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Kollektives Träumen

16. Mai 2011

Dies ist ein wichtiger Aufruf für all diejenigen, die sich an Christopher Nolans „Inception“ nicht satt sehen konnten. Nolans Traum-im-Traum-Thriller ist nach dieser Rezension zwar immer noch ein Highlight des letzten Jahres, aber lange nicht mehr sooo originell.

Seit ich mit dem skurrilen Meisterwerk „Mind Game“ meine Experimentierfreudigkeit für japanische Animes wieder entdeckt habe, bin ich nun auf ein weiteres Schmuckstück gestoßen, das gleichzeitig auch beweist, dass die „Inception“-Idee von Mr. Nolan eigentlich schon ein alter Hut ist. Bereits 2006 erschien der Anime „Paprika“ von Satoshi Kon. Und wer „Inception“ kennt, wird und MUSS „Paprika“ sehen. Schließlich geht’s da auch um Traum und Wirklichkeit.

Um genauer zu werden: „Paprika“ spielt in der Zukunft, in der ein Gerät entwickelt wurde, dass zur Behandlung psychischer Erkrankungen bahnbrechend werden soll – der DC Mini. Damit kann der Therapeut die Träume seines Patienten aufnehmen und analysieren. Allerdings ist das alles noch illegal. Tragisch wird es für die Entwickler Tokita und Chiba, als das Gerät gestohlen wird. Allerdings bleibt es nicht nur gestohlen – der Dieb fängt an, mit Hilfe des DC Minis die Träume der Entwickler zu manipulieren. Was allerdings gehörig schief geht, die Traumwelt vermischt sich mehr und mehr mit der Realität – und nur Chibas Traum-Alter Ego Paprika kann noch helfen.

„Paprika“ ist einmal mehr auch Beweis dafür, dass Animes bei uns in Deutschland stark unterschätzt und zu schnell abgeschrieben werden – teilweise nur, weil die meisten es NUR für einen „Trickfilm“ halten. Doch gerade dieser Film – genau wie „Mind Game“ – zeigt einmal mehr, wie viel mehr man mit „Trickfilmen“ machen kann. Die Traumwelt des Diebes wird in „Paprika“ eine wirre Parade aus Puppen und Haushaltsgeräten. Wenn Paprika selbst im Traum unterwegs ist, manipuliert sie die Traumwelt zu ihrem Vorteil, springt in Fernseher, Plakate oder Bilder und nimmt einfach eine andere Gestalt an. Was Cobb und seine Traumdiebe machen können, konnte die gute Paprika also schon lange vorher.

Gleich ist beiden Filmen, dass sie einen sehr aufmerksamen Zuschauer fordern. Während „Inception“ uns wenigstens noch ankündigt, wann wir uns in einen Traum begeben, sind wir in „Paprika“ ganz und gar dem Traum-Terroristen ausgesetzt. Was anfangs noch „normal“ aussieht, kann sich ganz schnell in einen skurrilen Alptraum entwickeln. Dabei setzt Kon alles ein, was man in einem merkwürdigen Traum gern sehen will: da drängt sich der ermittelnde Kommissar durch eine Leinwand im Kino in das Geschehen auf der Leinwand, da wird Paprika zur kleinen Elfe, um zügig in die Psyche ihres Freundes eindringen zu können. Kons Traumbilder leben von den zahlreichen Möglichkeiten der Animation und scheuen sich nicht davor, wild, bunt und herrlich skurril zu sein.

Aber irgendwann träumen zu viele Menschen den gleichen Traum, der dann anfängt, auch Auswirkungen auf die Realität zu haben. Leider fehlt Kon die Nolan-Idee zu einem Totem als Hilfestellung, um Realität und Traum voneinander trennen zu können. Deswegen überschlägt sich die Handlungen in „Paprika“ irgendwann: was angefangen hat als harmlos erscheinende Diebstahl-Ermittlungsgeschichte wird ein Wirrwarr aus Träumen. Bis zum Schluss blitzt immer weniger die reale Welt aus diesen Geschichten hervor, und selbst wenn der Abspann läuft, fragt man sich – wie auch bei „Inception“ – was jetzt wohl Wirklichkeit ist.

„Paprika“ gehört in jedes Regal – für den Anime-Fan ist der Film Pflicht und für jeden, der „Inception“ auch nur ansatzweise gut fand, auch. Satoshi Kon gelingt ein grandioses Bilder-Chaos aus Traumwelten und der Realität. Die Story ist spannend erzählt, fordert aber viel Aufmerksamkeit, um tatsächlich am Ball bleiben zu können. Davor sollte man sich aber nicht abschrecken lassen. „Paprika“ ist ein krasser Film mit geilen Ideen (wie Mr. Nolan sicherlich zugeben muss 😉 )

Wertung: 9, 5 von 10 Punkten (diesen Film muss man voll konzentriert gucken und geht dann glücklich in einem Meer aus Träumen und Symbolen unter)

18 Kommentare leave one →
  1. 16. Mai 2011 09:03

    Danke für den Tipp…

    • donpozuelo permalink*
      16. Mai 2011 10:12

      Hey, nach „I Saw The Devil“ musste ich mich doch revanchieren 😉

  2. 16. Mai 2011 11:29

    Ich kann mir vorstellen, den toll zu finden, obwohl oder gerade weil ich „Inception“ nicht mag. Auf jeden Fall ist es einen Versuch wert – danke!

    • donpozuelo permalink*
      16. Mai 2011 11:40

      Für jeden, der „Inception“ nicht mag, ist dieser Film doch sogar noch besser: Du kannst ihn bei jeder „Inception“-Diskussion anbringen und beweisen, dass Nolan auch nur gut geklaut hat 😀

  3. 16. Mai 2011 14:16

    Es muss mal gesagt sein: „Inception“ ist schon seit Sigmund Freuds „Traumdeutung“ (auf 1900 vordatiert) mehr als veraltet. Nolan’s letzter Meisterstreich ist und bleibt vorläufig „The Prestige“. Hach, tat das gut! 😉

    • donpozuelo permalink*
      16. Mai 2011 15:54

      😀 Das war bissig! Ich glaube aber kaum, dass so viele Menschen Freuds „Traumdeutung“ gelesen haben. Ich schätze mal, da gewinnt immer noch Nolan 😉

  4. 16. Mai 2011 18:41

    Sollte jeder Anime Liebhaber gesehen haben, ein wirklich toller Film =) Die Bilder sind einfach nur fantastisch, der Soundtrack ist skurrilschön — – – muss ich nochmal sehen :]
    Aber ich finde den Inception Ansatz etwas zu krass, man sollte Nolan die Originalität etwas gönnen.

    • donpozuelo permalink*
      16. Mai 2011 21:08

      Sorry… aber ich versuche gerade bei solch unbekannten Filmen immer irgendeinen Bezug zu was Bekanntem herzustellen. Vielleicht sind mir da ein wenig die Pferde durchgegangen. (Auch wenn mir das nicht so aufgefallen ist, denn die Parallelen sind schon eindeutig 😉 )

      Aber du hast recht: Ein toller, toller Film!!!!

  5. 18. Mai 2011 07:50

    Wurde mir von vielen ans Herz gelget und wenn du jewtzt auch noch kommst kann ich ja fast nicht mehr anders 😉

  6. luzifel permalink
    31. Mai 2011 21:21

    *seufz* Wundervoller Film.. Danke für den Tip! Wirr und schön und ein perfekter Film den man gesehen haben muss!

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