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Die Hölle in dir!

2. Mai 2016

Kurzfilme sollten Kurzfilme bleiben. Das sollte man vielleicht mal festlegen. Immerhin folgt ein Kurzfilm irgendwie doch anderen Regeln als ein Langfilm. Ein Kurzfilm muss schließlich ohne lange Einleitung, Charaktervorstellung oder sonst was funktionieren. Da muss einen die Geschichte, die Atmosphäre sofort packen, sonst funktioniert das alles nicht. Allerdings, wenn man so einen Kurzfilm dann in eine Langfassung umwandeln will, braucht man wiederum eine Einleitung, Charaktervorstellung zusätzlich zu der Geschichte. Was häufig nie so richtig klappen mag. Ich erinnere mich da nur ungern an „Mama“… der Kurfilm, der ja eigentlich mehr eine Sequenz war, war wirklich unheimlich, der tatsächliche Spielfilm war dann nix mehr. Und deswegen habe ich auch ein bisschen Angst vor dem kommenden „Lights Out“. Der Kurzfilm war echt super, beim ersten Mal habe ich mir bei dem Film wirklich fast ins Hemd gemacht… tja, und der bekommt jetzt auch eine Spielfilm-Version. Aber der kommt ja erst noch, weswegen wir jetzt mal über den türkischen Horror-Film „Baskin“ sprechen wollen. Der existierte auch erst als Kurzfilm und wurde jetzt zu einem „vollwertigen“ Film.

In „Baskin“ wird eine Polizeieinheit zu einem Noteinsatz im Nirgendwo gerufen. Auf dem Weg dorthin läuft erst eine merkwürdige Gestalt fast vor den Wagen der Einheit, bevor dann tatsächlich jemand (oder etwas) vom Wagen erfasst wird und die Polizisten von der Straße abkommen. Zu Fuss machen sie sich jetzt auf, um zu ihren Kollegen in Not zu gelangen und finden ein altes, verkommenes Haus. In dem Haus befindet sich ein benommener Kollege, der seinen Kopf immer wieder gegen die Wand haut und nicht in der Lage ist, zu reden. Er deutet nur stumm auf die Treppe zum Keller, als er gefragt wird, was los ist. Entschlossen ihren Kollegen zu helfen, stürmen unsere tapferen Polizisten in den Keller und finden die Hölle auf Erden… mitsamt einem merkwürdigen Kult und einem Anführer, der vielleicht der Teufel ist oder auch nicht.

Er hat gerade seinen eigenen Film gesehen…

Ganz ehrlich, ich habe „Baskin“ nicht wirklich verstanden. Was aber vor allem daran liegt, dass Regisseur Can Evrenol uns auch nichts erklärt. Aber auch wirklich gar nichts. Warum ausgerechnet diese Polizisten da jetzt wortwörtlich durch die Hölle gehen müssen, erfahren wir nie. Ob es überhaupt wirklich die Hölle ist, wird auch nie so ganz geklärt. Der ganze Film fängt zwar durchaus vielversprechend an, verliert sich dann aber in der eigenen Selbstverliebtheit über die grausigen Bilder, die man uns präsentiert. Die Charaktere erleben keine wirkliche Entwicklung, sie dienen eigentlich nur als Schlachtplatte. Selbst der vermeintliche Protagonist, der junge Polizist Arda (Gorkem Kasal), dient zu nicht viel mehr. Eher im Gegenteil, seine Erzählung von seinem besten Freund, der starb und dessen Seele er dann vermeintlich spürte, sorgt für noch mehr Verwirrung. Für Regisseur Evrenol scheint das aber ein Schlüsselerlebnis zu sein, weswegen der junge Arda selbst in dieser Hölle immer wieder zu dieser Erinnerung zurückkehrt… um ich weiß nicht was dadurch zu erfahren.

Und eigentlich finde ich das super schade, denn die Idee hinter „Baskin“, dass diese Polizisten die Hölle durchleben, ist eigentlich ziemlich spannend. Vielleicht soll ihr sehr perverses Tischgespräch zu Beginn des Films, in dem sie übers Hühner- und Elefanten-Ficken und über Sex mit Männern reden, ein Grund sein, warum sie die Hölle verdient haben. Aber ich weiß es wirklich nicht. Und damit sind wir halt wieder bei dem Kurzfilm-Langfilm-Problem. „Baskin“ als zehnminütiger Kurzfilm funktioniert wirklich ausgezeichnet und ist ein surrealer Alptraum, der unheimlich, widerlich und irgendwie auch fesselnd ist. Denn im Kurzfilm ist man es gewohnt, dass Fragen offen bleiben. Zumal die kurze Variante des Films sich auch direkt in das wilde, höllische Chaos stürzt und uns komplett uns selbst überlässt.

Die surrealen Bilder haben es zumindest auch in den Langfilm geschafft… und gerade wenn die Polizisten durch die dunklen Gänge und Zimmer des verlassenen Hauses laufen, auf die ersten unheimlichen Bewohner und ihre „Einrichtung“ und ihre Opfer treffen, dann entsteht schon eine unheimliche Stimmung, bei der man sich unwohl fühlt. Aber anstatt darauf aufzubauen und halt wirklich einfach eine Geschichte zu erzählen, tischt uns Evrenol diese vollkommen absurden letzten dreißig Minuten auf… mit dem merkwürdigen Anführer der Hölle (?), der so Zeug faselt von Wanderern / Reisenden, der Leuten die Gedärme aus dem Leib zieht, einem anderen die Augen aussticht und ihn dann zwingt, mit einer Frau mit Ziegenkopf Sex zu haben. Die Bilder mögen vielleicht an alte Darstellungen der Hölle erinnern, doch steckt in „Baskin“ halt nichts dahinter… außer vielleicht der Wunsch, uns mit möglichst ekligen Bildern zu schocken.

Ich muss gestehen, nach dem ersten Trailer hatte ich mir ein bisschen mehr von „Baskin“ erhofft und wurde enttäuscht. Der Film hat zwar ein paar aufregend inszenierte Momente und auch gute Darsteller, aber so das große Ganze geht dabei komplett verloren. Letztendlich ist „Baskin“ ein weiterer Beweis dafür, dass ein großartiger Kurzfilm manchmal halt wirklich einfach nur ein großartiger Kurzfilm bleiben sollte.

Wertung: 4 von 10 Punkten (ein bisschen mehr Story hätten diesem Film echt gut getan)

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10 Kommentare leave one →
  1. 2. Mai 2016 09:20

    Bin da ganz bei dir. Gerade im Horrorgenre ist es so, dass die Langfassungen zu Kurzfilmen niemals die Atmosphäre einfangen können. Das liegt aber wohl auch daran, dass man eben in einem Kurzfilm diese Atmosphäre nur über eine Szene halten muss und nicht 90 Minuten lang, was schon aus Prinzip ein schweres Unterfangen ist. Und manche Ideen reichen dann auch einfach nicht für eine Langfassung aus. Wenn der Stoff nur aus dem Aufbau des einen Schockmoments besteht, kann man das doch vergessen daraus einen Langfilm zu machen.

    • donpozuelo permalink*
      2. Mai 2016 09:22

      Eben. Deswegen weiß ich halt auch wirklich nicht, was aus diesem „Lights Out“ werden soll. Das ist ja wirklich nur der Aufbau eines Schockmoments.

      Bei „Baskin“, dem Kurzfilm, war das anders. Da hätte, wenn man eine gute Story gehabt hätte, durchaus auch einen coolen Langfilm machen können. Aber das sind halt zu viele „Hättes“… 😀

      • 2. Mai 2016 09:25

        Welcher war Lights Out noch mal? Bin mir ziemlich sicher, dass ich den gesehen habe.
        Baskin kommt ja eigentlich meist relativ gut weg. Wird nicht derbe abgefeiert, aber auch nicht verrissen. Bewegt sich wohl irgendwo im oberen Durchschnitt. Aber offenbar wäre da mehr drin gewesen.

        • donpozuelo permalink*
          2. Mai 2016 09:27

          Ich hab den Film oben im Artikel verlinkt. Das ist der Film, in dem diese Frau abends ins Bett geht, ständig Geräusche hört und irgendwas in ihrer Wohnung ist und am Ende gibt’s dann einen großen Schockmoment.

          Und ja, „Baskin“ fängt durchaus vielversprechend an, aber die letzten 25 Minuten oder so sind echt schrecklich…

        • 2. Mai 2016 09:34

          Ah ja, den habe ich gesehen. War ganz cool gemacht. Aber als Langfilm taugt das doch mal gar nicht.

        • donpozuelo permalink*
          2. Mai 2016 09:58

          Kann ich mir auch nicht wirklich vorstellen… weil der Kurzfilm an sich ja wirklich nur auf einen Moment hinarbeitet. Da kann man dann letztendlich auch eine x-beliebige Story erfinden…

        • 2. Mai 2016 10:02

          Das wird dann wahrscheinlich auch passieren. Das verspricht 90 Minuten lahmes Rumgedümpel. Ich glaube nicht, dass da was gutes bei rauskommt.

        • donpozuelo permalink*
          2. Mai 2016 10:29

          Davon gehe ich ehrlich gesagt auch aus.

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