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Wo Rauchen noch cool und Alkohol noch angesehen ist

27. Oktober 2009

Wenn das stimmt, dann handelt es sich um alte Schwarz-Weiß-Filme. Und wer kann besser qualmen und trinken als Humphrey Bogart? Antwort: Keiner.

Ich habe es schon mehrmals gesagt, aber ich wiederhole mich gerne: Ich liebe alte Schwarz-Weiß-Filme, wo Männer noch Männer sind, indem sie einfach nur lässig irgendwo rumstehen und Zigarette rauchen, und wo Frauen noch Frauen sind, indem sie wunderschön und durchtrieben zugleich sind.

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"The Big Sleep" (Tote schlafen fest)

Dass vor allem Frauen ihm große Schwierigkeiten bereiten werden, bemerkt Privatdetektiv Philip Marlowe (Bogart) schon, als er bei seinem neuen Klienten General Sternwood im Flur steht: dessen Tochter Carmen (Martha Vickers) wirft sich ihm sofort an den Hals. Später im Gespräch mit dem General muss Marlowe dann feststellen, dass er nur wegen Carmen gerufen wurde. Die Tochter des Generals und der General werden erpresst. Angeblich geht es nur um Spielschulden, aber in „Tote schlafen fest“ von Howard Hawks ist nie etwas so wie es scheint. Auch nicht Carmens ältere Schwester Vivian (Lauran Bacall), die sich mehr und mehr in Marlowes Ermittlungen einmischt.

Es gibt zu Hawks Film Noir eine witzige Anekdote, die den Film gekonnter beschreibt, als ich es je konnte: Angeblich soll Regisseur Hawks den Schriftsteller Raymond Chandler (Erfinder der Philip Marlowe-Figur) gebeten haben, er solle ihm doch die recht verwirrende Story erklären. Chandlers Antwort darauf: „Ich habe keine Ahnung!“ Und verwirrend ist die Story wirklich. Das liegt aber nicht daran, das „Tote schlafen fest“ ein schlechter Film ist, sondern einfach daran, dass man als Zuschauer selber wenig „mitraten“ kann. Hawks konzentriert sich ganz auf seine Hauptfigur, die aber scheinbar weniger ermittelt, als einfach nur versucht am Leben zu bleiben und in Erfahrung zu bringen, was die Sternwood-Schwestern mit seinem Fall zu tun haben. Die Hinweise interpretiert nur Marlowe selbst, wir können ihm nur zuhören und versuchen es zu verstehen. Dadurch aber wird es etwas schwierig der Geschichte zu folgen, denn es fallen wahnsinnig viele Namen von Verdächtigen, die man aber zum Teil nie kennenlernt. Wie Marlowe im Endeffekt zur Aufklärung des Falls kommt… ich weiß es nicht (wahrscheinlich muss ich den Film nochmal sehen).

Nichtsdestotrotz ist „Tote schlafen fest“ ein toller Film. Das liegt vor allem an Bogart, der den Privatdetektiv mit einer Lakonie und einem Wortwitz spielt, die erfrischend modern wirken. Man lacht vor allem wegen Marlowes Schlagfertigkeit, und weil er selbst bei schönen Frauen kein Blatt vor den Mund nimmt. Und schöne Frauen trifft Marlowe am laufenden Band. Fast muss man sich schon fragen, wie das Casting für diesen Film über die Bühne ging: es gibt in der Welt von Philip Marlowe keine hässlichen Frauen – selbst die kleinste Nebenrolle ist noch mit einer wahren Schönheit besetzt. Aber nichts kommt gegen Lauran Bacall als Vivian an. Die Chemie zwischen Bacall und Bogart bringt die Leinwand zum Glühen – kein Wunder, dass die beiden sechs Monate nach dem Film auch geheiratet haben.

Zum Glück aber schert sich Hawks nicht sonderlich viel um die Liebesgeschichte – sie ist zwar ein wichtiger Bestandteil für die Entwicklung der Charaktere, viel wichtiger ist aber Marlowes Fall. Und der wird von Filmminute zu Filmminute ominöser und undurchsichtiger. Je mehr Marlowe in die Welt der Sternwoods eindringt, desto mehr Leichen fordert das. Und trotz allem bleibt Marlowe cool – nichts bringt den Privatdetektiv aus der Fassung, selbst wenn er bedroht wird, hat er noch einen Spruch auf Lager, kann er sein Gegenüber nur durch Worte genug verunsichern, um sich zu befreien.

„Tote schlafen fest“ bietet eine großartige Bühne für Humphrey Bogart – da mag man es schon fast verschmerzen, dass man nach dem Film nicht so wirklich nachvollziehen kann, wie der Fall aufgelöst wird. Aber eben nur fast…

Wertung: 8 von 10 Punkten (großartiger Film mit viel Charme und Witz, aber leider mit einer zu verwirrenden Story)

4 Kommentare leave one →
  1. 27. Oktober 2009 20:58

    Schön geschrieben 🙂

    Ich mag die alten SW-Filme auch sehr gerne, schon rein optisch. Da wurde nicht so hektisch und zappelig mit der Kamera gehampelt und geschnitten wie es heutzutage manchmal der Fall ist.

    • donpozuelo permalink*
      27. Oktober 2009 23:38

      Hallo Frau m² 🙂

      Schön, dich hier begrüßen zu können. Willkommen bei den Kinogängern.

      Da hast du vollkommen Recht: die Filme sind noch von einer unglaublichen Ruhe gekennzeichnet. Das spiegelt sich aber nicht nur in der Art und Weise, sondern auch in den Schauspielern wieder. Die hatten alle noch irgendwie Charakter… Leider findet man das heute nur noch eher selten… zum Glück für uns gibt’s ja mittlerweile die DVDs recht günstig…

  2. 5. Januar 2010 11:23

    Wahre Worte. Es ist eine unwiderstehliche Faszination, die von dieser Welt in Schwarz/Weiß ausgehte, von Zigarettenrauchschwaden durchzogen und mit halbvollen Whiskygläsern gespickt. Als Männer noch Hüte trugen und Frauen richtig gut angezogen waren …
    Und wer hätte diese Welt dichter geschildert als Raymond Chandler? Und welche Umsetzung seiner Werke ist gelungener als „The Big Sleep“? Von mir bekommt der Film 11 von 10 Punkten 🙂
    Wer noch ein wenig von dieser Atmosphäre kosten will – auf unserer Webseite findet sich ein schöner Artikel über Raymond Chandlers Los Angeles:
    http://www.mahagoni-magazin.de/Kultur/dark-city.html
    Viele Grüße
    Valerij Bauer

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