Zum Inhalt springen

The Great Stanton

28. Januar 2022

Guillermo del Toro war mal ein Regisseur, bei dem nur die Erwähnung seines Namens gereicht hat, damit ich mich auf einen neuen Film von ihm freue. Doch seit einiger Zeit ist dieses Vertrauen in den del-Toro-Namen nicht mehr da. „Crimson Peak“ fand ich optisch zwar ansprechend, aber die Story hat mich nicht wirklich vom Hocker gerissen. Auch sein großer Oscar-Hit „The Shape of Water“ hat mich leider eher ziemlich kalt gelassen. Von allen Dingen, die in diesem Film so passiert sind, ist mir am Ende nur Richard Jenkins positiv im Gedächtnis geblieben. Deswegen muss ich auch gestehen, war ich jetzt nicht mehr so scharf auf seinen neuen Film „NIGHTMARE ALLEY“, der auf dem gleichnamigen Roman von 1946 basiert… und leider, das kann ich schon mal verraten, konnte mich del Toro auch mit diesem Film nicht so wirklich zurückgewinnen.

Stan (Bradley Cooper) ist ein getriebener Mann, der glaubt, er sei für Größeres bestimmt. Doch egal, wie sehr man so etwas glaubt, man muss erstmal klein anfangen. Stan landet im Wanderzirkus von Clem (Willem Dafoe), wo er unter dem fahrenden Volk in die Lehre geht. Besonders interessiert er sich für die beiden Mentalisten Zeena (Toni Collette) und Pete (David Strathairn), gerade auch, weil er darin seine Chance sieht, zu den Großen dieser Welt zu gehören. Mit der jungen Molly (Rooney Mara) kehrt er schließlich dem Zirkus den Rücken zu und wird in New York zum „Great Stanton“, der mit seinen Fähigkeiten die High Society verzaubert. Er bekommt schon bald Angebote für Privat-Vorstellungen und hat sein Auge auf die leichtgläubigen Reichen geworfen. Doch dann taucht die mysteriöse Psychiaterin Lilith Ritter (Cate Blanchett) auf… mit der Stan einen verhängnisvollen Deal eingeht.

„Nightmare Alley“ ist in zwei Teile geteilt: Zirkus und Großstadt, obwohl sich da der Zirkus natürlich auf seine ganz eigene Weise fortsetzt. Optisch sind beide Teile wieder ein echter Hingucker. Was Sets angeht, was Stimmung angeht, was beeindruckende Kamera-Fahrten angeht, da kann ein Guillermo del Toro nach wie vor abliefern wie kaum ein anderer. Der Zirkus ist faszinierend, und wenn wir den mit Stan gemeinsam erkunden, steckt überall eine neue Überraschung. Da zeigt uns del Toro eine ganz eigene Welt, die faszinierender nicht sein könnte. Aber auch die Großstadt inszeniert der Regisseur wunderbar. Hier wird es eleganter, aber auch erdrückender. Stylischer, aber auch hier steckt hinter jeder Ecke eine Überraschung. Wie gesagt, aufregende Sets kann del Toro einfach und „Nightmare Alley“ macht da keinen Unterschied.

Auch die Stimmung, die er einfängt, ist stark. Selbst die Dunkelheit, selbst eine Regen verhangene Nacht, sieht bei del Toro immer noch aus wie ein kleines Meisterwerk. Dazu kommen die Kostüme, die unglaublich toll aussehen und uns eine kleine Zeitreise in die 40er Jahre bescheren. Das alles ist wirklich unglaublich schön anzuschauen. Leider gibt es zu all dem ein großes ABER.

Die Story, die del Toro hier vom 1946er Roman von William Lindsay Gresham adaptiert, ist arg vorhersehbar. Man weiß leider von Anfang ganz genau, wie Stans Reise verlaufen wird, was alles schief und was alles richtig laufen wird. Man weiß ziemlich genau, wie sein Deal mit Dr. Ritter verlaufen wird, auch wenn man sich zumindest noch nach ihren Motiven fragt. Aber ansonsten bleibt der Film recht durchschaubar, sagt sogar mehr oder weniger direkt in der ersten Hälfte, was für ein Schicksal Stan erwarten wird. Das kann man natürlich auch als gekonntes „foreshadowing“ bezeichnen, ich fand’s aber eher etwas plump.

Das größte Problem mit dem Film hatte ich aber mit den Charakteren. Bradley Cooper spielt zwar gut, aber sein Stan ist jetzt nicht unbedingt ein Sympath, dem man alles Glück dieser Welt wünscht. Was vermutlich, nach dem Intro des Films, auch so gewollt ist. Aber sein Stan ist ein ziemlicher Egoist, der die Menschen eigentlich nur ausnutzt. Deswegen konnte ich mich emotional auch nicht wirklich an ihn binden und deswegen waren mir selbst seine Niederlagen eigentlich egal, weil er mir als Figur eh schon zu „schlecht“ war.

Die anderen Figuren kommen dazu nie so richtig zur Geltung. Rooney Mara geht frevelhafter Weise in diesem Film echt ziemlich unter, obwohl ich von ihrer Molly gerne mehr gesehen hätte. Und gerade die zweite Hälfte des Films hätte sich dafür echt angeboten… aber del Toro scheint mehr an Cooper interessiert zu sein. Das Gleiche gilt auch für eine fantastische Cate Blanchett, die sich anfühlt, als hätte man Lauren Bacall aus „The Big Sleep“ in die Neuzeit geholt. Auch aus Blanchett hätte dieser Film einfach mehr machen müssen. Da ist mir zu viel verspieltes Potenzial.

Auch die erste Hälfte im Zirkus verspielt zu viele gute Darsteller. Toni Collette ist so toll, hat aber auch nicht viel zu tun. Ron Perlman, Willem Dafoe und und und… alle da, alle kommen nie so richtig zur Geltung. Ich hatte am Ende von „Nightmare Alley“ das Gefühl, dieser Stoff wäre besser für eine Mini-Serie geeignet gewesen. So sieht das zwar alles schön aus, aber die Story haftet nicht so an einem… was bei dem Cast eigentlich echt schade ist.

Wertung: 6 von 10 Punkten (del Toro bleibt optisch weiterhin ein Meister, erzählerisch eher nicht)

4 Kommentare leave one →
  1. 5. Februar 2022 21:05

    Irgendwann letztes Jahr habe ich mir das Hörbuch gegeben und es war für mich unheimlich zäh. Stanton ist dort nicht von Anfang an, aber sagen wir mal nach dem ersten Viertel ein Unsympath, mit dem man nicht mehr mitfiebern möchte. Zumindest der Twist oder das Ende (ich gehe davon aus, dass es dasselbe ist), hatte dann einen ziemlichen BÄM-Effekt, denn im Hörbuch habe ich das schnell vergessen (den Anfang) und deswegen das Ende nicht direkt so kommen sehen bis es dann schon auf 10 Meter näherrückte.

    Eigentlich ist es schade, denn wenn Stanton etwas langsamer so ein Mistkerl geworden wäre, dann wäre ich als Leserin emotional investierter gewesen. Als ich gelesen habe, dass del Toro das verfilmt, hatte ich ähnliche Bauchschmerzen wie du. Es war schnell klar, dass das Umfeld total nach ihm schreit. Bisschen noir, Zirkus, Kostüme etc. ich konnte das schon sehen ohne den Trailer aufrufen zu müssen.
    Aber ich mag die jüngeren Werke del Toros leider auch nicht besonders. Sie sind mir zu „schon gesehen“, haben nicht mehr die frühere Kreativität und den Mut del Toros. Er kopiert sich selber zu oft. Selbst die Wahl Nightmare Alley zu verfilmen ist als ob er sich selber kopiert… . Da habe ich schon befürchtet, dass das eher blutleer bleibt. Schade.

    • donpozuelo permalink*
      7. Februar 2022 09:09

      Ja, auch im Film kann man Stanton irgendwie nicht wirklich Empathie geben. Er ist halt von Anfang an ein Arschloch… und das bleibt er auch und wird nur noch ekliger. Vielleicht hätte man den Film eher aus Mollys Perspektive erzählen können… das hätte dem Ganzen möglicherweise mehr Tiefe verleihen können. Ich weiß es nicht…

      Der Twist am Ende ist nett, aber irgendwie sieht man den auch schon meilenweit kommen. Wie so vieles… Ach, ist alles nicht so ganz rund in diesem Film.

Trackbacks

  1. Irish Boyhood | Going To The Movies
  2. Kleiner Junge aus Holz | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: