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Fleischbeschauung

11. Juli 2016

Models… dürre Hungerhaken, die „Mode“ präsentieren, die kein normaler Mensch tragen würde und die für jeden verrückten Menschen viel zu eng und zu unhandlich wäre, um sie überhaupt zu tragen. Models… das sind Wesen, die irgendwie jeglicher Attraktivität beraubt werden, damit sie auch ja nicht von der Mode ablenken. Models… vielleicht auch etwas, das ich selbst nicht wirklich kenne, weil ich mich mit dieser Welt nicht beschäftige, obwohl, das was man so über die Dinge hört, die hinter den Kulissen so abgehen, schon sehr erschreckend sind. Erschreckend genug, dass man darüber definitiv einen Film drehen könnte… und wenn jemand in dieser Welt des Blitzlichtgewitters, der grellen Farben, der gestellten und gestelzten Menschen einen Film spielen lassen könnte, dann wohl niemand besseres als Nicolas Winding Refn.

Mit „The Neon Demon“ verabschiedet er sich nach „Drive“ und „Only God Forgives“ erst einmal von seiner Muse Ryan Gosling (obwohl der mit Sicherheit auch gut in diese Model-Welt passen würde). Stattdessen begleiten wir Elle Fanning, die als 16-jährige Jessie nach L.A. kommt, um Model zu werden. Hier trifft sie auf Make-Up-Künstlerin Ruby (Jena Malone) und deren beide Modelfreundinnen Sarah (Abby Lee) und Gigi (Bella Heathcote). Zur Überraschung von allen wird für Jessie der Traum vom Model ziemlich schnell Wirklichkeit… und so beginnt ihr Aufstieg ihr zu Kopfe zu steigen, während die Mädels um sie herum ihren Neid kaum noch verbergen können.

Das ist Kunst…

Ich muss gestehen, ich bin sehr, sehr skeptisch in „The Neon Demon“ gegangen… wurde der Film doch sehr verhalten aufgenommen, viel über Refns Selbstverliebtheit gesprochen und ja, ich mochte ja auch „Only God Forgives“ nicht so wirklich. Letztendlich habe ich mich dann doch getraut… und tatsächlich nicht eine Minute bereut.

Ja, eine gewisse Selbstverliebtheit kann man Refn nicht abschreiben, vor allem, wenn seine Initialen fast im kompletten Opening Credit unter allem steht. Aber hey, wer kann, der kann. Ich glaube, ich würde das auch machen… und warum auch nicht? Er sorgt halt einfach gern für Gesprächsstoff und er liefert dafür auch was. Mit „The Neon Demon“ allerdings auch einen Film, der einem NWR würdig ist (und definitiv auch wieder die Gemüter spalten wird und es ja auch schon tut).

„The Neon Demon“ ist ein sehr stylischer Film – mir fällt gerade einfach kein besseres Wort dafür ein. Man könnte wahrscheinlich so ziemlich jeden Frame nehmen, das Bild ausdrucken und in eine Galerie hängen. Refn muss wirklich ein penibler Planer sein, der schon mit seiner Bildsprache perfekt in diese künstliche, oberflächliche Welt der Models eindringt. Kräftige Farben, grelle Farben, dazu langsame Kamera-Fahrten, dann wieder lange, statische Einstellungen – ich weiß nicht, wieso, aber all das hat mich sehr fasziniert. Dazu der Soundtrack von Cliff Martinez, der die Bilder perfekt untermalt.

Neben der wirklich umwerfenden Bildsprache entwickelt die Geschichte aber auch noch ihre ganz eigene Sogkraft. Es passiert an sich irgendwie nicht sonderlich viel und trotzdem macht Refn sich diese Lethargie zu eigen. Man erlebt diesen ganzen Film in seinen ruhigen Bildern fast wie in Trance… und fragt sich immer, wie dieses „Märchen“ weitergehen wird. Gerade weil Jessie diesen kometenhaften Aufstieg erlebt, habe ich mich immer gefragt, ob sie dann am Ende der Neon Demon ist, der alle um sich herum einfach nur bezirzt… überhaupt fand ich das eine sehr faszinierende Frage: Was passiert hier eigentlich gerade alles?

Die Geschichte, die Refn erzählt, lebt… aber ich kann irgendwie nicht so richtig in Worte fassen, wodurch. Es ist die Faszination dieser oberflächlichen Welt, es ist die Faszination Jessie selbst, die sich als Küken in diese Welt voller merkwürdiger Wesen (Keanu Reeves ist dabei eines der merkwürdigsten, aber auch der besten im Film) und es ist die Faszination des Rätsels, was da noch alles kommt. Immerhin soll das ja ein Horror-Film sein, der dann am Ende mehr durch den Schrecken dieser kranken Mode-Welt lebt, als durch Blut und Splatter (obwohl das dann auch in sehr verstörenden Bildern Einzug in den Film findet).

Die zarte Elle Fanning trägt diesen Film auf ihren noch zärteren Schultern und ist wunderbar. Jena Malone ist der wünschenswerte Mutter-Ersatz und Keanu Reeves in seiner kleinen, aber feinen Rolle eine echte Überraschung. Man könnte allen ein wenig Oberflächlichkeit vorwerfen, da man nie viel über irgendwen erfährt, aber letztendlich passt das dann auch wieder perfekt zum Thema des Films: Es lebe die Oberflächlichkeit! Alles für die Schönheit, etwas anderes zählt ja eh nicht.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein verstörender, krasser Film…)

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6 Kommentare leave one →
  1. 11. Juli 2016 08:11

    Dein Rating ist sehr interessant, weicht es doch eher von der „Masse“ ab. Ich persönlich habe ja nach „Only God Forgives“ ein wenig die Nase voll von Refn’s Style over Substance. (Lediglich „Drive“ wusste beides hervorragend zu kombinieren.) Und selbst nach deiner doch eher vielversprechenden Kritik bin ich dem Film gegenüber doch eher verhalten. Ich werde ihm wohl erst auf DVD oder im Stream eine Chance geben, auch wenn mein Interesse wieder etwas mehr gesteigert wurde. Immerhin: Beim Soundtrack muss ich dir recht geben, der funktioniert nämlich sogar ohne Film ganz gut. (Im Gegenteil zu Cliff Martinez‘ Soundtrack zu „Only God Forgives“.)

    • donpozuelo permalink*
      11. Juli 2016 10:38

      Hahaha… der Soundtrack ist wirklich klasse.

      Ich dachte, ich hätte nach „Only God Forgives“ auch genug von Refn… deswegen habe ich auch so lange gezögert, mir „The Neon Demon“ anzuschauen. Hat mich dann aber doch sehr positiv überrascht… muss ja auch mal sein.

  2. 16. Juli 2016 19:50

    So jetzt hab ich meinen Blogfeed auch mal so weit abgearbeitet, dass ich endlich deine Review zu Neon Demon lese. (Irgendwann beantworte ich dann wahrscheinlich auch endlich deinen Kommentar unter meiner Review, ach ist das gerade alles zeitverzögert …)
    Musste sehr schmunzeln, dass du dich an den vielfachen Nennungen von NWR im Opener und den Credits auch störst 😉 Man kanns eben auch übertreiben …
    Die Sache mit dem Neon Demon hat mich auch beschäftigt. Ich habe das so gedeutet, dass der ‚Neon Demon‘ quasi Narzismus ist und dass Jesse davon befallen wird, als sie für diesen einen Designer läuft und irgendwie dabei sich selbst begegnet. Danach ist sie auch wie ausgewechselt. Womit ich aber anfangs nicht klarkam ist dass sie dann so plötzlich ‚verschwindet‘. Letztendlich waren wohl andere die Neon Demons … wenn du verstehst worauf ich hinauswill … ich will ja hier nicht zuviele Spoiler hinterlassen. Und das hat mich echt barbarisch gestört. Durch den Trailer und meine Erwartungen an den Film habe ich erwartet, dass Jesse gefährlich ist und dann das. Darauf kam ich irgendwie nicht klar.
    Und Keanu Reeves Rolle fand ich irgendwie overacted und seltsam. XD

    • donpozuelo permalink*
      18. Juli 2016 10:05

      😀 Ja, die Marke NWR halt… demnächst bringt er dann noch T-Shirts raus, wo einfach nur das drauf steht…

      Ich habe auch die ganze Zeit erwartet, dass Jesse diejenige ist, die die wirkliche Gefahr ist. Das wurde ja eigentlich auch irgendwie so aufgebaut. Aber vielleicht ist sie unter den verschiedenen Dämonen des Narzismus (find ich übrigens auch sehr passend) nur ein billiger Anfänger und wenn sie sich den anderen ergeben hätte (und sich beispielsweise da auch auf den Sex eingelassen hätte), dann wäre sie vielleicht eher als eine von denen aufgenommen worden. Doch sie wehrt sich dagegen und wird als nicht würdig erachtet… und dann passiert halt, was passiert. Irgendwie so was vielleicht.

      Und ja, Keanu Reeves… kam für mich unerwartet, hat mich irgendwie auch ein bisschen sehr schockiert, weil ich den guten Keanu so noch gar nicht kannte…

Trackbacks

  1. Kritik: The Neon Demon – filmexe
  2. 2016 | Going To The Movies

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