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Eine zweite Chance

13. September 2017

Im Film ist es geläufig, das große Finale einer Reihe in zwei Hälften zu spalten – bei Serien ist mir das bisher noch nicht so häufig untergekommen. „Breaking Bad“ hat’s ja auch gemacht und meine Lieblingsmafia-Familie „Die Sopranos“ machen es auch. Und irgendwie bin ich ganz froh, dass ich noch eine Schonfrist zum Ende habe, denn zu Beginn der ersten Hälfte der sechsten Staffel war ich schon ein bisschen traurig. Es beginnt mal wieder der Anfang vom Ende. Eine liebgewonnene Serie geht ihrem Finale entgegen, aber ich weiß jetzt schon, dass ich „Die Sopranos“ definitiv nicht zum letzten Mal gesehen habe.

Teil 1 von Staffel 6 fängt dann auch gleich mit einem ordentlichen Knall an: Tony Soprano (James Gandolfini) wird von seinem Onkel angeschossen und liegt im Koma. Die ganze Familie sorgt sich um das Wohl des Oberhaupts. Während Carmela (Edie Falco) und Meadow (Jamie-Lynn Singer) nicht von seiner Seite weichen, erlebt Tony in seinem Koma ganz eigene Dinge. Zum Glück wacht er wieder auf – er hat seine zweite Chance bekommen! Doch das Leben der Mafiosi von New Jersey wird dadurch nicht unkomplizierter: Tony hat weiterhin Probleme mit A.J. (Robert Iler), einer seiner captains, Vito (Joseph R. Gannascoli) wird als schwul geoutet und Langzeit-Freund und Chefkoch Artie (John Ventimiglia) hat auch so seine Probleme.

Das Ende einer Ära beginnt.

Eigentlich besteht diese erste Hälfte nur aus Problemen… und tatsächlich sind es auch mal komplett neue Probleme. Eine Szene, die mir wirklich im Kopf hängen geblieben ist, ist der Versuch der Mafia einen neuen Ladeninhaber um Schutzgeld zu erpressen. Blöd nur, dass der zu einer riesengroßen Kette gehört und gar keine Vollmachten hat. Die Errungenschaften des neuen Zeitalters sorgen für arge Probleme bei der Mafia – große Kooperationen zerstören nicht nur die kleinen Läden, sondern eben auch die, die diese kleinen Läden kontrollieren. Die Franchises werden zum größten Feind der kleinen Mafia – ein äußerst interessanter und auch recht witziger Gedanke.

Aber eigentlich ist das nur eine Randnotiz, denn die Nahtod-Erfahrung von Tony steht eigentlich im Mittelpunkt dieser ersten Hälfte. Eine tolle Wendung, die der sechsten Staffel gleich erstmal einen aufregenden Twist verschafft. Auch Tonys Identitätsverlust in seinem Koma-Traum und sein Herum-Irren nach einer Lösung war spannend und wirft ja dann auch seine Schatten auf die Ereignisse, die da noch kommen. Die Frage, ob ein Tony Soprano nach dieser Erfahrung ein anderer Mensch werden kann, wird dann durch die Homosexualität eines seiner Leute ausgebaut – und erstaunlicherweise will gerade ein Tony Soprano Milde walten lassen.

Vitos Geschichte war ebenfalls eine erfrischende Abwechslung. Da wird ein Nebencharakter mal ein bisschen weiterausgebaut – und das auch noch mit einer Geschichte, die das wohl geformte Gefüge der Mafia und besonders der katholischen Mitglieder durcheinander bringt.

Überhaupt hatte ich das Gefühl, dass die Macher mit diesem ersten Teil viele Sachen ausprobieren – andere Aspekte der Charaktere beleuchten, die wir schon kennen. Ich mochte diese eine Folge über Koch Artie und seine Probleme, ich mochte, dass sie A.J. Noch mehr zu einem rebellischen, kleinen Arschloch machen – Tony Soprano bekommt keine Ruhe und muss an allen Fronten gleichzeitig sein. „Die Sopranos“ ist auch kurz vorm Ende immer noch eine facettenreiche Ansammlung von kleinen und großen Dramen, die perfekt ineinander übergehen.

Teil 1 ist tatsächlich wie eine Vorbereitung auf das große Ende. Jeder wichtige Charakter bekommt noch einmal etwas mehr Aufmerksamkeit. Gleichzeitig dreht sich vieles um die Themen Tod, Ende – gerade wegen Tonys Nahtod-Erfahrung. Die Alten ringen mit dem Ende, die Jungen ringen mit den Schwierigkeiten des Lebens – und so hat alles seine Wichtigkeit.

„Die Sopranos“ laufen jetzt noch für 9 Episoden über meinen Bildschirm. Ich frage mich immer noch, ob Dr. Melfis Vergewaltigung noch einmal zur Sprache kommen wird (ja, es beschäftigt mich auch jetzt immer noch, weil es mehr und mehr wie eine vollkommen blöde Idee wirkt). Ich frage mich vor allem aber auch, ob ich mit dem kontrovers diskutierten Finale klar kommen werde. Ich weiß nicht, was mich erwartet, ich weiß nur, dass „Die Sopranos“ mit ihrem Ende genau so sehr für Aufregung sorgten wie „LOST“. Ich bin auf jeden Fall gespannt.

Wertung: 9 von 10 Punkten (die Macher werden noch einmal richtig kreativ und überzeugen mit neuen Ansätzen)

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8 Kommentare leave one →
  1. 13. September 2017 06:49

    Ich bin sehr gespannt, wie du das Ende finden wirst. Ich mochte und mag es tatsächlich sehr, deutlich mehr als das von Lost, obwohl – wie du schon sagst – beide heiß diskutiert wurden. Viel Spaß auf jeden Fall bei den letzten Folgen! 🙂

    • donpozuelo permalink*
      14. September 2017 16:13

      Das LOST-Finale mochte ich ja wirklich sehr. Ich bin echt gespannt. Ein bisschen kontrovers darf es ja ruhig sein, solange es im Zusammenhang der Serie irgendwo noch einen Sinn ergibt.

      • 7. Oktober 2017 16:02

        Jetzt war meine Blogpause so lang, dass ich nicht mitbekommen habe, ob du den zweiten Teil der Staffel und das Finale schon geschaut hast. Hast du? 😉
        Es ist definitiv kontrovers und man kann darüber getrost geteilter Meinung sein. 🙂

        • donpozuelo permalink*
          10. Oktober 2017 08:18

          Jupp. Finale hab ich gesehen und fand es großartig. Hat mir echt gut gefallen. Diese Diner-Szene war der Hammer.

        • 11. Oktober 2017 19:33

          Oh, das freut mich total, dass es dir gefallen hat! 🙂 Ich fand es, wie gesagt, auch richtig toll. Die Szene im Diner werde ich allein schon wegen der Musikauswahl nicht vergessen. Journey’s „Don’t stop believing“ ist seitdem fester Teil meiner Playlist. Und dass Tony Soprano diese Song sogar selbst noch auswählt – dramaturgisch ist das so gut gemacht. Echt traurig, dass James Gandolfini nicht mehr unter uns ist.

        • donpozuelo permalink*
          16. Oktober 2017 06:59

          Absolut. Der Song war vorher schon großartig, durch die Sopranos wird er noch besser.

          Ja, Gandolfini war ein großartiger Schauspieler. 🙂

        • 16. Oktober 2017 19:31

          Ich kannte den Song vorher gar nicht. Vielleicht werde ich ihn deshalb niemals mehr hören können, ohne sofort an die Serie zu denken. 🙂

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