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Das Schwert im Herzen

7. Dezember 2016

Ich muss wirklich langsam mal anfangen, Herman Melvilles „Moby-Dick“ zu lesen… denn dieser Roman taucht irgendwie immer wieder in allem auf, was ich gerne mag. Scully aus „Akte X“ war ein großer „Moby-Dick“-Fan, nannte ihren Hund nach einem Charakter aus dem Buch und hatte selbst für sich und ihren Vater Spitznamen, die direkt aus „Moby-Dick“ entnommen wurden. Letztens habe ich dann den wirklich sehr zu empfehlenden Comic „Bone“ von Jeff Smith gelesen… und auch dort konnte einer der Hauptcharaktere nicht aufhören, von „Moby-Dick“ zu schwärmen. Das wurde da irgendwann zu einem netten Running Gag und machte mich einmal mehr darauf aufmerksam, dass Melvilles Roman ja noch auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegt (und auch auf meiner Liste der Buchvorsätze für 2016 landete). Jetzt kam das letzte Zeichen, dass ich endlich mit Kapitän Ahab auf Waljagd gehen sollte – und zwar in Form von Mamoru Hosodas neuestem Film „Der Junge und das Biest“.

Im Reich der Tiermonster hat sich der Großmeister entschieden, sein Amt niederzulegen und ein Gott zu werden (so was geht im Reich der Tiermonster). Seine beiden potenziellen Nachfolger sind der sehr beliebte Iozen und der ruppige Griesgram Kumatetsu, der theoretisch viel stärker sein könnte, als Iozen, wenn er sich mehr im Griff hätte. Deswegen schlägt ihm der Großmeister vor, sich einen Schüler zu suchen… und Kumatetsus Wahl fällt ausgerechnet auf den Menschenjungen Ren, der in seiner Welt durch den Tod seiner Mutter völlig allein zu sein scheint. Kumatetsus Wahl, einen Menschen als Schüler anzunehmen, wird jedoch kritisch beäugt. Schließlich tragen Menschen eine Dunkelheit in sich, die allen gefährlich werden könnte. Doch das ist Kumatetsus kleinstes Problem, erweist er sich doch als schwieriger Lehrer und Ren als schwieriger Schüler. Nur mit viel Geduld werden die beiden langsam ein eingespieltes Team…

Posen für die Kamera…

Mamoru Hosoda hat mich bislang wirklich noch mit jedem Film begeistert und ich finde, er hat auch mit jedem Film immer noch mal wieder ein bisschen was anderes, etwas Neues und Aufregendes zu bieten. „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ ist nach wie vor einer meiner absoluten Lieblingsfilme und liefert eine tolle Zeitreise-Story. „Summer Wars“ war damals mein erster Hosoda-Film und hat mich durch seine witzigen Ideen und die wirklich reichhaltige Story extrem beeindruckt. Seine „Wolfskinder“ muss ich mir jetzt einfach dringend mal anschauen, denn auch sein neuester Streich „Der Junge und das Biest“ ist einfach nur umwerfend.

Auch wenn sich meine Inhaltsangabe ein wenig danach anhört, als würde es hauptsächlich nur um das Tiermonster Kumatetsu gehen, stimmt das nicht. „Der Junge und das Biest“ ist nämlich sehr viel mehr. Es ist eine Coming-Of-Age-Story, die aber irgendwie auf beide Charaktere zutrifft… sowohl auf den Jungen als auch auf das Biest – und das macht diesen Film dann schon wieder zu etwas besonderem. Die einzelnen Versatzstücke einer klassischen Coming-Of-Age-Geschichte sind ja meist immer die gleichen und finden sich auch in „Der Junge und das Biest“ wieder. Dadurch könnte man die Geschichte fast schon wieder als extrem vorhersehbar beschreiben, aber allein die Tatsache, dass Hosoda gleich zwei Geschichten erzählt, macht das Ganze extrem spannend.

Komatetsus Coming-Of-Age ist vielleicht weniger Coming-Of-Age, als vielmehr das Heranreifen zu einem echten Meister. Er wird vom grummeligen Griesgram zu jemandem, der sein volles Potenzial erkennt und am Ende die Errungenschaften, die er durch seinen Schüler erreicht hat, zu schätzen weiß. Bei Ren bleibt es sehr klassisch… er wird nach acht Jahren im Reich der Tiermonster zu einem großartigen Kämpfer und fühlt doch auch den Reiz, in seine Welt zurückzukehren, wo er dann auf die junge Kaede trifft. Hier beginnt dann quasi noch eine dritte Coming-Of-Age-Story, die dann in der normalen Welt spielt, in der sich Ren noch einmal neu orientieren muss.

Und wenn das alles noch nicht genug ist, gibt’s noch eine große Überraschung am Ende, die dann in einem spannenden Kampf endet, der beide Welten bedroht (und auch etwas mit Melvilles „Moby-Dick“ zu tun hat).

Hosoda beweist mit „Der Junge und das Biest“ einmal mehr, dass er wirklich tolle Geschichten erzählen kann, die vor allem durch starke und liebenswerte Charaktere leben. Dazu erschafft er mit dem Reich der Tiermonster auch eine tolle Welt, die ich tatsächlich gerne intensiver erforscht gesehen hätte, aber dann wäre „Der Junge und das Biest“ ein ganz, ganz anderer Film geworden. So jongliert Hosoda gekonnt drei verschiedene Aspekte der Geschichte und begeistert einmal mehr.

Wertung: 9 von 10 Punkten (jetzt muss ich wirklich endlich „Wolfskinder“ gucken!!!)

4 Kommentare leave one →
  1. 8. Dezember 2016 07:09

    Hier kann ich weitestgehend mal zustimmen, sehr schöner Film. Hosoda halt, der Mann kann’s.

  2. 19. Dezember 2016 20:11

    Und hast du die Wolfskinder inzwischen gesehen? 🙂 Kann ich dir sehr epfehlen. Mir fehlt dafür bisher noch der Film hier und ich liebe Hosodas Filme sehr und bin überzeugt, dass er sowas wie der nächste Hayao Miyazaki wird.

    • donpozuelo permalink*
      20. Dezember 2016 08:46

      Wolfskinder habe ich noch nicht gesehen, der fehlt mir noch.

      Und ja, den Miyazaki-Vergleich kann man mittlerweile wirklich ohne Probleme ziehen. Ich bin gespannt, was da noch so alles von ihm kommt.

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