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Be my victim!

30. August 2021

Ich habe den neuen „Candyman“ von Nia DaCosta ja geguckt, ohne das Original zu kennen und war doch ziemlich enttäuscht von dem Film. Nichtsdestotrotz wollte ich dem ersten Film eine Chance geben… und so war ein Kollege dann auch freundlich genug mit „CANDYMAN“ von 1992 auszuleihen, oder wie er bei uns heißt „CANDYMAN’S FLUCH“. Und ich gestehe, nach der neuen Version bin ich eher vorsichtig an diesen Film herangegangen und habe nicht wirklich viel davon erwartet. Womit ich nicht gerechnet hätte, war, wie sehr mich dieser erste „Candyman“ gefesselt und in seinen Bann gezogen hat. Und jetzt wo ich das Original gesehen habe, tut mir das neue Sequel dazu irgendwie direkt noch mehr weh.

Doktorandin Helen Lyle (Virginia Madsen, tatsächlich die Schwester von Michael Madsen) stößt bei ihren Interviews über urbane Legenden auf die des Candyman, der angeblich im Problembezirk Cabrini Green wütet. Wer seinen Namen fünfmal vor einem Spiegel sagt, dem erscheint der Candyman. Ein Freund ihres Mannes erzählt ihr später die tragische Geschichte von Daniel Robitaille, Sohn eines Sklaven, der sich als Künstler etablierte, sich in eine Weiße verliebte und dafür von deren Vater in einem Lynchmob verstümmelt und durch Bienen getötet wurde. Helen ist fasziniert von diesem Mythos und erforscht ihn… und sagt auch fünfmal den Namen „Candyman“ vorm Spiegel – und tatsächlich erscheint ihr irgendwann der Candyman (Tony Todd) – und Helen verliert sich in einem Strudel des Wahnsinns.

Und dieser Wahnsinn ist großartig. Wow, ich bin ja wirklich platt, wie gut der originale „Candyman“ ist. Meine Güte. Das Ganze fängt erstmal an wie eine Detektiv-Geschichte, bei der Helen verschiedenen Indizien nachgeht und den Kern des Candyman-Mythos erforscht. Dabei schafft es dann Regisseur Bernard Rose auch wesentlich besser, die sozialen Probleme solcher Bezirke in den Mittelpunkt zu stellen. Natürlich ist das hier vorwiegend aus einer „weißen“ Perspektive, aber es verfehlt dennoch nicht seine Wirkung. Wenn Helen dann den Candyman selbst ruft, wird aus dem Film aber auch ein echt spannender Psycho-Thriller, weil Helen wie besessen vom Candyman wird und sich selbst nicht mehr an bestimmte Morde erinnern kann, für die sie aber am Ende verantwortlich gemacht wird. Der Sturz in den Wahnsinn ist im originalen „Candyman“ wesentlich deutlicher spürbar und besser umgesetzt als in der neuen Fassung.

Und an dieser Stelle müssen wir mal zum Candyman selbst kommen. Im neuen Film ist er einfach keine richtige Persönlichkeit. 1992 wird er es aber – dank Tony Todd. Meine Güte, dieser Mann hat eine Ausstrahlung, das ist der Hammer. Das erste Mal sehen wir ihn einfach nur in einem Parkhaus… im langen Mantel, die Arme verschränkt, still und doch so unendlich bedrohlich. Wenn er dann mit seiner tiefen, tiefen Stimme von Helen fordert, „Be my victim!“, jagt das nicht nur Helen Angstschauer über den Rücken. Tony Todds Candyman ist eine grandiose Mischung aus Freddy Krueger (denn auch Todds Kills in diesem Film sind ziemlich blutig und brutal), Dracula (in Form eines mysteriösen Fremden, dessen Zauber man sich nicht entziehen kann) und dem Phantom der Oper. Tony Todds Candyman ist faszinierend und Atem beraubend – und Todd verkörpert dieses Wesen so unglaublich gut. Auch seine ganze Geschichte wird im Original wesentlich greifbarer – und gerade zum Ende hin, wenn sich einem als Zuschauer alles offenbart, wird die Figur des Candyman richtig tragisch und bedrückend. Was sie auch vorher schon in Form von Daniel Robitaille gewesen… aber selbst als unheimlicher Racheengel fühlt man eine Anziehung zu diesem Charakter. Unglaublich, wie gut Tony Todd ihn hier einfach darstellt.

„Candyman“ von 1992 ist gut geschrieben, atmosphärisch durch und durch – ohne dabei auch nur eine Pause einzulegen. Wenn der Film erstmal anfängt, ist man gefangen. Dieser grandiose Mix aus Thriller, brutalem Horror und Gesellschaftskritik ist einfach nur grandios und funktioniert auf allen Ebenen so viel besser als in der neuen Fortsetzung.

Ich bin wirklich baff… „Candyman“ ist wirklich ein Horror-Klassiker, den man gesehen haben muss. Ein Film, der kein bisschen gealtert ist und nichts von seiner Faszination verloren hat.

Wertung: 10 von 10 Punkten (eine Perle des Genres, die mehr Aufmerksamkeit verdient hat)

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