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Körperloser Geist

26. Oktober 2011

Dieser Film ist ein Meilenstein. Das ist zumindest die allgemeine Meinung. Was negatives über diesen „Meilenstein“ sucht man vergebens. James Cameron beschrieb ihn als „a stunning work of speculative fiction . . . the first to reach a level of literary excellence„. Steven Spielberg soll ebenfalls mehr als nur begeistert gewesen sein. Die Liste namenhafter Regisseure ließe sich wahrscheinlich ewig lang fortführen. Die Datenbank imdb listet fast 40 Filme auf, die sich in irgendeiner Art und Weise mit diesem Film auseinander setzen. Ein Meilenstein halt. Etwas bis dahin unerreichtes, etwas kopierenswertes, etwas absolut sehenswertes.

Die Rede ist von Mamoru Oshiis „Ghost in the Shell“. Beim ersten Mal habe ich ihn nicht verstanden, beim zweiten Mal vielleicht so ansatzweise, beim dritten, vierten, fünften Mal immer besser. „Ghost in the Shell“ ist da, zumindest was mich betrifft, ein Film, der mit jedem erneuten Gucken an Tiefe gewinnt, sich mir mehr und mehr offenbart und den ich dann noch mehr zu schätzen weiß.

Kurz und möglichst unkompliziert könnte man über „Ghost in the Shell“ sagen, dass es ein Film ist, der in einer Zukunft spielt, in der viele Menschen sich künstlich erweitern lassen, um bestimmte Fähigkeiten zu verbessern (dem ein oder anderen Gamer dürfte da die Ohren klingeln). Die Menschen werden mehr und mehr zu Cyborgs, die eigentlich nur noch aus einer Hülle bestehen, in der menschliche Gehirnzellen mit ordentlich viel Elektronik verknüpft sind. Für die Menschen der Zukunft etwas ganz alltägliches, problematisch wird es nur, als ein Hacker namens Puppet Master auftaucht, Gehirne hackt, falsche Erinnerungen einpflanzt und seine Opfer Verbrechen in seinem Namen begehen lässt. Weil auch Politiker in Gefahr sind, wird die Sektion 9 des Innenministeriums beauftragt, den Puppet Master zu fangen. Major Motoko Kusanagi (selber schon so gut wie ein Cyborg) und ihr menschlicher Kollege Batou sollen diesen Auftrag ausführen, was leichter gesagt als getan ist.

„Ghost in the Shell“ muss man einfach gesehen haben. Neben Otomos „Akira“ definiert Oshii den Anime-Cyberpunk. Wie auch in Satoshi Kons Filmen „Perfect Blue“ oder „Paprika“ geht der Film der Frage nach, was ist der Sinn der Existenz in einer zunehmend virtuellen Welt. Gibt es bei all der Technik überhaupt noch einen Platz für das Ich. Und könnte sich nicht auch eine künstliche Intelligenz irgendwann in eine echte verwandeln. „Ghost in the Shell“ ist so tiefenpsychologisch wie ein Anime nur sein kann. Wann ist man ein Mensch und wann nur ein Roboter? Es ist die japanische Antwort auf „Blade Runner“ und Philip K. Dick wäre sicherlich mehr als nur stolz auf diese Variante gewesen.

Neben all den psychologischen Feinheiten ist „Ghost in the Shell“ aber keineswegs ein Laber-Film. Oshii liefert einen meisterlich animierten Science-Fiction-Thriller, der auch und gerade wegen der erschaffenen Welt und der Cyborgs punkten kann. Man merkt schon an den ersten Bildern, dass das hier bei weitem kein gewöhnlicher Anime ist. „Ghost in the Shell“ ist tatsächlich bahnbrechend und atemberaubend. Punkt. Mehr kann man einfach nicht sagen, man muss es selbst gesehen haben.

„Ghost in the Shell“ ist wirklich der Meilenstein, zu dem der Film ernannt worden ist. Auch wenn man ihn beim ersten Mal nicht unbedingt verstehen muss (oder war das nur bei mir so???)

Wertung: 9, 5 von 10 Punkten (Cyborg-Cyber-Punk und Identitätsraub in Zeiten von virtuellem Wahnsinn – großartig in einen Film gepackt)

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11 Kommentare leave one →
  1. Luzifel permalink
    26. Oktober 2011 07:49

    Hört, hört! Da kann ich nur zustimmen! GitS ist ein unglaublich cooler Film. Übrigens wird in der Serie Stand Alone Complex die Frage nach Identität und Mensch zu Maschine / Maschine zu Mensch auch wundervoll ausgerollt. Nebenbei strotzt die Serie nur so vor Verschwörungen und unglaublich coolen Geschichten – ich kann vor allem die erste Staffel stark empfehlen!

    Was ist eigentlich aus dem ketzerischen Gedanken geworden, GitS real zu verfilmen?

    Grüße, Luzifel

    • donpozuelo permalink*
      26. Oktober 2011 11:08

      Die Serie hast du mir ja schon des öfteren empfohlen. Sollte ich mich mal demnächst in Ruhe ran setzen.

      Zum Thema „Ghost in the Shell“ als Real-Film gibt’s im Moment keine neuen Ergebnisse. Sicher ist wohl nur, dass tatsächlich dran gearbeitet wird. Dafür sieht es bei der Real-Verfilmung von „Akira“ „besser“ aus. Da sind die Vorproduktionsarbeiten wohl schon gut vorangeschritten.

  2. 26. Oktober 2011 22:57

    Du deckst hier in den letzten Wochen/Monaten ungewollt wirklich schonungslos meine breit klaffenden Bildungslücken im Bereich Anime (oder generell asiatisches Kino) auf… 😉

    • donpozuelo permalink*
      27. Oktober 2011 08:02

      😀 Lehrauftrag erfüllt, würde ich sagen!!! Ich hoffe aber auch, dass ich ein wenig neugierig machen kann, denn ein paar Sachen und vor allem auch Ghost in the Shell sind wirklich sehr sehens- und empfehlenswert. Nicht umsonst wird „Ghost in the Shell“ ja auch als Inspiration für „Matrix“ erwähnt.

  3. 27. Oktober 2011 17:49

    Du guckst diese ganzen asiatischen Filme doch jetzt nicht nur, um mich eines besseren zu belehren oder? 😉 Animes sind auf jeden Fall schon seit längerer Zeit nicht mehr unbedingt mein Fall…

    • donpozuelo permalink*
      27. Oktober 2011 21:08

      😀 Nein. Ich gucke die einfach nur sehr gerne.

      Animes waren früher auch nicht so richtig mein Fall, was aber vor allem daran lag, dass ich ein völlig falsches Bild davon hatte. Mit „Ghost in the Shell“ kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Der ist wirklich großartig und kann die Sichtweise auf Animes grundlegend verändern 😉

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