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Der stille Junge

14. Januar 2022

Ich weiß gar nicht so recht, wie ich diesen Artikel über „ANTLERS“ anfangen soll. Scott Cooper, den Regisseur und Co-Autor, kenne ich überhaupt nicht. Dies ist mein erster Film von ihm. Wenn ich mir so seine Filmografie anschaue, liebt er es aber anscheinend, Bücher und Kurzgeschichten zu adaptieren. So basiert „Antlers“ auch auf der Kurzgeschichte „The Quiet Boy“ von Nick Antosca. Was jetzt erstmal nichts heißt, sondern einfach nur ein Fakt über einen mir unbekannten Regisseur ist. Gleichzeitig hatte ich mich 2021 schon sehr auf „Antlers“ gefreut, weil der Trailer durchaus versprechend aussah. Jetzt habe ich ihn gesehen und muss sagen, ich bin weder vom Film noch von Scott Cooper sonderlich angetan.

Julia (Keri Russell) kehrt nach langer Zeit in das kleine Städtchen Cispus Falls zurück und arbeitet als Lehrerin an der Schule. Hier lernt sie den Jungen Lucas (Jeremy T. Thomas) kennen, ein stiller Junge, der offensichtlich irgendein Trauma zu verarbeiten hat. Etwas, womit sich Julia leider zu gut auskennt, um nicht die Warnsignale zu sehen. Doch so richtig will ihr weder der Sheriff, ihr Bruder Paul (Jesse Plemons) noch die Direktorin Ellen Booth (Amy Madigan) glauben. Erst als bestialische Morde verübt werden, wird klar, dass das alles irgendwie in Verbindung mit Lucas steht.

„Antlers“ ist ein Film, der wahnsinnig viel sein möchte und dabei nichts wirklich gut auf die Reihe bekommt. Dabei werden dann alle möglichen Nebenstränge mal angerissen, ohne wirklich gut weiter erzählt zu werden. Ich habe die Kurzgeschichte nicht gelesen und kann nicht sagen, was Scott Cooper und sein Team dazu gedichtet haben, aber „Antlers“ attackiert einfach zu viele Themen, verliert diese, schiebt sie schnell beiseite und ist am Ende ein unkoordiniertes Sammelsurium an interessanten Geschichten, von denen jede einzelne ein eigener Film hätte sein können.

Es geht schon erst einmal damit los, dass Julias Story überhaupt nicht gut ausgearbeitet wird. Ihre schreckliche Vergangenheit wird angedeutet, mehr nicht. Ein möglicher Gewissenskonflikt, der dadurch auch zu ihrem Bruder entstehen könnte, wird mal so hier und da angedeutet, aber es bleibt einfach nicht die Zeit dafür, das weiter zu verfolgen. Dann wäre „Antlers“ einfach ein Familiendrama geworden. Der Film muss ja aber ein Horrorfilm sein… nur dann, finde ich, hätte man sich das auch einfach sparen können. Weil hier einfach Potenzial unter den Teppich gekehrt wird, dass der ganzen Geschichte eine ganz andere Schwere hätte verleihen können: Julia, das Opfer, versucht einem anderen Opfer zu helfen, bevor es zu spät ist. Leider kommt das nie zum Tragen. Somit sind dann auch Keri Russel und Jesse Plemons in diesem Film ziemlich verschenkt, weil Beide ja eigentlich echt toll sind, hier aber kaum dazu kommen, mal ein bisschen was zeigen zu können. Gerade Plemons geht einfach voll unter.

Gleichzeitig hätten wir da den Aspekt von wahrgewordenen Mythen und Legenden. Der Film beginnt damit, dass Julia mit ihrer Klasse genau dieses Thema behandelt. Als die Morde in der Stadt grausiger und brutaler werden, wird mal kurz in einer einzigen Sequenz auf eine Legende der Ureinwohner eingegangen. Aber auch das passiert quasi in einem Nebensatz. Dafür verfeuert man dann mal eben Graham Greene und das war’s. Auch hier hätte man „Antlers“ mehr in die Richtung von amerikanischer Folklore schicken können. Mit Greene im Fokus hätte man auf die Geschichten und Sagen der amerikanischen Ureinwohner eingehen können… mehr mit der Skepsis der Behörden spielen können und und und… aber wie gesagt, auch das bleibt außen vor.

Und dann hätten wir da noch die Geschichte von Lucas selbst. Seine Geschichte ist die Horror-Film-Story, die im Fokus steht. Die ist tatsächlich ganz okay. Jeremy Thomas ist wirklich gut darin, das verängstigte Kind zu spielen, dem ziemlich gruseliges Zeug widerfährt. Was das angeht, trumpft „Antlers“ dann auch ordentlich auf und liefert ziemlich eklige, aber gut gemachte Effekte, bei denen man schon mal kurz die Augen zusammenkneifen muss. Wenn „Antlers“ rein sowas gewesen wäre, wäre das auch ein Weg gewesen, den man hätte gehen können. Immerhin scheint man sich viel über Effekte und Creature Design ausgetauscht zu haben… und das kann sich wirklich sehen lassen. Allerdings enttäuscht hier dann wiederum das Ende so dermaßen, weil es einfach so plötzlich daherkommt und nicht wirklich der Payoff ist, den man sich nach all dem erwartet.

„Antlers“ versucht viele Themen anzureißen und kümmert sich am Ende um keines so richtig. Der Film sieht zwar in seinen ekligen Momenten gut aus, aber so richtig kam bei mir nie die passende unheimliche Stimmung auf… und damit verpulvert der Film jegliche Chancen, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Wertung: 4 von 10 Punkten (nichts Halbes und nichts Ganzes… was bei der eigentlichen Idee echt schade ist)

6 Kommentare leave one →
  1. 15. Januar 2022 23:12

    Hm, ich fand ihn nicht so schlecht. Sicher, die einzelnen Hintergrundstories kamen zu kurz und ja da waren große Logiklücken, aber an sich fand ich ihn nicht übel. Nun mag ich aber auch Wendigogeschichten sehr gerne.

    • donpozuelo permalink*
      16. Januar 2022 19:04

      Hast du denn noch so Wendigo-Geschichten auf Lager? Irgendwelche guten Filme, die du empfehlen könntest?

      • 16. Januar 2022 20:12

        Absolut nicht, leider sind bis auf Ravenous die Filme allesamt nicht gut. Der Klassiker ist in Schriftform natürlich Blackwoods Wendigo. Gelesen ists ja in der Regel viel gruseliger :))

        • donpozuelo permalink*
          17. Januar 2022 11:57

          Hmm… schade. Aber das Buch merke ich mir mal vor. Danke für den Tipp.

  2. 29. Januar 2022 20:46

    Oha, der steht auf meiner vorläufigen Liste für den Horrorctober oder eben „irgendwann mal“ … na mal gucken, ob er da bleibt. Aber ich denke mal wg. Keri Russell bleibt er trotzdem … ich vermute die Frau wird irgendwann mal das weibliche Pendant zu John Wick …

    • donpozuelo permalink*
      30. Januar 2022 19:19

      Man kann sich „Antlers“ schon anschauen. Es ist einfach nur schade, wie viele gute Ideen da im Sand verlaufen. Für den Horrorctober auf jeden Fall kein schlechter Titel.

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