eine romantische Komödie gewesen wäre, wäre Travis Bickle kein psychopathischer Killer geworden, hätte kein Porno-Kino fürs Date ausgesucht und hätte die Frau lieben gelernt, die er kennengelernt hat. Doch „Taxi Driver“ ist nun mal keine romantische Komödie, sondern ein Noir-artiger Thriller über einen Mann, bei dem selbst die Kamera irgendwann von ihm weg will, wenn er seine Abfuhr am Telefon bekommt. Unser Bickle ist ein Psychopath und der findet niemanden, der ihm hilft. Deswegen verliert er sich immer mehr und mehr in seinen irren Fantasien.

Ich meine, warum er es ausgerechnet auf Palantine abgesehen hat, wird auch nie so wirklich geklärt. Ist es einfach nur, weil Betsy für den Typen arbeitet und Bickle ihr damit auch eins auswischen will? Warum dreht Bickle so durch? Man weiß es nicht, muss es aber auch nicht wissen. Das ist halt das Schlimme an dem Allein-Sein. Niemand hinterfragt die Logik der Gedanken, denen man sich in Einsamkeit hingibt. Und im allerallerschlimmsten Fall entsteht dann so ein Travis Bickle.

„Taxi Driver“ ist schon ein gewaltiger Film. Ein kleiner, aber gewaltiger Film. Robert De Niro ist einfach so unfassbar gut in dieser Rolle. Das ist sein Film und alle anderen spielen wirklich nur Nebenrollen. „Taxi Driver“ ist De Niro, De Niro ist „Taxi Driver“ (oh Mann, ich wollte schon immer mal so einen bedeutungsschwangeren Satz schreiben!)! De Niro wandert diesen schmalen Grat zwischen Wahnsinn und Sympathie. Aber wie gesagt, am Ende ist dann da dieser Blick und man merkt, dass man sich vor diesem Bickle echt vorsehen sollte. Da schlummert ein Monster.

Ich hoffe nur, dass dieses Monster auf ewig schlafen wird, denn es gab ja tatsächlich mal die Idee (sogar von De Niro und Scorsese selbst), eine Fortsetzung zu „Taxi Driver“ zu drehen. Zum Glück ist das irgendwo in der Versenkung verschwunden, würde es doch diesen perfekten Film einfach nicht gerecht werden.

Wertung: 10 von 10 Punkten (zu Recht ein Klassiker)

P.S.: Große Freude und ein dreifaches Whoop Whoop: Dieser Artikel ist mein 2000. Beitrag… das macht mich aus zwei Gründen sehr stolz. Zum einen natürlich, dass ich es soweit geschafft habe (und nicht zwischendurch irgendwann aufgegeben habe). Zum anderen, dass ich durch das Bloggen so viele Freunde gefunden habe, die das hier auch lesen (die ich zwar alle noch nie in natura gesehen habe, die aber trotzdem einfach dazu gehören :D) Somit danke ich auch einfach allen Lesern, ohne die ich nicht einmal die 1000, geschweige denn die 100 erreicht hätte!!!!

14 Kommentare leave one →
  1. 16. Dezember 2020 13:43

    2000. Beiträge, Glückwunsch.
    Der Lobeloge zu „Taxi Driver“ kann ich mich nur anschließen. Ein wahnsinniger Film und Robert DeNiro ist Travis Bickle.

    • donpozuelo permalink*
      16. Dezember 2020 19:33

      Danke, danke! Robert DeNiro ist wirklich super in der Rolle. Ein einmaliger Film.

  2. 16. Dezember 2020 14:44

    Wohoo, gratuliere zu, 2000. Artikel! Ich finde es auch famos, dass du so lange durchgehalten hast und immer noch mit Freude bei der Sache bist. Da gibt es leider nicht mehr viele von früher. Super cool und einen klasse Film hast du dir für die 2000 ausgesucht. 👍

    • donpozuelo permalink*
      16. Dezember 2020 19:35

      Danke dir! Ja, ich bin auch immer wieder überrascht und glücklich, dass ich durchgehalten habe. Du bist, glaube ich, auch einer der längsten Wegbegleiter 😄👍

      Und ja, der Film ist einfach super

  3. 20. Dezember 2020 10:23

    Gratulation zum 2000.! (Von einem, der hier meistens still mitliest 😀)

    • donpozuelo permalink*
      20. Dezember 2020 12:22

      Danke, danke. Freut mich, auch mal einen stillen Mitleser zu sehen 😁

  4. 6. Januar 2021 19:27

    Cooler Film für einen coolen Anlass! Herzlichen Glückwunsch zum 2000 Artikel! Das ist eine sehr schöne Zahl und auch mal Anlass um zu sagen: schön, dass du und dein Blog hier sind, bitte weiter so! 😀

    • donpozuelo permalink*
      7. Januar 2021 06:17

      Danke dir… und ja, hier wird weitergemacht bis zum letzten Atemzug 💪😁

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