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Wal-Gejagte

4. Dezember 2015

Ich habe letztens den Film „Against the Sun“ gesehen, ein kleiner Film, der eine wahre Geschichte erzählt. Da stürzen drei Navy-Soldaten 1942 irgendwo im Südpazifik ab, können sich zwar auf ein winzig kleines Rettungsboot flüchten, doch treiben sie da nun auf dem offenen Meer – ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Hoffnung auf Rettung. Der Film hatte ein spärliches Budget, weswegen große Sturmwellen ein wenig grausig aussehen, Schwärme von Haien noch viel grausiger aussehen, aber der Rest des Films einen dann doch extrem fesselt. Denn „Against the Sun“ konzentriert sich auf seine drei Hauptakteure (einer von ihnen „Harry Potter“-Star Tom Felton – darf man den eigentlich „Harry Potter-Star nennen? Schon, oder?). „Against the Sun“ ist ein faszinierendes Kammerspiel auf einem Rettungsfloss mitten auf dem Ozean… wenn die Herrschaften ein großes Budget gehabt hätten, wäre das ein richtiger Kracher geworden. Aber dafür ist Regisseur Brian Falk vielleicht auch einfach nicht bekannt genug. Ein Ron Howard dagegen schon eher… und deswegen kommt dessen Schiffbruch-Drama ja auch groß ins Kino.

Howard erzählt uns in „Im Herzen der See“ die wahre Geschichte des Walfangschiffes „Essex“. Dessen Kapitän George Pollard (Benjamin Walker) setzt die Segel, um auf Walfang zu gehen, denn um 1820 ist Walöl immer noch das wichtigste Produkt überhaupt. Ebenfalls an Bord ist der erste Maat Owen Chase (Chris Hemsworth), der eigentlich Kapitän hätte werden sollen, aber da Pollard aus einer einflussreichen Familie kommt, wird das Greenhorn Kapitän und der erfahrene Seebär nur erster Maat. Meinungsverschiedenheiten sind also vorprogrammiert – doch als die Essex fernab der Heimat auf einen riesigen, weißen Wal stößt, geht es bald um mehr als nur um Walfang. Es geht ums Überleben, denn der Wal bringt die Essex zum Sinken.

IN THE HEART OF THE SEA

„Im Herzen der See“ basiert auf dem Bericht des Schiffsjungen Thomas Nickerson (hier gespielt von Bald-Spiderman Tom Holland) und soll dann auch Herman Melville (Ben Whishaw) zu seinem Klassiker „Moby-Dick“ inspiriert haben. Etwas, worauf uns der Trailer, das Poster und letztendlich auch der Film immer wieder erinnern möchte. Vielleicht um so deutlicher zu machen, dass die Fiktion, die wir alle so lieben gelernt haben, vielleicht doch gar nicht so fiktiv ist. Letztendlich geht es in „Im Herzen der See“ aber nicht unbedingt nur um den Wal, sondern – halt wie in „Against the Sun“ auch – um das Überleben auf hoher See.

Und im Gegensatz zu „Against the Sun“ schafft es ein Ron Howard irgendwie nicht, uns bei diesem Überlebenskampf der Besatzung der Essex mitfiebern zu lassen. Der Film fängt gut an und auch wieder nicht… wenn da die Befehle zum Segel-Setzen gebrüllt werden, alles hastig übers Deck rennt, an der Takelage rumklettert, dann hat man schon das Gefühl, an Bord eines echten Schiffes zu sein. Aber wenn dann ein Chris Hemsworth in bester Äffchen-Manier nach oben klettert, wilde Sprünge wagt, um eines der Segel zu lösen, runzelt man verwirrt die Stirn – die Magie des Realen verschwindet ein bisschen. Einen Fehler, den Howard zum Glück nicht wiederholt und uns anschließend am Leben der Walfänger teilhaben lässt. Was zum Teil wirklich spannend in Szene gesetzt wird… obwohl ich mich auch immer noch frage, ob wirklich alle Walfänger, die um 1820 zur See gefahren sind, wirklich so toll schwimmen konnten, wie die Herrschaften im Film.

Aber gut, ein bisschen Hollywood-Zauber darf und muss auch sein. Der kommt dann auch schön zur Geltung, wenn der große weiße Wal endlich auftaucht. Ein Monstrum voller Narben, ein König der See, der scheinbar genau zu wissen scheint, was er tut. Während der Wal rein optisch gesehen, wirklich beeindruckend ist, finde ich die Art, wie er uns präsentiert wird, ein bisschen fragwürdig. Wenn er selbst nach dem Versenken des Schiffes scheinbar nichts anderes zu tun hat, als die letzten Überlebenden zu verfolgen… ich weiß nicht! Vielleicht möchte uns Ron Howard hier auch suggerieren, dass der Wal nur in der Fantasie der Überlebenden die Jagd fortsetzt, aber es gibt so vieles, was zum Ende des Films hin in Bezug auf den Wal einfach nicht so viel Sinn macht. Zumal seine Präsenz auch nie wirklich bedrohlich wirkt – wenn man ihn sieht schon, aber angeblich verfolgt er ja die Überlebenden die ganze Zeit – und diese unheimliche, lauernde Präsenz, das etwas Unheimlich nur darauf wartet, zu zuschlagen, überträgt sich einfach nicht auf uns.

Was dann leider auch davon gestärkt wird, dass man nie so wirklich mit den Überlebenden mitfiebert. Benjamin Walker beweist mir nach dem „Abraham Lincoln Vampirjäger“-Fiasko, dass er beim Film einfach nichts zu suchen hat. Chris Hemsworth beweist eigentlich auch nur, dass er nur wirklich gut funktioniert, wenn er seinen Hammer schwingen darf. Ansonsten verschmilzt die Gruppe der Überlebenden zu einem unübersichtlichen Haufen an unzähligen Charakteren, deren Namen man vergessen hat, kaum das er genannt wurde. Howard schien bei diesem Film nicht so recht zu wissen, ob er nun lieber auf den Wal, den Überlebenskampf oder die Charaktere eingehen soll – und vermischt alles in einem eher oberflächlichen Film, der dann noch zusätzlich unterbrochen wird durch die Rahmenhandlung mit Herman Melville, der sich die Geschichte der Essex erzählen lässt.

Ich habe mich lange auf „Im Herzen der See“ gefreut, aber so richtig konnte diese Freude nicht fruchten. Der Film sieht zwar zum Teil toll aus, aber die Darsteller tun sich schwer (auch wenn sie fleißig für die Rollen abgenommen haben), dem Überlebenskampf Substanz zu verleihen. Dann halt doch lieber „Against the Sun“.

Wertung für „Im Herzen der See“: 5 von 10 Punkten (vielleicht hätte Howard einfach „Moby-Dick“ verfilmen sollen)

Wertung für „Against the Sun“: 7 von 10 Punkten (wenn die Herrschaften ein bisschen mehr Budget gehabt hätten, hätte der Film auch noch richtig gut aussehen können)

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5 Kommentare leave one →
  1. 4. Dezember 2015 06:40

    Ich habe ich auch lange auf den Film gefreut. Nächste Woche geh ich dann rein. Bin mal gespannt, ob ich deine Einschätzung teilen kann. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      4. Dezember 2015 10:04

      Dann warten wir mal ab, aber bisher hat noch jeder, mit dem ich über den Film gesprochen habe, gemeint, er wäre halt einfach zu viel des Guten. Aber mal schauen, wie er dir gefällt (oder auch nicht…)

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