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Ebene 48

23. März 2020

In „Cube“ wachten Menschen plötzlich in einem unheimlichen und tödlichen Gefängnis auf, das ihnen mit jedem neuen Raum neue Aufgaben und Gefahren präsentierte. In „High Rise“ wurde eine ganze Gesellschaft in einem Wolkenkratzer gepackt und quasi sich selbst überlassen. Bevor Bong Joon-ho eine Familie zu einem Parasiten werden ließ, jagte er die letzten Überlebenden der Menschheit in einem Zug durch die eisige Wüste von dem, was einst die Erde gewesen ist. Filmemacher lieben solche Gedankenexperimente darüber, wie der Mensch in Isolation sich selbst überlassen, seine wahre Identität zeigt. Wie viel Menschlichkeit wird sich in diesen Situationen finden? Wird der Mensch einfach zurückkehren zu „Fressen und gefressen werden“? In die Reihe dieser Film gesellt sich nun ein weiterer Film, der herrlich gut mit all diesen Dingen spielt: „Der Schacht“ von Galder Gaztelu-Urrutia.

Goreng (Ivan Massague) wacht auf Ebene 48 auf. Er hat sich freiwillig dafür entschieden… die nächsten Monate wird er hier verbringen. Über und unter ihm leben auf einer Ebene immer zwei Menschen. Jeden Monat wechseln die „Gefangenen“ ihre Ebene. Goreng „Mitbewohner“ Trimagasi (Zorion Eguileor) war schon mal in Ebene 172. Dort herrscht denn das Problem, das man nichts mehr zu essen abbekommt. Das ist nämlich das Besondere am Schacht: Jeden Tag fährt eine Plattform voller Essen die einzelnen Ebenen ab. Theoretisch wäre genug für jeden da, doch die Sucht der Menschen sorgt dafür, dass die unteren Ebenen nur wenig bis gar nichts abbekommen.

„Der Schacht“ präsentiert sich im ersten Augenblick wirklich als „Cube“-Klon. Die minimalistischen Sets sind bedrückend leblos, was das alles soll, ergibt sich nicht wirklich. Einige, wie Goreng sind freiwillig da, andere nicht. Was es genau mit diesem Schacht und den Ebenen auf sich hat, wird nicht wirklich deutlich. Ähnlich wie „Cube“ reicht aber hier das Setting aus, um sich in diese verrückte Welt einzuleben.

Anders als bei „Cube“ bietet sich „Der Schacht“ dann im Laufe der Zeit doch als packende Allegorie auf das Leben an. Wer ist der geheimnisvolle alte Mann, der seine Köche die reichsten und nahrhaftesten Speisen kochen lässt, um sie den Menschen unter ihm zu geben? Jupp, die religiösen Metaphern sind in „Der Schacht“ sehr häufig zu finden. So wird Goreng von seinen Mitgefangenen auch Messias genannt… der ganze Schacht also eine Metapher für Gott, der seine Zöglinge mit Geschenken versorgt, die aber nicht gerecht verteilt werden. Da spielt natürlich auch eine Kritik an der Gier eine große Rolle. Wenn alle nur essen würden, was sie brauchen, würde die Plattform mehr versorgen können.

„Der Schacht“ vermeidet es dabei sehr gut, die ganze Zeit mit erhobenem Zeigefinger dazustehen, sondern liefert eben einen Film, der einen mit all diesen offenen Fragen und Allegorien auch neben der minimalistischen Handlung gut unterhält. Gerade Zorion Eguileor ist in diesem Film ein absolutes Highlight, sein Trimagasi ist auf der einen Seite der süßeste, kleine Opa, hinter dem sich aber ein berechnender Geist verbirgt. Unglaublich gut. Überhaupt sind es in „Der Schacht“ gerade die Darsteller, die so überzeugend sind, dass man ihnen das Leiden und ihre Qualen in diesem unglaublichen Szenario absolut abkauft.

Dieser Film hat es schon in sich: er ist philosophisch angehaucht, ohne zu dick aufzutragen. Er ist deprimierend, wegen der Menschen in diesem Schacht. Er ist spannend wegen all der Geheimnisse, die man entdecken will (und auch kann und eben auch nicht!). Er ist unterhaltsam, weil spannend (siehe Punkt davor)… und er ist in seinen Darstellungen der Gewalt auch nicht zimperlich. Rundum eine bitterböse, fiese Angelegenheit.

Wertung: 8 von 10 Punkten (aufregendes und bitterböses Gedankenspiel)

4 Kommentare leave one →
  1. 27. März 2020 22:13

    Das war meine Freitagabend-Unterhaltung. Sehr spannender Streifen und wärmstens zu empfehlen!

    • donpozuelo permalink*
      29. März 2020 08:58

      Freut mich, dass er dir auch gefallen hat. Fand den wirklich sehr gut…

  2. 3. April 2020 18:56

    Uh, solche Filme mag ich ganz gern wie auch schon alle von dir oben aufgezählten. Klingt gut, da schaue ich bestimmt mal rein 😀 Danke für den Tipp.

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