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Psycho jagt Psycho

13. Mai 2011

Rachefilme gibt’s ja mittlerweile wie Sand am Meer. Da stellt sich dem geneigten Drehbuchautor die wichtige Frage: „Was soll ich an meinem Film noch anders machen, damit die Leute sich das angucken? Mmh… Vielleicht mal eine Frau, die ihre Familie/ ihren Mann rächt? Vielleicht mal ein Rächer, der gar nicht mehr weiß, warum er eigentlich Rache verübt? Aber Moment, dass eine hat man schon mal mit Jodie Foster gemacht in „Die Fremde in mir“, und das andere gab’s schon mal mit „Memento“ und „Vengeance“. Scheiße, ich brauche doch aber dringend was für meinen Rachefilm! Was Gutes! Was Krasses! Etwas, das noch lange nachwirkt!!!“ Dieser arme Drehbuchautor muss sich ordentlich anstrengen – aber er hat einen entscheidenden Vorteil: Er ist kein Amerikaner!!!

Wäre es ein Amerikaner gewesen, wäre irgendwas bescheuertes dabei heraus gekommen. Da wir es aber mit einem Koreaner zu tun haben, darf man einiges erwarten. Schließlich trauen die sich noch was. Und was die sich da mit „I Saw The Devil“ trauen, ist schon wirklich ein Hammer. Natürlich folgt jeder Rachefilm dem Motto: „Um ein Monster zu bezwingen, musst du selbst zu einem werden.“ Aber was uns Kim Jee-woon hier präsentiert, hebt dieses Motto auf ein ganz neues Level.

Oldboy“-Legende Choi Min-sik spielt in „I Saw The Devil“ den Titel gebenden Teufel: Als Psychopath Kyung-chul lauert er jungen Frauen auf, entführt und misshandelt sie. Anschließend bringt er sie um. Zu einem seiner Opfer gehört auch die Verlobte des Agenten Soo-hyun (Lee Byung-hun), die gleichzeitig auch die Tochter des Polizeipräsidenten ist. Soo-hyun nimmt daraufhin „Urlaub“, druckt sich eine Liste der Verdächtigen aus und geht sie Schritt für Schritt durch… bis er auf Kyung-chul stößt. Doch statt den einfach zu vernichten, will er ihn die gleichen Schmerzen spüren lassen. Soo-hyun lässt ihn wieder frei und ist ihm von nun an auf dem Fersen, um ihn immer wieder zu demütigen und zu quälen. Eine Psycho-Terror-Reise beginnt, die dem Genre „Rachethriller“ eine ganz neue Note gibt.

Das fängt schon bei den Hauptfiguren an. Zu Choi Min-sik muss man – sofern man „Oldboy“ kennt – eigentlich nichts mehr sagen: Der Mann hat’s einfach drauf. Als psychopathischer Killer ist der Mann grandios… grandios unheimlich. Der sieht irgendwie nett aus und ist trotzdem der totale Psycho. Choi Min-sik wandelt mühelos zwischen Opfer und Täter hin und her. Er weint und jammert, wenn er gefoltert wird. Wenn er selbst dran ist, dann wird er zur eiskalten Persönlichkeit. Als Zuschauer hat man von Anfang an eine tiefe Abneigung gegen ihn. Choi Min-siks Rolle ist aber auch genau darauf angelegt: Sympathie ist für diesen Teufel vollkommen fehl am Platz und Regisseur Kim Jee-woon sorgt dafür, dass die gar nicht erst aufkommt.

Krasser Gegensatz dazu ist der fast anmutig wirkende Lee Byung-hun. So glaubt man zumindest anfangs. Der Film fängt nämlich relativ konventionell an und das wirkt sich auch auf die Hauptfigur aus: ein schmächtiger, attraktiver junger Mann, der seine hübsche Verlobte verliert. Die Rolle des Soo-hyun wirkt zu Beginn, als könne dieser Typ nie im Leben Rache nehmen. Doch hinter dem „schönen“ Äußeren verbirgt sich auch ein kleiner Teufel, den Kyung-chul frei setzt. Was man der Rolle des Rächers in diesem Film besonders zu gute halten muss: Je mehr sich Soo-hyun in seinem Folterrausch verliert, desto emotionsloser wird er. Könnte man fast als negativ betrachten, aber wenn Soo-hyun später in Tränen ausbricht, erkennt man, dass alles auch nur ein Schutzmechanismus zu sein scheint.

„I Saw The Devil“ lebt von seinem Schauspieler-Duo, aber das ist nicht das einzige. Zum einen ist der Film extrem brutal. Und wenn ich „extrem brutal“ meine, dann meine ich das auch genauso. Das sind so diese Szenen, bei denen man sich angewidert abwendet, um dann durch die Hand hindurch trotzdem hinzuschauen.

Dieser Film steht wieder für das, was wir vom koreanischen Film erwarten: keine Angst, um mal was ausprobieren. „I Saw The Devil“ ist brutal, spannend und geht ganz schön an die Materie. Der Film macht wirklich vor nichts halt und hallt deswegen auch lange nach dem Abspann noch nach.

Wertung: 9 von 10 Punkten (krasser Rachethriller mit gleich zwei Monstern, die sich gegenseitig jagen)

7 Kommentare leave one →
  1. 13. Mai 2011 07:15

    MUSS. NOCHMALS. ANSEHEN.

    War vom Fleck weg einer meiner persönlichen Lieblingsfilme.

    • donpozuelo permalink*
      13. Mai 2011 08:30

      AUF. JEDEN. FALL.

      Ich war echt ein wenig verstört nach diesem Film. Die Gewalt ist schon ganz schön heftig. Trotzdem ist es ein genialer Film. Gehört in jedes gut sortierte DVD-Regal 😉

  2. 15. Mai 2011 11:01

    Ohja, toller Film!
    Die letzten 40 Minuten (dass man das mal sagen kann) sind feinstes KatzundMausRachethrillergourmetdeluxe!

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