Zum Inhalt springen

Das Grauen in der Wand und im Herz

18. Mai 2022

Was Netflix-Horror-Filme angeht, bin ich immer superskeptisch. Ich packe mir zwar sehr viele von denen auf meine Watchlist, aber die meisten versauern da dann auf Ewigkeiten und warten vergeblich darauf, von mir geguckt zu werden. Doch zu einem bin ich jetzt dann doch endlich mal gekommen… und „HIS HOUSE“ ist direkt zur berühmten Ausnahme der Regel geworden. Im Gegensatz zu vielen anderen Horror-Filmen ist das hier einer, der fantastisch ist und in Erinnerung bleibt.

Rial (Wunmi Mosaku) und Bol (Sope Dirisu) fliehen mit ihrer Tochter aus dem Sudan. Bei der Überfahrt in einem übervollen Boot verlieren die Beiden ihr Kind. In England angekommen, wird ihnen ein Asyl auf Probezeit angeboten. Man weist dem Paar ein runtergekommenes Haus in einem runtergekommenen Bezirk zu. Doch schnell muss das Paar feststellen, dass sie in diesem Haus nicht allein sind… Bol sieht in den Wänden und im Haus immer wieder seine Tochter.

Ich habe nicht wirklich gewusst, was mich mit „His House“ erwartet, aber was ich dann bekommen habe, hat mir direkt doppelt den Boden unter den Füßen weggerissen. Das Ganze ist ein heftiger Mix aus „Get Out“, „Poltergeist“ und „Die Frau, die singt“. Soll heißen, Regisseur und auch Co-Autor Remi Weekes vermischt hier mehrere Elemente zu einem mehr als nur wirkungsvollem Film.

Der „Get Out“-Aspekt bringt natürlich den Rassismus mit in die Geschichte, dem sich Bol und Rial in diesem Problembezirk immer wieder gegenübersehen. Dabei zeigt Weekes auch unangenehme Art und Weise, wie sich das in seine beiden Hauptfiguren brennt. Es gibt eine erschreckend unheimliche Szene, in der sich Rial auf dem Weg zum Arzt verläuft. Sie kommt dann zu drei Teenagern, denen sie sich stellt, weil sie glaubt, die Farbe ihrer Haut würde sie zutraulicher machen. Aber selbst die machen sich über sie lustig und verängstigen die junge Frau nur noch mehr. An dieser Stelle muss ich dann direkt über Wunmi Mosaku sprechen, die in dieser einen Szene von aufflackernder Hoffnung bis hin zu blankem Schock alles so unglaublich spielt.

Mosaku ist fantastisch, wie sie im gesamten Film alle Bandbreiten der Emotionen ausspielt. Aber auch Sope Dirisu als ihr Mann Bol ist unglaublich gut. Bol ist hier ja derjenige, der mehr in diesen Wahnsinn verfällt, der manisch und aggressiv wird. Was zusätzlich für eine bedrückende und unangenehme Stimmung in diesem Film sorgt, weil ihn das wiederum dazu treibt, seine Frau im eigenen Haus einzusperren. Somit macht man sich nicht nur um die Geister Sorgen, sondern auch um Bols Gemütszustand und vor allem um Rial, bei der man nicht weiß, was Bol ihr antun könnte.

Der „Poltergeist“-Aspekt besieht sich einfach darauf, dass wir unheimliche Sachen haben, die im Haus passieren. Die sind gerade in der ersten Hälfte des Films echt wirksam in die Handlung eingebaut. Das gibt es ein Klopfen in der Wand, unheimliches Flüstern, Dunkelheit, Schatten, die sich bewegen und was nicht noch alles. Auch hier beweist Remi Weekes ein Händchen fürs Inszenatorische, weil an ein paar Stellen habe ich mich echt ordentlich erschrocken.

Warum ich bei „His House“ auch ein wenig an „Die Frau, die singt“ denken musste, ist die Tatsache, dass die Auflösung von dem, was hinter der Geschichte von Rial und Bol steckt, den ganzen Film nochmal in ein anderes Licht rückt. Dabei wird dann auch einmal mehr  deutlich, dass „His House“ eben nicht einfach nur ein weiterer plumper Horror-Film ist, sondern das Thema der Flucht so erschreckend greifbar macht. Dieser Film ist ein Schlag in die Magengrube, der uns mit einer Realität konfrontiert, die wir so Tag für Tag in den Nachrichten sehen… was dem Ganzen halt noch mal einen ziemlich bitteren Beigeschmack gibt.

“His House“ ist wirklich ein extrem starker Film, der an die Nieren geht, der unglaublich gut gespielt ist, der sich nicht vor den harten Sachen versteckt und der mehr will, als uns einfach nur zu erschrecken.

Wertung: 9 von 10 Punkten (dieser Film wirkt noch lange nach)

6 Kommentare leave one →
  1. 18. Mai 2022 11:46

    Ich bin ja generell bei Netflix-Filmen skeptisch… 😉 Aber der hier klingt gut, danke für den Tipp!

    • donpozuelo permalink*
      18. Mai 2022 19:34

      Ich verstehe diese Skepsis voll und ganz, aber „His House“ ist die willkommene Ausnahme zur Regel (zumindest für mich).

  2. 19. Mai 2022 22:26

    Kommt auf die Liste. Ein Glück eine mit Perspektive, denn nun habe ich ja Netflix :))

    • donpozuelo permalink*
      20. Mai 2022 09:06

      Sehr gut. Bin gespannt, was du von dem Film hälst.

  3. 23. Mai 2022 22:59

    Ich musste ihn auf Netflix etwas suchen, hat sich aber gelohnt. Ich sehe Wunmi Mosaku total gerne. Für mich mehr Drama, aber mit schönem Gänsehautfeeling. Und auch so traurig das.

    • donpozuelo permalink*
      27. Mai 2022 08:54

      Es ist auch eigentlich mehr Drama, das stimmt schon. Aber freut mich, dass der Film dir gefallen hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

%d Bloggern gefällt das: