Zum Inhalt springen

Von einer, die nicht weiß, was sie will

22. Juni 2022

Es war einmal ein irreführender Film-Titel… bei dem ich erst dachte: „Oh mein Gott, was erwartet mich jetzt hier?“ Gleichzeitig stand „DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT“ jetzt auch nicht unbedingt auf meiner To-Do-Liste. Aber zum Glück habe ich einen besten Freund, der mich immer wieder auch mal über den Tellerrand hilft und mich in Filme schleppt, die ich eigentlich gar nicht sehen wollte und die ich dann am Ende total feiere (so verdanke ich diesem Menschen immer noch meine Liebe zu „Porträt einer jungen Frau in Flammen“). Also haben wir uns „Der schlimmste Mensch der Welt“ angeschaut – und auch danach weiß ich noch nicht so ganz, wie ich diesen Titel an sich finden soll, auch wenn er natürlich gut durch den Film erklärt wird.

Julie (Renate Reinsve) ist fast 30 Jahre alt und weiß nicht so recht, was sie eigentlich will. Sie fängt mit dem Medizin-Studium an, entscheidet sich dann für Psychologie, bevor sie sich der Fotografie zuwendet. Dabei wandert sie auch von einem Mann zum nächsten, bis sie eines Tages den Comic-Autoren Aksel (Anders Danielsen) kennenlernt… doch in dieser Beziehung ist auch nicht alles so rosig. Aksel ist über zehn Jahre älter als sie, er will sofort Kinder, seine ganzen Freunde haben Kinder und irgendwie belastet das Julie. Als sie eine Hochzeitsfeier crasht, lernt sie daraufhin Eivind (Herbert Nordrum) kennen, mit dem sie sich von Anfang gut versteht… und für den Julie dann die Beziehung zu Aksel beendet – und sich dabei selbst als den schlimmsten Menschen der Welt bezeichnet.

Aber ist sie das wirklich? Oder ist sie nicht einfach der normalste Mensch der Welt? Ein Titel, der weniger irreführend wäre, der aber nicht so viele Leute ins Kino locken könnte. Regisseur Joachim Trier erzählt gemeinsam mit Co-Autor Eskil Vogt (der dieses Jahr mit „The Innocents“ eine irrsinnige Kinder-Story erzählt hat) eigentlich eine sehr authentische und sehr ehrliche Geschichte über eine Frau, die ihren „Weg“ noch nicht so recht gefunden hat. Und dabei dann direkt an den „Normen“ der anderen gemessen wird. Wobei man sich dann, im Kino sitzend, schon fragt, was sind das überhaupt noch für Normen? Man kann Julie irgendwie direkt nachvollziehen, wenn sie sich als junge Frau aus dieser Gruppe entfernt, die sich förmlich dafür „angreifen“, weil sie noch keine Mutter ist, weil sie noch keine Kinder hat, weil sie ihren Platz in der Welt noch nicht gefunden hat… der offensichtlich für sie als Frau darin bestehen sollte, Mutter zu sein. Dass gerade heutzutage das Thema Kinder auch irgendwie irgendwo ein heikles ist, kennt man sicherlich. Willst du keine Kinder, wirst du komisch angeguckt. Willst du als Frau Mutter und Hausfrau sein, wirst du auch komisch angeguckt oder es wird direkt von dir erwartet, genau das zu wollen.

Gerade dieses Thema geht „Der schlimmste Mensch der Welt“ wirklich ziemlich spannend an – und eben auf eine natürliche, menschliche und nachvollziehbare Art und Weise. Wenn man irgendwann mal in seinem Leben nicht so ganz wusste, was man jetzt so wirklich treiben will, dann wird man eine Julie so gut verstehen können. Renate Reinsve spielt sie auch einfach so nahbar und doch zu unerreichbar – ist echt faszinierend, wie gut sie das hier macht. Wie sie zwischen ihren Gefühlen und ihrer Umwelt hin und her schwankt, Probleme mit ihrem Vater hat, Probleme mit sich selbst hat und natürlich gegen diese ganzen Vorstellungen der anderen ankämpft. Das war echt ziemlich stark.

Zum Ende raus wurde mir der Film dann aber ein bisschen zu sehr Film-Film… was meine ich damit? Nun, bis zu einem gewissen Grad fühlte sich „Der schlimmste Mensch aller Zeiten“ wirklich sehr natürlich an, zum Ende stürzen dann wieder zig Zufälle auf Julie ein, wie sie sicherlich auch im wahren Leben passieren können, aber hier wirkte es dann recht konstruiert, um eben zum Abschluss noch ein paar neue Konflikte zu erzeugen.

Trotzdem ist dieser Film ein bewegender, rührender, der in vielen kurzen Kapiteln das Leben einer jungen Frau mit all seinen Höhen und Tiefen beleuchtet und dabei einfach erfrischend ehrlich ist.

Wertung: 7 von 10 Punkten (so schlimm ist der schlimmste Mensch der Welt gar nicht – verrückt)

No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: