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Diego und das Biest

10. Januar 2022

Spanische Horror-Filme sind irgendwann mal so eine richtige Institution geworden. Ich weiß gar nicht mehr so genau, wann das anfing, aber da gab es dann auf einmal spanische Regisseure, die mit Filmen wie „The Others“, „Das Waisenhaus“ und noch zig anderen, dafür sorgten, dass ich Horrorfilme aus Spanien immer ganz oben auf meine Liste setzte. Neuerdings tauchen einige davon nun auch direkt bei Netflix auf, wie zum Beispiel „Der Schacht“. Allerdings bin ich bei Netflix mit all seinen wöchentlichen Ankündigungen und Veröffentlichungen mittlerweile auch so überfordert, dass vieles bei mir auch einfach untergeht. Nicht so aber „DIE EINÖDE“. Als ich da den Trailer sah, dachte ich mir sofort: „Okay, das könnte was für mich sein.“ Doch so nach knapp 40 Minuten fragte ich mich, ob „Die Einöde“ wirklich ein Horrorfilm ist oder nicht…

Diego (Asier Flores) lebt mit seiner Mama (Inma Cuesta) und seinem Papa (Roberto Álamo) mitten im Nirgendwo in einer kleinen Hütte. Rund herum sind Vogelscheuchen aufgestellt, die das Gebiet markieren, das für die Familie sicher ist. Denn dahinter, so erzählen ihm seine Eltern, wartet nur Tod, Angst und Schrecken und ein furchtbarer Krieg. Diegos Vater erzählt ihm zu dem von seiner Schwester, die ein unheimliches Monster, eine Bestie gesehen hatte, die sich einem langsam nähert und schließlich tötet. Als ein Mann irgendwann auftaucht, der aber schon bald stirbt, verlässt Diegos Vater die Familie, um den Toten fortzubringen. Diego bleibt mit seiner Mutter allein zurück, die schon bald selbst davon überzeugt ist, dass sie das Biest kommen sieht.

„Die Einöde“ wirkt im ersten Augenblick nicht wirklich wie ein Horror-Film. Mehr wie ein nicht-spezifisch einzunordender Western über eine Familie, die einsam und allein in einer Einöde ihr Leben bestreiten wollen und sich offensichtlich vor einem nicht näher definierten Krieg in Sicherheit gebracht haben. Alles dreht sich nur um diese drei, später dann nur noch zwei Personen, das Ganze ist ein Kammerspiel. Eine Studie darüber, was die Einsamkeit und das Fehlen menschlicher Kontakte offensichtlich auslösen kann. Viel Horror ist da erstmal nicht mit dabei.

Nichtsdestotrotz fängt Regisseur David Casademunt genau diese Einöde ziemlich gut ein. Sein kleines Darsteller-Ensemble funktioniert super und zeigt uns, wie schwer das Leben damals ohne Hilfe gewesen ist. Vor allem, was es für ein junges Kind bedeutet. Da muss Diego zum Beispiel seine Spielgefährten, kleine Hasen, töten und schafft es einfach nicht. Da fühlt er sich natürlich mehr zu seiner liebevollen Mutter hingezogen, als zum strengen Vater, der versucht, ihn auf das Leben vorzubereiten. „Die Einöde“ ist vor allem Diegos Film und Asier Flores ist wirklich sehr gut in der Rolle. Wie auch alle anderen.

Doch irgendwann gibt der Film vom einfachen Drama über diese „Einsiedler“ und nimmt doch sehr unheimliche Töne an. Die Mutter, zerfressen von Sorge über das Schicksal ihres Mannes, fängt eben an, dieses Monster sehen. Schießt wild um sich, wird immer apathischer, wird immer strenger zu Diego. Irgendwas kommt… und nur sie scheint es sehen zu können. Genau wie in der Geschichte von Diegos Vater über seine Schwester.

An dieser Stelle muss man dann echt auch Inma Cuesta loben, die sich hier die Seele aus dem Leib spielt und diesen schleichenden Wahnsinn perfekt verkörpert. Aus den Augen von Diego betrachtet wird dieser Wandel vom Engel zur Wahnsinnigen nur noch schlimmer und beängstigender. Dazu baut Casademunt eine unheimliche Atmosphäre auf, das Haus der kleinen Familie wird immer verwahrloster und irgendwas scheint wirklich da draußen herumzulaufen.

Die Frage, die „Die Einöde“ am Ende stellt und mit der uns der Film allein zurücklässt, ist folgende: Existiert dieses Monster wirklich oder ist es nur Einbildung? Ist es möglicherweise nur eine Manifestation der Einöde, der erdrückende Leere, die man verspüren muss, wenn man nicht weiß, was einen da draußen erwartet, wenn man niemanden hat, mit dem man kommunizieren kann? Es gibt viele, hier dann doch sehr spoiler-lastige, Ansatzpunkte, mit denen man diese Bestie vielleicht doch als eine Art Einbildung verstehen könnte. Aber das Spannende ist, dass es der Film uns selbst überlässt, darüber zu entscheiden. Ich musste echt einige Nächte drüber schlafen, weil direkt nach dem Film kam er mir (Achtung, schlechter Wortwitz) eher spanisch vor. Mittlerweile kann ich diesem Kammerspiel des schleichenden Wahnsinns mehr und mehr abgewinnen.

Auf jeden Fall ist „Die Einöde“ wirklich gut gespielt, sehr atmosphärisch und bedrückend, hat allerdings trotz seiner kurzen Laufzeit hier und da ein paar kleine Längen.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Mutter und Sohn verfallen dem Wahnsinn… großartiges kleines Kammerspiel mit einigen Längen zwischendurch)

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