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Old Man Clint

3. April 2015

Clint Eastwood IST einer der Cowboys schlechthin. Denke ich an Clint Eastwood, denke ich entweder an „Dirty Harry“ oder an einen Zigarre kauenden, schweigsamen Cowboy mit Poncho, der schneller schießt als Lucky Luke es sich nur erträumen könnte. Und ja, wir wissen, dass Eastwood jetzt neben dem Cowboy auch ein gefeierter Regisseur ist, der zuletzt mit seinem wohl merkwürdigsten Cowboy-und-Indianer-Film „American Sniper“ für Furore und wohl auch dafür sorgte, dass ich ihn mit etwas anderen Augen betrachte. Aber das ist alles noch irgendwie vertretbar… doch wenn ich einen Clint Eastwood sehe, der nicht einmal geradeaus schießen oder auf ein Pferd steigen kann, dann weiß ich WIRKLICH nicht mehr, was ich denken soll. Da demontiert sich doch einer glatt selbst… und dann auch noch freiwillig.

Denn in seinem Film „Erbarmungslos“ spielt Clint Eastwood den alten Will Munny, der sich von seinen Tagen als Gauner und Ganove verabschiedet hat (natürlich für eine Frau, die aber leider zu früh verstirbt und ihn mit zwei Kindern zurücklässt). Doch der alte Haudegen wird wieder zum Leben erweckt, als er Besuch von Schofield Kid (Jaimz Woolvett) bekommt: Der Junge will Will dazu bringen, gemeinsam mit ihm das Kopfgeld für zwei Cowboys zu ergattern, die in der kleinen Stadt Big Whiskey eine Prostituierte verunstaltet haben. Da der dortige Sheriff Little Bill (Gene Hackman) dagegen unternimmt, haben die Prostituierten selbst das Kopfgeld ausgesetzt. Zusammen mit seinem alten Partner Ned (Morgan Freeman) und Schofield Kid macht sich Will auf den Weg…

The Good, the Bad and the two very old…

„Erbarmungslos“ ist wirklich nicht die Art von Clint-Eastwood-Western, den ich erwartet hatte. Ja, ich gebe zu, ich habe diesen „Klassiker“ jetzt das erste Mal gesehen – und das auch nur, weil ich das japanische Remake „The Unforgiven“ auf meinem Tisch liegen hatte (von dem ich euch dann nächstes Mal erzählen werde). Denn wie schon gesagt, dekonstruiert sich Eastwood hier eigentlich selbst: Statt den strahlenden Helden zu spielen, bekommen wir einen alten Mann zu sehen, den man eigentlich besser bei seinen Schweinen hätte lassen sollen. Dieser alte Mann lässt sich nur schwerfällig wieder auf sein altes Leben ein… und selbst dann will er von Huren oder Whiskey nichts wissen und redet lieber von seiner toten Frau. Das ist nicht die typische Clint-Eastwood-Figur, die ich in einem Western gewohnt bin… aber gerade das macht ihn in „Erbarmungslos“ auch interessant.

Interessant wird der Film aber auch dadurch, dass es nicht die typische 08-15-Story ist… denn Eastwood nimmt hier nicht Rache für sich selbst. Er macht, was er macht, allein wegen dem Geld. Er wird dadurch noch weniger der strahlende Held, auch wenn man nachvollziehen kann, warum Munny das Geld braucht. Und dafür tritt man dann auch gerne mal gegen eine ganze Stadt an… und einem fiesen Typen, der irgendwie nicht unbedingt furchteinflößend wirkt. Zumindest nicht immer… denn Gene Hackmans Little Bill ist – wie Eastwoods Cowboy – auch ein recht merkwürdiger Schurke.Auf der einen Seite wirkt er schon klischeehaft mit seinen ganzen Schergen, denen er vor der Jagd noch mal ordentlich eine Runde ausgibt. Auf der anderen Seite zeigt Eastwood ihn auch als einen unfähigen Mann, der nicht einmal in der Lage ist, sein eigenes Haus zu zimmern (nicht, dass ich sowas beurteilen könnte, wäre ich damit doch selbst verloren, aber um mich geht’s ja auch nicht). Wir haben also einen unfähigen Mann, der scheinbar durch puren Zufall in eine Position gerutscht ist, die er dann auch noch schamlos ausnutzt. Statt für Recht und Ordnung zu sorgen, macht er eigentlich gar nichts… und zwingt die armen Prostituierten gerade dazu, auf Kopfgeld-Jäger zu setzen.

Ja, ja…. „Erbarmungslos“ ist schon ein merkwürdig interessanter Western. Hier ist alles ein bisschen anders, alles ein bisschen langsamer, damit die alten Herren auch brav hinterher kommen. Ich muss sagen, ich mochte ihn, aber so wirklich umgehauen (man bedenke auch den Oscar-Segen als Bester Film, Beste Regie, Bester Schnitt und Bester Gene Hackman… äh… Nebendarsteller) hat er mich nicht. Er bleibt aber trotzdem gerade wegen dem alten ungelenken Clint Eastwood sehenswert… und wohl auch, weil er schon irgendwie auch ein bisschen was von einem Film Noir hat. Immerhin machen Männer hier auch dumme Sachen für Geld und Frauen, ohne genau zu wissen, worauf sie sich einlassen (Munny fragt nie, was ihn erwartet, sondern sieht nur das Geld).

Und wenn man es sich mal genau betrachtet, gehen viele moderne Western auch mehr in die Richtung von „Erbarmungslos“, in dem sie uns moralisch zweideutige Charaktere vorsetzen und nicht einfach die üblichen Klischees abarbeiten… von daher ist „Erbarmungslos“ vielleicht wirklich der Wegbereiter für den neuen Western… vielleicht, aber was weiß ich schon… ich schaue mir jetzt mal das Remake an 😉

Wertung: 8 von 10 Punkten (Opa Eastwood reitet… mehr oder weniger)

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4 Kommentare leave one →
  1. 3. April 2015 18:05

    Klasse Film, der gerade wegen seiner gemächlichen und zurückgezogenen Art Eindruck schinden kann.
    Bin schon gespannt was du zum japanischen Pendant sagen wirst. Gefiel mir auch sehr gut, wenn natürlich nicht so präzise wie Eastwoods Version.

    • donpozuelo permalink*
      7. April 2015 09:21

      Ja, die gemähliche Art schindet Eindruck, es ist aber auch echt ungewöhnlich… ich musste teilweise am Anfang so herzhaft lachen, wenn Eastwood verzweifelt versucht, auf sein Pferd aufzusteigen… 😀 Schon etwas ungewöhnlich!

  2. 3. April 2015 22:08

    Oha, nur 8/10 vom generell eher 9/10-Mann. Also fast schon ein Verriß 😀

Trackbacks

  1. Old Samurai Ken | Going To The Movies

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