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Der knurrige Heilige

16. Januar 2015

Ich bin kein Abspannsitzenbleiber! Schock! Ich weiß! Als „Cineast“ oder „Cinephiler“ darf man so etwas ja eigentlich nicht sagen, man muss doch schließlich alle Beteiligten des Films anständig würdigen. Aber ich schaffe es nur selten, den ganzen Abspann zu gucken. Eigentlich wirklich nur bei Marvel-Filmen, weil man ja weiß, es kommt noch was. Oder wenn mich der Film so geplättet hat, dass ich erst einmal nicht aufstehen kann. Aber ansonsten tue ich mich immer recht schwer damit, den Abspann durchzustehen (und wenn ich es mal schaffe, dann suche ich auch nur die lustig klingenden Namen). Wie gesagt, ich weiß, man sollte das nicht so laut sagen, aber es ist so. Wenigstens ist mein zweiter Kinofilm in diesem Jahr einer, der mir den Abspann so richtig schmackhaft gemacht hat: Denn im Abspann zu „St. Vincent“ hört Bill Murray auf seinem alten Walkman Bob Dylans „Shelter from the storm“ und singt dabei fleißig mit.

Und so herrlich und wunderbar dieser Abspann ist, so ist dann auch der restliche Film: Murray spielt den knurrigen Eigenbrötler Vincent, der in seinem heruntergekommenen Haus mit seiner Katze lebt, sich ab und zu von der „lady of the night“ Daka (Naomi Watts) vergnügen lässt und ansonsten sein weniges Geld bei Pferderennen oder in der örtlichen Bar verliert. Doch dann bekommt er mit der alleinerziehenden Maggie (Melissa McCarthy) eine neue Nachbarin und mit ihrem Sohn Oliver (Jaeden Lieberher) jemanden, der den knurrigen, alten Mann aus seinem Versteck lockt.

Der gefürchtete Nasenbrecher-Hieb

Die Geschichte von „St. Vincent“ ist nichts Neues. Die Geschichte vom grummeligen Mensch, der von einem Kind zu einem besseren Menschen wird, ist schon alt. Und leider schafft es Regisseur und Drehbuchautor Theodore Melfi in seinem Debüt auch nicht, dieser bekannten und vorhersehbaren Story einen frischen Anstrich zu verpassen. Aber was zu einem öden Film hätte werden können, wird dank der Darsteller zu einem wirklich amüsanten Film, der zwar am End ein klein bisschen zu sehr zum Dramatischen neigt, aber dann doch noch rechtzeitig die Kurve kriegt und dem anfänglichen Ton des Films treu bleibt.

Aber wie gesagt, auch wenn die Story jetzt niemanden vom Hocker hauen wird, bleibt der Film sehenswert. An erster Stelle liegt das – natürlich – an Bill Murray. Ob er nun raucht, säuft oder fragwürdige Lebensratschläge an einen kleinen Jungen gibt – Murray geht in der Rolle des Vincent voll auf. Murray spielt ihn zum Glück auch nicht gezwungen, auf alt und mürrisch. Er bleibt schon noch immer nachvollziehbar der grummelige Nachbar. Gleichzeitig spürt man aber auch, dass da viel mehr unter der Fassade steckt, was uns Melfi ja dann auch auf sehr rührende Weise zeigt.

Allerdings muss man es Murray und Melfi zugute halten, dass der große Star nicht so extrem in den Vordergrund gerückt wird. Gerade in Bezug auf den jungen Jaeden Lieberher. Dem lässt Murray genügend Freiraum, um seinen Oliver zu entwickeln. Und so überzeugt Lieberher dann auch auf ganzer Linie. Gleiches gilt auch für Naomi Watts, wobei ich mich bei ihr schon seit „Eastern Promises“ frage, warum sie doch recht häufig Russinnen spielt. Gerade für die Rolle der schwangeren (!) Stripperin und Prostituierten Daka hätte man theoretisch und praktisch auch jemand unbekannteren nehmen können. Vielleicht eine echte Russin… aber gut… Watts fetzt trotzdem! (Und, um es mal am Rande zu bemerken: auch Melissa McCarthy spielt zurückhaltend, aber sehr überzeugend. Ohne den ganzen Klamauk gefällt sie mir dann doch viel besser).

Somit lebt „St. Vincent“ wirklich von dem perfekten Zusammenspiel seines Ensembles, das wirklich gut aufeinander eingespielt ist und den Film so nie langweilig werden lässt. Jaeden Lieberher ist wirklich eine wunderbare Neuentdeckung und man kann ihm nur wünschen, dass er nicht in der Versenkung oder im Sumpf der Kinderstars verschwindet. Denn wer sich so stark neben einem Bill Murray behaupten kann – Hut ab!!!

Und immerhin hat „St. Vincent“ schon mal einen äußerst denkwürdigen und verdammt witzigen Abspann…

‚Twas in another lifetime, one of toil and blood
When blackness was a virtue the road was full of mud
I came in from the wilderness, a creature void of form
„Come in,“ she said, „I’ll give you shelter from the storm“ (Bob Dylan „Shelter from the storm)

Wertung: 8 von 10 Punkten (der Film erfindet das Rad zwar nicht neu, macht aber dank seiner Darsteller saumäßig viel Spaß)

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9 Kommentare leave one →
  1. 16. Januar 2015 16:25

    Bob Dylan und Bill Murray? Ja Mensch, da kann ja nix mehr schief gehen.

    • donpozuelo permalink*
      16. Januar 2015 16:55

      Absolut… ist eine grandiose Szene… 😀

  2. 16. Januar 2015 18:55

    Ja, den Film mag ich auch.
    Lustig, mein Mann war vom Abspann auch totaaal begeistert 😀
    Was ihr „alle“ immer mit Bob Dylan habt ;D

    • donpozuelo permalink*
      19. Januar 2015 09:02

      Bob Dylan ist super!!! Das haben wir mit ihm 😀

  3. 18. Januar 2015 17:02

    Du bist kein Abspann-Sitzenbleiber? Bei mir ist das vom Film abhängig, meistens bleibe ich aber sitzen. Finde es aber ganz sympathisch, wenn man nicht alles so macht wie die anderen. XD

    • donpozuelo permalink*
      19. Januar 2015 09:03

      😀 Ist bei mir auch immer sehr stimmungs- und filmabhängig… aber ich zelebriere das nicht, wie manch andere. Habe da von einigen aber auch schon echt böse Blicke erhascht, wenn ich sofort nach dem Film: „So, super, lasst uns gehen“ sage… 😉

      • 25. Januar 2015 20:11

        Das kann ich mir vorstellen. Nach dem 3. Hobbit wollte ich unbedingt raus. Nichtmal die schönen Zeichnungen haben mich gehalten. Aber die Blicke der anderen …. XD

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