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Du bist, was du isst

6. Januar 2012

Es ist ein fieses Dilemma, in dass der Film „Wir sind, was wir sind“ einen Rezensent bringt. Auf der einen Seite könnte man eine Rezension schreiben, bei der man nur ein Wort weglässt und damit den Leser und möglichen Zuschauer hinters Licht führt. In gewisser Weise wäre dieses Nicht-Wissen ein Segen, denn dann würde man diesen Film mit ganz anderen Augen wahrnehmen. Außerdem würde man mögliche Erwartungen, die bei der Nennung diesen einen Wortes aufkommen, im Keim ersticken. Auf der anderen Seite könnte man diesen Wort auch einfach nennen, man könnte alles an diesem einen Wort aufziehen.

Ich habe mich entschieden, dieses eine Wort vorerst nicht zu verwenden. Zumindest werde ich es versuchen (natürlich wird es nur denen etwas nützen, die den Film nicht kennen!).

„Wir sind was wir sind“ ist ein Film des Mexikaners Jorge Michel Grau. Dabei geht es um eine ganz normale Familie – Mama, Papa und die drei Kinder Sabina, Alfredo und Julian. Die Familie hält sich mit einer kleinen Uhrmacherwerkstatt über Wasser – mehr schlecht als recht. Schlimm wird es, als der Vater plötzlich stirbt und seine Familie allein zurücklässt. Die Frage, wer sich jetzt um die Familie kümmert, kommt auf… Alfredo soll sich um die Familie sorgen, Essen auf den Tisch bringen, aber der Junge hat Schwierigkeiten, mit dieser neuen Aufgabe umzugehen.


Na, klingt so, als wäre „Wir sind was wir sind“ ein stinknormaler Film. Ein Drama darüber, wie eine Familie, vom Schicksal getroffen, zusammenwächst. Dieser Aspekt des Films ist auch sehr wichtig, leider wird er nicht vollständig genutzt. Das liegt zum größten Teil daran, dass die Figuren weitestgehend oberflächlich bleiben. Grau gewährt uns kaum einen Blick auf die Personen. Was sind Alfredos größte Sorgen? Wie fühlt sich der Junge als neuer Vater-Ersatz? Genauso wenig erfahren wir mehr darüber, wie die Mutter mit der Situation umgeht. Es gibt zwar hier und da mal einen Streit zwischen Mutter und Alfredo, aber so richtig tiefgründig wird das alles nicht.

Und der Grund dafür liegt auch ein wenig darin, dass sich Regisseur Grau zu sehr an diesem Thema aufhält, welches ich bis jetzt noch nicht genannt habe. Nur leider merke ich selber gerade, dass ich nicht viel weiter komme, deswegen werde ich das Wort einfach sagen: Kannibalismus.

Ja, richtig. „Wir sind was wir sind“ möchte Familiendrama mit Horrorfilm mischen und macht aus der kleinen Familie eine Gruppe Menschenfresser, die ohne Daddy jemand Neues brauchen, der Futter besorgt. Die Möglichkeiten, die diese Zusammenstellung bringt, erscheinen schier endlos… nur leider kann sich Grau nicht für eine entscheiden.

Möglichkeit Nummer 1: Fieser Horror-Streifen

Horror lässt Grau eigentlich fast ganz weg. Es wird nicht wirklich gruselig oder gar eklig. Zwar gibt es auch ohne den Vater ein paar Opfer, aber es passiert nichts. Wer gruselige Menschenfresser-Familien haben möchte, der sollte dann doch lieber bei „The Texas Chainsaw Massacre“ bleiben. Den Horror-Faktor nutzt Grau nicht aus.

Möglichkeit Nummer 2: Bitterböse Komödie

Daran hatte ich eigentlich als erstes gedacht, als ich von „Wir sind was wir sind“ erfahren habe. Man hätte mit Sicherheit eine saukomische oder höchst ironische Geschichte erzählen können. Entweder so richtig abgefahren wie bei „Shaun of the Dead“ oder vielleicht mit etwas mehr Gesellschaftskritik. Aber auch diese Möglichkeit schöpft Regisseur Grau nicht aus. Es gibt keine komischen Momente in „Wir sind was wir sind“.
Möglichkeit Nummer 3: Tragisches Drama

Im Film ist immer wieder die Rede von einem Ritual, das durchgeführt werden muss (nur erfahren wir nie, was das ist). Zudem werfen die Kinder ihrer Mutter im Verlauf des Films immer wieder vor, dass sie dank der elterlichen Erziehung nie eine andere Wahl gehabt hätten. Wenn man gewollt hätte, wäre „Wir sind was wir sind“ vielleicht auch ein gutes, wenn auch merkwürdiges Coming-of-age-Drama geworden. Aber wie ich schon sagte, die Figuren bleiben zu oberflächlich, als das so etwas funktionieren könnte.

Ihr seht also, „Wir sind was wir sind“ tut sich schwer, eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Und genau das stört: keine klare Richtung! In meinen Augen etabliert sich „Wir sind was wir sind“ damit als erster Film, der tatsächlich ein Remake verdient hätte. Dann aber bitte jemand, der sich eine Möglichkeit aussucht.

Wertung: 3 von 10 Punkten (eine grandiose Idee, aber lausig umgesetzt)

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4 Kommentare leave one →
  1. Flo Lieb permalink
    6. Januar 2012 15:57

    Jop, ich fand den auch nicht sonderlich gelungen.

    • donpozuelo permalink*
      6. Januar 2012 21:53

      Das ist ja noch nett ausgedrückt 😉

      Idee ist zwar super, aber der Rest halt nicht.

  2. 10. Januar 2012 19:44

    Zu dem musste ich vor einigen Monaten auch eine Rezension schreiben und war ob der Unmöglichkeit, ihn in ein Genre einzuordnen, der Verzweiflung nahe. Am Ende funktioniert er aber weder als Drama noch als Horrorfilm, da geb ich dir recht. Ich fand ihn noch dazu einfach nur stinklangweilig 🙂

    • donpozuelo permalink*
      10. Januar 2012 20:38

      Stinklangweilig trifft’s irgendwie 😉 Was halt echt daran liegt, dass sich der Film selber nie für ein Genre so richtig entscheiden kann.

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