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Allein unter Männern

1. August 2022

Alex Garland gehört seit seinen Regie-Arbeiten auch zu denjenigen Regisseuren, deren Filme ich mir sofort angucken will. Immerhin hat er mit „Ex Machina“ und „Auslöschung“ zwei wirklich sehr starke, visuell beeindruckende und nachdenklich stimmende Filme gedreht. Der Mann lässt sich zwischen seinen Projekten viel Zeit und liefert gut was ab. Dementsprechend war ich auch wahnsinnig gespannt auf seinen ersten Horror-Film, den er jetzt mit „MEN“ in die Kinos gebracht hat… allerdings war und ist „Men“ ein Film, an dem ich immer noch etwas knabbere.

Harper (Jessie Buckley) hat ihren Mann (Paapa Essiedu) gerade erst verloren. Nach einem Streit, ausgelöst durch den Wunsch von Harper sich von ihm zu trennen, springt er aus der Wohnung über der ihren und bringt sich so selbst um. Um diese Tat und auch die Frage, ob sie daran Schuld trägt, zu verarbeiten, will Harper in einem kleinen Dorf für ein paar Wochen untertauchen. Sie mietet sich vom skurril-komischen Vermieter Geoffrey (Rory Kinnear) ein wunderschönes Haus mitten im Nirgendwo… doch die vermeintliche Ruhe ist nur von kurzer Dauer: Schon bei ihrem ersten Ausflug wird sie von einem verstörten, nackten Mann (Rory Kinnear) verfolgt… und damit beginnen dann eine Reihe äußerst merkwürdiger Ereignisse.

Es gibt ein paar Dinge, die haben mich schon während des Schauens irgendwie echt genervt. „Men“ ist von seiner Machart her ein typischer A24-Horror-Film, sehr langsam, sehr atmosphärisch, sehr bedrückend. Dabei benutzt Garland dann zusätzlich ein paar sehr offensichtliche Metaphern, die er leider nur teilweise echt überstrapaziert (und das nur von den Bildern gesprochen). Den Apfelbaum und eine Harper die sich davon einen Apfel nimmt, um schon mal die Frage der Urschuld der Frau zu thematisieren, passt da noch irgendwie mit rein. Aber gleichzeitig thematisiert „Men“ auch die Legende vom Grünen Mann, einer Gestalt, die für Wiedergeburt steht, für das Erwachen des Lebens nach dem Winter. In einer Kirche in dem Dorf prangt so eine Fratze, auf die dann immer wieder in laaaangsamen Kamerafahrten reingezoomt wird. Dahinter ist die Gestalt der Sheela na gig, das Bildnis einer Frau, die ihre Vagina weiter öffnet… und auch dieses Bild lieben Garland und seine Kamera so sehr, dass es immer und immer wieder gezeigt werden muss.

Bei „Men“ haben mich diese künstlerischen Spielereien zum ersten Mal echt gestört. Auch das Bild von einem toten, verwesenden Reh im Wald, das einfach mal so reingestreut wird… Garland möchte sehr viel Symbolik aufbauen, was er aber gar nicht auf so verkopfte Art und Weise machen muss. Denn er benutzt ein viel interessanteres Mittel, um die Art und Weise von Harpers Bedrückung deutlich zu machen.

Alle männlichen Figuren werden im Film von Rory Kinnear gespielt… und alle davon tragen etwas an sich, was unter dem Begriff „toxische Maskulinität“ fehlt. Vermieter Geoffrey erscheint harmlos, stellt aber auch immer wieder unangebrachte Fragen. Der Pfarrer konfrontiert Harper ebenfalls auf eine Weise, nach der ich es nur gerechtfertig gefunden hätte, wenn sie ihm eine Ohrfeige gegeben hätte. Der Polizist tut ihre Angst vor dem merkwürdigen nackten Mann als Hysterie ab und und und… wahrscheinlich werden sich Frauen bei diesem Film in zu vielen Episoden, die Harper mit Männern in diesem Film hat, auf die ein oder andere Art und Weise an bestimmte Situationen aus ihrem Leben zurückerinnern. Und das ist dann wieder diese starke Garland-Erzählweise, die für mich diese ganzen künstlerischen Spielereien nicht unbedingt braucht.

Denn das Thema allein, Harper und die Frage, wie viel Schuld trägt sie mit sich, reicht schon aus. Wenn der Film uns ihre Geschichte mit ihrem Mann erzählt, wenn wir sehen, wie sie behandelt wird – all das macht mehr als deutlich, wie absurd diese Schuldfrage ist und wie schwer sie doch gerade auf ihr als Frau lastet.

Jessie Buckley, die schon in „I’m thinking of ending things“ eine ähnliche Frauenrolle spielte, ist einfach nur fantastisch. Sie spielt dieses Gefühlsbad der Emotionen wirklich auf eine eindrucksvolle und bewegende Art und Weise. Rory Kinnear in den unterschiedlichen Rollen ist aber wirklich großartig – auch wenn sein CGI-Gesicht auf einem kleinen Jungen dann doch mehr absurd-lustig war als alles andere.

Ein weiterer Punkt, der mir mehr Stirnrunzeln bereitete, ist das Finale, von dem ich jetzt nichts großartiges verraten will – außer, dass Garland hier ein bisschen den Cronenberg raushängen lässt und uns eine äußerst „interessante“ Body-Horror-Sequenz liefert, die – im klassischen Stil von A24 – sehr graphisch wird. Allerdings hätte ich diese Szene, so sehr ich auch Fan von gutem Body Horror bin, so nicht gebraucht. Aber das ist persönliche Geschmackssache.

„Men“ ist trotz kleiner Meckereien ein sehr spannender, atmosphärischer Film, bei dem das Unbehagen ständiger Begleiter ist. Gleichzeitig ist es auch ein Film, der wirklich noch gut nachwirkt…

Wertung: 7 von 10 Punkten (Garland wirkt etwas platter, aber schafft trotzdem einen faszinierenden Film)

4 Kommentare leave one →
  1. 1. August 2022 10:19

    Bin ich echt gespannt drauf, schon weil ich Jessie Buckley und Rory Kinnear richtig gerne sehe. Body Horror – hm, solange die Geräusche unterdrückt werden, ertrage ich alles, nur keine schmatzenden Geräusche.

    • donpozuelo permalink*
      3. August 2022 21:44

      Naja… die Geräusche sind schon da… 😅🙈 aber ich denke, es ist zu ertragen 🤣

  2. 17. August 2022 17:37

    Hach, bin ich auf den Film gespannt. Jetzt nochmal mehr. Ich verstehe gar nicht, warum der in meiner Stadt nicht lief. Aber mal so gar nicht. Nicht mal im Indie-Kino >.<

    • donpozuelo permalink*
      19. August 2022 07:11

      Oh weh. Ich kenn das zu gut. Das ist einer der großen Vorteile von Berlin 😅🙈 man kriegt genug Filme zu sehen…

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