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Mitternachtsspezial

2. März 2016

Jeff Nichols kann man wohl immer noch ganz getrost als guten Geheimtipp betrachten… wenn man mal bedenkt, dass seine wenigen Filme, die er bisher schon gemacht hat, meistens eher kein großes Publikum anziehen. Was echt verdammt schade ist, denn Nichols gehört für mich schon zu den Regisseuren, die es bisher immer noch geschafft haben mich zu begeistern. Ob nun „Take Shelter“, in dem kein Mensch Michael Shannon glauben möchte, dass ein großes Unglück droht oder „Mud“, ein weiterer großartiger Film der McConaissance, in dem Matthew McConauhey einen Typ spielt, der in einem Boot wohnt, das in einem Baum hängt. Wenn Jeff Nichols als Regisseur (und in allen Fällen auch als Drehbuchautor) am Werk ist, bekommt man auch durchaus was geboten. Weswegen ich hoffe, dass Nichols irgendwann mal ein bisschen mehr Anerkennung bekommt und endlich mehr Fans bekommt. Eine Hoffnung, die sich mit Nichols‘ neuestem Streifen „Midnight Special“ nur noch verstärkt.

Roy (Michael Shannon) entführt seinen Sohn Alton (Jaeden Lieberher) aus den Fängen einer religiösen Sekte, die die wirren Wortfetzen, die der Junge manchmal von sich gibt, als ihre große Prophezeiung ansehen. Als Roy nun also diesen Messiahs mit Hilfe des Polizisten Lucas (Joel Edgerton) kidnappt, zieht er den Zorn der Sekte auf sich, die ihn fortan verfolgt. Gleichzeitig ist aber auch die Regierung hinter Alton her, denn einige von seinen „Prophezeiungen“ sind streng geheime Militärinformationen. Und wenn das alles noch nicht kompliziert genug wäre, besitzt Alton auch noch merkwürdige Fähigkeiten – da bringt er Satelliten zum Abstürzen und scheint durch seine merkwürdige Gabe den Menschen einen wünschenswerten Ort zu zeigen.

Die etwas anderen Babysitter…

„Midnight Special“ hört sich im ersten Augenblick an wie „The Mercury Puzzle“, in dem Bruce Willis ein autistisches Kind vor der Regierung schützen muss, weil es einen Geheimcode geknackt hat. Doch zum Glück hat uns Jeff Nichols so viel mehr zu bieten als nur einen platten Action-Thriller. „Midnight Special“ ist anders… „Midnight Special“ ist ein bisschen wie sein Titel: kryptisch, faszinierend und vielseitig interpretierbar. „Midnight Special“ ist ein Film, der uns lange, lange Zeit mehr Fragen liefert als Antworten. „Midnight Special“ ist dabei gleichzeitig auch ein bisschen wie „LOST“: Nichols baut eine spannende Mythologie auf, in der wir durch unterschiedliche Perspektiven ein wages Bild davon bekommen, was Alton in Wirklichkeit sein könnte – und am Ende bekommen wir eine Quasi-Antwort und müssen dann doch unser eigenes Gehirn benutzen, um die Verbindungen zwischen dem Gesehenen und dem Nicht-Gesagten zu finden. Eine Tatsache, die Nichols gut meistert, ohne dabei jetzt prätentiös zu wirken. Vielleicht ist der „LOST“-Vergleich auch ein bisschen zu hart Man versteht „Midnight Special“ schon besser als das Finale von Abrams großartiger Serie, aber es ist einer dieser Filme, der einen schon auffordert, etwas länger darüber nachzudenken.

Nichols‘ Geschichte ist wunderbar komplex – und doch so schön simpel. Denn letztendlich geht es ihm hauptsächlich um die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Und hier muss man sagen, brilliert einmal mehr ein umwerfender Michael Shannon. Unter der Regie von Nichols geht der Gute richtig auf und zeigt sich auch in den ruhigeren Momenten von unglaublicher Intensität. Aber Shannon funktioniert in „Midnight Special“ nur so gut, weil er einen ebenbürtigen Partner hat: Jaeden Lieberher, der kleine Junge, der schon Bill Murray in „St. Vincent“ Paroli geboten hat, weiß sich auch gegen Shannon durchzusetzen. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass Nichols ihm eine perfekte Rolle auf den Leib „geschneidert“ hat: Lieberher muss eigentlich nicht viel tun und ist trotzdem durchgehend ein faszinierendes Mysterium für uns. Warum trägt dieser Junge immer eine Taucher-Brille? Woher stammen seine merkwürdigen Fähigkeiten? Was wird passieren, wenn er mit seinem Vater am Tag X an Stelle Y aufschlägt? Wird die Welt untergehen? Wird er nach Hause telefonieren? Was wird geschehen?

All diese Fragen verkörpert der junge Lieberher – und all diese Fragen tragen halt dazu bei, dass „Midnight Special“ ein wirklich spannender und faszinierender Film ist. Adam „Kylo Ren“ Driver, Kirsten Dunst und auch Joel Edgerton geraten dabei fast ein bisschen in den Hintergrund, auch wenn sie wichtige Bestandteile der Story sind, kümmert sich Nichols nicht so sehr um sie wie um seine beiden Hauptcharaktere. Diese Nebendarsteller treiben nur die Story voran, aber gut… immerhin tun sie das mit Bravour und tragen so ihren Teil zu einer wirklich spannenden Geschichte bei.

„Midnight Special“ ist ein ruhiger Film, der ohne viel Action und Spektakel dennoch in der Lage ist, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Denn, wie schon gesagt, Jeff Nichols spinnt hier gekonnt sein Netz aus Andeutungen und Versprechungen, das – wenn es am Ende fertig ist – einen einfach nur sprachlos zurücklässt. Und ganz ehrlich: „Midnight Special“ ist einer dieser Filme, den man wirklich mehrmals gucken kann.

Wertung: 8 von 10 Punkten (wunderschönes, ruhiges Mystery-Märchen mit dem wohl am zufälligsten ausgewählten Titel überhaupt – und schon da fängt das Mysterium „Midnight Special“ an)

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4 Kommentare leave one →
  1. 2. März 2016 09:12

    Den wollte ich auch sooo gern sehen! Läuft hier leider nicht mehr…

    • donpozuelo permalink*
      2. März 2016 09:34

      Der lief selbst bei uns in Berlin ziemlich schnell nur noch in den Spätvorstellungen. Wie gesagt, ich find’s echt schade für Jeff Nichols, der wirklich ein toller Drehbuchautor und Regisseur ist.

  2. 10. März 2016 22:51

    War schon nach dem Trailer sehr gespannt auf den Film – jetzt noch mehr. 🙂 Take Shelter fand ich aber auch wahnsinnig stark und das Ende extrem bitter.

    • donpozuelo permalink*
      11. März 2016 08:52

      Oh ja, „Take Shelter“ war wirklich stark… hast du „Mud“ eigentlich mal gesehen? Der ist auch wirklich toll… geht aber in eine andere Richtung als „Take Shelter“.

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