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Random Sunday #19: Slaughterhouse-Five

6. Oktober 2019

Meine Mama liest fast nur Krimis, mein Vater eigentlich nur Sachbücher… mein bester Freund liest auch nur Non-Fiction (oder den ein oder anderen Comic, den ich ihm mal empfehle), ich war eine Zeitlang nur auf Horror fixiert. Bis mir das irgendwann langweilig wurde – gerade weil zu viel Genre-Wissen einem einfach die Überraschung nimmt. Du weißt mehr oder weniger, was dich erwartet und es braucht schon einen sehr guten Autoren, um da noch etwas Neues zu liefern. Deswegen bin ich ganz froh, dass ich irgendwann mein Lese-Spektrum erweitert habe… um immer mal wieder was Neues zu erleben. Doch jetzt bin ich über ein Buch gestolpert, das mich wirklich umgehauen hat. Weil es wirklich was Neues, was Aufregendes und auch etwas sehr Bewegendes gewesen ist: Kurt Vonneguts „Slaughterhouse-Five, or The Children’s Crusade: A Duty-Dance with Death“.

„Listen: Billy Pilgrim has come unstuck in time.“

So beginnt die Geschichte des Soldaten Billy Pilgrim, die uns Vonnegut erzählt. Billy war Soldat im Zweiten Weltkrieg. Mehr mit Glück als Verstand hat er die Grauen des Krieges überlebt, wurde Kriegsgefangener und erlebte die Zerstörung Dresdens durch amerikanische Bomben im Februar 1945 mit. Später leidet er an seinen Erlebnissen im Krieg, schafft es dennoch zu heiraten und erfolgreicher Optiker zu werden. Doch Billy hat ein Problem: Er reist auf einmal durch die Zeit und erlebt Momente aus seinem Leben wieder… und damit nicht genug. Billy wurde außerdem noch von Außerirdischen entführt und in ihrem Zoo ausgestellt.

So auf dem Papier klingt „Slaughterhouse-Five“ nach einem sehr, sehr merkwürdigen Buch. Und ja, es ist auch sehr merkwürdig, aber gleichzeitig auch soooo unfassbar gut. Kurt Vonnegut schafft etwas mit Leichtigkeit, dass man bei dieser simplen Inhaltsangabe nicht vermuten würde: Er jongliert diese verschiedenen Genres perfekt. Es macht wirklich alles Sinn… und ist dabei einfach ein bewegendes Buch.

„Slaughterhouse-Five“ ist Science Fiction. Vor allem eben in Punkto Zeitreisen und Außerirdische. Die Außerirdischen geben Billy ein Gefühl von Zeit, das er vorher nicht hatte. Hier kommt ein ähnliches Konzept von zirkulärer Zeit zum Tragen wie bei „Arrival“. Der Tod bekommt hier eine ganz andere Bedeutung. Er wird bedeutungslos, denn nur weil jemand stirbt, ist er nicht fort. Er lebt zu anderen Momenten in der Zeit ja weiter. Daher wird jeder Todesfall im Buch auch lapidar mit einem „So it goes!“ kommentiert (und weil es hier immer noch um den Krieg geht, bekommt ihr das sehr oft zu lesen). Nach der Logik der Außerirdischen lässt sich nichts verändern, alles ist vorherbestimmt. In einem Gespräch mit einem Alien meint es zu Billy: „I’ve visited thirty-one inhabited planets in the universe, and I have studied reports on one hundred more. Only on Earth is there any talk of free will.”

„Slaughterhouse-Five“ ist ein Charakterdrama… die Geschichte eines Mannes, der einiges erlebt hat. Das Buch ist nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt. Ein kurzes Nickerchen von Billy in einem Wald in Deutschland kann ihn schon zu einem Ereignis in seiner Kindheit führen, in dem sein Vater ihn in einen Pool geworfen hat. Vonnegut liefert uns ein packendes Puzzle, bei dem wir die einzelnen Teile durch die Zeit verteilt suchen und zusammenfügen müssen. Billys Geschichte ist spannend – und das nicht nur, weil er Zeitreisender ist, der schon mal auf einem fremden Planeten gelebt hat.

„Slaughterhouse-Five“ ist ein Antikriegsbuch. Man darf das nicht vergessen und man wird es beim Lesen auch nicht vergessen. Bei all den verrückten Zeitreise-Geschichten und Aliens, die aussehen wie Klopümpel, die ihre Augen in ihren Händen tragen, ist „Slaughterhouse-Five“ ein beklemmender Bericht über den Krieg aus der Sicht eines Kriegsgefangenen am Ende des Kriegs. Billy erzählt von Kämpfen gegen die Deutschen, wie er schließlich unter menschenunwürdigen Umständen gefangengenommen und in einem Zugwaggon voller Mithäftlinge abtransportiert. Er berichtet von seiner Zwangsarbeit, von dem Feind, von seinen Sorgen. Auch wenn das Buch hier und da einen sehr albernen Ton hat, packt Vonnegut seinen Leser doch immer wieder mit diesen Berichten.

„Slaughterhouse-Five“ ist ein großartiges kleines Buch, das durch seinen Witz und seine Emotionen, durch seinen Hauptcharakter und seine wilden Reisen durch Raum und Zeit gut unterhält, aber auch sehr bedrückt und zum Nachdenken anregt.

12 Kommentare leave one →
  1. 6. Oktober 2019 11:19

    Falls Interesse besteht…. Das Buch wurde sogar schon mal verfilmt. Kenne ich nicht, soll aber gut sein 😊

    • donpozuelo permalink*
      6. Oktober 2019 11:34

      Dass es einen Film dazu gibt, wusste ich. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass der das Buch wirklich gut einfangen kann. Da bin ich echt etwas skeptisch… aber gucken würde ich ihn schon 😅

      • 6. Oktober 2019 14:29

        Käme auf den Versuch an. Bei Amazon steht der Film auf „derzeit nicht verfügbar“. Ist das jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen? 🤔

        • donpozuelo permalink*
          6. Oktober 2019 15:50

          Oder er ist zu alt und zu selten angefragt, das Amazon sich nicht groß drum kümmert

  2. 5. November 2019 20:27

    Uuuuh schöner Zufall (mal wieder). Habe mir das Buch vor ein paar Monaten gekauft als ich das erste Mal(!) von Vonnegut gehört habe und seinen Shapes of Stories (https://miss-booleana.de/2018/06/12/literarische-fundstuecke-vonneguts-shapes-of-stories/) – wobei er aus den Mustern mit dem Buch hier wohl gut ausgebrochen ist. Aber irgendwie flaute mein Interesse dann ab … hast du erfolgreich wieder geweckt. Den Teil mit den Aliens aus dem Klappentext hatte ich erfolgreich verdrängt …

    • donpozuelo permalink*
      5. November 2019 20:56

      Du darfst dich von den Aliens jetzt auch nicht verwirren oder gar abschrecken lassen. Die spielen jetzt keine so große Rolle. Sie sind nur Mittel zum Zweck… das Buch ist echt toll. Eines dieser Bücher, das man auch gerne mal öfter lesen kann.

      • 5. November 2019 20:58

        Nee im Gegenteil – ich bin wieder neugieriger. Ich hatte verdrängt, was ich an dem Buch so besonders und interessant fand. Und so fristete es erstmal ein Dasein auf dem SUB

        • donpozuelo permalink*
          5. November 2019 20:59

          Ach so… na dann, unbedingt lesen!!!

          (Was ist ein SUB?)

        • 5. November 2019 20:59

          Der „Stapel ungelesener Bücher“ 😉 Dass du den Begriff noch nicht kennst!?
          Wird bald aufgeholt! 😀

        • donpozuelo permalink*
          5. November 2019 21:10

          Aha… also mit dem nicht kleiner werdenden Stapel ungelesener Bücher bin ich mehr als nur vertraut… nicht jedoch mit der Abkürzung SUB. Aber sehr gut, merke ich mir jetzt 😀

        • 5. November 2019 21:22

          Hehe 😉 dachte ich mir doch, dass du auch so einen SUB hast

        • donpozuelo permalink*
          5. November 2019 21:29

          Oh ja…

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