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Abgedrehter geiler Scheiß

7. Januar 2011

Man nehme etwas von den absurden Drogenphantasien aus „Fear and Loathing in Las Vegas“, packe ein wenig von der visuellen Kraft und dem Unerklärlichen aus „2001 – Odyssee im Weltall“ hinzu, mische das Ganze mit einer Prise Irrsinn, Gewalt und Sex und fertig ist einer der schrägsten Animes, den ich jemals zu Gesicht bekommen habe: „Mind Game“ von Masaaki Yuasa nach dem Manga von Robin Nishi.

Und eins müsst ihr mir glauben: Ich meine das hier vollkommen ernst. „Mind Game“ ist so abstrakt, surreal und experimentierfreudig, wie ich es bis jetzt noch in keinem Film gesehen habe. Und das zeigt sich allein schon bei der Geschichte selbst: Nishi ist ein Manga-Zeichner, dessen Leben komplett auf den Kopf gestellt wird: An dem Abend, an dem er seine Jugendliebe Myon wiedertrifft, stirbt Nishi auch gleich – feige verkriecht er sich, als sich ein Typ Myon vergewaltigen will und wird daraufhin erschossen. Im Jenseits trifft Nishi dann auf Gott – ein sich ständig wandelndes Wesen. Nishi widersetzt sich Gott und kann dem Tod entkommen. Der neue Nishi ist ein Draufgänger, killt Myons Vergewaltiger und flüchtet mit ihr und ihrer Schwester in einem Mafia-Wagen. Während der Verfolgungsjagd stürzt Nishis Wagen von einer Brücke, nur um von einem Wal verschluckt zu werden. Im Inneren des Wals stoßen Nishi, Myon und ihre Schwester Yan auf einen alten Einsiedler, der schon seit Jahren im Wal lebt. Beim Versuch wieder an die Freiheit zu gelangen, wird „Mind Game“ dann schließlich zu einer Art Selbstfindungsfilm.

„Mind Game“ lässt sich in zwei Teile teilen: Die Episode vor dem Wal und die Episode im Wal. Die Geschichte vor dem Wal ist wesentlich actionlastiger und bildlich ein wahres Feuerwerk. Ständig werden die Stile gewechselt, Zeichentrick löst immer wieder Realfilm-Bilder ab (allerdings nur die Gesichter der Figuren), der Zeichens-Stil selbst wird auch immer wieder hin und her getauscht – vom klassischen Anime zu recht merkwürdigen oder einfachen Stilen ist alles vertreten. „Mind Game“ entwickelt in der ersten Hälfte einen unheimlichen Sog, was vor allem daran liegt, dass sich die Darstellung an die Geschichte und vor allem an die Hauptfigur Nishi anpasst. Verspürt er Hektik, werden die Bilder hektisch. Oft erinnert der erste Teil auch an „Natural Born Killers“ – einzelne Szenen werden von bestimmten Farben dominiert, Nishis neues, viel gewalttätigeres und forderndes Ich ist Mallory und Mickey gleichzeitig. Die Schnitte sind schnell und hart, dann mal wieder ruhig. Der ganze Film spiegelt in allem Nishis Gefühlsleben wieder.

Wenn man diesen ersten Trip überlebt hat, folgt die Episode im Wal. Die ist in Teilen wesentlich ruhiger angelegt, aber nicht weniger surreal. Wie Jonas aus der biblischen Geschichte hockt Nishi nun im Wal fest – mit zwei hübschen Frauen und einem alten Mann. Klar, dass bei der Isolierung vor allem Nishis Körpersäfte zum Brodeln kommen. Ab hier lebt „Mind Game“ viel von Fantasievorstellungen, die an einen LSD-Trip erinnern und sich anfangs vor allem um eins drehen: Sex, Sex, Sex. Anfangs liegt das vor allem daran, dass die Gefangenschaft im Inneren des Wals für Nishi gar nicht so schlecht zu sein scheint. Der alte Mann hat Essen, Nishi und Myon kommen sich näher – scheinbar ist alles perfekt. Aber irgendwann wollen sie wieder raus und die Suche nach dem Weg nach Draußen wird zur Suche nach dem Ich, nach dem Wir, nach dem, was den Menschen ausmacht. „Mind Game“ wird zu einer Art postmoderner Philosophie-Stunde verpackt in teils absurd wirkenden Bildern.

Ich kann nicht sagen, dass ich „Mind Game“ wirklich verstanden habe, aber das ist bei diesem Anime auch total egal. Man erliegt eh ab einigen Minuten dem Bilderrausch, dieser schier endlosen Flut an neuen, skurrilen Ideen der Darstellung. „Mind Game“ spielt mit all den Konventionen eines Trickfilms und das bis zur Perfektion. Man kann diesen Film eigentlich nicht mit normalen Worten beschreiben, denn dafür ist dieser Film einfach nicht normal genug. 😉

„Mind Game“ muss man sich einfach mehrmals angucken – es ist wie eine Bilderdroge: Man will den Rausch der Bilder immer wieder und wieder. Ob man den Film dadurch besser verstehen wird, bezweifle ich, aber scheiß drauf… man muss sich einfach nur fallen lassen, den Rest erledigt „Mind Game“.

Luis Bunuel, Salvador Dali und Quentin Tarantino auf LSD hätten es nicht besser machen können.

Wertung: 9 von 10 Punkten („Mind Game“ = „Mind Explosion“ – einfach nur göttlich, herrlich abgedreht und total skurril. Absolut sehenswert!!!)

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14 Kommentare leave one →
  1. 7. Januar 2011 09:44

    Wie kommts, dass ich von dem Film hier zum ersten Mal höre? Das klingt wirklich ziemlich gut. Vor allem, weil mich Fear and Loathing erst vor kurzen sehr nachhaltig begeistern konnte. Ist vermerkt, wird geguckt 🙂

    • donpozuelo permalink*
      7. Januar 2011 12:35

      Ich kannte den Film vorher auch überhaupt nicht. Purer Zufall, dass ich darüber gestolpert bin. Aber hin und wieder stehen in der Anime-Abteilung auch mal andere Sachen als nur Serien über groß-brüstige Damen…. aber gut, die gibt’s auch bei „Mind Game“ 😉

  2. Dr. Borstel permalink
    7. Januar 2011 15:12

    Noch nie gehört, aber jetzt bin ich mega-neugierig! 😀

    • donpozuelo permalink*
      7. Januar 2011 15:18

      Freut mich!!!

      Es ist wirklich ein sehr sehenswerter Film, der die Grenzen des normalen Animes sprengt! Und nebenbei die Erwartungen des Zuschauers gleich mit 😉

  3. 7. Januar 2011 21:02

    „Fear and Loathing“ hab ich mir erst kürzlich zugelegt hab ihn vorher noch garn icht gesehen, obwohl ich ein grosse Gilliam Fan bin.

    • donpozuelo permalink*
      8. Januar 2011 17:20

      Ja, Fear and Loathing ist schon ein cooler Film, aber Mind Game setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

      • 8. Januar 2011 17:56

        Update: Hab ihn gerade gesehen, dieser Film sollte wirkoich in der suchtprävention eingesetzt werden. ^^ Hab Johnny Depp zuesrt gar nicht erkannt. btw. Könnte es sein dass Hangover stark davon inspiriert ist?

        • donpozuelo permalink*
          9. Januar 2011 12:09

          Reden wir gerade von „Fear and Loathing“??? Ja, den Film sollte man wirklich im Unterricht zeigen unter dem Thema: „So Kinder, seht was passiert, wenn ihr zu viele Drogen nehmt! Die Fledermäuse und Echsen werden dann euer geringstes Problem!“ 😉

          Für „Mind Game“ trifft das Thema dann eher weniger zu. Da wäre „Mehr Mut zum Mut“ besser 😉

  4. 8. Januar 2011 14:18

    In der Tat. Mann. Noch nie gehört. Aber den muss ich mir ansehen. Danke für den Tipp. Und Review wie immer äusserst angenehm zu lesen.

    • donpozuelo permalink*
      8. Januar 2011 17:19

      Gern geschehen und danke schön.

      Wirklich, dieser Film ist kranker geiler Scheiß. 😉

      • luzifel permalink
        9. Januar 2011 21:33

        Muss.. Film.. gucken..

        • donpozuelo permalink*
          10. Januar 2011 07:51

          Auf… jeden… Fall…

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