Zum Inhalt springen

Trennung auf Schwedisch

2. Oktober 2019

Ari Aster hat – in meinen Augen – mit „Hereditary“ letztes Jahr einen der besten Horror-Filme seit Jahren gedreht und damit auch direkt ein beeindruckendes Spielfilm-Debüt hingelegt. Und wie es immer so ist, wenn Jemand mit einem Meisterwerk aus dem Nichts auftaucht, sind die Erwartungen an den Nachfolger umso größer. Das ist einfach so… als dann irgendwann der erste Trailer zu Asters zweitem Film „Midsommar“ rauskam, war ich aufgeregt und habe mich sehr auf diesen Film gefreut. Nachdem ich den Film jetzt gesehen habe, ist diese Freude dann doch etwas getrübt.

Eigentlich will Christian (Jack Reynor) die Beziehung zu seiner Freundin Dani (Florence Pugh) schon lange beenden. Selbst seine Kumpels raten ihm immer wieder dazu. Doch nach gleich mehreren Todesfällen in Danis Familie bringt er das nicht übers Herz. Stattdessen nimmt er sie zu einer Reise nach Schweden mit, um dort an den Mittsommerfestlichkeiten in einem abgelegenen Dorf teilzunehmen – als Teil seiner Anthropologie-Doktorarbeit. Allerdings sind die Feierlichkeiten für die Fremden sehr merkwürdig…

Ich weiß, dass schon „Hereditary“ sehr zwiegespalten aufgenommen wurde. Ich konnte das schon verstehen, „Hereditary“ war schon irgendwie auch ein wenig ein verkopfter Kunstfilm. Aber mich hat dieser Film damals doch komplett umgehauen und fertig gemacht. Ich fand (und finde) ihn unheimlich, atmosphärisch und packend gespielt. „Midsommar“ wird ähnlich zwiegespalten aufgenommen… nur muss ich mich dieses Mal leider auf die andere Seite stellen. Ich fand den Film leider echt eher langweilig.

So… es ist raus. Sorry, Ari Aster. Ich mochte das Setting, das ganze Dorf im Nirgendwo von Schweden war toll inszeniert. Die mysteriöse gelbe Pyramide wirkte, als wäre sie aus einem Jodorowsky-Film geklaut. Die Tatsache, dass „Midsommar“ ein Horror-Film ist, in dem es eigentlich die ganze Zeit schön hell und freundlich aussieht, hat auch etwas Faszinierendes. Aber damit hat es sich für mich dann auch schon erledigt.

Der Rest war mir zu „crazy“, wenn ich das mal so sagen darf. Diese ganzen Bräuche dieser Dörfler waren teilweise einfach extrem albern, manchmal auch einfach nur plakativ eklig (ich meine ganz ehrlich, der Sprung der Alten von der Klippe hätte nicht so ins Extreme gezogen werden müssen, um seine Wirkung zu erhalten – zumal ich hier auch sagen muss, dass die „Leichen“ dann einfach zu sehr nach Plastikpuppen aussahen und mir das den Ekel vor diesen Szenen auch schnell wieder genommen hatte). Zudem hat der Film sich in allen wichtigen Ereignissen schon vorher verraten, in dem überall irgendwelche traditionellen Bildchen an Wänden Dinge gezeigt haben, die dann später auch mehr oder weniger so passiert sind.

Mir fehlte einfach die Atmosphäre. Ja, die ganzen Bräuche wurden immer absurder und merkwürdiger, es wurde viel angedeutet, aber am Ende habe ich die imminente Bedrohung nie gespürt. „Midsommar“ war irgendwann einfach nur eine Aneinanderreihung von komischen Bräuchen und schreienden Menschen, die sich ihre Emotionen teilen – ob es nun im Schmerz oder in der Lust ist. Hier möchte mir dann wohl jemand sagen, dass geteiltes Leid halbes Leid ist – und das dann irgendwie auf die Beziehungskiste zwischen Dani und Christian beziehen. Aber so richtig intensiv wie noch in „Hereditary“ waren diese menschlichen Geschichten in „Midsommar“ nicht…

… was in meinen Augen aber auch sehr an Jack Reynor lag. Der hat für mich einfach nicht in diese Rolle gepasst. Er wirkte blass und seine gesamte Entwicklung durch den Film hindurch war einfach nicht sonderlich gut inszeniert. Alle überstrahlend dagegen war Florence Pugh, die ich trotz aller Schwächen des Films wirklich umwerfend gut fand. Ihre Qualen, ihr Leiden hat man wirklich gespürt… und ähnlich wie schon Toni Collette in „Hereditary“ leidet man förmlich mit Pughs Dani mit. Ich hätte mir einfach nur gewünscht, dass sie ebenso starke Gegenparts bekommt. So wirkte sie für mich in diesem ganzen Tohuwabohu von Dorfmitgliedern und den Freunden ihres Freundes verloren.

„Midsommar“ war nett, aber mir dann irgendwie doch zu artsy-fartsy (sorry für den Ausdruck). Da bleibe ich bei Schweden-Horror dann doch lieber bei „The Ritual“ von David Bruckner.

Wertung: 6 von 10 Punkten (meine Erwartungen waren vielleicht auch einfach zu hoch… mal schauen, wie Aris dritter Film so wird)

5 Kommentare leave one →
  1. 2. Oktober 2019 20:32

    Genau.
    Ja diese Bildergeschichten haben ja alles verraten und das Ende war so berechenbar wie, dass die dunkelhäutigen Kommilitonen sterben werden. Außerdem hat der mich der Film so ein eine mir bekannte Story erinnert. Macht mich ganz wuschig, dass sie mir nicht einfallt.

    • donpozuelo permalink*
      2. Oktober 2019 20:37

      Es war leider alles zu berechenbar. Allein schon, dass sie mit einem Willkommen zurück und alle andere irgendwie so normal begrüßt wurden, klang mir schon zu Beginn zu suspekt.

      Ich dachte immer, es geht irgendwann noch mehr in die Richtung Wicker Man oder so.

      Aber wenn dir der Film wieder einfällt, sag mal Bescheid (wenn er besser ist als dieser 😅)

  2. 25. Oktober 2019 15:07

    Jetzt wo meine Besprechung draußen ist, traue ich mich auch langsam die der Blogosphäre nachzulesen. Ich weiß nicht, seit wann ich den Spleen habe bei manchen Filmen möglichst unbedarft ins Kino gehen zu wollen.
    Deine Meinung zu Jack Reynor kann ich teilen. Allerdings weiß ich nicht, ob es an ihm liegt, oder ob die Figur so deplatziert wirken soll. Er ist ja offenbar nicht der charmanteste Typ. Wie er da seinem Kumpel die Idee klaut und mit Dani umspringt … . Deswegen wüsste ich jetzt gar nicht, ob ich mich darauf festlegen kann, ob er etwas daneben ist oder das so gewollt ist.

    Artsy-Fartsy stimmt sicherlich auch irgendwie, aber atmosphärisch war er für mich genug und ich fand ihn interessant. Aber auch etwas anstrengend. Und ich finde es schade, dass sie nicht eher in Betracht gezogen haben abzuhauen — viel zu oft gesehenes Horrorfilm-Trope.

    • donpozuelo permalink*
      25. Oktober 2019 16:29

      Mit Jack Reynor magst du wohl Recht haben. Das kann wirklich gewollt gewesen sein. Dann war es gut… 😅

      Und ja, dass sie da alle brav bleiben, ist halt wirklich sehr Horror-Film-Klischee…

      Ich bin nach wie vor soooo gespannt, was du zu Hereditary sagen wirst.

Trackbacks

  1. 2019 | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: