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Filmreise Etappe #5: Unschuldig hinter Gittern

4. Oktober 2019

Für die fünfte Etappe der Filmreise-Challenge musste ich wirklich nicht lange überlegen. Da ging es für mich sofort nach Indien. Immerhin habe ich meine Magisterarbeit über Bollywood-Filme geschrieben… und ich wollte schon seit langem mal wieder einen dieser Filme gucken. Mittlerweile sind genau 10 Jahre seit dieser Arbeit vergangen, also wollte ich diese Challenge dafür nutzen, den allerersten Bollywood-Film, den ich je in meinem Leben gesehen habe, noch einmal zu schauen… was ich dann auch gemacht habe.

In „Veer und Zaara – Die Legende einer Liebe“ beschäftigt sich die junge Anwältin Saamiya (Rani Mukerji) in ihrem allerersten Fall mit dem Gefangenen Nummer 786, der seit 22 Jahren im Gefängnis sitzt und kein Wort sagt. Saamiya schafft es aber natürlich, ihn zum Reden zu bringen… und so erzählt er ihr seine Geschichte, die Geschichte davon, wie der Inder Veer (Shah Rukh Khan) die Pakistanerin Zaara (Preity Zinta) kennen lernt, wie er ihr dabei hilft, die Asche ihrer Ziehmutter würdig zu bestatten, wie er ihr sein Dorf zeigt und wie sie sich in einander verlieben… und das obwohl Zaara in Pakistan bereits einem anderen versprochen ist. Und schlussendlich kommt auch ans Licht, warum Veer seit 22 Jahren stumm im Knast festhockt.

Ich habe mich immer lustig gemacht über Bollywood-Filme. Die Schwester meiner damaligen Freundin hat die immer geschaut und dabei Rotz und Wasser geheult. Ich fand es irgendwann so lustig, dass es ich spaßeshalber meinem Professor als Thema für meine Abschlussarbeit vorgeschlagen habe… was er gut fand und weswegen ich mich auf einmal gezwungen sah, zehn verschiedene Filme zu analysieren. Ich war skeptisch… bis zu meinem ersten Film, bei dem ich dann am Ende selbst Rotz und Wasser geheult habe (ein Phänomen, das sich bei einigen anderen der Filme wiederholte – und nein, ich nenne hier jetzt keine Zahlen).

Bollywood – daran muss man sich etwas gewöhnen, daran muss man sich auch einlassen. Das ist schon eine andere Welt. „Veer und Zaara“ ist dafür aber tatsächlich ein ziemlich guter Einstieg… da der Film wirklich eine gute Mischung aus allem bietet.

Die erste Hälfte der drei Stunden ist klassisches, knallbuntes Kino mit viel Gesang und Tanz und einem Indien, in dem es keine Probleme sonst welcher Art gibt. Wenn Veer Zaara „sein Indien“ zeigt, sehen wir fröhliches Landvolk, die den ganzen Tag in der Sonne chillen und Spaß haben. Hier zeigt sich dann schon ganz deutlich: Bollywood ist Eskapismus pur (gerade für ein indisches Publikum). Wer das richtige Indien sehen will, ist bei diesen Filmen am falschen Ort. Das ist das perfekte Indien, der Traum, so wie es sein sollte… ein Traum, in dem eine Frau einem alten Mann direkt ins Gesicht sagen kann, dass er eine Schule für Mädchen bauen soll – und er das dann auch macht. Ein Traum, in dem es keine Schwierigkeiten zwischen Indien und Pakistan oder zwischen den Religionen gibt (schließlich ist Veer Hindu und Zaara Muslima).

Aber das hat halt auch einfach irgendwie was. Schöne Menschen tanzen in schöner Kulisse zu Musik und alles ist gut. Das macht irgendwie Spaß, ist erholsam, weil man sich einfach berieseln lassen kann. Das ist wirklich wie ein kleiner romantischer Kurzurlaub… der jedoch nach der Intermission (fast alle dieser Filme sind mit Intermission) zu einem Alptraum wird.

In der zweiten Hälfte kommt dann nach der Komik und der Romantik das große Drama (natürlich auch verbunden mit Romantik, aber mit weniger Gesang und Tanz). Was mich hier (und auch bei vielen der anderen Filme) immer wieder beeindruckt, sind die Werte, die hier vermittelt werden. Meine Güte, wenn wir nur Menschen mit solchen Wertvorstellungen hätten, wäre die Welt wahrhaftig ein Paradies. Veers Ehrenkodex ist so enorm stark, das er eben auch freiwillig ins Gefängnis geht. Da bekommen wir dann unser Gerichtsdrama mit aufwühlenden Reden und dem Kampf Frau (Saamiya) gegen das System. In ihren Filmen können die Inder dann richtig modern sein… aber das ist auch nur ein schöner Eskapismus.

„Veer und Zaara“ liefert so in seinen über drei Stunden ein Komplettpaket aus Komödie, Romanze, Gerichtsdrama, Politthriller (nur in leichten Ansätzen) und Musical. Er ist dabei wunderbar kitschig (aber noch längst nicht so kitschig wie andere Vertreter seiner Art). Die Darsteller haben eine tolle Chemie, Shah Rukh Khan beweist sich als König des intensiven Guckens und des Haare-zurück-Legens. „Veer und Zaara“ ist schon typisch Bollywood, aber doch mit einer etwas ernsthafteren Note am Ende.

Wertung: 8 von 10 Punkten (nach zehn Jahren hat es mich doch direkt wieder erwischt… danke Filmreise Challenge 😛 )

6 Kommentare leave one →
  1. 4. Oktober 2019 11:47

    Oh Mann Bollywood. Darauf muss man sich in der Tat einlassen. Eine Voraussetzung, die mir bis heute nicht gelungen ist 😀
    Irgendwie ist dein Stil bei diesem Beitrag anders. Keine Ahnung woran das liegt 😉

    • donpozuelo permalink*
      4. Oktober 2019 11:54

      Hahahaha… ich weiß auch nicht, woran es liegen könnte. Möglicherweise ist das Thema doch persönlicher als sonst 😅

  2. 8. Oktober 2019 14:06

    Und jetzt kommt der große Rundrum-Rewatch inklusive Besprechungen? 😉

    • donpozuelo permalink*
      8. Oktober 2019 15:03

      Hahahaha… ich habe tatsächlich schon drüber nachgedacht. Vielleicht mache ich das sporadisch. Sind ja doch sehr zeitaufwändige Filme.

  3. 17. Oktober 2019 21:00

    Ach Mensch … den habe ich auch irgendwann mal geschaut, als das deutsche Free-TV (insbesondere RTL II) einen extremen Bollywood-Hype hatte. Ist das nicht der, wo der Film die halbe Lebensgeschichte der Charaktere erzählt? Noch viele Jahre nach ihrem ersten Treffen? Ich war damals unglaublich fasziniert davon, dass die Männer dort so ihre Gefühle rauslassen, weinen, alle tanzen und dachte immer, dass das echt ne ziemlich andere und geschönt-verkitschte Welt ist. Aber diesem unheimlichen Gefühlskarussell kann man sich irgendwie auch nicht entziehen, wenn man einmal damit angefangen hat. Hat man erstmal gefühlte sechs Stunden die Lebensgeschichte von denen mitverfolgt, dann ist man „drin“.

    Und was ich damals auf RTL II auch noch gelernt habe: Shah Rukh Khan spielt in allen Bollywood-Filmen mit .. oder?? Wie siehst du das mit dem Abschlussarbeits-Thema eigtl heute? Würdest du heute was anderes nehmen?

    • donpozuelo permalink*
      18. Oktober 2019 08:20

      Shah Rukh Khan spielte gerade in den 90ee und 00er Jahren in gefühlt jedem Film mit. Das stimmt schon. Der war damals einfach der heißeste Star, den sie hatten. Mittlerweile dürfte sich das alterstechnisch sicherlich etwas gelegt haben, aber „groß“ ist er immer noch.

      Du… die erzählen in jedem Film ihre komplette Lebensgeschichte 😅 deswegen sind die ja auch so lang.

      Ich habe nach diesem Film in meiner Magisterarbeit geblättert. Heute würde ich vielleicht eher auf die Darstellung der Charaktere gehen. Das ist noch sehr viel interessanter, weil die so viele Stereotype haben, die so viele verschiedene Ansichten vertreten.

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