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Das echte Narbengesicht

23. September 2022

„Scarface“ von 1983 kennt wahrscheinlich jeder Mensch, ob man den Film nun gesehen hat oder nicht. Das ikonische schwarz-weiße Poster mit Al Pacino im weißen Anzug hatte ich damals bei mir im Zimmer hängen, noch bevor ich überhaupt den Film an sich kannte. Durch „GTA: Vice City“ hatte man „Scarface“ quasi und praktisch als spielbare Version, und das Filmzitat „Say hello to my little friend“ ist auch so bekannt wie „I am your father“ oder „Hasta la vista, baby“. Ich hatte mir jetzt vor kurzem vorgenommen, „Scarface“ von 1983 mal wieder zu schauen… doch dieses Mal mit einer Vorlage: Wenigstens einmal das Original zu sehen. Denn Al Pacino ist nur das neue Narbengesicht, das echte Narbengesicht, der echte „SCARFACE“ ist ein weitaus älterer Film… aus dem Jahr 1932.

Der Gangster Tony Camonte (Paul Muni) verrät seinen Boss, um in die Gunst von Mafiaboss Johnny Lovo (Osgood Perkins) zu kommen. Der sieht Potenzial in Tony, will ihn aber gleichzeitig auch an der kurzen Leine halten. Was Tony sich jedoch nicht lange gefallen lässt. Er beginnt, seine eigenen Dinger durchzuziehen und wird damit bald erfolgreicher als Lovo. Allerdings sorgen Tonys Alleingänge auch dafür, dass es mehr und mehr Auseinandersetzungen mit anderen Mafia-Familien gibt und die Gewalt bald ganz Chicago regiert. Doch Tony „Scarface“ Camonte ist das alles egal, er sieht nur den Ruhm und die Macht… und verliebt sich dann auch noch in Poppy (Karen Morley), die Geliebte von Lovo.

„Scarface“ von 1932 basiert auf dem gleichnamigen Roman von 1929, der wiederum angelehnt ist an das Leben eines Al Capones. Regisseur Howard Hawks inszeniert hier mit den finanziellen Mitteln eines Howard Hughes (den Leo ja in „Aviator“ unter der Regie von Scorsese gespielt hat) einen unglaublich packenden Gangsterfilm, der brutaler und actionreicher daherkommt als ich es für einen Film aus dem Jahr 1932 für möglich gehalten hätte. Was natürlich auch wieder eines dieser Vorurteile untergräbt, dass diese alten Filme eher langsam sind und sich mit unserem heutigen Seh-Verständnis von Filmen und Serien nicht mehr gucken lassen.

Pustekuchen. „Scarface“ ist echt die Wucht in Tüten. Howard Hawks inszeniert hier einen extrem brutalen Film. Wenn hier die Gangster aufeinandertreffen, dann sprechen die Maschinengewehre. Dann zerbersten Geschäfte, dann stapeln sich die Leichen. Es wundert mich jetzt, wo ich den Film gesehen habe, überhaupt nicht mehr, dass dieser Film damals zensiert wurde, weil man davon ausging, der Film würde zu sehr Brutalität und die Gangster glorifizieren. Dabei beginnt der Film mit einer klaren Botschaft via Texttafel, in der darauf hingewiesen wird und vor allem auch die Frage gestellt wird: Was kann die Gesellschaft und was kann die Regierung gegen so viel Gewalt und das organisierte Verbrechen tun? Da hat man schon das Gefühl, dieser Film möchte nicht glorifizieren, sondern Angst machen, um aufzurütteln. Dafür setzt Hawks wirklich alles ein, was ihm zur Verfügung steht. Es gibt wilde Schießereien (von denen man aber mehr hört, als dass man sie sieht – und wenn dann nur die Auswirkungen), wilde Verfolgungsjagden mit Autos und viele Explosionen. Für 1932 ein Action-Film der Extraklasse, der sich auch heute noch gut gucken lässt.

Dazu kommt dann eben die ganze Geschichte rund um Tony, die sich so dann auch im 80er Jahre Remake wiederfindet: von dem persönlichen Motto „The World is yours“ über die tragische Geschichte rund um Tonys Schwester bis hin zu der Geschichte mit Poppy und Tonys steiler Karriere, die dann so abrupt und brutal endet, wie sie angefangen hat. Howard Hawks glorifiziert hier nichts, sonst hätte es am Ende ein Happy End gegeben. Natürlich lebt sein Tony den amerikanischen Traum, aber den bezahlt er auf die schlimmste Art und Weise… und das inspiriert nicht gerade zur Nachahmung.

Paul Muni als Scarface ist wirklich super. Ein charismatischer Typ mit einem Ego, das wirklich eine eigene Welt für sich braucht. Muni trägt diesen Film, zeigt uns einen Tony, der auf der einen Seite sehr faszinierend, aber auch sehr unheimlich und erschreckend ist. Halt genau das Richtige für einen Scarface.

„Scarface“ ist wirklich ein spannender Mafia-Film und ein faszinierender Prototyp fürs Action-Kino der Moderne. Wer das Remake mag, sollte dem Original unbedingt mal eine Chance geben.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Actionkino, das damals richtig reingehauen haben muss)

8 Kommentare leave one →
  1. leonmmelander permalink
    23. September 2022 11:50

    Ich habe weder den DePalma Streifen noch das Original je gesehen 😅 Muss ich auch irgendwann noch nachholen

    • donpozuelo permalink*
      23. September 2022 18:55

      Kann beide Filme wirklich nur empfehlen.

      • 23. September 2022 19:35

        Ich nicht. Den DePalma-Film habe ich 3,4 Mal angesehen, und ziemlich schnell abgebrochen, da er mir zu brutal.

        • donpozuelo permalink*
          23. September 2022 22:35

          Ja, das stimmt. De Palma spart nichts aus.

        • 25. September 2022 15:04

          Ziemlich am Anfang wird jemand mit einer Kettensäge bearbeitet, soweit ich mich erinnere. Das war immer der Punkt, an dem ich entschied, dass der Film für mich nichts ist.

        • donpozuelo permalink*
          25. September 2022 19:49

          Das stimmt, aber das Spannende ist ja, du siehst nichts davon. Da kommt das Kopfkino und haut einen so richtig weg, weil die Kamera nur auf Tony bleibt.

        • 25. September 2022 22:09

          Ich erinnere mich nur an eine ganze Menge Blut und meine mehrmalige Entscheidung, den Film an der Stelle abzubrechen. Das ist einfach nicht meins.

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