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Random Sunday #79: Eroberung

5. Juni 2022

Ich mag „Was wäre, wenn…“ Geschichten eigentlich sehr gerne. Sofern sie denn gut sind, versteht sich natürlich von selbst. Marvels „What If…?!“ war da leider nur so semi-erfolgreich. Philip K. Dicks „The Man in the High Castle“ ist da schon wesentlich interessanter. Jetzt bin ich mal wieder nur durch Zufall auf eine „Was wäre, wenn…“-Story gestoßen, die mich tatsächlich ziemlich gefesselt hat, nämlich „EROBERUNG“ des französischen Autors Laurent Binet.

Binets „Eroberung“ geht von zwei Fakten aus, die er aus unserer Geschichtsschreibung ändert: Erstens, als die Wikinger nach Amerika kamen, fuhren sie an der Küste weiter und erreichten so auch Südamerika. Dadurch erlangten die indigenen Völker nicht nur eine Resistenz gegen die Keime der Europäer, sondern auch das Wissen um eiserne Waffen und Pferde. Zweitens, als Kolumbus später ankommt, sieht er sich einer gewaltigen Macht entgegen, die ihn besiegt, sodass er nie von seiner Neuen Welt berichten kann. Stattdessen fallen die Inkas unter der Führung von Atahualpa in Europa ein. Der besiedelt Spanien und Portugal, schlägt Karl V., führt eine neue Form der Religionsfreiheit ein, die wiederum selbst einem Luther nicht in den Kram passt und errichtet einen riesigen Inka-Staat in Europa, der Handel mit Südamerika betreibt und eigentlich wunderbar floriert… wären da nicht noch die katholische Kirche und einige andere Fürsten und Kaiser, die etwas dagegen haben, das ein Fremder ihr Land regiert.

Ich kannte Laurent Binet vorher gar nicht als Autor und bin, wie gesagt, nur durch Zufall auf „Eroberung“ gestoßen. Was aber Alternativ-Welt-Romane angeht, ist dieser hier wirklich verdammt lesenswert… gerade weil man einfach auch merkt, dass Binet in seinem Aufbau sehr logisch und klar vorgeht, sich in der Geschichte wirklich gut auskennt und all die bekannten Elemente gekonnt in seine neue Geschichtsschreibung einbindet. Dabei ist sein Roman in vier Teile unterteilt. Die ersten beiden sind eher kürzer und dienen als Grundlage für Atahualpas Aufstieg. Da geht es dann zuerst um die Wikinger und im zweiten Teil lesen wir das Tagebuch des Kolumbus. Hier liest sich „Eroberung“ dann auch noch eher wie ein packender Abenteuer-Roman – wenn die Wikinger auf die „Wilden“ treffen, hier dann aber anfangen, ihre Religion und ihr Wissen einzubinden. Das Tagebuch des Kolumbus baut dann darauf auf und stellt uns einen selbstsicheren, arroganten Mann vor, der sein Handeln in Südamerika für richtig und von Gott beeinflusst sieht, bis er dann die Rechnung auf den Tisch bekommt und mehr und mehr in Verzweiflung gerät.

Im Wikinger-Teil ist Binets Schreibe noch recht sachlich, fast schon trocken. Die Emotionalität kommt dann mit dem Tagebuch des Kolumbus erst rein… bevor wir dann zur langen Chronik des Sonnenkönigs Atahualpa und der gewitzten Prinzessin Higuenamota. Hier zeigt sich dann das wahre Talent von Binet und wie er clever Geschichte und Fiktion miteinander verknüpft. Da sehen die Inkas das erste Mal die Inquisition am Werk und wundern sich über den angenagelten Gott, der überall verehrt wird. Da treffen sie auf die komplizierten Gefüge von Kaisern und Fürsten und strukturieren das alles in Kriegen und Reformen auf die eigentlich bestmöglichste Art und Weise um. So erlaubt Atahualpa zum Beispiel eine nie dagewesene Religionsfreiheit, sorgt für Integration, schafft die Lehen ab und setzt Institutionen ein, die für das Wohl aller sorgen und nicht nur eine Klasse bevorzugen.

Hier entfaltet „Eroberung“ dann wirklich sein volles Potenzial, erzählt Geschichte, die man kennt und verwirft sie zugunsten der Inkas. Da wird von Schlachten erzählt, da wird es politisch, aber es bleibt tatsächlich einfach immer spannend. Atahualpas Entwicklung liest sich wie ein Wunschtraum für ein Europa, das so einfach wirklich ein besserer Ort hätte werden können. Das macht „Eroberung“ irgendwie auch ein bisschen deprimierend zu lesen, aber so ist das halt, bei „Was wäre, wenn…“ – da wird das Wunschdenken für eine bessere Welt mal kurz für ein paar hundert Seiten zur Realität, bevor selbst hier natürlich wieder der Mensch in seinen Ego auftritt und alles in sich zusammenfällt.

Ich sprach ja anfangs von vier Teilen in „Eroberung“… Teil 4 erzählt die Abenteuer von Cervantes in dieser neuen Welt, ist aber in meinen Augen der schwächste Teil des Romans und trägt nicht mehr so viel zur Story bei. Durch Cervantes erfahren wir noch ein bisschen mehr von diesem neuen Europa unter den Inkas, aber der Hauptteil ist die Geschichte von Atahualpa, die viel packender ist.

Insgesamt ist „Eroberung“ aber wirklich ein spannendes und verdammt gut geschriebenes Buch, das mich Laurent Binet ein bisschen aufmerksamer verfolgen lässt. Warum daraus jetzt nun auch wieder (angeblich) eine Serie gemacht werden muss, weiß ich nicht… könnte aber ganz interessant werden.

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