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Demenz-Horror

3. Juni 2022

Demenz ist der Horror. Punkt! Das kann man nicht anders beschreiben. Ich habe zum Glück niemanden in meinem näheren Umfeld, der davon betroffen ist, von daher kann ich hier nicht aus Erfahrung sprechen. Aber man liest ja genug darüber, hört hier und da was… oder sieht es halt thematisiert in Filmen und Serien. Ausgerechnet „Bojack Horseman“ ist für mich eine der Serien, die das Thema Demenz erstaunlich stark dargestellt haben (von meiner Sichtweise aus bewertet, als jemand, der sich kaum damit auskennt): In Staffel 4 erfahren wir mehr über Bojacks Mutter Beatrice, die unter schwerer Demenz leidet. Immer wenn sie auf Personen trifft, sind deren Gesichter mit schwarzen Kringeln wie ausradiert. Beatrice erkennt einfach nicht, wer diese Personen sind, die da mit ihr reden. Das ist eine, wie ich finde, extrem effektive und starke Darstellung, die einfach zeigt, wie hart diese Krankheit in das Leben einer betroffenen Person einwirkt. Jetzt bin ich endlich mal dazu gekommen, „THE FATHER“ zu sehen, der Film, für den Anthony Hopkins 2021 den Oscar als bester Hauptdarsteller bekam… und in dem es auch um Demenz geht.

Anthony (Hopkins) lebt allein in seiner großen Londoner Wohnung… seine Tochter Anne (Olivia Colman) bemüht sich verzweifelt darum, ihrem Vater eine Pflegekraft zu beschaffen, weil sie mit seiner steigenden Demenz allein nicht mehr klarkommt. Doch Anthony will sich nicht eingestehen, dass er ein Problem hat… aber was klein anfängt (mit seiner täglichen Suche nach seiner Uhr), wird immer schlimmer. Erst sieht er seine Tochter auf einmal als andere Frau (Olivia Williams), dann verliert er auf einmal ganze Tage, obwohl er gerade erst aus dem Bett aufgestanden ist und seine Wohnung verändert sich auch jeden Tag ein bisschen.

Regisseur Florian Zeller verfilmt mit „The Father“ sein eigenes Theaterstück (und hat dafür auch den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch gewonnen)… und macht daraus einen, wie ich finde, subtilen, aber enorm wirksamen Horror-Film. Das Ganze bekommt einen Anstrich von Kubricks „The Shining“, wenn sich die riesige Wohnung irgendwie mehr und mehr falsch anfühlt. Es sind kleine Dinge, die sich verändern, wo ich mich immer fragen musste: Hat sich da jetzt wirklich was verändert oder habe ich einfach nicht aufgepasst? Es sind subtile, kleine Sachen, die aber im Verlauf des Films, im Verlauf von Anthonys Demenz, immer größer werden… nur das unwohle Gefühl bleibt, das etwas nicht stimmt.

Grandios setzt Zeller das dann mit den sich verändernden Töchtern um. Wir lernen Oliva Colman als Anthonys Tochter  kennen und auf einmal ist es Olivia Williams… und wie dann Hopkins diesen Horror spielt, wenn auf einmal diese fremde Frau in seiner Wohnung steht, ist grandios. Dieses „Spiel“ vollführt der Film auch mit Pflegerin Laura (Imogen Poots) und mit Annas vermeintlichem Ehemann, der mal von Rufus Sewell und mal von Mark Gatiss gespielt wird. Jedes Mal, wenn Anthony nur aus seinem Zimmer kommt und jemanden in seiner Wohnung hört, fragt man sich als Zuschauer, wer jetzt wohl im nächsten Raum sein wird. Das ist Psycho-Horror vom Feinsten, der an die Nieren geht. Das macht einem beim Zugucken schon fertig…

… was dann noch durch Zeller damit verfeinert wird, dass sich manche Szenen einfach wiederholen, aber auch hier mit einer kleinen, subtilen Veränderung und sich das Ganze dann wie ein unheimliches Déjà-vu anfühlt, bei dem man irgendwann einfach nicht mehr weiß, was wirklich passiert. „The Father“ ist, was das angeht, wirklich ein Horror-Film. Eine bessere Bezeichnung fällt mir da nicht ein. Es ist ein Horror-Film, der uns deutlich macht (und das auch bedrückende und erschreckende Art und Weise), in was für einer Hölle an Demenz erkrankte Menschen (und die in ihrem Umfeld) gefangen sind.

Anthony Hopkins hat zu Recht die goldenen Statue bekommen, weil er diese Verwirrung, diesen Horror und die Verzweiflung in Anthony so gut rüberbringt. Erschreckend dabei ist die eigene Verleumdung eines Problems, dieser Wahn, der dadurch auch entsteht und die Aggressionen, die dann von tiefer Trauer und Verzweiflung abgelöst werden. Hopkins führt uns durch diese Achterbahnfahrt der Emotionen wie der Profi, der er nun einmal auch ist. Olivia Colman ist dabei nicht weniger zu vernachlässigen… weil sie eigentlich genau das Gleiche durchlaufen muss – und hier vor unseren Augen noch mehr leidet, weil sie sich – im Gegensatz zu Anthony – bewusst ist, was passiert. Hier treffen zwei großartige Schauspieler aufeinander und verleihen diesem Horror-Film eine menschliche Tiefe, die einfach dringend nötig ist für diesen Stoff. Grandios!

Wertung: 9 von 10 (bedrückend und nur schwer zu verdauen, aber meisterlich gespielt und inszeniert)

2 Kommentare leave one →
  1. 4. Juni 2022 07:01

    „The Father“ ist einer der besten/krassesten Filme, die ich in den letzten gesehen habe.
    Ich würde ihn trotz allem nicht als „Horrorfilm“ bezeichnen, weil das dann vielleicht falsche Erwartungen weckt. Aber grundsätzlich Stimme ich dir zu, dass die Horrorelemente in der Tat da sind. Zumindest funktioniert der Film ähnlich wie ein Horrorfilm. Grandios.

    • donpozuelo permalink*
      4. Juni 2022 10:29

      Klar, er ist jetzt kein Horrorfilm im klassischen Sinne, verwendet aber eben viele Elemente… und macht so halt echt gut deutlich, wie diese Krankheit einen Menschen beeinflusst und fertig macht.

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