Skip to content

Die Legende vs. die Wilden

25. Februar 2015

Es ist ein bisschen traurig, wenn ein gefeierter Filmemacher wegen dummem Zeug zum Gespött wird. Wie zum Beispiel, wenn er ein Film dreht, in dem sein Hauptdarsteller in einer Szene eine Baby im Arm halten soll. Normalerweise möchte man glauben, man könnte vielleicht ein echtes Baby verwenden… für gefühlt zwei Sekunden. Aber ich verstehe auch, wenn das nicht geht. Doch möchte man doch meinen, dass in einer Welt, in der wir ohne Probleme Bäume zum Sprechen bringen und Affen in den Krieg ziehen lassen können, ein „einfaches“ Baby nicht das Problem sein sollte. Kann es aber doch… und so gibt dieser gefeierte Regisseur seinem Hauptdarsteller eine Puppe, die dieser dann noch vorsichtig versucht so zu bewegen, als wäre es irgendwie lebendig… was aber einfach nicht der Fall ist.

Und ja, wenn dass das Einzige wäre, was man an Clint Eastwoods „American Sniper“ bemängeln könnte, dann wäre ich glücklich, dass an dieser Stelle sofort zu zugeben. Leider ist die wahre Geschichte von Scharfschütze Chris Kyle (Bradley Cooper), der mit 160 offiziell bestätigten Tötungen als der beste Sniper der USA galt, ein Film, der viele Fragen aufwirft. Fragen vor allem über Eastwoods Intention… ist das nun ein Kriegs- oder ein Antikriegsfilm? Verurteilt Eastwood hier auch etwas oder versucht er nur einen Helden zu feiern?

The real Hawkeye… nur ohne Pfeil und Bogen.

Und allein bei dem Begriff „Held“ komme ich schon ins Straucheln… denn wie soll man sich einem Mann annähern, der neben Männern, auch Frauen und Kindern umgebracht hat. Natürlich, und das wird uns in „American Sniper“ immer und immer wieder erklärt, hat er dies nur getan, um seine Kameraden zu schützen. Leider verpasst es Eastwood, es wenigstens so darzustellen, dass diese Entscheidungen ein wenig an Kyles Seele knabbern. Dass diese Legende, wie er bald genannt wird, dass nicht alles einfach so einsteckt, wird zwar auch erwähnt, aber dazu kommen wir später noch.

Bleiben wir kurz beim Krieg in „American Sniper“. Ein Krieg, der sehr klar in Schwarz und Weiß aufgeteilt ist. Ein Film, den Eastwood zumindest sprachlich wie einen Western wirken lässt, wenn die Soldaten immer wieder davon sprechen, sie müssten gegen die Wilden kämpfen. Diese Wilden, von denen wir nichts erfahren, sind üble Burschen, die Kinder töten. Aber nicht so wie Chris Kyle, sondern auf brutale Art und Weise… was das Ganze „natürlich“ sooo viel schockierender macht. Es fehlte eigentlich nur noch, dass diese Wilden Federn tragen und auf Pferden reiten und Eastwood hätte einfach einen weiteren Western geschaffen, in dem der weiße Mann tapfer gegen die bösen Rothäute kämpft.

Auch wenn sich der Film auf die Memoiren von Chris Kyle bezieht, hätte man doch ein bisschen differenzierter an das Thema herangehen können. Stattdessen wird Krieg hier zu einer Art Egoshooter. Die „Wilden“ kommen angerannt und die tapferen Soldaten erschießen sie, so schnell wie sie nur können. Das Ganze wird dann ordentlich blutig in Szene gesetzt, damit man auch was zu gucken hat. Hmm… kein wirkliches Statement gegen den Krieg, aber das scheint „American Sniper“ auch nicht wirklich zu wollen. Zu oft darf Bradley Cooper seine patriotischen Parolen schwingen und verdeutlicht damit, warum der Film gerade in den USA so erfolgreich geworden ist.

Aber „American Sniper“ besteht nicht nur aus Krieg-Spielen. Hin und wieder kommt Kyle ja auch nach Hause zurück zu seiner Frau Taya (Sienna Miller) und hier zeigt sich dann, was der Krieg mit ihm anstellt. Zumindest versucht Eastwood das zu zeigen. Aber mehr als apathisches Rumsitzen und ein paar Wutanfälle und eine besorgte Frau, die immer wieder sagt: „Du bist hier, aber nicht wirklich hier!“ bekommen wir nicht. An diesen Punkten hätte Eastwood mit großer Dramatik punkten können, die ein gutes Kontrastprogramm zum Krieg ergeben hätte… aber er verliert sich in oberflächlichem Geplänkel, was dazu noch zunichte gemacht wird, dass Bradley Cooper in diesem Film einfach nicht gut ist (ein Wunder, dass er überhaupt für einen Oscar nominiert wurde).

Cooper hat in diesem Film einen Gesichtsausdruck, rattert spröde seine Parolen vom besten Land der Welt runter und das war’s dann auch schon… aber gut, vielleicht braucht man von einem Soldaten auch nicht mehr zu erwarten.

Irgendwie ist „American Sniper“ nicht das, was es sein könnte: ein Statement gegen den sinnlosen Krieg, ein Statement für alle Opfer, ein Statement für die Veteranen, die unter ihren psychischen Entscheidungen zu leiden haben. Filme wie zuletzt Bigelows „The Hurt Locker“ haben solchen Themen dann doch ein bisschen mehr Platz gelassen… Mr. Eastwood schafft das nicht.

Wertung: 4 von 10 Punkten (langatmig, einseitig und eintönig… diese Legende kann wohl wirklich nur in den USA punkten)

Advertisements
11 Kommentare leave one →
  1. 26. Februar 2015 20:55

    Badabam, damit hast du mir einen Film zunichte gemacht, den ich ursprünglich im Kino sehen wollte. Andererseits hast du mich vermutlich vor nahendem Unheil bewahrt. In diesem Sinne warte ich hier voll auf die Aufnahme in einen Streaming-Dienst. Sollte reichen.

    Es ist schon schade, da mich die Thematik des Scharfschützen doch sehr interessierte. Aber vll. bleibe ich dann auch bei The Hurt Locker, der mir bis heute verdammt gut gefällt.

    • donpozuelo permalink*
      27. Februar 2015 08:48

      Im Kino würde ich ihn echt nicht empfehlen. Der reicht auch für zuhause. Das Thema des Scharfschützen an sich ist ja auch ganz interessant, nur das ganze Drumherum ist halt sehr schwer zu ertragen…

      „The Hurt Locker“ ist da schon besser… oder sowas wie „Jarhead“.

  2. 26. Februar 2015 20:56

    Eigentlich traurig, dass Clint Eastwood da scheinbar ziemlich schlecht abgeliefert hat. habe ich gar nicht erwartet hier sowas zu lesen,weil ich bisher mitunter sehr positive Meinungen gelesen habe. Andererseits muss ich gestehen, dass mich der Film so gar nicht reizt. Der so ziemlich einzige Grund wäre für mich Bradley Cooper gewesen oder vielmehr der Umstand, dass es ja einen Grund geben muss, warum er für einen Oscar nominiert wurde. (banaler Grund … aber was solls … Neugier und so)

    Als du geschrieben hast, dass seine Frau kritisiert, dass er da ist und doch nicht da ist, musste ich auch sofort an The Hurt Locker denken. Den ich anfangs nicht mochte, aber nach und nach dann plötzlich sehr gut fand.

    • donpozuelo permalink*
      27. Februar 2015 08:47

      Ich muss ja eingestehen, dass Eastwood den Charakter von Kyle ziemlich gut eingefangen hat – was ich jetzt sagen kann, nachdem ich ein paar Interviews mit Kyle gesehen habe. Der war ja tatsächlich so merkwürdig drauf. Jetzt ist halt die Frage, ob man über so einen Typen wirklich einen Film drehen muss…

  3. 27. Februar 2015 00:09

    Oh, schön, aus einer Filmkritik wird Gesellschaftskritik. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      27. Februar 2015 08:44

      Passiert manchmal… 😉

  4. 27. Februar 2015 19:45

    Bei den ganzen negativen Kritiken fragt man sich ernsthaft, wie der Film überhaupt für irgendeinen Oscar nominiert werden konnte.

    • donpozuelo permalink*
      28. Februar 2015 14:03

      Tja… das ist die große Frage, nicht wahr? 😉 Keine Ahnung, vielleicht weil der Film in Amerika so viel eingespielt hat…

      • 28. Februar 2015 14:07

        Nein, die Academy geht doch nicht nach Box Office Statistiken. Wo kommen wir denn dahin… 😉

Trackbacks

  1. Old Man Clint | Going To The Movies
  2. Der 1001. Film | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: