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Blut geleckt

1. Oktober 2021

Uff… manchmal frage ich mich, ob ich Dinge nicht erkennen kann, die andere offensichtlich so deutlich sehen. Gerade bei gefeierten Filmen, bei denen ich mich am Ende doch sehr schwer tue, fällt mir das immer wieder ein. Ich bin jetzt wieder über einen Film gestolpert, bei dem das ganz besonders so ist. Nachdem „RAW“ von Julia Ducournau schon lange auf meiner Liste stand (nicht zuletzt wegen der angeblichen Kontroversen und Kotztüten und medizinischer Betreuung bei Vorstellungen), habe ich es – auch in Vorbereitung auf ihren kommenden neuen Film „Titane“ – endlich mal geschafft, mir diesen Film anzuschauen… und ich bin mir nicht sicher, was mir die Autorin und Regisseurin damit sagen will. Aber laut Rotten Tomatoes und einem Fresh-Rating von 92 Prozent scheine ich damit etwas alleine da zu stehen.

Justine (Garance Marillier) wird von ihren Eltern als Vegetarierin aufgezogen. Fleisch hat sie noch nie in ihrem Leben angerührt. Doch das ändert sich, als sie ihr Studium zur Tierärztin beginnt. Dort wird sie in der ersten Woche mit ihren anderen Erstsemestern von den „Veteranen“ ordentlich getriezt. Mit dabei ist auch ihre Schwester Alexia (Ella Rumpf), die – statt ihrer Schwester zu helfen – ihr ziemlich schroff gegenüber ist. Bei all den „Prüfungen“, die die Erstsemester über sich ergehen lassen müssen, ist auch eine dabei, bei der sie eine rohe Kaninchen-Niere essen sollen. Nachdem sie das erste Mal Fleisch gegessen hat, bekommt Justine erst einen fiesen Hautauschlag und später einen nicht enden wollenden Appetit auf Fleisch… Justine hat Blut geleckt – und ihr Hunger lässt sie auch vor Mensch nicht halt machen.

Okay, ich versuche mal, irgendwie meine Gedanken zu ordnen. Von der großen Kontroverse habe ich jetzt in „Raw“ irgendwie nicht viel mitbekommen. Ja, einige Szenen sind etwas unangenehm, aber dass man deswegen medizinische Betreuung bei Vorstellungen bräuchte – naja. Wahrscheinlich wurde das fürs Marketing des Films schon aufgebauscht, weil vielleicht mal einer Person etwas schlechter wurde. Aber gut… ich hatte definitiv Schlimmeres erwartet, als das, was mir der Film am Ende „serviert“ hat.

Mein tatsächliches Problem liegt eher darin, dass „Raw“ eigentlich keine so richtig interessante Geschichte erzählt… beziehungsweise die eigentlich spannende Story als Schlusspointe benutzt (die man übrigens ziemlich schnell erraten kann – schon nach der Kaninchen-Niere). Ich lese viel, dass „Raw“ eine Coming-Of-Age-Story sei, in der die junge Justine sich und ihren Körper und damit auch ihre Sexualität entdeckt. Mag ja sein, aber so richtig bringt Regisseurin Julia Deucournau diese Punkte nicht rüber. Ich habe das Gefühl, es ging ihr bei „Raw“ mehr darum, Leute so richtig zu schocken, als wirklich Charaktere aufzubauen.

Da hätten wir neben Justine, die abgesehen von ihrer plötzlichen Fleischeslust ziemlich blass bleibt, noch ihren schwulen Mitbewohner Adrien (Rabah Nait Oufella). Was genau seine Rolle in diesem ganzen Szenario war, ist mir etwas schleierhaft… er ist schwul, hat dann aber auch was mit Justine und ihrer Schwester. Woher bei ihm dieser Wandel kommt, verschweigt der Film einfach. Dabei wäre hier eine Geschichte, die man hätte ausbauen können – wenn man es denn auf mehr Tiefgründigkeit abgesehen hätte. So hätte man theoretisch auch die Beziehung zur älteren Schwester stärker definieren können. Aber abgesehen davon, ein ziemliches Arschloch zu sein, erfahren wir von Alexia auch nicht wirklich mehr. Gerade über Alexia hätte man auch den Bogen zur Familiengeschichte machen können.

Aber: „Hätte, hätte, Fahrradkette“… „Raw“ will provozieren und eklig sein. Als Metapher für was auch immer (Erwachsen-Werden???) habe ich den Film einfach nicht verstehen können. Dafür waren mir die Charaktere an sich einfach zu flach. Wie gesagt, mit der Schlusspointe hätte Julia Ducournau mehr machen sollen, das hätte dem Film – abgesehen von seinen krassen Momenten – etwas mehr gegeben.

Das war einfach irgendwie nicht meins… „Raw“ ist halt ein bisschen Studenten-Leben, ein bisschen Horror, ein bisschen Ekel. Das ist irgendwo nett inszeniert, hätte aber in meinen Augen echt mehr sein können.

Wertung: 5 von 10 Punkten (der Schluss rettet den Film ein wenig)

4 Kommentare leave one →
  1. 1. Oktober 2021 15:07

    Also ich fand nun nicht, dass er unbedingt provozieren wollte, aber sicher liegt das vor allem im Angesicht des Betrachters und eine Frau wird besonders diesen Film anders sehen, als ein Mann. Mir gefiel er ausnehmend gut.

  2. 18. Oktober 2021 18:14

    Naja, sei mal nicht so hart zu dir ^^ Ich glaube in dem Film hat echt jeder was anderes gesehen. Der bietet wohl wie sagt man so schön – viel Projektionsfläche?

    Den habe ich etwas anders wahrgenommen, auch wenn ich ähnliche Kritikpunkte habe. Ich denke gar nicht so sehr, dass der Film provozieren will, aber das Marketing im Vorfeld. Denn anders kann ich mir die angeblich alle in Ohnmacht fallenden Zuschauer*innen auch nicht erklären.

    Dass der Film eine (überspitzte) Coming-of-Age-Geschichte ist, habe ich schon eher gesehen. Der Prozess des Erwachsenwerdens kann schon brutal sein. Wenn man sich das erste Mal sexuell ausl(i)ebt, hat das vielleicht etwas animalisch, was sich in dem plötzlichen Heißhunger auf Fleisch niederschlägt. Kommt man dann noch aus einem relativ behüteten Verhältnis und wird dann mit den Meinungen und Haltungen der doch recht party-esquen Studiengemeinde da konfrontiert, dann kann das Leben wohl wirklich brutal sein. Also von der Charakterisierung eher finde ich kann man das schon nachempfinden. In den Taten spiegelt sich auch wieder, was Justine sich von ihrer Schwestern erwartet – oder dass sie sich mehr erwartet. Ich habe da dunkel was mit einem Körperteil als Symbol dafür in ähm Erinnerung.
    Aber der Film erklärt halt nix … das muss man wohl auf sich wirken lassen.
    Aber mir war das alles etwas zu überspitzt. An der grotesken Uni da ist ja echt kaum jemand nett. Das ist ein Beispiel für die Dinge, die mir an dem Film auf die Ketten gegangen sind.

    • donpozuelo permalink*
      19. Oktober 2021 08:27

      Ja, da gebe ich dir Recht. Ich glaube im Allgemeinen, dass die Autorin und Regisseurin gerne viel dem Zuschauer überlässt. Das wurde mir jetzt nochmal sehr viel deutlicher bei ihrem neuen Film „Titane“. Der hat mich überhaupt nicht abgeholt, aber gefühlt jeden anderen Menschen, den ich kenne, der den Film auch gesehen hat 😅

      Ist halt manchmal einfach so…

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  1. Schwanger vom Auto??? | Going To The Movies

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