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Wory w Sakone

16. März 2011

Ist es nicht toll, wenn man nach einem Film sagen: „Hey, jetzt hab‘ ich doch wieder was gelernt?“ Vor allem dann, wenn es sich um einen vermeintlichen Unterhaltungsfilm handelt… obwohl… Hat David Cronenberg eigentlich jemals Unterhaltungsfilme gemacht? Ich meine, nehmen wir nur mal die Filme, die ich bis jetzt von Cronenberg gesehen habe: „eXistenZ“, „Die Fliege“, „Naked Lunch“ „Spider“ und „A History of Violence“ – Cronenberg „unterhält“ nicht, er fesselt seinen Zuschauer. Wirklich leichte Kost serviert er nie. Aber wir waren ja beim Thema „Wir lernen was vom Film“ und so kann man Cronenbergs „Eastern Promises“ durchaus als lehrreich beschreiben. Zumindest, wenn es darum geht, etwas um die Diebe im Gesetz – auch Wory w sakone genannt – zu erfahren.

Mafia-Filme gibt es wie Sand am Meer – gute und schlechte Filme, die sich aber fast immer um den italienischen Ableger in den USA kümmern. Wer sich mit Japans Yakuza auseinandersetzen will, der muss schon etwas genauer suchen, aber von Russlands Mobstern kriegt man kaum was zu sehen. Da greift man lieber auf fiese KGB oder Ex-KGB-Typen zurück. Aber Cronenberg sei Dank: Jetzt lernen wir auch mal das organisierte Verbrechen aus Russland kennen: in London.

In einem Krankenhaus in London stirbt ein junges russisches Mädchen bei der Geburt ihres Kindes und hinterlässt neben dem Waisenkind noch ein Tagebuch. Die mitfühlende Krankenschwester Anna (Naomi Watts) bittet ihren Onkel, das Tagebuch zu übersetzen, um möglicherweise die Eltern der jungen Frau ausfindig zu machen. Im Tagebuch findet Anna auch eine Visitenkarte, die zu einem russischen Restaurant führt, dass dem Wor (so heißen die Mitglieder von Wory w sakone) Semjon (Armin Müller-Stahl) gehört und auch als Hauptquartier dient. Während Semjon sich noch als hilfsbereit erweist, ist sein Sohn Kirill (Vincent Cassel) weniger freundlich: eher das Gegenteil ist der Fall: er ist aufdringlich, leicht erregbar und ein elender Säufer. Zum Glück für ihn und alle anderen hält ihn sein Fahrer Nikolai (Viggo Mortensen) in Schach.

Die Geschichte um Anna und die Wory w sakone teilt Cronenberg in zwei Handlungsstränge, die eng verknüpft sind: Auf der einen Seite haben wir Nikolai, der versucht, selbst ein Wor zu werden, um in der Hierarchie der Verbrecher aufzusteigen. Auf der anderen Seite hätten wir Annas Nachforschungen, durch die sie die dunklen Geheimnisse von Semjon und seinem Sohn aufdeckt und sich mehr und mehr in Gefahr begibt.

„Eastern Promises“ hat wirklich nichts mit den normalen Mafia-Filmen gemein. Ich meine das so: Wenn ich mir beispielsweise „Der Pate“ angucke oder auch „GoodFellas“ oder sonst irgendeinen Mafia-Film, dann denke ich mir immer: „Mann, ist das cool bei der Mafia zu sein! Drogen, Weiber und Kohle! Herrlich!“ Dass die meisten Filme tragisch enden, liegt dann wohl eher daran, dass die Filmemacher nicht zu sehr verherrlichen wollen. Das Böse – egal, wie toll es aussehen mag – muss halt immer drauf gehen. Bei Cronenbergs Exil-Russen ist das ganz anders.

Die Welt von Nikolai, Kirill und Semjon ist von Anfang an eine sehr ungemütliche, harte und abstoßende Welt. Alles, was bei der Mafia toll erscheint, ist hier der reinste Horror: Die Frauen sind drogenabhängige Wracks, die wie Vieh gehalten werden. Die Methoden der Wory w sakone sind brutal: Hier gibt es keinen Pferdekopf im Bett als Vorwarnung, hier ist gleich der Kopf ab. Cronenberg beschönigt wirklich rein gar nichts. Sein „Eastern Promises“ ist ein knallharter Thriller. Aber wie schon beim Vorgänger „A History of Violence“ beschränkt Cronenberg nicht alles auf pure Gewalt. Wenn sie aber gezeigt wird – wie bei der fiesesten Szene in einem Badehaus – dann richtig!

Cronenbergs Film überzeugt vor allem dank seiner Darsteller. Die drei Darsteller – Mortensen, Cassel und Müller-Stahl – sind trotz fehlender russischer Wurzeln die perfekten russischen Bösewichte: Während Stahl die Balance zwischen freundlichem Opa von nebenan und Verbrecher-König perfekt hält, ist Viggo Mortensen mit seiner stoischen Art und dem fast ausdruckslosen kalten Blick, der klassische Russe. Zu Vincent Cassel muss nicht viel gesagt werden: Der beweist einmal mehr, dass er einfach nur großartig ist. Viggo Mortensen legt mit dieser Rolle auch endgültig den Aragorn beiseite: Als voll tätowierter Nikolai (jedes Tattoo steht für etwas bei den Wory w sakone) ist der Gefährte von Frodo kaum wieder zu erkennen. Dazu noch der herrlich russische Akzent im Original-Ton (den übrigens alle haben) und der perfekte Russe ist geboren. 😉

Kleine Anektode am Rande: Viggo Mortensen soll in seinem Aufzug – mit Tattoos und allem Drum und Dran – nach den Dreharbeiten in einen Pub gegangen sein und wurde da tatsächlich für einen Wor gehalten, weswegen einige Gäste sogar die Kneipe verließen. Wenn das nicht Glaubwürdigkeit pur ist, weiß ich auch nicht.

Gegenüber „Eastern Promises“ wirkt jeder andere Mafia-Film fast schon wie Kindergarten. Die Familie zählt bei den Wory w Sakone kaum was, nur die Ergebnisse werden gewertet. Es interessiert niemanden, wessen Sohn du bist. Und genau so geht Semjon mit seinem Sohn auch um. Cronenbergs Film überzeugt durch eine spannende Handlung, aber viel wichtiger ist, dass das Erzählte sehr, sehr realistisch wirkt. „Eastern Promise“ ist intelligent, spannend und bietet hervorragende Schauspieler.

Wertung: 9 von 10 Punkten (knallhartes Unterweltepos fernab vom üblichen Mafia-Film)

16 Kommentare leave one →
  1. 16. März 2011 08:13

    Ich LIEBE den Film. Ich sag das nicht oft. Die meisten Filme mag ich einfach nur sehr. Aber den LIEBE ich. 🙂

    Echt. Da stimmt alles. Und wegen dem und History of Violence ist Viggo bei mir ziemlich hoch im Kurs.

    Und die Badehausszene ist in der Tat heftig. Einer der intensivsten und (vermutlich) realistischsten Kampfszenen die ich je gesehen habe.

    • donpozuelo permalink*
      16. März 2011 11:34

      😀 Schön, mal von wahrer Liebe zu lesen 😉

      Aber du hast Recht, die Badehausszene ist wirklich sehr, sehr realistisch. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das beim Dreh nicht ohne war.

      Und Viggo mochte ich zwar vorher schon, aber dank diesem Film (und History of Violence) kann man ihn endlich auch richtig ernst nehmen.

  2. luzifel permalink
    16. März 2011 08:32

    Hört, hört! Der Film rockt in der Tat richtig. Ich guck den gelegentlich gern mal wieder und bin immer wieder erstaunt davon wie gut der Film Stimmungen transportiert. Das Ende ist zwar irgendwie merkwürdig da das Happy End etwas aufgesetzt wirkt, aber irgendwas ist ja immer..

    Grüße

    • donpozuelo permalink*
      16. März 2011 11:35

      Den Film kann man wirklich immer wieder mal gucken. Lernt man gleich noch ein wenig Russisch dabei.

      Das Ende finde ich jetzt nicht so schlimm, ich finde es sogar weniger Happy-End-mäßig als du.

  3. 3. April 2011 18:26

    Ist damals an mir vorübergezogen, ohne ihn wirklich zu beachten. Jetzt wird er aber doch noch nachgeholt.

    • donpozuelo permalink*
      3. April 2011 21:05

      Oh Gott, ja mach das bloss. „Eastern Promises“ ist wirklich ein genialer Film!!!!

      • 9. Juli 2011 11:17

        So, jetzt habe ich den Film gesehen und kann eigentlich alles, was du hier nennst unterschreiben. So gesehen müsste der auch noch auf meine Top 15.

        • donpozuelo permalink*
          9. Juli 2011 14:12

          😀 Das freut mich. Den Film kann man wirklich nur jedem empfehlen.

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