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Random Sunday #89: Die Unglückseligen

18. September 2022

Meine „22 Bücher für 2022“-Liste ist auch viel von anderen Leuten inspiriert worden… wofür ich unendlich dankbar bin. So habe ich ja zum Beispiel Octavia Butler und „Kindred“ für mich entdeckt. So habe ich dann jetzt auch wieder eine neue Autorin kennengelernt… dieses Mal dank Stefanie a.k.a. Miss Booleana, die in einem Artikel von Thea Dorns „DIE UNGLÜCKSELIGEN“ schwärmte, gleichzeitig aber auch klarstellte, dieser Roman wäre „sprachlich etwas fordernd und unter Umständen ermüdend, aber lohnenswert […]“. Die Geschichte klang spannend genug, also wagte ich den Sprung ins kalte Wasser (was die Figuren in Dorns Buch zu einem bestimmten Zeitpunkt ja auch tun…) und kaufte mir diese Unglückseligen. Schon im Prolog erkannte ich, was Stefanie meinte… aber schon der Prolog hatte mich auch von diesem Buch überzeugt und vor allem von der Sprachgewandtheit einer Thea Dorn.

Johanna Mawet ist Molekularbiologin, die mit Hilfe von Zebrafischen und Mäusen daran forscht, die Unsterblichkeit zu entdecken. Was sie stattdessen findet, ist ein Mann, der die Unsterblichkeit scheinbar schon längst erreicht hat. In einem Supermarkt stolpert sie über Johann Wilhelm Ritter, einen Physiker (den es tatsächlich gegeben hat), der 1776 geboren wurde und seinerzeit die UV-Strahlung entdeckte und den ersten Akku erfand. Johann wird für Johanna zum neuen Forschungsobjekt, während der versucht, Johanna und ihren Wunsch nach der Unsterblichkeit zu verstehen. Interessant wird das Ganze durch einen dritten Erzähler, der sich auch immer wieder direkt an uns Leser wendet… und möglicherweise der Teufel sein könnte.

Thea Dorn jongliert in „Die Unglückseligen“ mit drei Schreibweisen… Johanna ist unserer Welt angesiedelt, also kann man ihr noch am ehesten folgen, auch wenn sie – da sie in den USA forscht – gerne dazu übergeht, ins Denglisch zu verfallen. Manchmal sind auch ganze Passagen einfach auf Englisch, weil das für Johanna einfach die Normalität ist. Dann haben wir Johann mit seiner sehr geschwollenen, alt-deutschen Redeart, die dann doch manchmal allein wegen der Wortstellungen in einem Satz wirklich etwas anstrengend sein kann. Nichts ist das aber im Vergleich zu unserem Teufel, der selbst Johanns Sprache noch einen draufsetzt. Da muss man sich bei „Die Unglückseligen“ wirklich drauf einstellen, dass man sprachlich so gefordert wird… aber man wird dafür auch einfach mit einer absolut faszinierenden Erfahrung belohnt. Thea Dorn beweist eine Sprachgewandtheit, die wirklich einfach nur schön ist. Sie durchläuft hier alle Phasen der deutschen Sprache und verpackt das Ganze dann noch in einen Mix aus Wissenschafts-, Science-Fiction- und Fantasy-Roman.

Johanna ist in diesem Fall für die Wissenschaft und auch für Sci-Fi verantwortlich. Sie durchläuft in diesem Roman auch die größte und interessante Wandlung: von der knallharten Forscherin, die alles durch Zahlen und Fakten belegen will hin zu einer Frau, die sich von Dingen leiten lässt, die mit Wissenschaft nichts mehr zu tun haben. Sie gerät in ihrem „Wahn“, Unsterblichkeit zu entdecken, in einen Strudel aus Verzweiflung und Selbstzweifeln, die natürlich eng mit dem Mysterium rund um Johann verknüpft sind. Johanna ist dabei wirklich eine faszinierende Figur, die Thea Dorn hier gekonnt über Sterblichkeit, Tod und Unsterblichkeit diskutieren lässt… und dabei auch die verschiedenen Varianten aufbröselt, die mittlerweile schon (theoretisch) genutzt werden können. Da gibt es eine witzige, aber auch sehr clevere Einlage auf einer Convention für Unsterblichkeitsforschung, bei der alle Theorien breit diskutiert werden. Diese wissenschaftlichen Aspekte bereichern diese Geschichte ungemein und machen sie gleichzeitig auch sehr greifbar.

Der Fantasy-Aspekt kommt durch den seit über 200 Jahre lebenden deutschen Physiker. Johann mochte ich, auch wenn er als Figur im ersten Augenblick etwas komisch wirkt. Warum ist jemand, der durch die Jahrhunderte gewandert ist und so viel erlebt hat, nicht mehr in unserer Gegenwart angekommen? Warum hält er Apple für den „Apfelbund“ (fand ich lustig)? Warum kann er mit Laptops und den modernen Errungenschaften irgendwie nichts anfangen, obwohl er doch viel länger als Johanna mit diesen Dingen schon konfrontiert wird? Natürlich um den Kontrast zwischen ihm und Johanna deutlicher zu machen. Um einfach auch eine andere Perspektive auf unser Leben und auf die Frage nach der Unsterblichkeit zu bringen. Man kann das auf jeden Fall auch kritisieren, aber Johann ist eine Figur, die eher in seiner eigenen Zeit gefangen ist, weil sie mit ihr mehr verbindet… und er fürchtet diese Fortschritt ja irgendwo auch, weil er diese Unsterblichkeit (die nie wirklich so zu hundert Prozent erklärt wird, was ich super finde) nie wollte.

Thea Dorn bringt diese beiden Figuren gekonnt zusammen, wechselt sich in den Kapiteln immer mal wieder ab, deren Perspektiven aufzuzeigen und schafft so wirklich ein aufregendes (auch sprachlich aufregendes) Leseerlebnis.

Richtig begeistert war ich von diesem dritten Erzähler, dem Teufel, der das alles kommentiert, die vierte Wand durchbricht und auch uns direkt anspricht. Dabei liefert er uns neue Einblicke… und mit dieser Figur bringt Thea Dorn eine grandiose Art der Religionskritik mit ins Spiel, die ich einfach nur super fand.

Ja, „Die Unglückseligen“ ist eine Herausforderung, aber nachdem ich mich voll und ganz drauf eingelassen hatte, konnte ich dieses Buch kaum aus der Hand legen. Die Figuren sind stark, die Geschichte umfasst so viele interessante und spannende Themen und – wie schon häufig jetzt erwähnt – Dorns Sprache ist einfach mal was ganz anderes. Fordernd, aber auch extrem belohnend.

4 Kommentare leave one →
  1. 19. September 2022 15:54

    Yay, klasse, dass du dich darauf eingelassen hast 😀 Und dass es dir gefallen hat. Hab ja glaube ich schon mal erzählt, dass es auch als Buchclub Buch bei uns auf mein Anraten gewählt wurde und wegen der fordernden Sprache und manchen mangelnden Antworten bei den anderen Lesenden gnadenlos durchgefallen ist. Noch heute bekomme ich zu hören „dieses schreckliche Thea Dorn“ Buch… dabei fand ich bspw. wie du die Unsterblichkeits-Convention so klasse. War die nicht sogar in Theaterstück-Form geschrieben? Total interessant.
    Und was der dritte Erzähler zu berichten hat auch. Irgendwie eine arge Dekonstruktion faustischer Pakte usw.

    • donpozuelo permalink*
      20. September 2022 19:32

      Ja, das Theaterstück war super… und dieser Erzähler war auch toll. Und der ganze Rest auch. Klar, schon sehr fordernd, aber man hat echt auch was dafür bekommen. Spannende Charaktere und einfach mal vom Lesefluß her was ganz anderes.

      Also im Gegensatz zu deinem Buchclub bin ich dir sehr dankbar für „dieses wunderbare Thea Dorn Buch“. Deine Leute im Buchclub wissen einfach gute Kunst nicht zu schätzen 😅🙈

  2. 24. September 2022 15:08

    Danke für die Erinnerung, habe ich auf der Liste seit ich die begeisterte Rezension von Miss Booleana las. Wird Zeit das ich mir das endlich mal besorge 🙂

    • donpozuelo permalink*
      25. September 2022 19:48

      Mach das unbedingt. Der Roman ist wirklich sehr toll. Ich bin jetzt gerade bei „Frankissstein“, nach deiner Empfehlung… und habe heute die ersten hundert Seiten direkt in kürzester Zeit weggesuchtet… tolles Buch.

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