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Blutige Hasen-Odyssee

8. Juni 2022

Richard Adams‘ Buch von 1972 über die Reise einer Gruppe von Hasen in eine bessere Welt ist ein wirklich faszinierender und erstaunlich spannender Roman gewesen, der viele sehr menschliche Themen anspricht und mit einem (für mich) unerwarteten Realismus und einer Brutalität daherkommt. Ich bin immer noch fasziniert, dass meine Ausgabe von „Watership Down“ als Kinderbuch gestaltet wurde, wo man am Ende lernt, wie man Kaninchen zeichnen kann… irgendwie ein bisschen surreal, wenn man gerade ein Buch beendet hat, in dem sich Hasen brutal unterdrücken, in dem Hasen sterben noch und nöcher. Aber gut… jetzt habe ich es endlich mal auf mich genommen, mir den Film „UNTEN AM FLUSS“ von 1978 anzuschauen, der ja die ein oder andere Kindheit ruiniert haben soll – und nachdem ich den Film gesehen habe, kann ich nur sagen: Wow, wer das Ding seinen Kindern zeigt, hat sich von den kleinen Hasen auf dem Cover zu sehr täuschen lassen.

Der Hase Fiver sieht den Untergang seines jetzigen Zuhauses hervor und versucht, dem Anführer der Gruppe dies deutlich zu machen. Doch der will davon nichts wissen… und so macht sich Fiver, gemeinsam mit seinem Bruder Hazel und einigen anderen Hasen, auf den Weg nach einer neuen Heimat. Dabei müssen sie zahlreichen Gefahren tapfer ins Auge blicken.

Regisseur und Autor Martin Rosen, das muss man ihm einfach lassen, geht bei seiner Verfilmung von Adams‘ Buch sehr genau vor. Er lässt nichts aus dem Roman aus und folgt brav den Ereignissen im Buch. So konnte ich beim Gucken innerlich eine Strichliste abhaken, sobald ein weiterer wichtiger Moment aus dem Buch im Film auftauchte. Aber schon merkt man, dass auch so eine 1:1-Übertragung nicht immer unbedingt von Vorteil ist. „Unten am Fluss“ leidet sehr darunter, dass Rosen die Story so erbarmungslos voran treibt. Es bleibt deswegen auch kaum Zeit, die Charaktere wirklich mal richtig auszubauen oder etwa in den wirklich tragischen und emotionalen Momenten zu verweilen… weil Rosen muss direkt zum nächsten Punkt springen.

So muss ich leider sagen, hat mich der Film als Fan des Buches nicht zu hundert Prozent abgeholt. Hier schadet „Unten am Fluss“ einfach die Tatsache, dass Martin Rosen so werkgetreu wie möglich sein wollte. Ein Richard Adams hatte auf 700 Seiten viel mehr Möglichkeiten, auch mal in die Innenwelt seiner Protagonisten einzutauchen, mal ein bisschen auf deren Sorgen und Gedanken zu reagieren und uns einfach mal eine Verschnaufpause zu gönnen. Die lässt uns „Unten am Fluss“ nicht wirklich. Der Film hetzt von einer Etappe zur nächsten… zwar sind die Hasen-Charaktere so gezeichnet, dass man zumindest die drei Wichtigstens (Hazel, Fiver und Bigwig) unterscheiden kann, alle anderen bleiben ziemlich „leblos“ zurück.

Was mich aber tatsächlich positiv überrascht hat, war die Tatsache, dass der Film zumindest am Anfang auf die Mythologie der Hasen eingeht und wir so als Einleitung die „Origin“ der Hasen zu sehen bekommen.

Was mich erschreckenderweise überrascht hat, war wie verbissen Martin Rosen an der getreuen Adaption festhält. Wenn am Anfang Fiver die Felder voller Blut sieht, zeigt sich schon das wahre Gesicht von „Unten am Fluss“. Dieser Film schreckt nicht vor der Brutalität des Films zurück. Geraten Hasen in Gefahr, muss man sich wirklich Sorgen machen. Da fließt Blut, da werden die Krallen ausgefahren. Gerade im großen Kampf gegen General Woundwort geht es wirklich ordentlich zur Sache. Für einen Zeichentrickfilm über vermeintlich putzige Hasen, bleibt Rosen bei dem von Richard Adams vorgelegten Realismus… auf jeden Fall eine gewagte Entscheidung, die ich begrüße – „Unten am Fluss“ jetzt als familienfreundlichen Film zu zeigen, wäre noch viel schlimmer gewesen.

Allerdings muss ich gestehen, dass mich der Film vom Optischen her nicht wirklich angesprochen hat. Die Animationen sind teilweise recht krude. Ich mochte die Fabel-Sequenzen ganz gerne (die wirkten fast wie die Zeichnungen der Aborigines), auch die Hintergründe, die wirken wie Aquarell-Zeichnungen sind schön anzusehen. Aber manchmal wirken die Bewegungen der Hasen etwas steif. Dazu ist die Verbindung zwischen Synchronsprecher und den Bewegungen der Hasen-Mäuler nicht so, wie man das heutzutage gewohnt ist, weswegen es sich nicht organisch anfühlt, wenn die reden.

„Unten am Fluss“ ist schon eine werkgetreue Verfilmung des Romans, zeigt aber auch sehr schön, welche Schwierigkeiten damit verbunden sind. Es ist jetzt aber auch kein Film, den ich unbedingt weiterempfehlen würde – dann doch lieber das Buch lesen.

Wertung: 6 von 10 Punkten (zu viel Werktreue kann halt auch schaden – vor allem, wenn die Vorlage so ein gigantischer Roman ist)

2 Kommentare leave one →
  1. 3. Juli 2022 17:51

    Erinnere mich noch gut wie meine Mutter voller Überzeugung den Film aus der Bibliothek oder Videothek mitbrachte, der ist für Kinder geeignet – handelt doch von Hasen. Und mein Vater beim Schauen mit mir murmelte „Das ist aber kein Kinderfilm“. ^^ Nein … aber die Früherziehung war insofern gut um schnell zu begreifen, dass Animationsfilme kein Kinderkram sind.
    Vor ein paar Jahren habe ich den mal wiedergeschaut, weil ich eine Werkschau zu Animationsfilmen für erwachsenes Publikum gemacht habe. Da waren u.a. auch die Plague Dogs dabei, falls du die kennst? Den Film mag ich weitaus lieber. Den sollte man aber auch nicht gucken, wenn man schlecht drauf ist.
    Bei Watership Down hat mich die Farbgebung auch manchmal verblüfft. War die bei dir teilweise auch seltsam? Mal kurz lilafarbene Hasen und sowas? Wirkte nicht wie künstlerische Freiheit.

    • donpozuelo permalink*
      6. Juli 2022 07:19

      Plague Dogs sagt mir jetzt nichts.

      Und ja, die Farbgebung war teils wirklich etwas merkwürdig. Keine Ahnung, ob es da irgendwelche Produktionsfehler gab oder ob das wissentlich so gemacht wurde 😅

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