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Random Sunday #7: Moby-Dick

21. Mai 2017

Ja, ich habe „Moby-Dick“ gelesen… und nein, mir war nicht ganz bewusst, was ich von diesem Buch erwarten sollte. In meinem Wunsch, so nach und nach mal ein paar wirkliche Klassiker zu lesen, stieß ich halt irgendwann mal auf Herman Melvilles Walfänger-Epos. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, bin ich zuletzt durch Jeff Smiths Comic „Bone“ wieder auf den Roman gekommen. In Smiths Comic ist nämlich die Hauptfigur ein riesiger Fan des Buches und versucht jedem zu erklären, warum „Moby-Dick“ so ein tolles Buch ist. Und jedes Mal schlafen alle gelangweilt ein. Ich musste jetzt selbst einfach mal wissen, ob dieser Wälzer seinen Kultstatus wirklich wert war.

Zum Inhalt muss ich ja nicht wirklich viel sagen, oder? Ishmael stellt sich in dem kultigsten aller Anfangssätze mal eben kurz vor und erzählt uns dann, wie er auf das Schiff von Kapitän Ahab kam, der den berühmt-berüchtigten Weißen Wal Moby Dick jagen und töten will.

„Moby-Dick“ ist ein Buch über die Egomanie des Menschen, über die Sinnlosigkeit von Rache, über die Opfer, die ein Mann bereit ist zu bringen, auf Kosten anderer. Zugleich ist es auch ein Buch über die Seefahrt, über den Walfang, über das Leben der Männer an Bord. „Moby-Dick“ ist ein furchtbar interessantes, aber gleichzeitig auch so furchtbar langweiliges Buch.

Vielleicht ist „langweilig“ das falsche Wort. „Langatmig“ trifft es vielleicht ein bisschen besser. Von den gut 135 Kapiteln sind gefühlt die Hälfte der Kapitel Ausführungen über die Arten der Wale, über die verschiedenen Rassen von Walen, über die Philosophie der Farbe Weiß (zugegebenermaßen war das tatsächlich ein sehr interessantes Kapitel), über die Methoden des Walfangs, über die Instrumente zum Walfang, über die besten Ausguck-Plattformen. In manchen Kapiteln verlieren wir uns in einem inneren Monolog von Ahab oder einem seiner Männer, die dann sehr philosophisch werden, voller Anspielungen auf alte Mythen stecken. Es ist viel Beiwerk, dass die eigentliche Jagd nach Moby Dick zu einem dicken Wälzer werden lässt. Würde man diese ganzen spezifischen Kapitel weglassen, hätte man hundert Seiten, die genau das widerspiegeln, was wohl so ziemlich jede Verfilmung von „Moby-Dick“ zeigt: Ahabs Jagd nach dem Wal.

Was somit auch heißen sollen, dass es ja gerade dieses Beiwerk ist, was „Moby-Dick“ über die Jahre auch einfach zum Klassiker gemacht hat. Denn dadurch wird aus dem Roman „Moby-Dick“ ja wirklich ein Zeitzeugnis, ein Sachbuch voller Historie, Biologie und Anthropologie, die sich dann aber hauptsächlich auf Walfänger bezieht. Man lernt unglaublich viel… man merkt einfach sofort, dass Melville selbst zur See gefahren ist und das er sich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt hat. Er geht auch auf verschiedene Schiffsunglücke ein, in denen ein Wal für den Untergang verantwortlich war, um so die Geschichte von „Moby-Dick“ in der Realität zu verwurzeln. Da wird dann unter anderem auch auf das Unglück der Essex angesprochen – was ja auch als „In the Heart of the Sea“ verfilmt wurde und dort als DIE Grundlage für „Moby-Dick“ angepriesen wurde.

Dazu kommt Melvilles Schreibstil, den ich eigentlich nur als sehr ausschweifend bezeichnen kann. Aber es steckt etwas in der Art und Weise, wie Melville schreibt, dass mich sehr in diese Welt gezogen hat. Gerade das Ausführliche, der Detail-Reichtum zeichnet ein sehr intensives Bild von dieser Welt des Walfangs… das ist pures Kopfkino.

Doch ist es auch genau dieser Detail-Reichtum, der „Moby-Dick“ zu einem wirklich harten Brocken macht. So sehr mich diese „Zusatzkapitel“ auch in die Welt von „Moby-Dick“ reingezogen haben, so schwer haben sie es mir dann manchmal auch gemacht. Wie gesagt, 30 Seiten über die Einteilung von Walen zu lesen, ist nicht unbedingt das, weswegen ich diesen Roman lesen wollte 😉 Zumal der eigentliche Wal, der diesem Buch seinen Namen gibt, dann auch wirklich erst kurz vorm Ende so wirklich in voller Große auftaucht (wobei ich mich da immer noch frage, warum er im Titel allein mit Bindestrich und ansonsten überall ohne Bindestrich geschrieben wird).

„Moby-Dick“ war ein Erlebnis, aber auch ein Erlebnis, dass ich nicht jedem empfehlen würde. Es ist ein harter Brocken, der seinem Wal schon fast ein bisschen gleich kommt. Dann suche ich mir doch lieber etwas „Leichteres“ für meinen nächsten Klassiker.

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14 Kommentare leave one →
  1. 22. Mai 2017 15:51

    Du bist jetzt also in nächster Zeit erst einmal der Experte, wenn es um Wale, Walunglücke und Walfangmethoden geht, sehe ich das richtig? ^^
    Das Buch klingt jedenfalls nicht so, als würde ich mich für allzu viele dieser Kapitel motivieren können. Ich bin ja mehr so der bespaßt werden möchtende Typ Medienkonsument. o.o

    • donpozuelo permalink*
      22. Mai 2017 22:48

      Absolut. Willst du Wal, bin ich dein Mann. Ich kann dir auch sagen, welcher Ausguck der bequemste ist.

      Und ja… eine Version „Moby-Dick für Schnelle“ könnte locker aus nur 100 Seiten bestehen und hätte die ganzen coolen Kapitel unterbringen 😉

      • 23. Mai 2017 09:11

        Es gibt verschiedene Arten von Ausgucken? Faszinierend 😀

        Solange es nich soweit kommt und es „Moby Dick in Emojis😲“ gibt, sollte das doch mal jemand in Angriff nehmen. 😀

        • donpozuelo permalink*
          23. Mai 2017 09:17

          Tatsächlich gibt es mehrere Arten von Ausgucken. In „Moby-Dick“ gibt es ein ganzes Kapitel nur zu dem Thema. Furchtbar interessant… für jemanden, der auf Ausgucke steht.

          Und ich wette, es gibt bestimmt schon so eine Art verkürzte Version des Buches… oder man schaut sich einfach einen der zahlrreichen Filme dazu an 😀

        • 23. Mai 2017 09:28

          Jeder hat Hobbys, wa? 😀

          Stimmt, das wär auch ne Möglichkeit ^^ Ich hab ne Referenz zu Moby Dick zuletzt in „Re:Zero“ gesehn, aber das wird vermutlich auch meine tiefgründigste Auseinandersetzung mit dem Mann und dem Wal bleiben … O:)

        • donpozuelo permalink*
          23. Mai 2017 09:31

          Ja… das wird wohl auch reichen. Es gibt ja genügend andere interessante Geschichten über verrückte Egomanen… 😉

        • 23. Mai 2017 10:11

          Egomanen sind halt gutes Ausgangsmaterial 😁

        • donpozuelo permalink*
          23. Mai 2017 10:14

          Auf jeden Fall 🙂

  2. 29. Mai 2017 19:35

    Cool! Du hast es gemacht! Über Bücher gebloggt und gerade über dieses. Witzigerweise stand ich vorgestern noch vor dem Buch in einer Buchhandlung und habe überlegt es zu kaufen, dann aber doch nicht gemacht, weil mein Freund urteilte „guck lieber den Film“. Vielleicht hat er recht!? Dein Lese-Erlebnis erinnert mich etwas an meinen aktuellen Kampf mit Thomas Manns „Der Zauberberg“. Ich habe aus Sentimentatlität angefangen die Schwarte zu lesen, weil jemand in meiner Familie vor etwas über einem Jahr sehr krank geworden ist. Aber das Buch war ganz anders als ich es mir vorgestellt habe. Sie philosophieren gerne mal 40 Seiten über Gott und die Welt und in diesen Szenen merke ich wie mein Hirn abdriftet … schwierig. Ich muss ja nicht nur angebliche Trivialliteratur lesen, aber ein bisschen mehr kann es sich schon gerne bewegen finde ich… .

    Ist denn zu erahnen was Scully und Bone so klasse an dem Buch finden und was sie so damit verbindet?

    • donpozuelo permalink*
      30. Mai 2017 08:54

      Du, ich habe keine Ahnung, was Bone an dem Buch findet (obwohl ich demnächst mal was zum Comic schreiben werde). Bone ist ja allgemein hin und weg von dem Buch, während alle anderen einfach dabei einschlafen.

      Scully hat ja eher die Verbindung über ihren Vater, der sie damit vertraut gemacht hat. Das ist wahrscheinlich einfach eingetrichterte Tradition.

      Aber ja, das, was du über „Der Zauberberg“ erzählst, passt auch ganz gut zu „Moby-Dick“. Er redet auch mal Ewigkeiten über Gott und die Wale, dann halt Kapitelweise über Walfang, Ausgucke, etc.

  3. 13. Juni 2017 09:47

    Habs auch mehrfach weggelegt, aber das was du schreibst, macht es eigentlich wieder interessanter. Sich ein bisschen in Monotonie treiben lassen, braucht vielleicht auch einfach den richtigen Zeitpunkt.

    • donpozuelo permalink*
      13. Juni 2017 11:13

      Absolut. Man muss die Zeit für das Buch haben. Es zieht einen halt wirklich in diese Monotonie der Seefahrt hinein. Es hat seinen Charme, ist aber auch sehr sperrig.

Trackbacks

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