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Mamas kleines Lämmchen

16. September 2022

2022 ist das Jahr von Sjón… und gleichzeitig das Jahr, in dem ich mir den Namen Sjón auch definitiv merken werden. Sjón ist ein Autor aus Island, der 14 Bücher geschrieben hat, Verfasser von mehreren Gedichten und Theaterstücken ist und in Island offensichtlich wirklich eine große Nummer ist. Ich habe mir mittlerweile zwei Bücher von ihm gekauft, aus dem einfachen Grund, dass mir zwei seiner Werke in diesem Jahr echt gut gefallen haben. Zum einen war Sjón mitverantwortlich für das Drehbuch von „The Northman“, das er gemeinsam mit Regisseur Robert Eggers verfasst hat, zum anderen hat er auch am Drehbuch zu „LAMB“ mitgeschrieben – einen Film, den ich Anfang des Jahres im Kino verpasst und jetzt endlich nachgeholt habe. Und „Lamb“ war eine Geschichte, die mich wider Erwarten komplett verzaubert, verzückt und geschockt hat.

Maria (Noomi Rapace) und ihr Mann Ingvar (Hilmir Snaer Gudnason) leben auf einer Farm mitten in der wilden Natur von Island, wo sie ihre Schafe hüten. Zu Weihnachten kommt es dabei zu einem merkwürdigen Wunder… eines der Schafe gebiert ein junges Lämmchen, das etwas anders ist als die gewöhnlichen Lämmer. Dieses Lamm ist nämlich ein Mensch-Lamm-Hybrid, mit dem Körper eines Menschen und dem Kopf (und auf einem Arm) eines Lamms. Für Maria und Ingvar scheinbar was total Normales, weil sie nehmen dieses „Geschenk“ einfach an und ziehen das Lämmchen als ihr Kind auf.

Sjón hat in seinen Geschichten offensichtlich einen Faible für zwei Dinge: Island (was niemanden verwundern dürfte) und etwas Magisches. Ob hinter der Geschichte des Lamm-Menschen vielleicht eine alte Sage oder ähnliches steckt, weiß ich nicht, aber es ist eine irgendwie echt süße und putzige Geschichte. Was auch sehr viel daran liegt, wie normal mit diesem besonderen Lamm umgegangen wird und das man den Lammkopf per CGI auf ein normales Kind gesetzt hat… was manchmal etwas lustig aussieht, aber so die Bewegungen, wenn das Lämmchen läuft oder gerade die großen Kuller-Augen – das zieht einen irgendwie schon in seinen Bann.

Dabei dachte ich zu Beginn von „Lamb“ noch, dass das möglicherweise nicht mein Film werden würde. Zu lange war ich ein Mann, der Lämmer starrte, die einfach im Stall Heu fressen, die selbst in der Gegend rumstarren. Oder ich war ein Mann, der einem Ehepaar dabei zusah, wie sie (meist) stumm, ihrem Alltag nachgehen. Oder ich war ein Mann, der bewundernd die schönen Landschaftsaufnahmen von Kameramann Eli Arenson anstarrte und sich einmal mehr dachte: „Nach Island müsste man mal reisen.“. Hauptsächlich besteht die erste Hälfte von „Lamb“ nur aus diesen Bildern Islands und Schafen. Und eben dem Ehepaar Maria und Ingvar. Was vielleicht den ein oder die andere langweilen könnte, aber mich hat es in den Bann gezogen.

Dazu greift dann natürlich das Drehbuch von Sjón und die schauspielerischen Leistungen von Noomi Rapace und Hilmir Snaer Gudnason. Sjóns Drehbuch erzählt die Geschichte eines trauernden Ehepaars, was einem aber nie offensichtlich ins Gesicht gehauen wird, sondern einfach so nebenbei aufgelistet wird. Woher sonst haben die auf einmal eine kleine Krippe? Woher könnten sonst die Kindersachen passen? Woher sonst könnte diese bedingungslose Liebe zu diesem Wesen kommen? Rapace und Gudnason behandeln das Ganze hier auf eine sehr gefühlvolle Art und Weise und spielen sich dabei subtil und auch offensichtlich die Seele aus dem Leib – ohne das „Lamb“ jetzt eine tour de force wäre. Es ist eine liebevolle Familiengeschichte, die mit dem Auftauchen des Bruders (Björn Hlynur Haraldsson) etwas verzwickter wird. Die manchmal sehr bittere Töne anschlägt, wenn Mama Maria sich zum Beispiel von Mama Lamm bedroht fühlt, oder wenn der Bruder ihres Mannes mit dem Lamm nicht klar kommt oder oder oder… kleine Konflikte bauen sich immer wieder auf und schlagen dann mit so einer emotionalen Wucht ein, dass ich hier und da echt den Atem angehalten habe.

„Lamb“ hätte mir an vielen Stellen echt zu artsy sein können, aber Regisseur Vladimar Jóhannsson hat die Geschichte fest im Griff und damit auch mich. Dieser rührende Mix aus Fantasy und Familiendrama hat mich einfach von Anfang an eingenommen. Das Schauspiel ist wunderbar, die Bilder sind wunderbar, die emotionalen Momente reißen einem teilweise echt den Boden unter den Füßen weg… das Ende hat mich nur fertig gemacht. Der Anfang ist etwas schleppend, aber ich wurde mehr als nur belohnt für meine Geduld.

Wertung: 9 von 10 Punkten (einer der ungewöhnlichsten und schönsten Filme des Jahres)

2 Kommentare leave one →
  1. 16. September 2022 10:43

    Was für ein fantastischer Film! Das Ende kam zwar etwas unvermittelt… aber wirklich schön. Konnte den im letzten Jahr auf dem Fantasy Filmfest sehen und wäre im Anschluß auch gerne sofort nach Island gereist.

    • donpozuelo permalink*
      18. September 2022 13:53

      Ja, nach dem Film hat man schon direkt Lust, Island besuchen zu gehen. Nur vor Lämmern und ihren Vätern würde ich mich zurückhalten 😀

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