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Benoit Blanc macht Urlaub!

26. Dezember 2022

Rian Johnson macht einen auf Agatha Christie… und das in einer Zeit, wo man das Gefühl hat, diese klassischen „Whodunit“-Krimi-Geschichten locken niemanden mehr so richtig hinterm Sofa hervor. Kenneth Branagh versucht es ja immer wieder mal mit seinen tatsächlichen Christie-Verfilmungen, aber bislang habe ich davon noch keine gesehen. Auch wenn die hochkarätig besetzt sind, haben sie mich nie so richtig gereizt. Da bleibe ich dann doch Johnson treu. Der hat mit „Knives Out“ 2019 bewiesen, dass dieses Whodunit-Genre keineswegs eingestaubt ist und auch einfach wahnsinnig unterhaltsam sein kann. Direkt nach dem Erfolg des Films wurde sein Deal mit Netflix verkündet, die auf jeden Fall mindestens noch zwei weitere Filme mit ihm und Daniel Craig als Ermittler Benoit Blanc machen wollen. Die erste Zusammenarbeit ist nun „GLASS ONION: A KNIVES OUT MYSTERY“… die wahnsinnig viel Spaß macht, aber das Mystery dann doch vermissen lässt.

Tech-Milliardär Miles Bron (Edward Norton) lädt eine Gruppe von einstigen Freunden auf seine griechische Privatinsel ein. Mit dabei sind Model, jetzt Business-Frau Birdie Jay (Kate Hudson) und ihre Assistentin Peg (Jessica Henwick), Senatorin Claire (Kathryn Hahn), Twitch-Streamer Duke (Dave Bautista) und seine Freundin Whiskey (Madelyn Cline), Tech-Genie Lionel (Leslie Odom Jr.) und Andi (Janelle Monáe), von der keiner geglaubt, dass sie der Einladung folgen würde… da es zwischen ihr und allen anderen böses Blut gibt. Außerdem ist auch noch Meisterdetektiv Benoit Blanc (Daniel Craig) mit dabei… ein lustiges Wochenende mit einem geplanten Krimispiel kann also beginnen. Doch als aus dem Spiel bitterer Ernst wird, muss ein Benoit Blanc das Cocktail-Glas wegstellen und ermitteln.

Eines gleich vorweg: Ich finde es fantastisch, dass Johnson jetzt einfach diese Figur von Benoit Blanc entwickelt hat und um diesen Ermittler einfach neue Fälle spinnt. So muss dann auch nicht mal den ersten „Knives Out“ gesehen haben, um den zweiten Teil genießen zu können. Es ist jetzt keine zusammenhängende Reihe, der einzige rote Faden, der die Filme verbindet, ist das Auftauchen von Benoit Blanc. Und meine Güte… mit dieser Rolle hat Daniel Craig ja was gefunden, was ihm sichtlich Spaß macht. Nachdem er den finsteren Bond zu Ende gebracht hat, gönnt sich Craig eine Auszeit, in dem er einfach mal frei dreht. Und in „Knives Out 2“ lässt ihm Rian Johnson sogar noch mehr Freiheiten… schließlich muss sich sein Benoit Blanc an diese Welt der Reichen und Schönen anpassen, übertreibt es dabei noch ein bisschen mehr mit seinem schrägen Akzent, mit seinem gestelzten Gehabe und ist dabei einfach wahnsinnig unterhaltsam. Daniel Craig rockt diese Rolle und sieht selbst in einem komischen blau-weiß-gestreiften Badeanzug noch souverän und selbstsicher aus. Das muss man auch erstmal schaffen.

Man merkt „Knives Out 2“ aber auch direkt an, dass es Rian Johnson sehr viel mehr noch um den Spaß geht. War der erste Film der Reihe da noch ein bisschen subtiler in seinen Anspielungen und Parodien, geht Teil 2 jetzt einfach „all in“. Edward Norton verkörpert diese Elon Musk Karikatur grandios. Kate Hudson hat als oberflächliches, naiv-dummes Ex-Supermodel den Spaß ihres Lebens, während Jessica Henwick als ihre loyale rechte Hand alles aufräumen muss. „scene stealer“ für mich ist Dave Bautista als Influencer mit fragwürdigen Ansichten… und so geht Johnson hier mit seinen Figuren all diese Schönen-und-Reichen-Klischees durch, die man sich nur vorstellen kann. Dank eines wirklich bestens aufgelegtem Cast funktioniert das Gezanke, das Anbiedern, das Heucheln in dieser Gruppe so unglaublich gut. Hier wird eine Gruppendynamik aufgebaut, bei der eine oder mehrere Explosionen schon vorprogrammiert sind. Das ist es schlussendlich auch, was den Film so gut trägt… Johnson legt seinen Schauspielern witzige, schnippische und fiese Dialoge in den Mund und alle liefern einfach ab. So vergehen die zwei Stunden wie im Fluge…

… doch Moment, soll da nicht noch Murder Mystery dabei sein? Ja, irgendwie schon, aber die kommt in diesem Film etwas kurz. Das Ganze fängt mit einer Puzzle-Box für alle Teilnehmer an und ich dachte, solche Rätsel ziehen sich durch den ganzen Film. Was leider nicht so ist. Das Szenario von „Knives Out 2“ erinnert sehr an Agatha Christies „And then there were none“, wo zehn Leute auf eine Insel eingeladen und dann nach und nach umgebracht werden. Ganz so heftig wird es bei Johnson nicht… aber das ist vielleicht auch ein bisschen schade. Denn wie gesagt, der Ermittlungsprozess hat mir im ersten Teil mehr zugesagt. Da haben wir mehr Zeit mit den Figuren verbracht und wurden so selbst involviert. „Knives Out 2“ sagt sich nach etwa der Hälfte: „Ich lasse jetzt Benoit einfach alles aufklären.“ Dadurch verkommt ein zuerst wirklich dynamischer Film zu sehr zu einer Expositionsshow, in der Daniel Craig die meiste Redezeit hat und uns und den Gästen der Party alles erklärt. Versteht mich nicht falsch, der Film zieht trotzdem noch gut und ist unterhaltsam zu gucken, aber das kam mir zu schnell und wurde dann zu ausladend. Da hätte ich mir noch ein bisschen mehr Zeit vorab gewünscht, um mir meine eigene Meinung, meine eigenen Verdächtigungen aufzubauen.

Abgesehen davon aber ist „Knives Out 2“ oder „Glass Onion“ ein verdammt lustiger Netflix-Spaß mit bestens aufgelegtem Cast… und das ist ja schon mal ein kleines Weihnachtswunder. Schließlich waren die letzten großen Netflix-Produktionen ziemliche Nieten. Da sticht Johnson sehr positiv draus hervor… und Craig hat mit Benoit Blanc einfach seine neue Bestimmung gefunden. Ich bin jetzt schon gespannt, wie ein „Knives Out 3“ aussehen wird – hoffentlich dann mit etwas mehr Ermittler-Spaß.

Wertung: 7 von 10 Punkten (man hat viel Spaß mit grandiosen Darstellern, das Ermitteln geht dabei ein bisschen unter)

2 Kommentare leave one →
  1. 1. Januar 2023 22:01

    Hab mich vom Film blendend unterhalten lassen – bin mir aber noch nicht sicher, ob ich den verstärkten Fokus auf Komödie gut finde oder es mir zu wenig Murder Mystery ist. Musste dabei sehr an „Eine Leiche zum Dessert“ denken (weil ich den auch erst 2022 gesehen habe).

    • donpozuelo permalink*
      2. Januar 2023 12:22

      Ja, ich fand das auch alles sehr witzig, hätte mir aber definitiv mehr Murder Mystery gewünscht. Von daher bleibe ich auch erstmal bei Teil 1 als meinem Favoriten dieser Reihe 😅 mal gucken, wie es dann mit dem dritten Teil so wird.

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