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Singende Flusskrebse

2. September 2022

Ach Buchverfilmungen… es ist nicht leicht. Vor allem, wenn es um ein Buch geht, das in sich schon so bildgewaltig ist, und man sich natürlich beim Lesen eine ganz eigene Welt aufbaut, die kein Filmmacher der Welt je einfangen könnte. Bei Delia Owens Roman „Where the crawdad sing“ ist es jetzt leider wieder genau so abgelaufen, wie ich es mir gedacht hatte. Ich war froh, dass ich es vor dem Filmstart noch geschafft hatte, das Buch zu lesen, das schon ziemlich lange auf meinem SUB darauf wartete, mich in diese Welt der Sümpfe und singenden Flusskrebse eintauchen zu lassen. Jetzt habe ich endlich „DER GESANG DER FLUSSKREBSE“ gesehen… und naja, es ist schon ein schöner Film, aber das Buch ist einfach tausendmal schöner.

Kya (Daisy Edgar-Jones) lebt seit ihrer Kindheit allein in den Sümpfen an der Küste von North Carolina. Erst verschwindet ihre Mutter, dann ihre Geschwister und irgendwann verschwindet auch ihr Vater (Garret Dillahunt). Auf sich allein gestellt, überlebt Kya nicht zuletzt auch dank der Hilfe des Tankwarts und Gemischtwarenhändlers Jumpin (Sterling Macer Jr.) und dessen Frau Mabel (Charlene Hyatt). So lebt Kya in ihrer kleinen eigenen Welt, die dann irgendwann vom jungen Tate (Taylor John Smith) mit Liebe und Enttäuschung gefüllt wird, die später durch Chase (Harris Dickinson) mit den gleichen Zutaten gewürzt wird, bis Chase eines Tages tot im Sumpf gefunden wird und Kya als Hauptverdächtige vor Gericht landet.

Schon als ich das Buch gelesen habe, wurde mir klar, dass das als Film nicht so richtig funktionieren wird. Denn das Buch ist einfach zu vielfältig, um in zwei Stunden erzählt zu werden. Das Buch zeigt uns den harten Überlebenskampf einer jungen Kya, wie sie leidet, wie sie hungert, wie sie von dem Wenigen lebt, was sie zusammenkratzen kann. Der Film romantisiert das relativ. Kyas ganze Kindheit wird ziemlich schnell übersprungen. Viel zu erleiden hat sie hier nicht. Sie sammelt ein paar Muscheln, verkauft die bei Jumpin und das muss im Film reichen, um klarzustellen, dass er und seine Frau ihr große Hilfen sind. Das Buch geht hier dann natürlich auch noch ein bisschen mehr auf die Rassentrennung ein, immerhin spielt das Ganze in den 50er und 60er Jahren. Auch das lässt der Film relativ schnell fallen.

Was mich auch rein oberflächlich sehr gestört hat, ist einfach die Tatsache, dass die Film-Kya viel zu sauber ist 😀 Für einen Menschen, der im Sumpf aufwächst und nur wenige der Vorzüge hat, die die moderne Gesellschaft ausmachen, läuft eine Daisy Edgar-Jones mir einfach viel zu perfekt gestylt durch diesen Film. Ich weiß, das ist ein alberner Kritik-Punkt, aber in meiner Vorstellung war Kya einfach etwas „schmutziger“. Nicht ungepflegt, aber selbst ihre Klamotten sind halt einfach zu perfekt. Delia Owens erzählt uns von einer Kya, die wirklich auch hart arbeiten muss, um ihr Leben zu bewerkstelligen. Aber gut, wie gesagt… das liegt wahrscheinlich auch an meiner Lesart des Romans.

Der wird für das Buch dann doch sehr runtergebrochen auf die etwas ältere Kya und ihre Gerichtsverhandlung. Dabei wird das Ganze dann sehr mit viel Herzschmerz gewürzt: Erst Tate, dann Chase. Und wie gesagt, mir war das alles schon beim Lesen klar, dass es genau so kommen würde. Regisseurin Olivia Newman inszeniert das auch wirklich sehr schön, für einen Film wird diese Geschichte rund erzählt, das Verbinden von Gerichtsdrama mit Rückblenden zu Kyas Leben funktioniert ganz gut. Aber auch hier muss der Buchleser einfach rumnörgeln. Viele Aspekte der Verhandlung vor Gericht, die im Buch wichtig sind, werden im Film komplett rausgelassen. Was natürlich auch wieder Sinn macht, weil sonst wäre das ein Gerichtsfilm. Owens lässt Anwalt Tom Milton wirklich alles vor Gericht beweisen, um für seine Mandantin zu kämpfen. Dadurch wird auch der Krimi-Aspekt der „Flusskrebse“ im Roman stärker ausgebaut. Im Film ist das zu sehr zur Rahmenhandlung degradiert, der dann leider auch eine gewisse Emotionalität fehlt. Das schafft Owens im Buch besser.

Durch die Brille des Lesers hat mich „Der Gesang der Flusskrebse“ leider nicht so gepackt. Der Film sieht toll aus, gerade die Landschaftsaufnahmen sind fantastisch. Eine Daisy Edgar-Jones, die ich bislang nur aus „Fresh“ kannte, ist auch toll in der Rolle der Kya. Aber im direkten Vergleich mit dem Buch war mir der Film einfach etwas zu oberflächlich, zu unkritisch mit einigen Aspekten (wie zum Beispiel Jumpin und sein Stand in der Stadt, Kyas Überleben, etc.) und einfach auch etwas zu glattgebügelt.

Wer den Film aber mochte, dem lege ich wirklich das Buch ans Herz. Das ist einfach nochmal eine Stufe besser.

Wertung: 6 von 10 Punkten (schöner Film, der nicht ans Buch herankommt)

8 Kommentare leave one →
  1. 2. September 2022 13:08

    Hab den Roman nicht gelesen, bin aber mehr als angetan vom Film. Gerade das eher reduzierte runtergebrochene hat für mich funktioniert und in mir Erinnerungen an die 90er Blockbusterdramen geweckt, die Ich liebe. Bei uns im Kino kommt der bei den Zuschauern auch super weg. Gucke den heute Abend nochmal zusammen mit meinem Vater.

    • donpozuelo permalink*
      4. September 2022 08:18

      Ich sage ja auch nicht, dass der Film schlecht ist. Ich mag ihn auch… nur gerade mit dem Wissen, was hätte sein können, ist es dann doch etwas schwieriger 😅 lies ruhig mal das Buch, gerade wenn dir der Film gefällt, würde ich dir das echt empfehlen.

  2. kathl7 permalink
    2. September 2022 23:05

    Ich finde die filmische Umsetzung recht gut gelungen. Zu meiner Arbeitskollegin sagte ich, nachdem wir den Film gesehen hatten, dass mich nur 2 Sachen wirklich gestört haben: 1. Die Einsamkeit von Kya, die mir im Buch fast das Herz zerissen hat, kommt im Film für mich so gar nicht rüber. 2. Mir war Kya immer zu sauber.
    Musste laut lachen, als ich das genauso in deiner Kritik gelesen habe!

    • donpozuelo permalink*
      4. September 2022 08:22

      😅😅😅

      Ja, sie war wirklich viel zu sauber.

      Und ja, das Ganze ist schon gut umgesetzt. Man muss sich halt bei einer Verfilmung immer auf etwas konzentrieren und eine andere Sache fallen lassen. Dadurch fehlen natürlich ein paar Sachen. Mich hat am Buch halt vielmehr die junge Kya fasziniert, wie sie überlebt, das Gebiet erforscht und so weiter…

      Ich finde, man hätte aus dem Buch eine Miniserie machen sollen. Wäre der ganzen Sache wahrscheinlich gerechter geworden.

  3. 3. September 2022 13:50

    Ohne den Roman zu kennen (und damit wissen zu können, was im Film fehlt), bin ich auf eine 7/10 gekommen. https://nummerneun.de/2022/08/28/kw-34-2022-better-call-saul-king-hannah-der-gesang-der-flusskrebse-und-eating-before-swimming/

    Aber ich kann mir durchaus vorstellen, wie das Buch an den von dir genannten Stellen wesentlich tiefer gehen kann. Bin da auch sehr bei eccehomo42 und habe mich schlicht gefreut, auch abseits des Indiekinos mal wieder gutes Dramakino gesehen zu haben, ohne den ganzen modernen Blockbuster-Bombast.

    • donpozuelo permalink*
      4. September 2022 08:24

      7 vo 10 ist ja jetzt nicht so weit weg von 6 von 10 😊👍 und ja, es ist ein schöner Film. Ich habe das Ganze eben ein bisschen mehr durch die Brille des Lesers betrachtet. Da fehlt natürlich einiges, was mich im Buch emotional mehr berührt hat.

  4. 3. Oktober 2022 19:36

    LOL, ich habe gerade erst meine Review abgetippt und bisher um mich nicht zu beeinflussen hier nicht reingeschaut. Aber wie ich jetzt sehe, haben wir so ziemlich dieselben Kritikpunkte 🙂 Das Buch habe ich allerdings nicht gelesen … muss mir mal überlegen wie motiviert ich bin.

    • donpozuelo permalink*
      4. Oktober 2022 09:56

      Das Buch ist sehr vielfältiger in seinen Themen und dadurch einfach etwas interessanter als der Film.

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